Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

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Dark Angel
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 26. Feb 2018, 08:49

Tom Bombadil hat geschrieben:(25 Feb 2018, 23:10)

Ist dieses Interview echt? Falls ja, ist das ganz schön harter Tobak. Ich kann aber kaum glaube, dass Fr. Sommer so etwas sagt.

Ich denke schon, dass das Intervierw echt ist. Welchen Grund sollte die "Arbeitsgruppe FLUCHT + MENSCHENRECHTE" - auf deren HP das Interview veröffentlicht ist - haben, Fakenews zu verbreiten?
In die rechte Ecke kann diese Gruppe/HP auch niemand schieben.
Und was das Interview angeht, gibt es eine offizielle Stellungnahme der AG:

"Verschiedene rechtspopulistische und teilweise verschwörungstheoretische Gruppen, als auch russische Propaganda Portale, verbreiten Februar 2018 bösartige Fake News und beleidigende Diffamierungen über unsere Arbeitsgruppe und Leiterin Rebecca Sommer.

Die Fake News entstanden, nachdem Frau Sommer im Januar 2018 zwei polnischen Medienportalen Interviews gab, um über ihre positiven als auch negativen Erfahrungen mit Flüchtlingen zu berichteten. Innerhalb von wenigen Tagen verbreitete sich das Interview in verschiedenen Sprachen auf dem Internet. Ihre Worte wurden zwar nicht gut übersetzt, aber eindeutig nicht in schlechter Absicht.

(Interview Rebecca Sommer: Deutsche lange Fassung)"
https://arbeitsgruppefluchtundmenschenrechte.wordpress.com/2018/02/13/stellungnahme-zur-hetzkampagne-gegen-rebecca-sommer-ag-fm/


Aus dieser deutschen Fassung habe ich zitiert.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon H2O » Mo 26. Feb 2018, 09:23

Also, heilige Schauer laufen mir beim Anblick der deutschen Flagge auch nicht über den Körper, oder beim Abhören der Nationalhymne. Aber ich kann mich schon ärgern, wenn jemand die deutsche Flagge verkehrt herum aufzieht oder sie mit Worten verunglimpft. Oder wenn jemand gewollt die Nationalhymne verunstaltet. Was soll das denn auch? Gefühle anderer verletzen... ist nicht mein Ding. Mir scheint, daß diese Leute ziemliche Wichtigtuer sind, die zeigen wollen, daß nur sie selbst eine Bedeutung haben.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 26. Feb 2018, 10:10

H2O hat geschrieben:(26 Feb 2018, 09:23)

Also, heilige Schauer laufen mir beim Anblick der deutschen Flagge auch nicht über den Körper, oder beim Abhören der Nationalhymne. Aber ich kann mich schon ärgern, wenn jemand die deutsche Flagge verkehrt herum aufzieht oder sie mit Worten verunglimpft. Oder wenn jemand gewollt die Nationalhymne verunstaltet. Was soll das denn auch? Gefühle anderer verletzen... ist nicht mein Ding. Mir scheint, daß diese Leute ziemliche Wichtigtuer sind, die zeigen wollen, daß nur sie selbst eine Bedeutung haben.

Es geht doch auch gar nicht um "heilige Schauer", sondern einfach um eine ganz spezielle Art von emotionaler Verbundenheit - um ein Gefühl.
Kann man Gefühle/Emotionen beschreiben und/oder irgendwie praktisch einordnen? - Ich denke nicht!
Gefühle sind ganz privat, ganz individuell und auch individuell verschieden. Man kann sich zwar unter dem beschreibenden Begriff etwas vorstellen, aber nicht was und wie jemand empfindet.
Daher finde ich es mehr als unangebracht, wenn etwas derart Privates ständig politisiert wird - wie die Userin das tut und das dann auch noch als Idikator für die Zugehörigkeit zu einem ganz bestimmten politischen Spektrum hergenommen wird.
Das ist Diffamierung der allerübelsten Art.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon H2O » Mo 26. Feb 2018, 10:33

Dark Angel hat geschrieben:(26 Feb 2018, 10:10)

Es geht doch auch gar nicht um "heilige Schauer", sondern einfach um eine ganz spezielle Art von emotionaler Verbundenheit - um ein Gefühl.
Kann man Gefühle/Emotionen beschreiben und/oder irgendwie praktisch einordnen? - Ich denke nicht!
Gefühle sind ganz privat, ganz individuell und auch individuell verschieden. Man kann sich zwar unter dem beschreibenden Begriff etwas vorstellen, aber nicht was und wie jemand empfindet.
Daher finde ich es mehr als unangebracht, wenn etwas derart Privates ständig politisiert wird - wie die Userin das tut und das dann auch noch als Idikator für die Zugehörigkeit zu einem ganz bestimmten politischen Spektrum hergenommen wird.
Das ist Diffamierung der allerübelsten Art.


Aus meiner Sicht sind aber öffentliche Darstellungen des unsere Gesellschaft Verbindenden, nämlich der Staatssymbole und der Staatshymne, keine reine Privatsache. Ich finde es ungehörig, wenn dann jemand meint, seine Verachtung des Verbindenden öffentlich zur Schau stellen zu sollen. Ich finde es auch nicht so besonders gut, wenn mir jemand vor die Fuße spuckt. Aber vielleicht habe ich Sie ja mißverstanden.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 26. Feb 2018, 10:49

H2O hat geschrieben:(26 Feb 2018, 10:33)

Aus meiner Sicht sind aber öffentliche Darstellungen des unsere Gesellschaft Verbindenden, nämlich der Staatssymbole und der Staatshymne, keine reine Privatsache. Ich finde es ungehörig, wenn dann jemand meint, seine Verachtung des Verbindenden öffentlich zur Schau stellen zu sollen. Ich finde es auch nicht so besonders gut, wenn mir jemand vor die Fuße spuckt. Aber vielleicht habe ich Sie ja mißverstanden.

Was das anbelangt, stimme ich dir vollumfänglich zu!
Nein - nicht missverstanden, eher ergänzt, weil ich Heimatliebe gar nicht so sehr mit Staatsymbolen und der Nationalhymne in Verbindung gebracht habe - ob bewusst oder unbewusst, kann ich nichtmal sagen.
Zuletzt geändert von Dark Angel am Mo 26. Feb 2018, 10:56, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon H2O » Mo 26. Feb 2018, 10:54

Dark Angel hat geschrieben:(26 Feb 2018, 10:49)

Was das anbelangt, stimme ich dir vollumfänglich zu!
Nein - nicht missverstanden, eher ergänzt, weil ich Heimatliebe gar nicht so sehr mit Staatsymbolen und der Nationalhymne in Verbindung gebracht habe - ob bewusst oder unbewusst, kann ich nichtmal sagen.


Jetzt fühle ich mich doch wieder etwas entspannter! :)
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Dark Angel » Mo 26. Feb 2018, 10:58

H2O hat geschrieben:(26 Feb 2018, 10:54)

Jetzt fühle ich mich doch wieder etwas entspannter! :)

Keine Panik auf der Titanic :)
Mir ging es eher um die Aussage, dass es "praktisch unmöglich" wäre "sein" Land zu lieben, um das emotionale Verhältnis zu "seinem" Land und die damit verbundene Politisierung des ganz Privaten.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon H2O » Mo 26. Feb 2018, 12:10

Dark Angel hat geschrieben:(26 Feb 2018, 10:58)

Keine Panik auf der Titanic :)
Mir ging es eher um die Aussage, dass es "praktisch unmöglich" wäre "sein" Land zu lieben, um das emotionale Verhältnis zu "seinem" Land und die damit verbundene Politisierung des ganz Privaten.


Ja, da kann ich meine sehr persönlichen Empfindungen ohne Bedenken ausbreiten: Beruflich bin ich fast mein ganzes Berufsleben immer wieder Monate lang im Ausland tätig gewesen. Werbung um Aufträge, Vorführung der erworbenen Eigenschaften von Geräten, gemeinsame Entwicklung. Und an unterschiedlichen Hochschulorten war ich auch im Einsatz. Dann verliert man irgendwann die Bodenhaftung, wenn schließlich die Familie sich auf der Erde verstreut ansiedelt und die Eltern/Großeltern versterben. In meinem Fall ist auch noch das Dorf platt gemacht worden, an dem ich als Kind sehr hing, um einem Flugplatz zu weichen.

Dann gibt es nichts mehr, was im landläufigen Sinn nach Heimat riecht. Man hat Freundschaften geschlossen, die dann durch Entfernung erkalteten, und neue Freundschaften geschlossen. Wieder in meinem Falle zuletzt im höheren Alter in West-Pommern, also nicht in Deutschland. Da fühle ich mich gut aufgenommen, und auf meine Kumpels lasse ich überhaupt nichts kommen. Insofern habe ich 2 Staatsbürgerschaften mit der Hochachtung vor beiden Gemeinschaften. Und in Norddeutschland bin ich einer der Freunde und Mitbürger, und in Polen desgleichen. Heilige Schauer überkommen mich schon deshalb nicht. Und Europäer bin ich voller innerer Überzeugung!
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Selina » Mo 26. Feb 2018, 12:47

H2O hat geschrieben:(26 Feb 2018, 12:10)

Ja, da kann ich meine sehr persönlichen Empfindungen ohne Bedenken ausbreiten: Beruflich bin ich fast mein ganzes Berufsleben immer wieder Monate lang im Ausland tätig gewesen. Werbung um Aufträge, Vorführung der erworbenen Eigenschaften von Geräten, gemeinsame Entwicklung. Und an unterschiedlichen Hochschulorten war ich auch im Einsatz. Dann verliert man irgendwann die Bodenhaftung, wenn schließlich die Familie sich auf der Erde verstreut ansiedelt und die Eltern/Großeltern versterben. In meinem Fall ist auch noch das Dorf platt gemacht worden, an dem ich als Kind sehr hing, um einem Flugplatz zu weichen.

Dann gibt es nichts mehr, was im landläufigen Sinn nach Heimat riecht. Man hat Freundschaften geschlossen, die dann durch Entfernung erkalteten, und neue Freundschaften geschlossen. Wieder in meinem Falle zuletzt im höheren Alter in West-Pommern, also nicht in Deutschland. Da fühle ich mich gut aufgenommen, und auf meine Kumpels lasse ich überhaupt nichts kommen. Insofern habe ich 2 Staatsbürgerschaften mit der Hochachtung vor beiden Gemeinschaften. Und in Norddeutschland bin ich einer der Freunde und Mitbürger, und in Polen desgleichen. Heilige Schauer überkommen mich schon deshalb nicht. Und Europäer bin ich voller innerer Überzeugung!


Heimat ist für jeden etwas anderes: Der eine mag die Region, die Stadt oder das Dorf besonders, wo er großgeworden ist und vielleicht noch immer lebt. Der andere sagt "Heimat ist da, wo Menschen sind, die ich liebe. Das kann überall auf der Welt sein", ja, und wieder andere lieben gleich ein ganzes Land. Auch was du schilderst, @H2O, finde ich interessant und nachvollziehbar. Der Heimatbegriff spiegelt eine Vielzahl von Emotionen, Eindrücken und Reflexionen wieder. Das ist bei jedem Einzelnen unterschiedlich. Ich bin eher der "regionale Typ", der auch schon mal seine Stadt gegen Vorurteile von außerhalb so richtig verteidigen kann ;) Allerdings geht meine Heimatliebe nun nicht so weit, dass sie gleich das gesamte Land umfasst. Ich mag viele Regionen sehr, vor allem die Menschen, die da leben, aber dieses "Mögen" nun gleich als "Liebe zu meinem Land" zu bezeichnen, das ist mir doch schon ein wenig zu weit gefasst und zu hoch gegriffen. Warum? Weil Liebe zu jemandem oder zu etwas sich eher konkret festmacht, nicht abstrakt. Also, man liebt den Partner, die Kinder, die Enkelkinder, eine Ortschaft, eine Region, bestimmte Bücher und Filme, ganz bestimmte Speisen. Aber niemals etwas Abstraktes wie ein ganzes Land, die gesamte Literatur, das komplette Filmwesen, alle Lebensmittel.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon H2O » Mo 26. Feb 2018, 13:18

Selina hat geschrieben:(26 Feb 2018, 12:47)

Heimat ist für jeden etwas anderes: Der eine mag die Region, die Stadt oder das Dorf besonders, wo er großgeworden ist und vielleicht noch immer lebt. Der andere sagt "Heimat ist da, wo Menschen sind, die ich liebe. Das kann überall auf der Welt sein", ja, und wieder andere lieben gleich ein ganzes Land. Auch was du schilderst, @H2O, finde ich interessant und nachvollziehbar. Der Heimatbegriff spiegelt eine Vielzahl von Emotionen, Eindrücken und Reflexionen wieder. Das ist bei jedem Einzelnen unterschiedlich. Ich bin eher der "regionale Typ", der auch schon mal seine Stadt gegen Vorurteile von außerhalb so richtig verteidigen kann ;) Allerdings geht meine Heimatliebe nun nicht so weit, dass sie gleich das gesamte Land umfasst. Ich mag viele Regionen sehr, vor allem die Menschen, die da leben, aber dieses "Mögen" nun gleich als "Liebe zu meinem Land" zu bezeichnen, das ist mir doch schon ein wenig zu weit gefasst und zu hoch gegriffen. Warum? Weil Liebe zu jemandem oder zu etwas sich eher konkret festmacht, nicht abstrakt. Also, man liebt den Partner, die Kinder, die Enkelkinder, eine Ortschaft, eine Region, bestimmte Bücher und Filme, ganz bestimmte Speisen. Aber niemals etwas Abstraktes wie ein ganzes Land, die gesamte Literatur, das komplette Filmwesen, alle Lebensmittel.


Ja, das spiegelt fast 1:1 meine Empfindungen wider: Auf meine deutsche Stadt lasse ich nichts kommen; auf meine Fischköpfe. :) Aber auf meine polnischen Pommern lasse ich eben auch nichts kommen: "Im Winter ist der Pommer noch dommer als im Sommer!" :)
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 26. Feb 2018, 19:39

Woppadaq hat geschrieben:Du merkst aber schon, dass Sartre damit quasi dem Grundgedanken der Freiheit negativ gegenübersteht? Aus der Freude, dass ich machen kann, was ich will, wird der Zwang, ich selbst sein zu müssen.

Du merkst aber schon, dass die Gleichsetzung von "Freiheit" mit "Freude, dass ich machen kann, was ich will" eine sehr sehr infantile, ja nahezu kleinkindliche Auffassung von "Freiheit" ist?

Der Freude, machen zu können, was man will, ist die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Identität, nach einem System von Regeln, das einem vorgibt, was man besser zu tun und besser zu lassen hat als globales Massenphänomen gewichen. Die große Mehrheit der heutigen Menschen ist vom süßen Gift der Unfreiheit nahezu süchtig geworden.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 26. Feb 2018, 19:52

Zunder hat geschrieben:(24 Feb 2018, 11:23)

Eine Muslima, die aus eigenem Antrieb das Kopftuch trägt, identifiziert sich unübersehbar mit der islamischen Kultur. Ihr Verhalten entspricht genau dem, was der Begriff "kulturelle Identität" beschreibt.
Offensichtlich hast du nicht wirklich verstanden, was "deskriptiv" bedeutet.

Der Kern des Problems besteht - und das wurde hier schon einige wenige male erfreulich rational und unaufgeladen diskutiert - darin, dass sowohl das eine Extrem: Totaler Individualismus, als auch das andere Extrem: Totale Identifizierung mit einer Gemeinschaft, keine individuelle Erkennbarkeit bewerkstelligen. Im einen Fall ist man ein exotischer Außenseiter ohne Wirkung. Im anderen Fall einfach nur Mitläufer einer Gemeinschaft. Der Idealfall liegt aber auch nicht einfach in der Mitte. Im Fall der größten individuellen Ausgeprägtheit entspricht das Verhältnis zwischen "Eigenem", "Individuellem" und "Angenommenem", "Gruppenzugehörigkeitsmäßigem" in etwa dem Goldenen Schnitt (zugunsten des Eigenen).

Eine kopftuchtragende Heavy-Metal-Band aus muslimischen Teenager-Girls ist das Musterbeispiel dafür. Die Frage, dass Heavy Metal als Musikstil in muslimischen Gesellschaften in vielen Fällen nicht nur nicht gut angesehen ist, sondern auch direkt strabar, ist eine wichtige Frage, ändert aber nicht grundsätzlich etwas an der Frage der Identität.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Rob Schuberth » Mo 26. Feb 2018, 19:57

Selina hat geschrieben:(25 Feb 2018, 20:05)

Ja, Deutschland ist ja umzingelt von Aggressoren :D Wie ich schon sagte: Man kann einzelne Menschen lieben, auch mal einen bestimmten Landstrich oder eine bestimmte Speise, ein bestimmtes Buch oder dergleichen mehr, aber ein ganzes Land in seiner gesamten Vielfalt, das schafft ein Einzelner einfach nicht. So eine umfassende Liebe ist dann eher was Eingebildetes in all seiner Abstraktheit. Aber mach nur...



Wie wäre es besser nicht zu verallgemeinern, sondern bei sich zubleiben. Wenn Sie für sich entschieden haben, dass Sie nicht ein ganzes Land lieben können, ist das ja ok.
Aber es gibt Ihnen m. E. nicht das Recht das zu verallgemeinern...und daraus noch eine Anti-These abzuleiten.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Rob Schuberth » Mo 26. Feb 2018, 20:08

Mal zurück zum Titel dieses Threads:

Solange es sich um einen gesunden Patriotismus handelt, und nicht um Nationalismus (mit seinen Instrumenten des Rassismus u. ä.) ist alles im grünen Bereich.

Und ein Land, ich nehme mal an die Frage war an die Politiker eines Landes gerichtet, dürfen sehr wohl an ihre eigene Bevölkerung mehr denken, als an die Bevölkerungen außerhalb dieses Landes.

Ich frage mich warum das überhaupt infrage gestellt wird.


Es gibt auch Prof. die gar keinen Unterschied (zw. Patriotismus u. Nationalismus) sehen.
hier der Beitrag v. Prof. H. Vorländer der TU Dresden:
http://www.belltower.news/lexikontext/n ... -patriotis

Seinen letzter Satz kann ich nur unterstreichen.

Und hier ein Bsp. der m. E. weiter verbreiteten anderen These:
https://rotesmarburg.wordpress.com/2013 ... terschied/
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 26. Feb 2018, 20:17

Dark Angel hat geschrieben:(21 Feb 2018, 10:37)

Ach du glaubst ... Satres Existenzialismus ist für dich also eine Ersatzreligion mit absolutem Wahrheitsanspruch.

Liebe D.A. Philosophie ist ja gar nicht einfach "Wahrheitsanspruch". So wie Verifizierbarkeit im Sinne der modernen Naturwissenschaften. Philosophie ist, sagen wir mal, die Sammlung von Ideen einer Haltung zur Welt und zum Universum. Diese Ideen aber jweils konsequent, logisch und bis zu Ende gedacht und durchdacht. Es handelt sich also von vornherein gar nicht um "Wahrheitsansprüche" sondern um Vorschläge für eine konsistente Haltung zur Welt und zur Auffassung von der Welt, von ihrem Wesen und vorm Sinn des Menschseins. Da gibts keine Wahrheitsanspruch im Sinne der Naturwissenschaften.

Ich habe überhaupt erst seit kurzem auf dem Schirm, in welchem Maße der Machtwechsel in Frankreich für eine Renaissance des Philosophischen steht. Ich hielt Macron, nun ja, eben für einen (Wirtschafts)-LIberalen. Ein Liberaler ist er ja auch, Aber eben alles andere als ein Wirtschaftsliberaler wie Westerwelle. Ein Jurist oder Ökonom. SOndern ein Philosoph. Zig mal habe ich inzwischen die Bezeichnung "Philosophen-Präsident" in Bezug auf Macron gehört. Sein Idol ist allerdings nicht der Franzoe Sartre sondern der Deutsche Hegel. Anlass für mich, mich endlich mal etwas mit dem (schwierigen) Werk diese deutschen Philosophen ausinenanderzusetzen. Ich selbst hatte befürchtet, dass auch Frankreich sich in die Reihe der Heimat- und Identitäts-versessenen Nationen einreihen würde. Hats aber nicht! Auch wenn es eine Fraktionierung - wie fast überall - auch dort gibt.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Ger9374 » Mo 26. Feb 2018, 20:30

Natürlich kann der einzelne sich mit etwas grösserem identifizieren. So wie der einzelne Gläubige sich auch mit seiner Glaubensgemeinschaft identifiziert.
Staatsbürger sind Teile des Staates.
Das dann durchaus loyale Staatsbürger dieses verhältnis mit priorität sehen ist fakt.
Was vielen Individualisten suspekt erscheint!
Jede meinung ist wichtig,sofern man eine eigene hat!
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 26. Feb 2018, 20:45

Rob Schuberth hat geschrieben:(26 Feb 2018, 20:08)

Mal zurück zum Titel dieses Threads:

Solange es sich um einen gesunden Patriotismus handelt, und nicht um Nationalismus (mit seinen Instrumenten des Rassismus u. ä.) ist alles im grünen Bereich.

Und ein Land, ich nehme mal an die Frage war an die Politiker eines Landes gerichtet, dürfen sehr wohl an ihre eigene Bevölkerung mehr denken, als an die Bevölkerungen außerhalb dieses Landes.

Ich frage mich warum das überhaupt infrage gestellt wird.


Es gibt auch Prof. die gar keinen Unterschied (zw. Patriotismus u. Nationalismus) sehen.
hier der Beitrag v. Prof. H. Vorländer der TU Dresden:
http://www.belltower.news/lexikontext/n ... -patriotis

Seinen letzter Satz kann ich nur unterstreichen.

Und hier ein Bsp. der m. E. weiter verbreiteten anderen These:
https://rotesmarburg.wordpress.com/2013 ... terschied/

Wenn ich mir nur mal einen Teil des verwiesenen Artikels durchlese:
Deutschland zu lieben, sich mit dem Land seiner Ahnen zu identifizieren, seine Errungenschaften in Kultur und Künsten (Goethe, Schiller, Beethoven, Gutenberg, Luther) zu würdigen, den positiven Aspekten seiner Geschichte (Bauernkriege, Befreiungskriege, Märzrevolution, Widerstand gegen den Faschismus) zu gedenken, das grenzt für viele an Frevel. Viel lieber wäre es der antipatriotischen Linken, wenn Deutschland einfach „die Fresse halten würde“.

Grundlage dieser Einstellung ist, dass viele Linke heutzutage keine Unterscheidung mehr zwischen Patriotismus und Nationalismus treffen. Diese fatale, fast schon anmaßend überhebliche Gleichsetzung von zwei völlig unterschiedlichen Begriffen zugunsten eines selbst zusammengeschusterten, absolut weltfremden Weltbildes zeugt von der Sturheit der meisten Linken Ideologien und ihrer kategorischen Weigerung sich mit Gefühlen auseinander zu setzen, die sich nicht in ihr Menschenbild einfügen lassen.

Ich weiß nicht, in welcher Welt die Autoren dieses Textes leben. In meiner gewiss nicht, Schiller etwa gehört mittlerweile zu den ungelesensten unter den für bedeutend gehaltenen deutschen Autoren überhaupt. So läuft das doch überhaupt gar nicht mehr. So positioniert man sich doch gar nicht mehr. Schiller, Goethe, Hegel usw, hätten es verdient, dass man sich mit ihren Werken beschäftigt. Nicht, dass man sich auf ihre Namen beruft. Das sind doch alles nur völlig hohle Phrasen! Und ein Bekenntnis zu diesem merkwürdigen Katalog nationaler Kulturerrungenschaften zu diskreditieren, ist in meinen Augen ähnlich merkwürdig wie, ihn einzufordern. Und weil das so merkwürdig und völlig lebensfremd ist, wird es wahrscheinlich auch zur reinen Politagitpropsache im Sinne von Machterhaltung und Machtausweitung mit dem Mittel der Kulturalisierung. Keinen Griechen betrifft es letztendlich in irgendeiner Art und Weise, ob das Land Mazedonien nun Mazedoinien heißt oder nicht. Aber Machtpolitiker haben es geschafft, einer großen Anzahl von Griechen einzureden, dass beinahe ihr Leben davon abhängt. So läuft das. Das steckt tatsächlich hinter Patritotismus. Ganz simple, durchschaubare Praktiken im Kampf um politische Macht.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Woppadaq » Mo 26. Feb 2018, 23:25

schokoschendrezki hat geschrieben:(26 Feb 2018, 19:39)

Du merkst aber schon, dass die Gleichsetzung von "Freiheit" mit "Freude, dass ich machen kann, was ich will" eine sehr sehr infantile, ja nahezu kleinkindliche Auffassung von "Freiheit" ist?


Nein, es ist die einzige Auffassung von Freiheit, die jeder versteht, weshalb sie auch fast jeder so sieht. Jede andere Auffassung von Freiheit verdient den Namen eigentlich nicht.

Der Freude, machen zu können, was man will, ist die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Identität, nach einem System von Regeln, das einem vorgibt, was man besser zu tun und besser zu lassen hat als globales Massenphänomen gewichen. Die große Mehrheit der heutigen Menschen ist vom süßen Gift der Unfreiheit nahezu süchtig geworden.


Was wird das? Ein Plädoyer für Egoismus? Die meisten Menschen wissen instinktiv, dass man mit Egoismus nicht weit kommt. Die freieste aller Gesellschaften ist nicht die, wo alle tun, was sie wollen, sondern wo sich Geben für und und Nehmen von der Gesellschaft die Waage halten und es keine Klassifizierung in verschiedene Freiheiten gibt.

Es gibt nicht Freiheit und Unfreiheit, das ist mir zu billig. Es gibt Gewichtungen von Freiheit, man könnte auch sagen, Gewichtungen von Möglichkeiten des Egoismus, denn genau das ist Freiheit: die Möglichkeit von Egoismus. Unter gewissen Umständen heisst das auch, dass sich ein Gefängnisinsasse frei fühlen kann, wenn ihm der Mangel an Bewegungsfreiheit nicht stört, er aber ansonsten seinem Egoismus nach Belieben nachgehen kann. Deshalb gibt es Häftlinge, die sich nach ihrer Freilassung wieder ins Gefängnis wünschen.

Frag dich doch mal, was "Rechtsfreier Raum" bedeutet. Es bedeutet, dass dich dort kein Recht an der Auslebung deines Egoismus hindert. Alle Regeln dieser Welt dienen nur dazu, den destruktiven Wahn des Egoismus an seiner Ausartung zu hindern. Gäbe es keine Egoisten, bräuchte man auch keine Gesetze. Das nannten die Sozialisten mal "Einsicht in die Notwendigkeit", aber die meisten Leute haben das nicht verstanden.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Woppadaq » Mo 26. Feb 2018, 23:35

schokoschendrezki hat geschrieben:(26 Feb 2018, 19:52)

Der Kern des Problems besteht - und das wurde hier schon einige wenige male erfreulich rational und unaufgeladen diskutiert - darin, dass sowohl das eine Extrem: Totaler Individualismus, als auch das andere Extrem: Totale Identifizierung mit einer Gemeinschaft, keine individuelle Erkennbarkeit bewerkstelligen.


Ist "individuelle Erkennbarkeit" nicht ein sehr subjektiv beladener Begriff? Bin ich als exotischer Aussenseiter unter exotischen Aussenseitern nicht auch irgendwo bloss Mitläufer? Bin ich als bekennender Mitläufer in meiner Gesellschaft ausserhalb meiner Gesellschaft nicht ein total individuelles Geschöpf?

Eine kopftuchtragende Heavy-Metal-Band aus muslimischen Teenager-Girls ist das Musterbeispiel dafür.


Fänd ich extrem individuell. Ausser wenns halt fast jede zweite machen würde.
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Re: Wie sehr darf eine Nation "an sich" denken? Wo beginnt Nationalismus bzw. ab wo wirds eklig?

Beitragvon Zunder » Di 27. Feb 2018, 01:15

schokoschendrezki hat geschrieben:(26 Feb 2018, 19:52)

Der Kern des Problems besteht .......

Es ging um die Frage, ob der Begriff "kulturelle Identität" als Synonym für eine quasi-rassistische Ideologie zu verstehen ist.
Ist er nicht. Punkt.

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