Parlamentswahl in Polen

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Re: Präsidentschaftswahl in Polen

Beitragvon Alexyessin » Di 30. Jun 2020, 09:43

H2O hat geschrieben:(30 Jun 2020, 06:41)

Hier reden sich etliche Leute um Kopf und Kragen! Polen ist nun einmal ein gespaltenes Land, auch geographisch läßt sich zeigen, daß der national-konservative Bereich im Osten und Süd-Osten liegt, der freiheitlich-liberale Bereich im Norden und im Westen. Die großen Städte sind eine Ausnahme; die sind meist liberal.


Ich wage die Theorie, das dies das geschichtliche Erbe ist. Die Teile, die nationalkonservativ sind, sind die Teile, die jahrhundertelang auch von Russland beherrscht wurden.
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Re: Präsidentschaftswahl in Polen

Beitragvon H2O » Di 30. Jun 2020, 10:20

Alexyessin hat geschrieben:(30 Jun 2020, 09:43)

Ich wage die Theorie, das dies das geschichtliche Erbe ist. Die Teile, die nationalkonservativ sind, sind die Teile, die jahrhundertelang auch von Russland beherrscht wurden.


So sehen das die Polen selbst auch. Aber man muß auch wissen, daß die "Westverschiebung Polens" doch sehr viele ehemalige Ostpolen in die ehemals deutschen Provinzen verschlagen hat. Die Familien einiger meiner polnischen Nachbarn stammen aus der Ukraine. Mit Weißrußland war das wohl ähnlich... da gibt es noch eine polnischstämmige Minderheit, und in Litauen auch. Es gab wohl erheblichen sowjetischen Druck, sich nach Westen auf zu machen. Und heute gibt es gelegentlich böse Worte von Nationalisten, weil die verbliebenen polnischen Minderheiten dem Polentum (Polskość) erhalten bleiben sollen. Dieses Anliegen richtet sich gelegentlich auch an Deutschland, weil es Städte gibt, wo eine erhebliche Zahl der Mitbürger ehemals Polen waren. Aber das rüttelt sich zurecht... nicht nur bei unseren Türken.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Orbiter1 » Di 30. Jun 2020, 13:16

Polen entwickelt sich zum Paradies für rechtsextreme Gruppen. Auch die Identitäre Bewegung hat dort einen Ableger und steuert die Finanztransaktionen von dort aus. Beim Marsch der Unabhängigkeit, der regelmäßig in Warschau stattfindet, und ein Stelldichein für Rechtsextreme darstellt ist man herzlich willkommen. https://www.politico.eu/article/far-rig ... ation/amp/ Da haben die PiS-Regierung und Noch-Präsident Duda keine Berührungsängste. Bis 2018 sind sie sogar selbst mitgelaufen.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Vongole » Di 30. Jun 2020, 15:12

Diese weitgehend themenfremde Diskussion endet genau jetzt.
Thread vorübergehend für Aufräumarbeiten geschlossen.

Mod.

********************************************************************************************************
Wieder offen.
Sämtliche Beiträge, die sich ab jetzt statt der aktuellen Parlamentswahl mit der angeblichen Überfremdung durch Afrikaner oder ähnlichem befassen, landen ohne weitere Ansage in der Ablage.
Wer unbedingt seine ethnopluralistischen Thesen diskutieren muss, findet in den Weiten des Forums sicherlich ein passenderes Plätzchen.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Atue001 » Mi 1. Jul 2020, 00:43

DogStar hat geschrieben:(30 Jun 2020, 08:12)

Polen holt wirtschaftlich stark auf ... und wird somit auch für Migranten attraktiver ... ich nehme an, dass man dort vorausschauend plant ...


Das ist keine vorausschauende Politik, sondern einfach nur Nationalistische Politik, die längerfristig gedacht sicher in die Katastrophe führt. Es gibt kein einziges Beispiel in der Menschheitsgeschichte dafür, dass Ausgrenzung, Abgrenzung und überhebliche Betonung nationalstaatlicher Politik erfolgreich gewesen wäre. Es gibt viele Beispiele dafür, dass die Politik der Integration, der Öffnung nach Außen und der erfolgreichen Einwanderung hingegen ziemlich erfolgreich ist.

So gesehen ist nationalistische und populistische Politik vor allem kurzsichtig und dumm. Langfristig ist sie teuer dazu.

Moderne Volkswirtschaften sind genau dann erfolgreich, wenn sie sich öffnen. Es gibt genau KEINE (!) Volkswirtschaft, die sich erfolgreich durch Abgrenzung und Ausgrenzung positionieren konnte.

Bei einer vorausschauenden Planung würde Polen sich nicht einer gemeinsamen EU-Asylpolitik verwehren. Vielmehr würde sich Polen dann auch einer modernen Immigrationspolitik anschließen - und unterm Strich mehr Wohlstand und mehr soziale Sicherheit für die eigenen Bürger bekommen. Die PiS ist in diesem Sinne ziemlich kontraproduktiv und ihre Politik schmeißt Polen in diesem Kontext um Jahre wenn nicht gar Jahrzehnte zurück.

Das schmälert nicht die innepolitische erfolgreiche Einführung gewisser sozialer Komponenten durch die PiS. Umgekehrt sind diese Erfolge kein Garant für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik - vieles wurde hier auch mit Schulden erkauft.

Politik ist eine ganzheitliche Aufgabe - und inzwischen ist gut erforscht, dass Ideen aus dem rechtsnationalen Flügel tendenziell erfolglos sind und in den Abgrund führen. Ähnlich gut erforscht ist, dass linksextreme Ideen regelmäßig an den Bedürfnissen der Menschen vorbei gehen. Was einem normal denkenden Menschen eigentlich intuitiv klar ist, ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt - erfolgreich ist man nur nachhaltig in der (demokratischen) Mitte.

So gesehen ist es mal dringend an der Zeit, dass wir mal die nationalistischen und populistischen Denker in ihr persönliches Reich der eigenen Phantastereien entlassen - und ernsthaft mal damit planen, wie man möglichst effizient und effektiv für möglichst viele Menschen Wohlstand erreichen können.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 1. Jul 2020, 07:01

Orbiter1 hat geschrieben:(29 Jun 2020, 16:21)

Im Augenblick fürchtet sich der Westen, z. B. Berlin, eher davor dass sie von polnischen Obdachlosen überschwemmt werden (vor allem im Winter), aber falls die polnische Wirtschaft tatsächlich mal den Westen plattmacht sollten sie mal nachschauen wer die Eigentümer dieser tollen polnischen Unternehmen sind und aus welchen Ländern die kommen.

Ich wohne in bzw. bei Berlin, kenne eine Menge Leute aus unterschiedlichsten Millieus und niemand, wirklich niemand fürchtet sich vor "einer Überschwemmung mit polnischen Obdachlosen". Was ist das denn überhaupt für eine völkische Sprache? "Überschwemmung!" Die Wiederöffnung der Grenze zu Polen wurde - im Gegenteil und wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen - begrüßt. Mal ganz davon abgesehen, dass der typischere Fall darin besteht, dass Leute wie mein eigener Bruder, der in einem Baustoff-Logistik-Zentrum arbeitet, während der letzten Wochen dringend auf Lieferungen aus Polen angewiesen war und die "Wiederüberschwemmung" mit Produkten aus dieser Richtung eher mit Erleichterung aufnahm.
Ich fürchte da überschätzen sie meine Einflußmöglichkeiten und jetzt stellen sie sich mal vor welche Rolle Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit in der EU spielen würden wenn man die Osteuropastaaten seinerzeit nicht vollkommen überstürzt aufgenommen hätte.

Spekulation. Wirtschaftlich zumindest liegen die Dinge klar auf der Hand: Ein Exportland wie Deutschland, das gilt nach wie vor, verdient sich Netto und Summa Summarum dumm und dämlich an der Osterweiterung. Diese Stammtisch-Erzählung vom deutschen Michel, der regelmäßig seine Brieftasche zückt, um die armen Nachbarn im Osten "durchzubringen" zeugt nicht nur von einer fragwürdig-völkischen Einstellung sondern vor allem von völliger pollitischer Ahnungslosigkeit.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 1. Jul 2020, 07:11

Atue001 hat geschrieben:(01 Jul 2020, 00:43)

Das ist keine vorausschauende Politik, sondern einfach nur Nationalistische Politik, die längerfristig gedacht sicher in die Katastrophe führt. Es gibt kein einziges Beispiel in der Menschheitsgeschichte dafür, dass Ausgrenzung, Abgrenzung und überhebliche Betonung nationalstaatlicher Politik erfolgreich gewesen wäre. Es gibt viele Beispiele dafür, dass die Politik der Integration, der Öffnung nach Außen und der erfolgreichen Einwanderung hingegen ziemlich erfolgreich ist.


Der Nationalismus der PiS ist vor allem eine populistische Erzählung für die eigenen Anhänger. In der polnischen Realwirtschaft siehts ganz anders aus. Die Präsidentschaftswahl zeigt aber, dass zumindest die urbane Bevölkerung ganz anders drauf ist.

Die PiS bildete zusammen mit der britischen Conservative Party bis Juli 19 den weit überwiegenden Teil der Europa-Partei "Europäische Konservative und Reformer (EKR)". Damit ist die politische Ausrichtung in vielerlei Hinsicht eingrenzt. Das zeigte sich jetzt auch bei den Präsidentschaftswahlen in der Spaltung der Bevölkerung, die ähnlich einschneidend und scharf war wie die beim Brexit-Referendum. Grob gesagt in ländlich plus abgehängte Industrie-Regionen zum einen und urban, ökonomisch aufstrebende Regionen andererseits.
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Re: Präsidentschaftswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 1. Jul 2020, 07:33

Alexyessin hat geschrieben:(30 Jun 2020, 09:43)

Ich wage die Theorie, das dies das geschichtliche Erbe ist. Die Teile, die nationalkonservativ sind, sind die Teile, die jahrhundertelang auch von Russland beherrscht wurden.

Historisch waren diese sogenannten Teilungen Polens gleichermaßen von Russland, Preußen und dem Habsburg-Österreich zu verantworten.

Ebenso historisch sind die traditionell engen Bindungen Polens an Frankreich. Die sich auch direkt in Persönlichkeiten wie Marie Curie und vor allem Frédéric Chopin (bzw. Fryderyk Franciszek Chopin) zeigt. Der Sohn einer polnischen Mutter und eines französischen Vaters ist in Polen eine Art Nationalheiliger. Der internationale Airport in Warschau heißt nicht umsonst "Chopin Airport" (und nicht Kaczynski- oder Piłsudski-Airport) . Zumindest die vielen sogenannten bürgerlich gebildeten Polen sind allesamt obsessive Chopin-Fans. Die französische Sprache ist ein wichtiges Kultur- und Bildungsgut. Einer der Gründe für mich, dass dieses sogenannte "Weimarer Dreieck", das Bündnis Polen-Deutschland-Frankreich den Kern einer zukünftigen EU bilden sollte. Sobald sich die politischen Verhältnisse in Polen zum Besseren wenden.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon DogStar » Mi 1. Jul 2020, 07:57

Atue001 hat geschrieben:(01 Jul 2020, 00:43)

Das ist keine vorausschauende Politik, sondern einfach nur Nationalistische Politik, die längerfristig gedacht sicher in die Katastrophe führt. Es gibt kein einziges Beispiel in der Menschheitsgeschichte dafür, dass Ausgrenzung, Abgrenzung und überhebliche Betonung nationalstaatlicher Politik erfolgreich gewesen wäre. Es gibt viele Beispiele dafür, dass die Politik der Integration, der Öffnung nach Außen und der erfolgreichen Einwanderung hingegen ziemlich erfolgreich ist.

So gesehen ist nationalistische und populistische Politik vor allem kurzsichtig und dumm. Langfristig ist sie teuer dazu.

Moderne Volkswirtschaften sind genau dann erfolgreich, wenn sie sich öffnen. Es gibt genau KEINE (!) Volkswirtschaft, die sich erfolgreich durch Abgrenzung und Ausgrenzung positionieren konnte.

Bei einer vorausschauenden Planung würde Polen sich nicht einer gemeinsamen EU-Asylpolitik verwehren. Vielmehr würde sich Polen dann auch einer modernen Immigrationspolitik anschließen - und unterm Strich mehr Wohlstand und mehr soziale Sicherheit für die eigenen Bürger bekommen. Die PiS ist in diesem Sinne ziemlich kontraproduktiv und ihre Politik schmeißt Polen in diesem Kontext um Jahre wenn nicht gar Jahrzehnte zurück.

Das schmälert nicht die innepolitische erfolgreiche Einführung gewisser sozialer Komponenten durch die PiS. Umgekehrt sind diese Erfolge kein Garant für eine erfolgreiche Wirtschaftspolitik - vieles wurde hier auch mit Schulden erkauft.

Politik ist eine ganzheitliche Aufgabe - und inzwischen ist gut erforscht, dass Ideen aus dem rechtsnationalen Flügel tendenziell erfolglos sind und in den Abgrund führen. Ähnlich gut erforscht ist, dass linksextreme Ideen regelmäßig an den Bedürfnissen der Menschen vorbei gehen. Was einem normal denkenden Menschen eigentlich intuitiv klar ist, ist inzwischen auch wissenschaftlich belegt - erfolgreich ist man nur nachhaltig in der (demokratischen) Mitte.

So gesehen ist es mal dringend an der Zeit, dass wir mal die nationalistischen und populistischen Denker in ihr persönliches Reich der eigenen Phantastereien entlassen - und ernsthaft mal damit planen, wie man möglichst effizient und effektiv für möglichst viele Menschen Wohlstand erreichen können.


Leider ist das nicht ganz richtig. Selbstverständlich gibt es Volkswirtschaften, die sehr homogen blieben und dabei trotzdem erfolgreich sind. Japan beispielsweise. Auch muss man unterscheiden zwischen gesteuerter Einwanderung und dem, was wir aktuell bei uns erleben.
Mitnichten bekommen wir durch die gegenwärtige Migration ein Plus an Wohlstand und sozialer Sicherheit. Das exakte Gegenteil ist der Fall.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Mi 1. Jul 2020, 08:08

@ Schokoschendezki:

Tja, diese romantische Verbindung Polens "zu Frankreich" beruht auf der Erbfeindschaft Frankreichs mit Deutschland. Viel Substanz steht dahinter nicht. Kaum ein Pole spricht und schreibt heutzutage Französisch. Eine Danziger Tandempartnerin in meinem Polnischkurs vor fast 10 Jahren hatte sich auf Spanisch festgelegt. In Polen liebt man nun die USA, einmal, weil sie mit den Russen uneins sind, und dann auch, weil sie uns Deutsche anmisten. Macht aber nichts... in Polen ist Deutsch die 2. Fremdsprache nach Englisch. Mit ist in meinem Umfeld noch nie ein Pole begegnet, der etwa Französisch spräche... und das will etwas heißen!

Übrigens: Volle Zustimmung zum Projekt "Weimarer Dreieck". Die deutsch-französische Aussöhnung ist viel zu wertvoll, als daß sie durch polnische Spielchen beschädigt werden dürfte. Miteinader gern... gegeneinander auf gar keinen Fall, komme was da wolle!

Man muß ja sehen, daß in Polen eine Stimmung vorhanden ist, die den Teilabzug von Soldaten der USA und ihre teilweise Verlegung nach Polen als Schädigung deutscher Interessen versteht und das unverhohlen so anspricht. Das Zündeln gehört wohl zum polnischen Nationalcharakter dazu. Diese Leute sind dann immer ziemlich überrascht, wenn ich darauf eingehe mit: "Die USA sollten ganz allgemein Europa verlassen. Wir sollten unsere Selbstverteidigung in unsere eigenen Hände nehmen!"
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 1. Jul 2020, 08:09

DogStar hat geschrieben:(01 Jul 2020, 07:57)

Leider ist das nicht ganz richtig. Selbstverständlich gibt es Volkswirtschaften, die sehr homogen blieben und dabei trotzdem erfolgreich sind. Japan beispielsweise.

Dabei betrachtest Du aber nur den (physischen) Personentransport. Länder wie Japan oder China waren jahrhundertelang streng abgeschlossene Kulturen. "Namban" bezeichnete - ursprünglich aus dem Chinesischen - auch in Japan so etwas wie "Südbarbar". Damit waren im Mittelalter auch die wenigen Europäer (Portugiesen zum Beispiel) gemeint, die auf abgeschlossen Regionen ein ganz klein wenig Handel treiben durften. Es waren dann vor allem Briten, die in Ostasien auf barbarische und brutale Art eine Politik des "Handelt mit uns!" durchsetzten. Erfolgreich. Die Japaner mögen ihre traditionellen Kulturwerte beibehalten haben, aber sie haben sich in Richtung Wirtschaft und Handel den Europäern letztendlich gebeugt. Sprechen Englisch, erscheinen im Anzug, ihre Kinder lernen nach Haydn und Beethoven Klavier spielen. Und sie haben den Computer und das Auto nicht erfunden, bauen sie aber wie die Weltmeister. Nix, überhaupt nix "Homogenität".
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Mi 1. Jul 2020, 08:09, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Orbiter1 » Mi 1. Jul 2020, 08:09

DogStar hat geschrieben:(01 Jul 2020, 07:57)

Leider ist das nicht ganz richtig. Selbstverständlich gibt es Volkswirtschaften, die sehr homogen blieben und dabei trotzdem erfolgreich sind. Japan beispielsweise.
Wenn aus ihrer Sicht u.a. die weltweit höchste Staatsverschuldung von über 230% des BIP und das weltweit höchste reale Renteneintrittsalter, das sich in Richtung 70 Jahre bewegt, der Nachweis für eine erfolgreiche Volkswirtschaft sind, dann ist die japanische Volkswirtschaft zweifellos erfolgreich. Ich sehe darin eher Zeichen einer kranken Volkswirtschaft.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 1. Jul 2020, 08:20

H2O hat geschrieben:(01 Jul 2020, 08:08)

@ Schokoschendezki:

Tja, diese romantische Verbindung Polens "zu Frankreich" beruht auf der Erbfeindschaft Frankreichs mit Deutschland. Viel Substanz steht dahinter nicht. Kaum ein Pole spricht und schreibt heutzutage Französisch. Eine Danziger Tandempartnerin in meinem Polnischkurs vor fast 10 Jahren hatte sich auf Spanisch festgelegt. In Polen liebt man nun die USA, einmal, weil sie mit den Russen uneins sind, und dann auch, weil sie uns Deutsche anmisten. Macht aber nichts... in Polen ist Deutsch die 2. Fremdsprache nach Englisch. Mit ist in meinem Umfeld noch nie ein Pole begegnet, der etwa Französisch spräche... und das will etwas heißen!


Nun ja. Praktisch wird das schon so sein. Ich habe auch keine konkreten objektiven Statistiken dazu. Es wird viel mit den vielen polnischen Arbeitsmigranten in UK und natürlich auch mit der pro-polnischen Außenpolitik der USA zu tun haben. Historisch - denke ich - steht aber doch so einige Substanz dahinter. Das "Pariser Viertel", eine der wenigen einigermaßen erhaltenen historischen Teile in Stettin werden Sie sicher kennen ... nur ein Beispiel.
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Re: Präsidentschaftswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 1. Jul 2020, 08:30

H2O hat geschrieben:(30 Jun 2020, 06:41)

Hier reden sich etliche Leute um Kopf und Kragen! Polen ist nun einmal ein gespaltenes Land, auch geographisch läßt sich zeigen, daß der national-konservative Bereich im Osten und Süd-Osten liegt, der freiheitlich-liberale Bereich im Norden und im Westen. Die großen Städte sind eine Ausnahme; die sind meist liberal.


Mit der einen Ausnahme, dass (ausgerechnet) die polnische Region, die unmittelbar an die erweiterte Metropolregion Berlin grenzt, die Woiwodschaft Lebus bzw. die Landschaft "Neumark" ganz im Westen Polens liegt und wirklich ausgesprochen ländlich wirkt. Noch ländlicher als der Oderbruch westlich der Oder auf Seiten Deutschlands. Von diesem Eindruck sind ganz sicher auch eine große Menge der Deutschen geprägt, die als Einkaufstouristen aus dem Raum Berlin die unmittelbare Grenzregion Polens aufsuchen. Von denen können sich viele Menschen solche urbanen polnischen Metropolen wie Breslau, Krakau oder Warschau vermutlich gar nicht vorstellen.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon aleph » Mi 1. Jul 2020, 08:54

DogStar hat geschrieben:(01 Jul 2020, 07:57)

Leider ist das nicht ganz richtig. Selbstverständlich gibt es Volkswirtschaften, die sehr homogen blieben und dabei trotzdem erfolgreich sind. Japan beispielsweise. Auch muss man unterscheiden zwischen gesteuerter Einwanderung und dem, was wir aktuell bei uns erleben.
Mitnichten bekommen wir durch die gegenwärtige Migration ein Plus an Wohlstand und sozialer Sicherheit. Das exakte Gegenteil ist der Fall.



Naja, homogener als Deutschland, aber ganz homogen auch nicht

Ausländische Einwohner

Mehr als 2,5 Millionen (wegen illegaler Immigration wahrscheinlich mehr)
Wachstumsrate: 14,9 % in 5 Jahren
Koreaner: 1 Million,
Chinesen: 0,5 Millionen,
Filipinos: 0,5 Millionen,
Brasilianer: 250.000 (vor allem ethnische Japaner, die aus Brasilien heimkehren),
Hinzu kommen Peruaner, US-Amerikaner, Kanadier, Briten, Indonesier, Thai, Afrikaner und andere Nationalitäten.



Japaner behaupten gegenüber Außenstehenden oft, dass ihr Volk ethnisch homogen sei. Neuere Untersuchungen des Erbguts haben jedoch eine große genetische Diversität ergeben. Es wurde eine Mischung aus Genen der Jōmon und von in der Yayoi-Zeit zugezogenen südchinesischen und koreanischen Einwanderern festgestellt, die auch die große Variabilität der Gesichtszüge erklärt.[13][14]

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Demografie_Japans
Auf dem Weg zum Abgrund kann eine Panne lebensrettend sein. Walter Jens
Economic Left/Right: -2.5 Social Libertarian/Authoritarian: -3.54
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Orbiter1 » Mi 1. Jul 2020, 09:10

H2O hat geschrieben:(01 Jul 2020, 08:08)

@ Schokoschendezki:

Tja, diese romantische Verbindung Polens "zu Frankreich" beruht auf der Erbfeindschaft Frankreichs mit Deutschland. Viel Substanz steht dahinter nicht.
So ist es! Und was das Thema Weimarer Dreieck betrifft, Polen kann nicht gleichzeitig Teil des Weimarer Dreiecks und Teil der Visegrad-Gruppe (mit ihrer Position zu Russland, Flüchtlingen, Migration, Islam, Nationalismus, Vertiefung der EU, ...) sein. Die müssen sich dann schon entscheiden auf welcher Seite sie stehen. Auf dümmliche Störmanöver aus Polen kann die deutsch-französische Achse jedenfalls verzichten.
Zuletzt geändert von Orbiter1 am Mi 1. Jul 2020, 09:26, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Mi 1. Jul 2020, 09:26

schokoschendrezki hat geschrieben:(01 Jul 2020, 08:20)

Nun ja. Praktisch wird das schon so sein. Ich habe auch keine konkreten objektiven Statistiken dazu. Es wird viel mit den vielen polnischen Arbeitsmigranten in UK und natürlich auch mit der pro-polnischen Außenpolitik der USA zu tun haben. Historisch - denke ich - steht aber doch so einige Substanz dahinter. Das "Pariser Viertel", eine der wenigen einigermaßen erhaltenen historischen Teile in Stettin werden Sie sicher kennen ... nur ein Beispiel.


Nein, Stettin kenne ich im wesentlichen durch Rechtsgeschäfte... Grundstückskauf, amtliche Aufenthaltsgenehmigung, Krankenversicherung für Rentner. Aber wie dem auch sei, wenn das Pariser Viertel ein historisches sein sollte, dann erinnere ich daran, daß der Regierungssitz der Herzöge von Pommern nicht unbedingt ein polnischer war, und seit Anno Tick-Tack auch Bestandteil des Königreichs Preußen.

Ich habe noch einmal im polnischen Wiki nachgelesen: Seit 1235 war Stettin ein Lehen des HRR! Seit 1945 dann eben polnisch. Nichts währt ewig!
w 1235 stało się lennem cesarza i weszło w skład Świętego Cesarstwa Rzymskiego. [im Jahr 1235 wurde es ein Lehen des Kaisers und war Bestandteil des HRR]

https://pl.wikipedia.org/wiki/Szczecin
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon H2O » Mi 1. Jul 2020, 09:42

Orbiter1 hat geschrieben:(01 Jul 2020, 09:10)

So ist es! Und was das Thema Weimarer Dreieck betrifft, Polen kann nicht gleichzeitig Teil des Weimarer Dreiecks und Teil der Visegrad-Gruppe (mit ihrer Position zu Russland, Flüchtlingen, Migration, Islam, Nationalismus, Vertiefung der EU, ...) sein. Die müssen sich dann schon entscheiden auf welcher Seite sie stehen. Auf dümmliche Störmanöver aus Polen kann die deutsch-französische Achse jedenfalls verzichten.


Unsere Bundesregierung verhält sich in dieser Hinsicht sehr klug: Sie schweigt den Blödsinn ganz einfach weg, wiederholt von Zeit zu Zeit die Einladung zu engerer Zusammenarbeit auch im Weimarer Dreieck und kann's im übrigen abwarten.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon Orbiter1 » Mi 1. Jul 2020, 12:26

Eine klare Wahlempfehlung der unterlegenen Präsidentschaftskandidaten Holownia (13,9%) und Bosak (6,8%) gibt es für die zweite Runde offenbar nicht. Umso intensiver muss an den politischen Rändern gefischt werden.
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Re: Parlamentswahl in Polen

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 1. Jul 2020, 12:45

Es gibt und gab innerhalb der EU schon alle möglichen informellen Bündnisse. Von der Alpen-EU bis zu den sparsamen Vier. Das Hauptmotiv pro Weimarer Dreieck sind gar nicht so sehr historische Gemeinsamkeiten sondern die geographische zusammenhängende Zentrallage auf dem europäischen Kontintent. Das hat schon seine Bewandnis und steht weder mit dem deutsch-französischen Bündnis noch mit der Visegrád-Gruppe in grundsätzlichem Widerspruch. Sondern hat u.a. mit der herausragenden Rolle von Logistik und Verkehrsinfrastruktur in diesem austauschintensiven Gesamtwirtschaftsraum zu tun. Freier Güter- und Personenverkehr sind nach wie vor das für jeden nachvollziehbare positive EU-Motiv.
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