Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

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Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Orbiter1 » Mo 15. Apr 2019, 12:14

Gemäß der immer populärer werdenden Modern Monetary Theory https://de.wikipedia.org/wiki/Modern_Mo ... prov=sfla1 und https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/ ... tand-5vor8 liegt die Ursache von Arbeitslosigkeit u.a. in einem zu geringen Staatsdefizit. Diese Theorie sieht auch den Staat als Schöpfer der Währung und eine exzessive Ausweitung der Schulden ist kein ernsthaftes Problem. In den linken Keisen in den USA bekommt der Ansatz immer mehr Zulauf und selbst Trump erhöht die Staatsschulden um ca 1.000 Mrd $ pro Jahr, obwohl die Konjunktur eigentlich gut läuft. Inzwischen ist man in den USA bei einer Staatsverschuldung von etwa 107% des BIP angelangt. Auch in China steigt diese Staatsschuldenquote um 2 - 4% pro Jahr, in Summe sind das allerdings bisher nur 51% des BIP. Nur die EU will da nicht so recht mitmachen und hat sich ein Spardiktat auferlegt, auch wenn es nur mühsam eingehalten wird. Wie ist da eure Sicht? Haben es die trotteligen Europäer einfach nicht kapiert dass immer stärker steigende Staatsschulden kein ernsthaftes Problem sind, oder wird es in USA, Japan (die bereits mit über 235% des BIP verschuldet sind) und auch China irgendwann doch noch ein Böses Erwachen geben?
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Europa2050 » Mo 15. Apr 2019, 12:38

Orbiter1 hat geschrieben:(15 Apr 2019, 12:14)

Gemäß der immer populärer werdenden Modern Monetary Theory https://de.wikipedia.org/wiki/Modern_Mo ... prov=sfla1 und https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/ ... tand-5vor8 liegt die Ursache von Arbeitslosigkeit u.a. in einem zu geringen Staatsdefizit. Diese Theorie sieht auch den Staat als Schöpfer der Währung und eine exzessive Ausweitung der Schulden ist kein ernsthaftes Problem. In den linken Keisen in den USA bekommt der Ansatz immer mehr Zulauf und selbst Trump erhöht die Staatsschulden um ca 1.000 Mrd $ pro Jahr, obwohl die Konjunktur eigentlich gut läuft. Inzwischen ist man in den USA bei einer Staatsverschuldung von etwa 107% des BIP angelangt. Auch in China steigt diese Staatsschuldenquote um 2 - 4% pro Jahr, in Summe sind das allerdings bisher nur 51% des BIP. Nur die EU will da nicht so recht mitmachen und hat sich ein Spardiktat auferlegt, auch wenn es nur mühsam eingehalten wird. Wie ist da eure Sicht? Haben es die trotteligen Europäer einfach nicht kapiert dass immer stärker steigende Staatsschulden kein ernsthaftes Problem sind, oder wird es in USA, Japan (die bereits mit über 235% des BIP verschuldet sind) und auch China irgendwann doch noch ein Böses Erwachen geben?


Dazu zwei Dinge:

Erstens die Machtfrage und damit auch der Handlungsspielraum. Wer hat in einem Staat, der bis Oberkante Unterlippe verschuldet ist die Macht?
Die dafür vorgesehenen politischen Institutionen oder die Geldgeber? Wobei da natürlich schon eine Rolle spielt, ob der Staat im In- oder Ausland und in eigener oder fremder Währung (oder Euro, der beide Merkmale aufweist) verschuldet ist.

Zweitens verwundert es mich, dass gerade Linke Staatsverschuldung probagieren. Denn zu jedem Schuldner gehört ein Gläubiger. Und dass die Reichtumsverteilung ganz massiv zu den „Oberen“ gekippt ist, liegt nicht unerheblich daran, dass sich die Staaten massiv verschuldet haben und das Geld über den Wirtschaftskreislauf letztlich genau dort gelandet ist.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Troh.Klaus » Mo 15. Apr 2019, 12:40

Nun, war das nicht letztlich die De-Facto-Vorgehensweise im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts? Mit etlichen (hyper-) inflationären Krisen? Mehr oder weniger abgelöst nach dem zweiten Weltkrieg mit dem System von Bretton-Woods?
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon BlueMonday » Mo 15. Apr 2019, 13:34

Ich zitiere mich einfach mal selbst aus dem Forum:

"Im Grunde ist diese Modern Money Theory (MMT) gar keine ökonomische Theorie, allenfalls eine Theorie die behauptet, dass unter einem reinen Fiatmoneyregime (was es bis zum heutigen Tage so gar nicht gibt) die wesentlichen ökonomischen Probleme quasi damit gelöst wären, wenn vom Staat Geld im beliebigen Ausmaße erzeugt wird (entweder gleich als sog. Nettogeld oder durch ewig rollierende Verschuldung). Oder anders gesagt, dass ein wesentlicher Teil heutiger ökonomischer Probleme nur durch vermeintlich künstliche Geldknappheit bestünde, die sich ganz leicht und praktisch kostenlos beseitigen ließen, eben durch einen Staat, der die Geldemission als Hoheitsakt komplett übernimmt (sog. Chartalismus)

Modern ist die Theorie auch nicht, sondern nur Knapp im neuen Gewande (https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Friedrich_Knapp), letztlich eine erzetatistische Sicht, was Geld ist, Geld gesehen als reines Fiatgeld (fiat = es werde)
Das verkennt völlig, dass Geld so nicht entstanden ist, und dass gerade die Probleme zunahmen, als das Geld in diese Richtung mehr und mehr gedrängt wurde, als es immer weiter seine Bindung zu einer "commodity", also einem realen ökonomischen Gut verlor, wo es doch bei seiner Entstehung genau das war, ein Warengeld oder zumindest ein Versprechen auf ein Gut, etwa Vieh (Geld= lat. pecunia von pecus, Vieh).

Und bis heute basiert Geld im Kreditprozess auf einem Versprechen gegenzuleisten, meist zusätzlich besichert durch Belastung von bereits vorhandenem Eigentum als Pfand für den Fall des Kreditausfalles.
Sicherlich ist es hier insbesondere der Staat im Verbund mit der Zentralbank, der dieses Prinzip immer weiter unterminiert, praktisch nutznießt, das Geld seine Funktion und seinen Wert noch nicht verloren hat, so wie ein Geldfälscher auch darauf setzt. Mit der MMT wäre das auf die Spitze getrieben, Geld als im beliebigen Ausmaße vom Staat zu erzeugendes Zeichen, das genau durch diese Beliebigkeit seine Bedeutung als Geld nach und nach wieder verlieren würde."

Letztlich basiert die mechanische Sicht der MMT auf der Quantitätsgleichung und dessen Fehlinterpretation:

"Y = C + I + G + (X − M)

mit:
C (consumption) I (investment) G (government spending) X (exports) M (imports)

Das ist aber nichts weiter als eine Definition über die Komposition von Y(GDP) in Geldeinheiten.
Es ist trivial, dass das, was auf der rechten Seite ausgeben wird, dann auf der linken Seite als aggregierte Einnahme wieder herauskommt.
So hat man es vorab ja festgelegt.

Der Denkfehler besteht dann darin zu glauben, irgendeine Kausalität allein aufgrund dieser Gleichung entdecken oder behaupten zu können. Bei Keynesianern beliebt: Man drehe kräftig am G-Knopf und dann wächst Y.
Das Problem ist, dass dieses Drehen an G massive negative Einflüsse/"side effects" haben kann. Langfristige "Crowding out"-Effekte, enorme Opportunitätskosten, zunehmende gesellschaftliche Rigidität, Verlust gesellschaftlicher Adaptionsfähigkeit usw. usf, die wiederum das Y negativ beeinflussen können...

Kurz: dass erst nach dieser Gleichung("accounting identity") die eigentliche ökonomische oder soziologische Theorie beginnt, die irgendwelche Kausalitäten behauptet, also gehaltvolle wie fallible(fehlbare) Aussagen jenseits der bloßen Tautologie.
Und da kann man eben sehr verschiedener Meinung sein und verschiedene Theorien erzeugen, die nicht aus der Welt zu schaffen sind, indem man auf obige Gleichung oder Stützel etc. verweist."
But who would build the roads?
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Maikel » Mo 15. Apr 2019, 13:59

Orbiter1 hat geschrieben:(15 Apr 2019, 12:14)

Gemäß der immer populärer werdenden Modern Monetary Theory https://de.wikipedia.org/wiki/Modern_Mo ... prov=sfla1 und https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/ ... tand-5vor8 liegt die Ursache von Arbeitslosigkeit u.a. in einem zu geringen Staatsdefizit. Diese Theorie sieht auch den Staat als Schöpfer der Währung und eine exzessive Ausweitung der Schulden ist kein ernsthaftes Problem.

Eine Bedingung ist für D schon mal nicht gegeben: Der Staat ist nicht Schöpfer unserer Währung.

Wie so viele Theorien geht auch diese von einer geschlossenen Volkswirtschaft aus. In solchen Systemen erfolgt auch die Schuldenaufnahme des Staates innerhalb dieser Volkswirtschaft; zumindest geht davon die MMT aus.

Da wir in der Praxis keine geschlossenen Volkswirtschaften haben, ist eine entscheidende Frage, bei wem die Schulden aufgenommen werden; im Ausland (z.B. Griechenland) oder hauptsächlich im Inland (z.B. D und USA).

Oder im Kleinen am Bsp. der baufälligen Schule in dem Zeit-Artikel:
Der Stadt A, in der die baufällige Schule steht, nutzt es recht wenig, wenn in der Nähe arbeitslose Maurer wohnen; sie muß den Auftrag für die Sanierung ausschreiben. Damit bekommt ggf. ein Betrieb aus der Nachbarstadt den Auftrag; dieses setzt eigene Mitarbeiter ein.
Damit hat Stadt A jetzt mehrfache Kosten:
- Sie muß weiterhin die arbeitslosen Maurer unterstützen;
- außerdem muß Geld an den Betrieb in der Nachbarstadt überwiesen werden;
- die Stadt A bekommt nicht einmal Gewerbesteuer vom Betrieb in der Nachbarstadt.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Orbiter1 » Mo 15. Apr 2019, 14:10

BlueMonday hat geschrieben:(15 Apr 2019, 13:34)

Mit der MMT wäre das auf die Spitze getrieben, Geld als im beliebigen Ausmaße vom Staat zu erzeugendes Zeichen, das genau durch diese Beliebigkeit seine Bedeutung als Geld nach und nach wieder verlieren würde.
Ich kann mir durchaus vorstellen dass so ein MMT-Ansatz funktioniert, jedenfalls in der Theorie. In der Praxis möchte ich mal den Politiker sehen der bei einem bestimmten Signal (z. B. Inflationsrate über 2%) damit aufhört großzügig Geld zu drucken, womöglich auch noch vor Wahlen. Da ist die Geldpolitik wohl doch besser bei einer unabhängigen Notenbank angesiedelt.

Was die Ausweitung der Staatsverschuldung bei unabhängiger Notenbank betrifft bin ich insbesondere von Japan beeindruckt. Die können seit Jahrzehnten mit extrem hoher Staatsverschuldung leben, und das gar nicht mal so schlecht. Daran gemessen gibt es hier in Deutschland noch gigantischen Spielraum für neue Staatsschulden. Noch dazu bei der aktuell teilweise negativen Verzinsung von Staatsanleihen.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon z4ubi » Mo 15. Apr 2019, 17:21

Orbiter1 hat geschrieben:(15 Apr 2019, 12:14)

Gemäß der immer populärer werdenden Modern Monetary Theory https://de.wikipedia.org/wiki/Modern_Mo ... prov=sfla1 und https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/ ... tand-5vor8 liegt die Ursache von Arbeitslosigkeit u.a. in einem zu geringen Staatsdefizit. Diese Theorie sieht auch den Staat als Schöpfer der Währung und eine exzessive Ausweitung der Schulden ist kein ernsthaftes Problem. In den linken Keisen in den USA bekommt der Ansatz immer mehr Zulauf und selbst Trump erhöht die Staatsschulden um ca 1.000 Mrd $ pro Jahr, obwohl die Konjunktur eigentlich gut läuft. Inzwischen ist man in den USA bei einer Staatsverschuldung von etwa 107% des BIP angelangt. Auch in China steigt diese Staatsschuldenquote um 2 - 4% pro Jahr, in Summe sind das allerdings bisher nur 51% des BIP. Nur die EU will da nicht so recht mitmachen und hat sich ein Spardiktat auferlegt, auch wenn es nur mühsam eingehalten wird. Wie ist da eure Sicht? Haben es die trotteligen Europäer einfach nicht kapiert dass immer stärker steigende Staatsschulden kein ernsthaftes Problem sind, oder wird es in USA, Japan (die bereits mit über 235% des BIP verschuldet sind) und auch China irgendwann doch noch ein Böses Erwachen geben?


Das Schlimmste, was passieren kann, wenn sich ein Staat in seiner eigenen Währung verschuldet, ist die Entwertung der Währung. Ein Grund, warum die Zentralbanken ja vor allem auf die Inflationsrate achten.

Aus geldtheoretischer Sicht ist es grundsätzlich egal, wer sich in einem Fiatmoneysystem verschuldet. Irgendwer sollte es aber tun.
Wenn sich also in Japan Unternehmen und Privathaushalte nicht verschulden wollen und sich auch das Ausland nicht zusätlich verschulden will (Leistungsbilanz-/Handelsüberschüsse), dann ist es durchaus nachvollziehbar, dass der Staat wie z.B. in Japan einspringt.
In der Schweiz ist das Gegenteil der Fall. Niedrige Staatsverschuldung, hohe Privatverschuldung. Beides starke Volkswirtschaften mit niedriger Inflation niedrigem Wirtschaftswachstum.
Viele Wege führen nach Rom. ;)

Die Eurozone ist ein Sonderfall. Die Einzelstaaten haben hier keine eigene Währung mehr. Für jeden Staat besteht die Gefahr, dass die EZB die Staatsanleihen der Mitgliedsstaaten nicht mehr akzeptiert. (Eurobudget/Eurobonds wären Möglichkeit dieses Problem zu lösen)
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Alter Stubentiger » Mo 15. Apr 2019, 18:14

Orbiter1 hat geschrieben:(15 Apr 2019, 12:14)

Gemäß der immer populärer werdenden Modern Monetary Theory https://de.wikipedia.org/wiki/Modern_Mo ... prov=sfla1 und https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-04/ ... tand-5vor8 liegt die Ursache von Arbeitslosigkeit u.a. in einem zu geringen Staatsdefizit. Diese Theorie sieht auch den Staat als Schöpfer der Währung und eine exzessive Ausweitung der Schulden ist kein ernsthaftes Problem. In den linken Keisen in den USA bekommt der Ansatz immer mehr Zulauf und selbst Trump erhöht die Staatsschulden um ca 1.000 Mrd $ pro Jahr, obwohl die Konjunktur eigentlich gut läuft. Inzwischen ist man in den USA bei einer Staatsverschuldung von etwa 107% des BIP angelangt. Auch in China steigt diese Staatsschuldenquote um 2 - 4% pro Jahr, in Summe sind das allerdings bisher nur 51% des BIP. Nur die EU will da nicht so recht mitmachen und hat sich ein Spardiktat auferlegt, auch wenn es nur mühsam eingehalten wird. Wie ist da eure Sicht? Haben es die trotteligen Europäer einfach nicht kapiert dass immer stärker steigende Staatsschulden kein ernsthaftes Problem sind, oder wird es in USA, Japan (die bereits mit über 235% des BIP verschuldet sind) und auch China irgendwann doch noch ein Böses Erwachen geben?


Wenn also der Staat wie in Venezuela Geld druckt ohne Ende lösen sich alle Probleme in Luft auf oder wie?

Damit eine Wirtschaft funktioniert muß es eine Wertschöpfung geben. Die Wirtschaft muß einen Mehrwert erzeugen. Die Geldmenge ist nur soweit auszuweiten wie es nötig ist damit die Wirtschaft eine Wertschöpfung zu erzielen. Dann stehen Geldmenge und Wirtschaftskraft in Einklang.

Wer meint man bräuchte nur die Geldmenge zu erhöhen oder dafür zu sorgen dass die Bevölkerung an billige Kredite kommt hat immer und immer wieder sein blaues Wunder erlebt. Auch in den USA wo billige Kredite die Subprime-Krise auslösten oder ganz aktuell in der Türkei wo die private Verschuldung die Inflation explodieren läßt. Von Venezuela ganz zu schweigen wo alles Gelddrucken nicht mehr reicht um auch nur die grundsätzlichste Wirtschaft am laufen zu halten.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Skull » Mo 15. Apr 2019, 18:45

Orbiter1 hat geschrieben:(15 Apr 2019, 12:14)

Haben es die trotteligen Europäer einfach nicht kapiert dass immer stärker steigende Staatsschulden
kein ernsthaftes Problem sind,

oder wird es in USA, Japan (die bereits mit über 235% des BIP verschuldet sind)
und auch China irgendwann doch noch ein Böses Erwachen geben?

Ich bin natürlich ganz klar der Meinung von zweiterem.

Jahre bzw. Jahrzehnte später...werden wir es aber erst sehen (können).

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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Adam Smith » Mo 15. Apr 2019, 18:55

BlueMonday hat geschrieben:(15 Apr 2019, 13:34)

Letztlich basiert die mechanische Sicht der MMT auf der Quantitätsgleichung und dessen Fehlinterpretation:

"Y = C + I + G + (X − M)

mit:
C (consumption) I (investment) G (government spending) X (exports) M (imports)


Das ist hier nicht die Quantitätsgleichung. Die lautet so.

M x V = P x T

Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit = Preisniveau x Transaktionen

https://de.wikipedia.org/wiki/Quantitätsgleichung

Das Preisniveau kann laut diese Gleichung gleich bleiben, auch wenn sich die Geldmenge stark erhöht.

Es handelt es hier um den Multiplikatoreffekt. Die Gleichung ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.

Als Multiplikator kommen im Rahmen der Nachfrageförderung alle Bestandteile der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage


https://de.wikipedia.org/wiki/Multiplikator_(Volkswirtschaft)
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Orbiter1 » Mo 15. Apr 2019, 19:24

Skull hat geschrieben:(15 Apr 2019, 18:45)

Ich bin natürlich ganz klar der Meinung von zweiterem.

Jahre bzw. Jahrzehnte später...werden wir es aber erst sehen (können).
Japan ist doch bereits seit Jahrzehnten hochverschuldet, negative Auswirkungen sind aber nicht erkennbar. Warum sollte das nicht auch anderen Staaten gelingen?
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Skull » Mo 15. Apr 2019, 19:41

Orbiter1 hat geschrieben:(15 Apr 2019, 19:24)

Japan ist doch bereits seit Jahrzehnten hochverschuldet,
negative Auswirkungen sind aber nicht erkennbar.
Warum sollte das nicht auch anderen Staaten gelingen?

Japan ist inländisch verschuldet.

Und ob das noch weitere 20 Jahre so „gutgehen“ wird, ist ebenfalls ein Blick in die Glaskugel.

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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Adam Smith » Mo 15. Apr 2019, 20:21

Orbiter1 hat geschrieben:(15 Apr 2019, 19:24)

Japan ist doch bereits seit Jahrzehnten hochverschuldet, negative Auswirkungen sind aber nicht erkennbar. Warum sollte das nicht auch anderen Staaten gelingen?


Auf der Seite 32 steht wo sich der japanische Staat verschuldet hat. Trillionen sind natürlich Billionen. Die Quelle ist der Staat selber bzw. die japanische Zentralbank.

https://www.mof.go.jp/english/budget/bu ... 017/04.pdf

Hier gibt es die aktuellen Staatseinnahmen zu sehen.

https://www.mof.go.jp/english/budget/bu ... 019/01.pdf
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Maikel » Mo 15. Apr 2019, 20:27

Alter Stubentiger hat geschrieben:(15 Apr 2019, 18:14)

Wenn also der Staat wie in Venezuela Geld druckt ohne Ende lösen sich alle Probleme in Luft auf oder wie?

Nö, wieso? Lt. MMT führt das Geld drucken nicht zu einem ernsthaften Problem, wobei die Frage ist, was man "ernsthaft" nennt.
Von der Lösung eines Problems ist da nicht die Rede.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Alter Stubentiger » Di 16. Apr 2019, 07:15

Maikel hat geschrieben:(15 Apr 2019, 20:27)

Nö, wieso? Lt. MMT führt das Geld drucken nicht zu einem ernsthaften Problem, wobei die Frage ist, was man "ernsthaft" nennt.
Von der Lösung eines Problems ist da nicht die Rede.

Man kann die Probleme durch Gelddrucken aber überall da sehen wo es geschieht und auch Beispiele aus der Vergangenheit zeigen nur Probleme.

Wie kann sich also jemand hinstellen und so tun als gäbe es keine entsprechenden Erfahrungen? Weil die Theorie in Wirklichkeit nur zu schön klingt um wahr zu sein?
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Alter Stubentiger » Di 16. Apr 2019, 07:23

Orbiter1 hat geschrieben:(15 Apr 2019, 19:24)

Japan ist doch bereits seit Jahrzehnten hochverschuldet, negative Auswirkungen sind aber nicht erkennbar. Warum sollte das nicht auch anderen Staaten gelingen?

Japan hat sich bei der eigenen Bevölkerung verschuldet. Zu sehr niedrigen Zinsen. Bei der Generation Babyboomer. Die geht jetzt in Rente und braucht dafür auch das Geld.
Und Japan gibt die Hälfte der Steuereinnahmen für den Schuldendienst aus. Das System ist also nicht ganz unproblematisch. Und sehr spezifisch japanisch. Daraus abzuleiten dass ewiges Gelddrucken Vorteile hat ist mehr als gewagt.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon John Galt » Di 16. Apr 2019, 07:37

Die Staatsschuldenfanatiker vergessen oftmals sich zur Relation das Staatsvermögen anzuschauen. Deutschland hatte bis 1990 ein ziemliches Nettovermögen als Staat angehäuft und in Folge der Wende verprasst.

https://i.imgur.com/ZohZslr.jpg

So ähnlich habe ich auch eine DIW-Grafik im Hinterkopf.

Bei den USA sieht es so aus, dass 20 Billionen Dollar Schulden etwa 100 Billionen Dollar Staatsvermögen entgegenstehen, wobei das meiste auf Land und Bodenschätze entfällt.
Interessant wäre es wie es in Italien oder Japan aussieht, vermutlich besteht dort längst ein negatives Staatsvermögen.

Das Problem sind nicht die Summen, sondern eher die Effekte, wenn der Staat die privaten Investitionen verdrängt.

MMT auf längere Sicht produziert jedoch nur buntes Klopapier, da muss man sich nichts vormachen.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Adam Smith » Di 16. Apr 2019, 08:07

Alter Stubentiger hat geschrieben:(16 Apr 2019, 07:23)

Japan hat sich bei der eigenen Bevölkerung verschuldet. Zu sehr niedrigen Zinsen. Bei der Generation Babyboomer. Die geht jetzt in Rente und braucht dafür auch das Geld.
Und Japan gibt die Hälfte der Steuereinnahmen für den Schuldendienst aus. Das System ist also nicht ganz unproblematisch. Und sehr spezifisch japanisch. Daraus abzuleiten dass ewiges Gelddrucken Vorteile hat ist mehr als gewagt.


In Japan gibt es zwei Generationen von Babyboomern. Die erste ist schon in Rente. Die zweite Generation geht in 20 Jahren in Rente.
Die Hälfte der Steuereinnahmen gibt der Staat auch nicht für den Schuldendienst aus, sondern nur ein Viertel. Dafür bestehen 1/3 der Einnahmen aus neuen Staatsanleihen.

Ich habe hier doch zwei Links eingestellt.

Hier mal zum Vergleich Deutschland

https://www.bundeshaushalt.de/#/2019/so ... lplan.html

Etwas mehr als 5% der Ausgaben betreffen den Schuldendienst. Das ist solide. Bei den Einnahmen sind es 0%. Natürlich ersetzen ständig neue Schulden alte Schulden.

Japan wollte mal im Jahr 2020 einen Primärüberschus erzielen. Neue Schulden nur maximal so gross oder kleiner wie die Zinsausgaben. Das schaffen die nicht.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon Dampflok94 » Di 16. Apr 2019, 11:17

In der Zeit gab es ein sehr interessantes Interview mit Stephanie Kelton, leider hinter der Pay-Wall. In diesem geht sie davon aus, dass nur die Inflation die Staatsverschuldung begrenzt. Sie ist überzeugt, man könne mittels der Staatsverschuldung Zeiten der Rezession beenden. Sie bringt gerne das Biber Beispiel. Wann der Biber einen Bau bauen will, dann legt er einfach los. Er wartet nicht bis genug Geld für den Bau vorhanden ist. Sie meint, warum sollte das bei Menschen anders sein. Man kann sich schon fragen, wie es zu so etwas wie der großen Depression kommen konnte. Menschen werden arbeitslos und fallen für die Nachfrage nach Konsumgütern aus. Was die Arbeitslosigkeit verstetigt. Da lief ja offensichtlich was schief.

Ob die MMT der Weisheit letzter Schluß ist, weiß ich nicht. Das größte Problem dürfte sein zu erkennen wann Schluß ist mit der Gelderschaffung. Um eben nicht in die Inflationsfalle rein zu rennen. Vor allem falls man der Politik das überläßt. Werden die Geldhahn zudrehen wenn Wahlen bevor stehen? Das ist ja schon das Problem bei Keynes. Der Ansatz ist ja vernünftig. Und die Politik hat mit dem deficit spending bei schlechter Konjunktur auch kein Problem. Die Kohle wieder einzusammeln, wenn die Wirtschaft wieder läuft, das ist das Problem.
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Re: Exzessive Staatsverschuldung ist kein Problem

Beitragvon franktoast » Di 16. Apr 2019, 11:42

Dampflok94 hat geschrieben:(16 Apr 2019, 11:17)

In der Zeit gab es ein sehr interessantes Interview mit Stephanie Kelton, leider hinter der Pay-Wall. In diesem geht sie davon aus, dass nur die Inflation die Staatsverschuldung begrenzt. Sie ist überzeugt, man könne mittels der Staatsverschuldung Zeiten der Rezession beenden. Sie bringt gerne das Biber Beispiel. Wann der Biber einen Bau bauen will, dann legt er einfach los. Er wartet nicht bis genug Geld für den Bau vorhanden ist. Sie meint, warum sollte das bei Menschen anders sein. Man kann sich schon fragen, wie es zu so etwas wie der großen Depression kommen konnte. Menschen werden arbeitslos und fallen für die Nachfrage nach Konsumgütern aus. Was die Arbeitslosigkeit verstetigt. Da lief ja offensichtlich was schief.


Nach der Boom-Bust-Cylce Theorie der Österreicher Schule ist es relativ klar. Eben durch das Gelddrucken bzwl. zusätzliche Verschuldung entstehen Blasen: zB. aktuell: extrem niedrige Zinsen führen zu einer höheren Nachfrage bei Immobilien. Klar, da die Bauunternehmen das Angebot nicht so schnell ausweiten können bzw. beliebt gelegener Boden nicht vermehrt werden kann, kommt es zu höheren Preisen. Nicht falsch verstehen. Das wäre womöglich ohne expansive Geldpolitik auch passiert. Eben weil das Leben in der Stadt eben attraktiver wird. Aber durch die Geldpolitik wird dies verstärkt. Eigentlich ist es ja so: Wenn die Menschen nicht warten können und lieber im Hier und Jetzt konsumieren wollen, dann wird relativ wenig gespart und Zinsen sind hoch. Also werden va. lange dauernde Investitionen weniger oft ausgeübt. Passt ja, die Menschen wollen es so. Ressourcen werden stattdessen zur Konsumgüterherstellung im Hier und Jetzt verwendet.
Wenn aber nun beides gleichzeitig steigen soll, kommt es zu höheren Preisen bzw. zu Blasen.

Wenn eine Blase platzt, müssen Ressourcen neu angeordnet werden. zB. sinkt die Nachfrage nach Immobilien. Die Bauunternehmen brauchen deutlich weniger Arbeiter und Maschinen. Die Arbeiter sind aber nun mal dort ausgebildet und sie finden nicht sofort eine neue andere Stelle.

Zu dem Biberbeispiel: Das funktioniert aber nur, wenn der Biberbau beliebig erweiterbar und auch im Kleinen Sinn macht. Wenn es nur Ziegel für ein 50m² Haus gibt, du aber das Fundament für ein 100m² Haus legst, dann hast du bald ein Problem.
Ein freier Mensch muß es ertragen können, daß seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und muß sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen.

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