Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Moderator: Moderatoren Forum 7

Benutzeravatar
Tom Bombadil
Beiträge: 43478
Registriert: Sa 31. Mai 2008, 16:27
Benutzertitel: Non Soli Cedit

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 3. Dez 2019, 00:38

Realist2014 hat geschrieben:(02 Dec 2019, 15:46)

Das die Unternehmen in Rumänien und Bulgarien die gleichen HOHEN Löhne zahlen wie die Unternehmen in D?

Deutschland soll in Rumänien und Bulgarien hohe Löhne auch für Arbeitslose bezahlen. Wäre doch nur gerecht :cool:
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
Diffamierer der Linken.
Benutzeravatar
naddy
Beiträge: 1128
Registriert: Mo 18. Mär 2019, 11:50

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon naddy » Di 3. Dez 2019, 02:31

H2O hat geschrieben:(02 Dec 2019, 22:46)

Denn eine andere Botschaft kann ich Ihrem Wutausbruch auch nicht entnehmen.


"Eine andere Botschaft..nicht entnehmen" zu können ist nicht selten eine Folge der Weigerung, Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Wie wär's denn alternativ zu Ihrem "Wutausbruch"-Gepöbel mit dem Versuch, wenigstens zur von mir verlinkten Juncker-Studie bezüglich "Wirtschafts- und Währungsunion EU" Stellung zu nehmen, wenn Ihnen meine Darstellung nicht schmeckt? Zuviel Arbeit? Keine Argumente?

Das Wünschenswerte als Lösung kann jeder erklären, den Weg dahin leider nur wenige.


Oh, das überrascht mich jetzt. Ich dachte bisher, hier werden Meinungen zu aktuellen politischen Fragen ausgetauscht. Dass außer mir hier nur aktive Politiker anwesend sind, die an Lösungen für diese Fragen arbeiten, ist mir in der Tat entgangen. Wie weit seid ihr denn schon?

Falls Sie gelegentlich an unerträglicher Langeweile leiden sollten, empfehle ich, doch mal einen Blick in die Juncker-Studie zu werfen. Der hat nämlich ein paar Ideen. Und hebt sich damit wohltuend von Leuten ab, denen "...leider gerade keine bessere Welt einfällt".
"Das gefährliche an der Dummheit ist, daß sie die dumm macht, die ihr begegnen." (Sokrates).
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon H2O » Di 3. Dez 2019, 09:36

naddy hat geschrieben:(03 Dec 2019, 02:31)

"Eine andere Botschaft..nicht entnehmen" zu können ist nicht selten eine Folge der Weigerung, Fakten zur Kenntnis zu nehmen. Wie wär's denn alternativ zu Ihrem "Wutausbruch"-Gepöbel mit dem Versuch, wenigstens zur von mir verlinkten Juncker-Studie bezüglich "Wirtschafts- und Währungsunion EU" Stellung zu nehmen, wenn Ihnen meine Darstellung nicht schmeckt? Zuviel Arbeit? Keine Argumente?



Oh, das überrascht mich jetzt. Ich dachte bisher, hier werden Meinungen zu aktuellen politischen Fragen ausgetauscht. Dass außer mir hier nur aktive Politiker anwesend sind, die an Lösungen für diese Fragen arbeiten, ist mir in der Tat entgangen. Wie weit seid ihr denn schon?

Falls Sie gelegentlich an unerträglicher Langeweile leiden sollten, empfehle ich, doch mal einen Blick in die Juncker-Studie zu werfen. Der hat nämlich ein paar Ideen. Und hebt sich damit wohltuend von Leuten ab, denen "...leider gerade keine bessere Welt einfällt".


Dann wäre meine Frage nur noch, warum Herr Juncker denn seinen guten Plan nicht umgesetzt hat. Da muß es wohl Widerstände derer gegeben haben, die für den Spaß die Mittel locker machen sollten.

Schimpfen Sie sich hier in aller Entschiedenheit alles von der Seele, was Sie belastet. Das wird schon wieder!
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 14861
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 3. Dez 2019, 10:52

Das Juncker-Papier bezieht sich doch eigentlich nur auf die EU-Staaten im Euro-Raum, oder?

Soweit ich erkenne, haben sich Länder wie Polen von ihren Euro-Plänen inzwischen verabschiedet. Nicht zuletzt, weil die Möglichkeit der Abwertung der eigenen nationalen Währung zusätzliche Spielräume ermöglicht. Und das Beispiel Griechenland in dieser Hinsicht eher abschreckend wirkt.

Dieses Bild vom fertig zu bauenden Haus Europa mit wenigstens annähernd gleichen Sozialstandards ... ist das nicht eine Illusion? Und vor allem ein "Rezept von Oben?"

Anfang des Jahres gab es bei Audi Hungaria einen Streik. Mit der Folge, dass auch in Ingolstadt alles still stand. Sämtliche Motoren (auch Elektro) bei Audi werden in Ungarn entwickelt und gebaut. Dann gab es eine Einigung über eine Lohnerhöhung von 18 Prozent. Hat das Herr Juncker vermittelt? Ich glaube nicht.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Realist2014
Beiträge: 46399
Registriert: Mo 26. Mai 2014, 15:12
Benutzertitel: Sozialer Marktwirtschaftler
Wohnort: München , Stadt des FC Bayern

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon Realist2014 » Di 3. Dez 2019, 11:08

Tom Bombadil hat geschrieben:(03 Dec 2019, 00:38)

Deutschland soll in Rumänien und Bulgarien hohe Löhne auch für Arbeitslose bezahlen. Wäre doch nur gerecht :cool:



Arbeitslose beziehen "Löhne"????


Was es nicht alls gibt...
Laut Aussage der linken Ideologen sind alle ökonomisch erfolgreichen dumm, und die wahre Intelligenz tritt sich in der untersten ökonomischen Etage auf die Füße.....daher muss diese Etage ausgebaut werden
Benutzeravatar
Tom Bombadil
Beiträge: 43478
Registriert: Sa 31. Mai 2008, 16:27
Benutzertitel: Non Soli Cedit

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 3. Dez 2019, 11:09

Realist2014 hat geschrieben:(03 Dec 2019, 11:08)

Was es nicht alls gibt...

Macht doch nix :cool:
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
Diffamierer der Linken.
Benutzeravatar
Realist2014
Beiträge: 46399
Registriert: Mo 26. Mai 2014, 15:12
Benutzertitel: Sozialer Marktwirtschaftler
Wohnort: München , Stadt des FC Bayern

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon Realist2014 » Di 3. Dez 2019, 11:11

Tom Bombadil hat geschrieben:(03 Dec 2019, 11:09)

Macht doch nix :cool:



Du meinst, die "Wünsche" der "Sozialgerechten" einfach belustigt beobachten? :D
Laut Aussage der linken Ideologen sind alle ökonomisch erfolgreichen dumm, und die wahre Intelligenz tritt sich in der untersten ökonomischen Etage auf die Füße.....daher muss diese Etage ausgebaut werden
Benutzeravatar
Tom Bombadil
Beiträge: 43478
Registriert: Sa 31. Mai 2008, 16:27
Benutzertitel: Non Soli Cedit

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon Tom Bombadil » Di 3. Dez 2019, 11:23

Jetzt hast du es erfasst ;)
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
Diffamierer der Linken.
Benutzeravatar
naddy
Beiträge: 1128
Registriert: Mo 18. Mär 2019, 11:50

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon naddy » Di 3. Dez 2019, 12:24

H2O hat geschrieben:(03 Dec 2019, 09:36)

Dann wäre meine Frage nur noch, warum Herr Juncker denn seinen guten Plan nicht umgesetzt hat. Da muß es wohl Widerstände derer gegeben haben, die für den Spaß die Mittel locker machen sollten.


Wenn man sich etwas intensiver mit Politik befasst hat, könnte man allerdings auch auf die Idee kommen, dass so etwas Zeit braucht. Insbesondere in der EU-Politik. Aber warum sollte man das tun, wenn man auch so munter drauflos schwadronieren kann?

Schimpfen Sie sich hier in aller Entschiedenheit alles von der Seele, was Sie belastet. Das wird schon wieder!


Sollten derart infame ad hominems nicht eigentlich unter der Würde eines "Moderators" sein? Man lernt scheinbar nie aus...

Sollten auch Sie ihrerseits Interesse an einer psychologischen Ferndiagnose meinerseits haben: Ich stehe zur Verfügung. Nach Eintritt in den Ruhestand sogar kostenlos. Ersatzweise könnte auch helfen, wenn Sie sich die Chronologie unseres kleinen Techtelmechtels ab diesem meinem Beitrag noch einmal durchlesen. Möglicherweise fällt Ihnen dann auf, wer die Debatte emotionalisiert hat.
"Das gefährliche an der Dummheit ist, daß sie die dumm macht, die ihr begegnen." (Sokrates).
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon H2O » Di 3. Dez 2019, 20:46

schokoschendrezki hat geschrieben:(03 Dec 2019, 10:52)

Das Juncker-Papier bezieht sich doch eigentlich nur auf die EU-Staaten im Euro-Raum, oder?

Soweit ich erkenne, haben sich Länder wie Polen von ihren Euro-Plänen inzwischen verabschiedet. Nicht zuletzt, weil die Möglichkeit der Abwertung der eigenen nationalen Währung zusätzliche Spielräume ermöglicht. Und das Beispiel Griechenland in dieser Hinsicht eher abschreckend wirkt.

Dieses Bild vom fertig zu bauenden Haus Europa mit wenigstens annähernd gleichen Sozialstandards ... ist das nicht eine Illusion? Und vor allem ein "Rezept von Oben?"

Anfang des Jahres gab es bei Audi Hungaria einen Streik. Mit der Folge, dass auch in Ingolstadt alles still stand. Sämtliche Motoren (auch Elektro) bei Audi werden in Ungarn entwickelt und gebaut. Dann gab es eine Einigung über eine Lohnerhöhung von 18 Prozent. Hat das Herr Juncker vermittelt? Ich glaube nicht.


Ich sehe auch aus meiner "polnischen Sicht", daß sich die Menschen ihren Platz selbst erstreiten müssen. Man kann Rahmenbedingungen für den Streit setzen, aber
kämpfen müssen die Betroffenen dann doch allein. Ihre Ungarn machen das ganz richtig.
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon H2O » Di 3. Dez 2019, 20:50

naddy hat geschrieben:(03 Dec 2019, 12:24)

Wenn man sich etwas intensiver mit Politik befasst hat, könnte man allerdings auch auf die Idee kommen, dass so etwas Zeit braucht. Insbesondere in der EU-Politik. Aber warum sollte man das tun, wenn man auch so munter drauflos schwadronieren kann?


Das überrascht mich jetzt aber. Gut, daß Sie diese Einsicht gewonnen haben.

Sollten derart infame ad hominems nicht eigentlich unter der Würde eines "Moderators" sein? Man lernt scheinbar nie aus...
Auch da ist etwas dran!
Sollten auch Sie ihrerseits Interesse an einer psychologischen Ferndiagnose meinerseits haben: Ich stehe zur Verfügung. Nach Eintritt in den Ruhestand sogar kostenlos. Ersatzweise könnte auch helfen, wenn Sie sich die Chronologie unseres kleinen Techtelmechtels ab diesem meinem Beitrag noch einmal durchlesen. Möglicherweise fällt Ihnen dann auf, wer die Debatte emotionalisiert hat.

Brauchen Sie das?
Benutzeravatar
naddy
Beiträge: 1128
Registriert: Mo 18. Mär 2019, 11:50

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon naddy » Di 3. Dez 2019, 21:23

H2O hat geschrieben:(03 Dec 2019, 20:50)

Das überrascht mich jetzt aber. Gut, daß Sie diese Einsicht gewonnen haben.


Welche Einsicht soll ich denn gewonnen haben? Wenn ich nicht irre, habe ich die Juncker-Studie hier eingestellt. Wie sah Ihre Reaktion darauf nochmal aus?

naddy hat geschrieben:Sollten auch Sie ihrerseits Interesse an einer psychologischen Ferndiagnose meinerseits haben: Ich stehe zur Verfügung. Nach Eintritt in den Ruhestand sogar kostenlos. Ersatzweise könnte auch helfen, wenn Sie sich die Chronologie unseres kleinen Techtelmechtels ab diesem meinem Beitrag noch einmal durchlesen. Möglicherweise fällt Ihnen dann auf, wer die Debatte emotionalisiert hat.


Brauchen Sie das?


Ich eher nicht, aber Sie vielleicht? Gewöhnlich nennt man sowas "Retourkutsche", in diesem konkreten Fall sogar noch ergänzt durch einen freundlichen Rat. im günstigsten Fall kann das "Einsicht" auslösen, meistens aber leider nicht.

Belassen wir es dabei.
"Das gefährliche an der Dummheit ist, daß sie die dumm macht, die ihr begegnen." (Sokrates).
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon H2O » Di 3. Dez 2019, 22:07

Belassen wir es dabei.


Nein, die EU ohne lästige Grenzen, die will ich weiterhin. Aber das dauert, wie Sie bemerkt haben.
Benutzeravatar
Kloß mit Soß
Beiträge: 248
Registriert: Sa 13. Jun 2020, 18:44

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon Kloß mit Soß » Di 16. Jun 2020, 19:03

Ob der Nationalstaat überdauert wird? Gute Frage. Eine Kulturgemeinschaft wird immer einen Weg suchen, ihre Kultur und Lebensweise zu erhalten und zu schützen, was somit immer zu internationaler Polarisierung führen wird. Eine globale Regierung in Harmonie ist soweit weg von der menschlichen Natur, dass ihre Realumsetzung nur in einer Dystopie enden kann.

Aber spezifisch Nationalstaat? Das muss in 100 Jahren nicht zwangsläufig überall der Fall sein, ein "Europa der Regionen", wie es immer mal wieder gefordert wird, hätte für Regionen an Kulturgrenzen sicher Vorteile, Schleswig zum Beispiel, oder Südtirol. Auf der anderen Seite werden die Sprachen immer einen Hauptnenner definieren und ein "wir" und "die" festlegen, allerdings klappt das in Kanada ja auch ganz gut. Das die USA jemals aufhören werden ein Nationalstaat zu sein glaube ich wiederum weniger, da er die Kultur des Landes ist.
KOH 12:5
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon H2O » So 21. Jun 2020, 08:22

Im Zeitalter der Globalisierung verschwinden die ganz großen kulturellen Unterschiede. Am besten zu besichtigen im eigenen Land: Volkslieder in Liederbüchern, kaum noch gesungen. Musik zur Unterhaltung, die überall zu vermarkten ist. Baukunst? Schuhkarton allerorten. Trachten vielfältig, wenn sie nur Jeans sind. Essen und Trinken... fast wie überall, aber am liebsten Pizza. Andenken im Angebot, Made in China. Spielzeug für Kinder und Erwachsene global.

In Polen: Warenangebot europäisch, Fuhrpark deckungsgleich und eine Regierung national-konservativ, die etwas zu retten versucht, was auf Dauer nicht zu retten ist.

In Italien: Musikkultur italienisch auf dem Rückmarsch (sehr schade!), Warenangebot europäisch, ok, ein paar mehr Weinsorten im Regal, Fuhrpark fast deckungsgleich, etwas mehr FIAT vertreten.

In Frankreich: Musikkultur französisch auf dem Rückmarsch (sehr schade!), Warenangebot europäisch, ok, ein paar mehr Weinsorten im Regal, Fuhrpark fast deckungsgleich, etwas mehr Renault und Peugeot im Verkehr

Bleiben die unterschiedlichen Sprachen... na, wenn's denn gar nicht klappt, dann Englisch.

Manchmal bedauere ich den Verlust an Eigenart. Aber mit Blick auf Europa wird er sich fortsetzen. Die Einförmigkeit bietet eben vergleichbare Chancen in Europa... und das war doch das Ziel der europäischen Einigung.

Der Auslöser für diese Änderung liegt vermutlich im 2. Weltkrieg; danach war die angloamerikanische kulturelle Dominanz so groß, daß sie inzwischen Teil jeder der europäischen Nationalkulturen geworden ist. Das führt zur Angleichung.
Benutzeravatar
Kloß mit Soß
Beiträge: 248
Registriert: Sa 13. Jun 2020, 18:44

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon Kloß mit Soß » So 21. Jun 2020, 10:17

Derartige Angleichungen gab es in der Vergangenheit auch schon, beispielsweise im napoleonischen Europa. Es wurde in Deutschland französisch gesprochen, gedacht und geschrieben. Im folgenden Jahrzehnt wurde ein großer Anteil dessen aufgefahren, was wir heute als deutsches Kulturgut betrachten: Das wiederentdeckte Nibelungenlied (wurde zwar schon im 18. Jahrhundert entdeckt, hat nur keinen Mensch interessiert), die Vertonung der Volkslieder, die Märchensammlung der Gebrüder Grimm. Das war großteilig keine Neuerschaffung, sondern die Konservierung und Reaktivierung bereits bestehender Mythen und Lieder. Wenn man bedenkt, dass sie damit eine von politischen Herrschaftsformen unabhängige kulturelle Basis für mindestens die folgenden 150 Jahre etabliert haben sehe ich in der aktuellen Situation da bisher nichts verloren.

Mit dem Austritt Großbritanniens aus der EU sind wir in die komfortable Situation gekommen, mit Englisch eine übergeordnete Sprache zu haben, die nicht mehr mit (größeren) Nationalismen in der Union belegt ist. Ich sehe durchaus die Möglichkeit und auch die Bereitschaft innerhalb Europas, bei wichtigen Fragen oder äußeren Bedrohungen im europäischen Gedanken näher zusammenzurücken, da ändern auch die nationalen Alleingänge während der Pandemie nichts, alles andere wäre in meinen Augen unvernünftig gewesen. In dem Kulturstreit um Zuwanderung, der in Europa ja durchaus erkennbar ist, sehe ich die Problematik vor allem bei Ländern, die der Idee des Multikulturalismus aus der Bewältigung historischer Verfehlungen in Bezug auf Faschismus oder Kolonialismus heraus nachgehen. Dass die Streitigkeiten sich nicht nur mit dem einfachen Hinweis auf die Ost/West-Diskrepanz und ein vermeintliches Fortschritts-Denken erklären lassen zeigt außerhalb des Kontextes der EU da beispielsweise die Schweiz.

Die Einförmigkeit in einigen Feldern wird in Europa sicher vorangehen, rechtliche Grundlagen, vielleicht irgendwann sogar Finanzhaushalt und Verteidigung, das wäre auf lange Sicht aus meiner Sicht auch sinnvoll. Die unterschiedlichen Kulturen und deren lange Geschichte sind allerdings die größte Stärke Europas, sie sind die Grundlage für das Verständnis unseres Wertesystems und der freiheitlichen Demokratie. Politische Bestrebungen, sie durch eine künstliche transeuropäische Kultur zu ersetzen halte ich im Zuge dessen nicht nur für unrealistisch, sondern auch für gefährlich, da sie zwangsläufig nationalistische Tendenzen und innere Instabilität als Reaktion darauf vorantreiben.
KOH 12:5
Benutzeravatar
H2O
Moderator
Beiträge: 30578
Registriert: So 13. Sep 2015, 13:49

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon H2O » So 21. Jun 2020, 15:43

Der Vergleich unserer heutigen Entwicklung mit der Zeit der Napoleonischen Eroberungen scheint mir nicht so schlüssig zu sein. Richtig ist die Feststellung, daß der Citoyen französisch parlierte, wenn er es besonders gut mit sich meinte. Ich meine aber, daß diese Dominanz schon auf das Königreich Frankreich zurück geht, das zu seiner Zeit in Europa wohl alle anderen Kulturzentren überstrahlte. Jeder kleine Provinzfürst im HRR versuchte doch, den französischen Stil in Kleidung, Sprache und Bauten nach zu ahmen. Der Alte Fritz ganz vorneweg.

Der französische Kaiser hat den deutschen Nationalismus ungewollt gefördert durch zu hohe Besatzungslasten und abwertende Urteile, die Bürger und Adel erzürnten. Das schlechte Beispiel eines Ernst Moritz Arndt und das deutschtümelnde Gehabe eines Turnvaters Jahn stehen für diese nationalistische Zeit, die bis zum Ende des 2. Weltkriegs zu immer neuen Besoffenheiten führte. Aber trösten wir uns... der Nationalismus hatte alle Völker Europas erfaßt und in Wahnvorstellungen gestürzt, die sich im 1. Weltkrieg entluden.

Die Globalisierung, offene Grenzen in EU-Europa, Telekommunikation und weiträumiges Verkehrswesen haben eine bisher nie dagewesene Vertrautheit mit unseren Nachbarn geschaffen. Was im 19. Jahrhundert nur den Eliten vorbehalten war, das ist im 21. Jahrhundert Allgemeingut geworden. Wettsaufen auf Mallorca, ausgelassene Urlaube in bunter Mischung, transnationale Ehepaare, "Gast"-arbeiter, Zuwanderer, Rückwanderer, Auswanderer... alles das ist selbstverständlich geworden.

Ich bin noch in einem Dorf aufgewachsen, wo nur die Männer infolge von "Feldzügen" über Kirchturmsichtweite hinaus die Welt kannten, also die Schützengräben und Panzerschlachten der Weltkriege. Heute muß man suchen, um junge Leute zu finden, die noch nie außer Landes waren, im Urlaub, als Austausschüler, zum Jobben. Inzwischen wird es üblich, einige Semester in Italien oder Frankreich oder in England zu studieren... nicht nur für reiche Leute und selbsternannte Eliten.

Das alles wird Folgen haben, die aus meiner Sicht auf einen Rückgang des Nationalen hinaus laufen zugunsten einer transnationalen Lebensweise, in der jeder Beteiligte dort sein Bestes gibt, wo ihm die persönlichen Zukunftschancen am höchsten erscheinen. Das läuft zusammen mit dem Wettbewerb um die besten Köpfe. Nationalstaaten werden zu Verwaltungsgebieten mit Amtssprachen, aller Voraussicht nach nicht nur einer Verwaltungssprache.

Hier in Polen erlebe ich, wie neben polnischen Regierungstexten diese Texte auch in englischer Sprache vorliegen, wie an Baudenkmälern Tafeln in polnischer, englischer und deutscher Sprache über das Bauwerk und seine Geschichte aufklären. In Amtsgebäuden (Stettin, Schloß der Herzöge von Pommern) findet man Hinweise, welche europäischen Mittel den Ausbau oder die Sanierung des Bauwerks ermöglicht haben.

Und das erlebe ich, der mit den Redensarten von polnischem Chauvinismus und übler Nachrede über Polen aufgewachsen bin. Wer darin keine Veränderungen hin zur offenen Gesellschaft erkennt, der muß mit Blindheit geschlagen sein.

Ganz vergleichbare Erlebnisse von Mensch zu Mensch, von Kollegen zu Kollegen, hatte ich auch in Italien und in Frankreich... als die EU noch am Eisernen Vorhang des Kalten Krieges endete.

Der nächste Schritt geht tatsächlich in Richtung der Harmonisierung unserer Sozialordnungen, unserer Wirtschaftsregularien, unserer Prioritäten für Staatsinvestitionen. Eine gewisse Zappelei ist dabei nicht zu übersehen... aber am Ende gibt es gemeinsame Regeln, in denen wir uns alle einrichten können.
Benutzeravatar
imp
Beiträge: 15647
Registriert: Fr 14. Jul 2017, 20:37
Benutzertitel: Es ist Zeit fuer eine Pause.

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon imp » Mo 13. Jul 2020, 15:24

Kloß mit Soß hat geschrieben:(21 Jun 2020, 10:17)
Das wiederentdeckte Nibelungenlied (wurde zwar schon im 18. Jahrhundert entdeckt, hat nur keinen Mensch interessiert), die Vertonung der Volkslieder, die Märchensammlung der Gebrüder Grimm. Das war großteilig keine Neuerschaffung, sondern die Konservierung und Reaktivierung bereits bestehender Mythen und Lieder. Wenn man bedenkt, dass sie damit eine von politischen Herrschaftsformen unabhängige kulturelle Basis für mindestens die folgenden 150 Jahre etabliert haben sehe ich in der aktuellen Situation da bisher nichts verloren.


Die unterschiedlichen Kulturen und deren lange Geschichte sind allerdings die größte Stärke Europas, sie sind die Grundlage für das Verständnis unseres Wertesystems und der freiheitlichen Demokratie. Politische Bestrebungen, sie durch eine künstliche transeuropäische Kultur zu ersetzen halte ich im Zuge dessen nicht nur für unrealistisch, sondern auch für gefährlich, da sie zwangsläufig nationalistische Tendenzen und innere Instabilität als Reaktion darauf vorantreiben.

(meine Hervorhebung)
Ich frage mich, ob es solche politischen Bestrebungen überhaupt gibt. Nehmen wir mal Deutschland und Österreich: Welche spezifische Kultur gibt es in Österreich, die nicht auch Kultur im deutschen Zusammenhang ist? Immerhin sind dies seit Jahrzehnten zwei Staaten, die sich als voneinander getrennt betrachten und wenn man etwas großzügig drauf schaut, dann ist Österreich seit der kleindeutschen Lösung "nicht Deutschland" - und irgendwie dann in manchen Aspekten doch. Inwieweit ist da eine Bestrebung, solche kulturellen Unterschiede, wenn es sie denn gibt, künstlich einzuebnen?
"Don't say words you gonna regret" - Eric Woolfson
Benutzeravatar
Kloß mit Soß
Beiträge: 248
Registriert: Sa 13. Jun 2020, 18:44

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon Kloß mit Soß » Mo 13. Jul 2020, 17:59

imp hat geschrieben:(13 Jul 2020, 15:24)

(meine Hervorhebung)
Ich frage mich, ob es solche politischen Bestrebungen überhaupt gibt. Nehmen wir mal Deutschland und Österreich: Welche spezifische Kultur gibt es in Österreich, die nicht auch Kultur im deutschen Zusammenhang ist? Immerhin sind dies seit Jahrzehnten zwei Staaten, die sich als voneinander getrennt betrachten und wenn man etwas großzügig drauf schaut, dann ist Österreich seit der kleindeutschen Lösung "nicht Deutschland" - und irgendwie dann in manchen Aspekten doch. Inwieweit ist da eine Bestrebung, solche kulturellen Unterschiede, wenn es sie denn gibt, künstlich einzuebnen?


Österreich ist nicht Deutschland, allerdings ist es deutsch. Sich aus 27 EU-Staaten gerade das Beispiel rauszupicken ist ziemlicher Unsinn, ich denke das siehst du auch selbst.
KOH 12:5
Benutzeravatar
imp
Beiträge: 15647
Registriert: Fr 14. Jul 2017, 20:37
Benutzertitel: Es ist Zeit fuer eine Pause.

Re: Eine Welt ohne Grenzen, der Nationalstaat am Ende?

Beitragvon imp » Mo 13. Jul 2020, 18:02

Kloß mit Soß hat geschrieben:(13 Jul 2020, 17:59)

Österreich ist nicht Deutschland, allerdings ist es deutsch. Sich aus 27 EU-Staaten gerade das Beispiel rauszupicken ist ziemlicher Unsinn, ich denke das siehst du auch selbst.

Es ist ein naheliegendes Beispiel, wenn man die Grenzen der Theorie anschaut. Umgekehrt: Ist Frankreich so kohärent von DOM-TOM bis Ile de France wie Deutschland und Österreich?
"Don't say words you gonna regret" - Eric Woolfson

Zurück zu „70. Philosophie“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast