Fälschungsskandal beim „Spiegel“

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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Quatschki » Sa 22. Dez 2018, 17:33

Vongole hat geschrieben:(22 Dec 2018, 17:14)

Nun, diese Geschichte ist jedenfalls wahr, u.U. geglättet, aber auf Fakten basierend.
Das soll keine Relativierung der Fantasiereportagen Rolitius' sein, ist mir aber aus anderen Gründen wichtig. ;)
http://www.spiegel.de/kultur/gesellscha ... 45196.html

Geldbörsengeschichten werden durch die Statistik entzaubert
Bei 82 Millionen Leuten werden täglich hunderte Geldbörsen verloren und gefunden.
Ein kleiner Teil davon wird ehrlich bei der Behörde abgegeben. Auch das sind immer noch hunderte pro Monat.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Alexyessin » Sa 22. Dez 2018, 18:26

Fliege hat geschrieben:(22 Dec 2018, 17:32)

Am Spiegel hat sich das Prädikat "Lügenpresse" als zutreffend erwiesen,


von einem Fehlverhalten eines Journalisten machst du ein Pauschalurteil.............wie immer.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Quatschki » Sa 22. Dez 2018, 19:28

Vielleicht gibt es ja einen #MeToo-Effekt?
Wo der Korpsgeist erstmal geknackt ist, könnten andere "Morenos" Mut schöpfen.
Bei den Abgasbetrügern oder den pädophilen Pfaffen fing es auch klein an.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Fliege » Sa 22. Dez 2018, 19:38

Alexyessin hat geschrieben:(22 Dec 2018, 18:26)
von einem Fehlverhalten eines Journalisten machst du ein Pauschalurteil.............wie immer.

Du möchtest auf Einzelfall plädieren? *g*
Ich wünsche dir viel Glück.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Fliege » Sa 22. Dez 2018, 19:42

Quatschki hat geschrieben:(22 Dec 2018, 19:28)
Vielleicht gibt es ja einen #MeToo-Effekt?

Ob daraus etwas wird? Immerhin wird schon damit begonnen, wie ich höre, auf Einzelfall zu plädieren. Mit postfaktischer Relativierung kennen sich "Qualitätsjournalisten" immerhin aus.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Alexyessin » Sa 22. Dez 2018, 20:00

Fliege hat geschrieben:(22 Dec 2018, 19:38)

Du möchtest auf Einzelfall plädieren? *g*
Ich wünsche dir viel Glück.


Bis jetzt gibt es keinen Grund daran zu zweifeln. Aber im Pauschalisieren haben sich die Rechten schon gerne die Klinke in die Hand gegeben, daher verwundert mich deine "Antwort" auch nicht
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Gluck » Sa 22. Dez 2018, 20:36

Bissl Schadenfreude gegenüber Sawsan Chebli ist durchaus angebracht:
https://twitter.com/SawsanChebli/status ... 6442118145
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Skeptiker » Sa 22. Dez 2018, 21:09

Alexyessin hat geschrieben:(22 Dec 2018, 20:00)
Bis jetzt gibt es keinen Grund daran zu zweifeln. Aber im Pauschalisieren haben sich die Rechten schon gerne die Klinke in die Hand gegeben, daher verwundert mich deine "Antwort" auch nicht

Du meinst es war ein Einzelfall, dass nur die Reportagen von Class Relotius nicht geprüft wurden? Gab es nur für ihn eine (schlechte) Prüfabteilung und für alle anderen eine andere?

Dir ist doch klar, dass es der eigentliche Skandal ist, dass die Prüfungen - wenn es sie denn gegeben hat - durchgelaufen sind ohne auf ihn aufmerksam zu werden. Dass jemand ein unzureichendes gutgläubiges System manipuliert, kann eigentlich niemanden verwundern. Er hat schlicht maximal Kapital aus den ihm gebotenen Möglichkeiten geschlagen.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Skeptiker » Sa 22. Dez 2018, 21:42

Es wird nun wohl auch geprüft, ob Relotius Spendengelder veruntreut hat.
https://www.welt.de/kultur/medien/artic ... haben.html

Das hat er offenbar von einem privaten Emailkonto aus gemacht - wäre also nicht dem Spiegel anzulasten. Es würde allerdings das Bild von Relotius vervollständigen. Wenn das stimmt, dann könnte man garnicht so viel essen wie man kotzen wollte, mit Blick auf diese Person.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Alexyessin » Sa 22. Dez 2018, 22:15

Skeptiker hat geschrieben:(22 Dec 2018, 21:09)

Du meinst es war ein Einzelfall, dass nur die Reportagen von Class Relotius nicht geprüft wurden? Gab es nur für ihn eine (schlechte) Prüfabteilung und für alle anderen eine andere?

Dir ist doch klar, dass es der eigentliche Skandal ist, dass die Prüfungen - wenn es sie denn gegeben hat - durchgelaufen sind ohne auf ihn aufmerksam zu werden. Dass jemand ein unzureichendes gutgläubiges System manipuliert, kann eigentlich niemanden verwundern. Er hat schlicht maximal Kapital aus den ihm gebotenen Möglichkeiten geschlagen.


Das kann natürlich so verstanden werden wollen. Mit der nötigen Zurechtbiegung .
Oder es war halt einfach ein karrieregeiler Journalist der so lange rumprobiert hat bis es aufgeflogen ist.
Sowas passiert leider in jedem Berufszweig.

Auf der anderen Seite sehe ich durchaus das QM beim Spiegel kritisch. Aber das schon seit Augsteins Tod.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Ebiker » Sa 22. Dez 2018, 22:26

Eines Tages werden Millionen Menschen die südliche Hemisphäre verlassen, um in der nördlichen Hemisphäre einzufallen. Und sie werden sie erobern, indem sie sie mit ihren Kindern bevölkern.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Skeptiker » Sa 22. Dez 2018, 23:09

Hier eine, wie ich finde, interessante Einschätzung von juristischer Seite. Medienanwalt Gerhard Strate im Cicero:
Was ist noch anders beim Betrug von Claas Relotius?
Die Geschichten, die Claas Relotius erzählte, kamen immer schon als Geschichten daher, gefällig und anrührend erzählt. Häufig im Anschluss an die Spiegel-Rubrik „Eine Meldung und ihre Geschichte“, deren Authentizität ebenfalls keine noch so aufmerksame Dokumentation zu überprüfen vermochte. Die „Studentin Lili“, die in Freiburg im Baum lebt, oder der Schüler Dane Best, der in der Kleinstadt Severance in Colorado lebt und verbotenerweise mit Schneebällen wirft, wurden wahrscheinlich auch nie von der Dokumentation dazu befragt. Ein Betrug – nicht im strafrechtlichen, sondern nur im landläufigen Sinne – wird daraus allein dann, wenn der Leser alles für bare Münze nimmt. Also den Spiegel an seinem eigenen Kundenprofil misst, nämlich stets der Wahrheit verpflichtet zu sein.
Der Spiegel hat bislang gegen Claas Relotius keine Strafanzeige erstattet, behält sich dies aber vor. Nach Ihrem Kenntnisstand im Fall: Inwiefern ist das Verhalten von Claas Relotius strafrechtlich relevant?
Ich kann an dem Verhalten von Claas Relotius nichts Strafbares erkennen. Das Erzählen von fiktiven Geschichten ist nicht strafbar. Jeder kann jeden anlügen. Von dieser Regel gibt es nur einige wenige gesetzliche Ausnahmen. Der Pressekodex, der in Ziffer 1 Journalisten zur Wahrhaftigkeit anmahnt, ist kein Gesetz.

https://www.cicero.de/kultur/claas-relo ... ar-fiktion

Habe ich da jetzt irgendetwas verpasst? War das alles nur ein großes Missverständnis? Hat Claas Relotius nur Fantasieromane zu bestimmten Begebenheiten geschrieben und die ganze Welt hat es als auf Tatsachen beruhende Reportage "missverstanden"?

Irgendwann gab es mal so ein Gesetz, welches sich "Vortäuschen falscher Tatsachen" nannte. Hat Relotius seine "Geschichten" nun als wahr verkauft? Wenn ja, dann ist es Betrug. Oder ist das alles wieder viel zu einfach gedacht? :?:
Ich verstehe die Rechtslage jedenfalls so, dass jeder Romane verkaufen kann. Da kann man behaupten was man will, weil es eben eine Fiktion ist. Erzählt man aber in Rahmen einer Reportage eine "Geschichte", dann müsste es schon als Fiktion gekennzeichnet sein, damit der Leser nicht automatisch davon ausgehen müsste, dass es sich um Tatsachen handelt. In meinen Augen ist das also ganz klarer Betrug und ich muss mich sehr wundern welche Rechtsauffassung da geäußert wird. Soll nun der Leser der Dumme sein, weil er "Geschichten" glaubt die im Spiegel stehen? Naja - viele glauben die ja auch nicht mehr …
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Fliege » Sa 22. Dez 2018, 23:57

Gluck hat geschrieben:(22 Dec 2018, 20:36)
Bissl Schadenfreude gegenüber Sawsan Chebli ist durchaus angebracht:
https://twitter.com/SawsanChebli/status ... 6442118145

Nie käme mir in den Sinn, wegen des bedauerlichen Fehltrittes eines Spiegel-Journalisten die Integrität von "Qualitätspolitikern" in Zweifel zu ziehen. ;-)
Schnittblumen verhalten sich zahm, sind aber nicht immer stubenrein; Migrationsdesaster: "wie ein Hippie-Staat"; Klimahysterie: "weltweit dümmste Energiepolitik".
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Ammianus » So 23. Dez 2018, 00:34

Skeptiker hat geschrieben:(22 Dec 2018, 23:09)

Hier eine, wie ich finde, interessante Einschätzung von juristischer Seite. Medienanwalt Gerhard Strate im Cicero:

https://www.cicero.de/kultur/claas-relo ... ar-fiktion

Habe ich da jetzt irgendetwas verpasst? War das alles nur ein großes Missverständnis? Hat Claas Relotius nur Fantasieromane zu bestimmten Begebenheiten geschrieben und die ganze Welt hat es als auf Tatsachen beruhende Reportage "missverstanden"?

Irgendwann gab es mal so ein Gesetz, welches sich "Vortäuschen falscher Tatsachen" nannte. Hat Relotius seine "Geschichten" nun als wahr verkauft? Wenn ja, dann ist es Betrug. Oder ist das alles wieder viel zu einfach gedacht? :?:
Ich verstehe die Rechtslage jedenfalls so, dass jeder Romane verkaufen kann. Da kann man behaupten was man will, weil es eben eine Fiktion ist. Erzählt man aber in Rahmen einer Reportage eine "Geschichte", dann müsste es schon als Fiktion gekennzeichnet sein, damit der Leser nicht automatisch davon ausgehen müsste, dass es sich um Tatsachen handelt. In meinen Augen ist das also ganz klarer Betrug und ich muss mich sehr wundern welche Rechtsauffassung da geäußert wird. Soll nun der Leser der Dumme sein, weil er "Geschichten" glaubt die im Spiegel stehen? Naja - viele glauben die ja auch nicht mehr …


Irgendwie ist mir das auch nicht klar. Ich bin Besitzer einer Zeitschrift in der es um Reales geht. Und ich bezahle einen Journalisten dafür, dass er Realität liefert und nichts anderes. Wenn er das dann nicht tut, bekommt er einmal sein Geld zu unrecht. Und wenn die ganze Sache dann auch noch auffliegt, schadet er mir zusätzlich weil er mich nicht nur betrogen hat sondern auch noch meine Glaubwürdigkeit, die sich auch in den Verkaufszahlen wiederspiegelt, beschädigte.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Vongole » So 23. Dez 2018, 00:45

Ammianus hat geschrieben:(23 Dec 2018, 00:34)

Irgendwie ist mir das auch nicht klar. Ich bin Besitzer einer Zeitschrift in der es um Reales geht. Und ich bezahle einen Journalisten dafür, dass er Realität liefert und nichts anderes. Wenn er das dann nicht tut, bekommt er einmal sein Geld zu unrecht. Und wenn die ganze Sache dann auch noch auffliegt, schadet er mir zusätzlich weil er mich nicht nur betrogen hat sondern auch noch meine Glaubwürdigkeit, die sich auch in den Verkaufszahlen wiederspiegelt, beschädigte.


Der Anwalt schildert das doch ganz klar. Der Stern hat damals eine Unmenge Geld bezahlt, um an die angeblichen Tagebücher zu kommen, Relotius bekam Gehalt bzw. Gage, als er noch frei arbeitete, aber keine "Beschaffungszulage".
Der Spiegel müsste also finanzielle Verluste nachweisen, die ihm durch Relotius entstanden sind oder entstehen werden, wobei besonders letzteres schwerfallen dürfte.
Arbeitsrechtlich könnte der Spiegel wegen der Gehälter/Gagen klagen, auch das nicht einfach, denn R. hat ja wohl nicht nur gelogen.
Die Lügen an sich sind nicht strafbar, R. hat gegen ein zwar geschriebenes, aber nicht einklagbares Gesetz verstoßen.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Skeptiker » So 23. Dez 2018, 07:29

Vongole hat geschrieben:(23 Dec 2018, 00:45)
Der Anwalt schildert das doch ganz klar. Der Stern hat damals eine Unmenge Geld bezahlt, um an die angeblichen Tagebücher zu kommen, Relotius bekam Gehalt bzw. Gage, als er noch frei arbeitete, aber keine "Beschaffungszulage".
Der Spiegel müsste also finanzielle Verluste nachweisen, die ihm durch Relotius entstanden sind oder entstehen werden, wobei besonders letzteres schwerfallen dürfte.
Arbeitsrechtlich könnte der Spiegel wegen der Gehälter/Gagen klagen, auch das nicht einfach, denn R. hat ja wohl nicht nur gelogen.
Die Lügen an sich sind nicht strafbar, R. hat gegen ein zwar geschriebenes, aber nicht einklagbares Gesetz verstoßen.

Korrekt, allerdings muss man sich dann fragen ob ein Bild was da über Medien nach außen verkauft wird, so kritisch genug hinterfragt wird.

Desöfteren habe ich hier gelesen, man dürfe die Presse nicht als "Lügenpresse" beschimpfen - das wäre Hetze. Okay, verstanden, meinem Rechtsverständnis nach müßte man Lüge nachweisen um diese Behauptung zu stützen.
Ist also der einzige Fehler, den die Pegidisten machen dem Ganzen nicht "potentielle" voranzustellen? "Potentielle Lügenpresse" beschreibt es dann doch ganz neutral - Pressecodex hin oder her, wenn man es darf, ohne dass einem durch die falsche Behauptung "das ist eine wahre Geschichte" ein Strick gedreht werden kann, dann darf dem Leser kein Vorwurf gemacht werden das als das zu bezeichnen was es ist: Potentielle Lügen, nicht mal nur "potentielle Unwahrheiten", weil auch der Vorsatz legal ist.

Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass jede Menge Leser sich betrogen fühlen. Wenn aber der Spiegel weiss, dass ihm reine Fiktionen untergeschoben werden dürfen, ohne dass man sich dabei beklagen dürfte, dann geht damit mehr Verantwortung auf den Spiegel selber über, der potentielle Lügen mit dem Attribut "wahr" versieht. Dann braucht hier also niemand mehr kommen und von einem bedauerlichen Einzelfall reden, dann gilt das Versagen dem Spiegel. Relotius hat dann einfach nur im Rahmen der Gesetze, unter Missachtung unverbindlicher "Schönheitsregeln", seinen Vorteil maximiert.

Ich bleibe aber dabei, dass es für mich auch eine Täuschung von Relotius dem Spiegel gegenüber gewesen ist. In meinen Augen ist das Betrug, der mit erheblicher Rufschädigung einhergeht. Setzt sich das als Rechtsauffassung NICHT durch, dann braucht man hier auch nicht mehr von Hetze reden, wenn Leute dem geschriebenen keinen Glauben schenken, auch wenn sie von renomierten Häusern stammen.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Selina » So 23. Dez 2018, 09:26

Mal unabhängig von rechtspopulistischer "Lügenpresse" sollte man davon ausgehen, dass Journalismus immer mit Absichten, Zielen und Motivationen der jeweiligen Herausgeber, Verleger und Sendeanstalten verbunden ist. Es gibt also keinen völlig wertfreien und unabhängigen Journalismus. Und es gibt auch keine ewige oder absolute Wahrheit. Und solange so extreme Kämpfe um Auflagenhöhen und Einschaltquoten geführt werden, wird damit gleichzeitig ein Nährboden für die lange bekannte Mischung aus Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge bereitet. Der Druck, "Geschichten" zu schreiben, die auflagenerhöhend wirken, ist enorm groß für die festangestellten und freien Redakteure. Auf die Freien wirkt dieser Druck besonders extrem, weil es sowieso schwer ist, vom Zeilenhonorar alleine leben zu können. Ergo müssen möglichst schnell möglichst viele auflagenerhöhende "Stories" produziert werden.

Und gerade diese so entstehende Mischung aus Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge macht es für den naiven Rezipienten so schwer zu erkennen, an welcher Stelle er nun genau betrogen, belogen und manipuliert wird. Das sind aber "normale" Mechanismen von Journalismus in neoliberalen Zeiten. Das hat mit dem vor einigen Jahren aufgekommenen Rechtspopulismus so gut wie nichts zu tun. Rechtspopulisten und Neurechte benutzen die Terminologie "Lügenpresse" schlicht dafür, um ihre Ideologie zu begründen, die auf solchen hohlen Phrasen wie "Staatsversagen", "Meinungsdiktat" und "Deutungshoheit" irgendwelcher "meinungsführenden" Medien basiert, die angeblich irgendeiner PC folgten, die mit der vermeintlichen "Wahrheit" der Rechtspopulisten nichts zu tun habe.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Skeptiker » So 23. Dez 2018, 09:59

Selina hat geschrieben:(23 Dec 2018, 09:26)
Mal unabhängig von rechtspopulistischer "Lügenpresse" sollte man davon ausgehen, dass Journalismus immer mit Absichten, Zielen und Motivationen der jeweiligen Herausgeber, Verleger und Sendeanstalten verbunden ist. Es gibt also keinen völlig wertfreien und unabhängigen Journalismus. Und es gibt auch keine ewige oder absolute Wahrheit. Und solange so extreme Kämpfe um Auflagenhöhen und Einschaltquoten geführt werden, wird damit gleichzeitig ein Nährboden für die lange bekannte Mischung aus Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge bereitet. Der Druck, "Geschichten" zu schreiben, die auflagenerhöhend wirken, ist enorm groß für die festangestellten und freien Redakteure. Auf die Freien wirkt dieser Druck besonders extrem, weil es sowieso schwer ist, vom Zeilenhonorar alleine leben zu können. Ergo müssen möglichst schnell möglichst viele auflagenerhöhende "Stories" produziert werden.

Korrekt. Das ist nichts weniger als ein enormer Anreiz Geschichten zu erfinden, weil bei einer erfundenen Geschichte der Aufwand minimal und der Effekt maximal ist. Das sollte jeder Redaktion bekannt sein.
Selina hat geschrieben:(23 Dec 2018, 09:26)
Und gerade diese so entstehende Mischung aus Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge macht es für den naiven Rezipienten so schwer zu erkennen, an welcher Stelle er nun genau betrogen, belogen und manipuliert wird. Das sind aber "normale" Mechanismen von Journalismus in neoliberalen Zeiten. Das hat mit dem vor einigen Jahren aufgekommenen Rechtspopulismus so gut wie nichts zu tun. Rechtspopulisten und Neurechte benutzen die Terminologie "Lügenpresse" schlicht dafür, um ihre Ideologie zu begründen, die auf solchen hohlen Phrasen wie "Staatsversagen", "Meinungsdiktat" und "Deutungshoheit" irgendwelcher "meinungsführenden" Medien basiert, die angeblich irgendeiner PC folgten, die mit der vermeintlichen "Wahrheit" der Rechtspopulisten nichts zu tun habe.

"Staatsversagen" ist ein Synonym für vielerlei Effekte rund um das Thema innere Sicherheit (Thema Kuscheljustiz), aber auch Migrationspolitik (Thema Durchsetzung von Recht, z.B. im Hinsicht auf Abschiebung ausreisepflichtiger Personen). Das ist kein reiner Populismus, wird aber oft von Populisten verwendet.

"Meinungsdiktat", "Deutungshoheit" und "meinungsführende Medien", stehen Synonym für das Gefühl einer ganzen Bevölkerungsgruppe ideologisch ausgegrenzt zu werden. Die Spiegel-Affäre (nichts anderes ist sie, keine Relotius-Affäre) ist beeindruckender Nachweis, dass das nicht aus der Luft gegriffen ist. Es ist aus den aktuellen Berichten klar abzulesen, dass es Relotius deshalb so leicht gefallen ist zu betrügen, weil er explizit den Zeitgeist und damit die mentale Vorausgerichtetheit der Redaktion angesprochen hat. Hätte er Geschichten gebracht, die dem Zeitgeist widersprochen hätten, wären die dann mit selber Wahrscheinlichkeit durchgelaufen? Ich behaupte Nein!

Vieles von dem, was Du hier also pauschal und scheinbar ausschließlich dem braunen Sumpf zuordnest, ist bei genauer Betrachtung eben nicht so von der Hand zu weisen. Dass Populisten daraus eine größere Geschichte spinnen, liegt in der Natur der Sache. Ebenso allerdings die Erkenntnis, dass reale Fehlentwicklungen die Grundlage für diesen Meinungstrend liefern.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Ammianus » So 23. Dez 2018, 11:20

Vongole hat geschrieben:(23 Dec 2018, 00:45)

Der Anwalt schildert das doch ganz klar. Der Stern hat damals eine Unmenge Geld bezahlt, um an die angeblichen Tagebücher zu kommen, Relotius bekam Gehalt bzw. Gage, als er noch frei arbeitete, aber keine "Beschaffungszulage".
Der Spiegel müsste also finanzielle Verluste nachweisen, die ihm durch Relotius entstanden sind oder entstehen werden, wobei besonders letzteres schwerfallen dürfte.
Arbeitsrechtlich könnte der Spiegel wegen der Gehälter/Gagen klagen, auch das nicht einfach, denn R. hat ja wohl nicht nur gelogen.
Die Lügen an sich sind nicht strafbar, R. hat gegen ein zwar geschriebenes, aber nicht einklagbares Gesetz verstoßen.


Das mit den Gagen meinte ich ja. Ich bezahle für sachliche wahrheitsgetreue Berichte. Schon im Eigeninteresse. Denn kommt raus, dass da Geflunker in der Publikation steht, greift das meinen Ruf an. Und der Mitarbeiter liefert für das von mir bezahlte Geld eben nicht das Verlangte sondern betrügt, bekommt also seine Gagen zu Unrecht.
Aber Jura ist nicht umsonst ein anstrengendes Studium. Da zieh ich immer meinen Hut. Mal sehen was bei der Sache noch läuft. Wenn sich herausstellt, dass er die "Spenden" verprasst hat, dann kommt wohl auf alle Fälle der Staatsanwalt ins Spiel.

In Zukunft kann der Typ dann vielleicht als Texter für Pornoseiten arbeiten. Seinen Absturz jedenfalls hat der voll verdient.
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Re: Fälschungsskandal beim „Spiegel“

Beitragvon Selina » So 23. Dez 2018, 12:06

Skeptiker hat geschrieben:(23 Dec 2018, 09:59)

Korrekt. Das ist nichts weniger als ein enormer Anreiz Geschichten zu erfinden, weil bei einer erfundenen Geschichte der Aufwand minimal und der Effekt maximal ist. Das sollte jeder Redaktion bekannt sein.

"Staatsversagen" ist ein Synonym für vielerlei Effekte rund um das Thema innere Sicherheit (Thema Kuscheljustiz), aber auch Migrationspolitik (Thema Durchsetzung von Recht, z.B. im Hinsicht auf Abschiebung ausreisepflichtiger Personen). Das ist kein reiner Populismus, wird aber oft von Populisten verwendet.

"Meinungsdiktat", "Deutungshoheit" und "meinungsführende Medien", stehen Synonym für das Gefühl einer ganzen Bevölkerungsgruppe ideologisch ausgegrenzt zu werden. Die Spiegel-Affäre (nichts anderes ist sie, keine Relotius-Affäre) ist beeindruckender Nachweis, dass das nicht aus der Luft gegriffen ist. Es ist aus den aktuellen Berichten klar abzulesen, dass es Relotius deshalb so leicht gefallen ist zu betrügen, weil er explizit den Zeitgeist und damit die mentale Vorausgerichtetheit der Redaktion angesprochen hat. Hätte er Geschichten gebracht, die dem Zeitgeist widersprochen hätten, wären die dann mit selber Wahrscheinlichkeit durchgelaufen? Ich behaupte Nein!

Vieles von dem, was Du hier also pauschal und scheinbar ausschließlich dem braunen Sumpf zuordnest, ist bei genauer Betrachtung eben nicht so von der Hand zu weisen. Dass Populisten daraus eine größere Geschichte spinnen, liegt in der Natur der Sache. Ebenso allerdings die Erkenntnis, dass reale Fehlentwicklungen die Grundlage für diesen Meinungstrend liefern.


Wenn du meinen Beirag genau gelesen hättest, wäre dir aufgefallen, dass ich eben gerade nicht alle Erscheinungen im Journalismus dem "braunen Sumpf" zuordne. Dieser Sumpf in Hinsicht auf die Medien wäre mal genauer und gesondert zu untersuchen und hat noch mal speziellere Ursachen. Was ich dagegen vor allem schrieb, ist, dass es systemische Ursachen für diese immer währende Mischung aus Wahrheit, Halbwahrheit und Lüge gibt. Der Journalismus ist generell so angelegt, dass je nach Auflagen- und Quotenentwicklung und je nach Ausrichtung der Verlage und Sendeanstalten die so genannte Wahrheit immer ein wenig zurechtgebogen wird. Medienmanipulation ist so alt wie die Medien selbst.

Bei den Rechtspopulisten kommt halt die ideologische Seite hinzu, die sich logischerweise gegen alles richtet, was die Medien so tun. Sie werden von einem Großteil der Medien kritisch beobachtet, daher schauen die Rechten ihrerseits mit Argusaugen auf die Medien. Alles, was nicht kulturalistisch, nicht rassistisch, nicht fremdenfeindlich und nicht frauen- und schwulenfeindlich in der Welt der Medien ist, sondern liberal, humanistisch und demokratisch im Ansatz, das wird von den Rechtspopulisten selbstverständlich kritisch beäugt. Das ist im Journalismus nicht anders als auf allen anderen Gebieten auch. Der generelle Umgang der Medien mit Wahrheit und Wahrhaftigkeit hat jedoch völlig andere Ebenen und Ursachen. Der Rechtspopulismus in der Rezipientenschaft (und neuerdings auch in einigen Medien-Beiräten) schafft nochmal andere Dimensionen, die man ebenfalls genauer betrachten könnte. Aber vielleicht in einem anderen Thread.

Übrigens hat die Relotius-Affäre ja gerade noch einen weiteren schlimmen Aspekt hinzubekommen. Nun kam raus, dass der Mann auch Spendengelder für seine imaginären Gestalten seiner imaginären Reportagen gesammelt und die auf sein eigenes Konto umgeleitet hat.
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