Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

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franktoast
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon franktoast » Do 10. Aug 2017, 08:59

Voight-Kampff hat geschrieben:(09 Aug 2017, 13:33)
Nochmal: Die Kundeneinlagen sind Schulden der Bank gegenüber Kunden. Schulden kann sie nicht verleihen.

Wenn Kundeneinlagen zufließen, sind das zum einen Schulden aber auch Forderungen aus Sicht der Bank. Es fließt ja Zentralbankgeld zu.

Wie gesagt. Im Zweifelsfall kommt das Bargeld von der Zentralbank.

Kurzfristig geht das nach meinem Wissen immer. Mittelfristig eher nicht. Aber ich gebe dir Recht, dass die Zentralbank auch als "Leiher" auf dem Markt auftritt.

Ich dachte du meinst einen konstanten Multiplikator.

Nein.

So ist es auch mit den Banken. Wenn Zentralbankgeld von einer abfließt, kann sie weniger Buchgeld schöpfen, die Zielbank aber umso mehr. Das heißt Überweisungen ändern gesamt betrachtet nichts. Man könnte sich genau so gut eine einzelne Bank vorstellen.

Es geht hier aber um die einzelne Bank und was die benötigt, um Kredite vergeben zu können. Wenn du Geld zu einem Konto einer anderen Bank überweist (kann auch vorher durch Kredit aufgenommen wurden sein) oder das Geld vom Automaten abhebst, bedeutet das für deine Bank, dass ihr Zentralbankgeld (Geldbasis) abfließt. Dieser Abfluss muss kompensiert werden. Das kann passieren durch:
1. Sie leiht sich Zentralbankgeld. Kurzfristig geht das immer, langfristig sehr schwierig.
2. Sie leiht sich Geld von anderen (Banken). Geht zu einem gewissen Umfang wohl auch oft. Die Geberbank verlangt ja ne Gebühr.
3. Ihr fließt Geld in gleicher Menge zu zB. ein Neukunde ein Konto eröffnet und sein Geld vom alten Konto zum Neuen überweist.

Punkt 1 und 2 sind eher Wackelkandidaten, aber wenn es um kurzfristige Fehlmengen geht, ein bewährtes Mittel. Ansonsten bildet die Basis #3.
Ein freier Mensch muß es ertragen können, daß seine Mitmenschen anders handeln und anders leben, als er es für richtig hält, und muß sich abgewöhnen, sobald ihm etwas nicht gefällt, nach der Polizei zu rufen.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Loki » Do 10. Aug 2017, 09:59

franktoast hat geschrieben:(10 Aug 2017, 08:47)

Genau deswegen hält in der Fernseherbranche niemand seinen Konsum zurück, obwohl die Preise dort stark fallen.

Wie oft gab es bei Dir für den alten TV einen neuen in den vorherigen 5 Jahren ?


Die längste deflationäre Phase war während der Gilded Age in den USA. Also kannst du mir zeigen, wie all diese schlimmen Dinge damals passierten, als die USA zum reichsten Land er Welt wurden?

Ich sehe nach wie vor keine Defla.-Spirale damals. Es liegen auch keine Daten hier zu Arbeitslosenzahlen/Lohnentwicklung vor.

Die gleichzeitige Erhöhung der Menge der produzierten Güter deutet darauf hin, daß entweder per Neuverschuldung, Nutzung zuvor gesparter Geldmittel oder "Geldmittel von Außen" (Edelmetallverkauf in die Welt ?) die Produktion befeuert wurde.

Ich sehe aber auch, daß die USA überschuldet ist; und dies nicht erst seit gestern. Damit siehst du "ein schlimmes Ding", das wohl seit damals passierte und noch heute passiert.

Gilded Age auf Kosten der nächsten Generationen. Wem kommt ähnliches bekannt vor ?
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Loki » Do 10. Aug 2017, 10:14

franktoast hat geschrieben:(10 Aug 2017, 08:50)
DIe Jahre davor fielen Preise eher.

Um die Preise alleine geht es während einer Defla.-Phase nie. Die Lohnentwicklung, allg. Kaufkraft mitberücksichtigen.

Nicht daß diese Statistik einfach nur die Teuerungsrate zeigt !?


Es geht darum, dass die USA in der Zeit nicht hätte reicher werden dürfen, wenn eure Theorien zur Deflation stimmen würden.

Geldbesitzer werden jedoch "reicher" in einer Deflation; weil der Wert ihres Geldes steigt.

Interessant somit zu Gilded Age: Warum konnten die US-Firmen (plötzlich) so viele Güter an kaufkräftige Kunden verkaufen ? Wer waren diese Kunden und woher hatten sie ihre Geldmittel ? Arbeitslose oder bettelarme Sklaven waren wohl nicht die Käufer.
Schnäppchenjäger vielleicht, die zuvor Geld auf dem Sparbuch sparten ? Oder doch eher Neuverschuldete ?
Gar das reiche(re) Ausland ? Oder fanden staatliche Subventionen (mittels Staatsverschuldung) statt ?

Was ist/war d. M. n. das Anti-Defla.-Geheimnis der USA, welches nun Japan zu Gute käme ? Gibt es überhaupt ein solches Geheimnis/Rezept ?
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Loki » Do 10. Aug 2017, 10:37

Hier ein paar weitere Daten zu "Gilded Age":
Juli 1893, Dow-Jones-Index Schlussstand 26,07, Veränderung in Prozent −18,43
Infla.Wert aus der zuvor verlinkten Tabelle:
Jan 1, 1894 -13.29%
Jan 1, 1893 7.78%


Okt. 1907, Dow-Jones-Index Schlussstand 42,12, Veränderung in Prozent −14,81
Infla.-Werte:
Jan 1, 1908 -2.15%
Jan 1, 1907 4.49%


Juli 1903, DJI Schlussstand 37,06, Veränderung in Prozent −14,07
Infla.-Werte:
Jan 1, 1904 -4.39%
Jan 1, 1903 9.62%


Sep. 1903, DJI Schlussstand 33,44, Veränderung in Prozent −13,88
Infla.-Werte siehe oben


Dez. 1899 DJI Schlussstand 48,24, Veränderung in Prozent −12,55
Infla.-Werte:
Jan 1, 1900 16.86%
Jan 1, 1899 1.50%


http://de.wikipedia.org/wiki/Dow_Jones_Industrial_Average


Ich erkenne noch keinen direkten Zusammenhang von Börsengeschehen (hier einige Minicrashs) mit der Infla.- Defla-Rate.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Voight-Kampff » Do 10. Aug 2017, 16:26

franktoast hat geschrieben:(10 Aug 2017, 08:59)

Wenn Kundeneinlagen zufließen, sind das zum einen Schulden aber auch Forderungen aus Sicht der Bank. Es fließt ja Zentralbankgeld zu.

Die Kundeneinlage ist das Guthaben der Kunden bei der Bank. Das sind Schulden der Bank bei den Kunden und sonst nichts.

Kurzfristig geht das nach meinem Wissen immer. Mittelfristig eher nicht. Aber ich gebe dir Recht, dass die Zentralbank auch als "Leiher" auf dem Markt auftritt.

Das geht so lange wie die Zentralbank will.

Es geht hier aber um die einzelne Bank und was die benötigt, um Kredite vergeben zu können. Wenn du Geld zu einem Konto einer anderen Bank überweist (kann auch vorher durch Kredit aufgenommen wurden sein) oder das Geld vom Automaten abhebst, bedeutet das für deine Bank, dass ihr Zentralbankgeld (Geldbasis) abfließt. Dieser Abfluss muss kompensiert werden. Das kann passieren durch:
1. Sie leiht sich Zentralbankgeld. Kurzfristig geht das immer, langfristig sehr schwierig.
2. Sie leiht sich Geld von anderen (Banken). Geht zu einem gewissen Umfang wohl auch oft. Die Geberbank verlangt ja ne Gebühr.
3. Ihr fließt Geld in gleicher Menge zu zB. ein Neukunde ein Konto eröffnet und sein Geld vom alten Konto zum Neuen überweist.

Punkt 1 und 2 sind eher Wackelkandidaten, aber wenn es um kurzfristige Fehlmengen geht, ein bewährtes Mittel. Ansonsten bildet die Basis #3.

Überleg mal was der Goldschmied machen muss um neue Goldscheine ausegeben zu können. Wenn jemand kommt und ihm mehr Gold gibt, dann wär das eine Möglichkeit. Wenn jemand ihm z.B 10g Gold gibt, dann kann er z.B. Goldscheine über 40g rausgeben. Ist das soweit klar?
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Voight-Kampff » Do 10. Aug 2017, 16:41

franktoast hat geschrieben:(10 Aug 2017, 08:47)
Die längste deflationäre Phase war während der Gilded Age in den USA. Also kannst du mir zeigen, wie all diese schlimmen Dinge damals passierten, als die USA zum reichsten Land er Welt wurden?

Als Gilded Age bezeichnet man die Periode 1870-1900. Die Zeit 1900-1920 bezeichnet man als Progressive Era.

Während der 1870er gab es die längste Wirtschaftsdepression der US Geschichte. Es gab während dieser Zeit auch sonst so einige Finanzcrashs.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Adam Smith » Do 10. Aug 2017, 16:59

Voight-Kampff hat geschrieben:(10 Aug 2017, 16:41)

Als Gilded Age bezeichnet man die Periode 1870-1900. Die Zeit 1900-1920 bezeichnet man als Progressive Era.

Während der 1870er gab es die längste Wirtschaftsdepression der US Geschichte. Es gab während dieser Zeit auch sonst so einige Finanzcrashs.

Im 19 Jahrhundert gab es in den USA mehr Jahrzehnte mit Deflation als mit Inflation. Die Wirtschaft ist kräftig gewachsen.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Voight-Kampff » Do 10. Aug 2017, 17:30

Adam Smith hat geschrieben:(10 Aug 2017, 16:59)

Im 19 Jahrhundert gab es in den USA mehr Jahrzehnte mit Deflation als mit Inflation. Die Wirtschaft ist kräftig gewachsen.

Ich weiß leider nicht genug über das Finanzsystem des neunzehnten Jahrhunderts um da mitreden zu können. Wie misst man die Inflation in der Zeit?
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Loki » Do 10. Aug 2017, 17:36

Adam Smith hat geschrieben:(10 Aug 2017, 16:59)

[...] Die Wirtschaft ist kräftig gewachsen.

Also hauptsächlich das Konto der Superreichen und Neusuperreichen; war/ist ja schließlich keine Planwirtschaft...

Und das waren dann wahrscheinlich auch die, die die großen Kurssprünge beim Dow-Jones herbeizaubern oder wenigstens "erfolgsversprechend" einleiten konnten.




Die allg. Lehrbuchdefinition beschriebt wohl, daß in einer (längeren) Deflation die Güterpreise verringert werden und Löhne sowie Gehälter auf breiter Basis sinken, mindestens jedoch stagnieren.

Die Sache mit den Löhnen und den Gehältern könnte doch auch einfach nur als Kaufkraft zusammengefasst werden ?
Deflation: Sinkende Güterpreise, damit die Güter überhaupt hinreichend erworben werden,
und gleichzeitig kein nennenswerter Anstieg der Kaufkraft in der Bevölkerung.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Loki » Do 10. Aug 2017, 17:41

Voight-Kampff hat geschrieben:(10 Aug 2017, 17:30)

Ich weiß leider nicht genug über das Finanzsystem des neunzehnten Jahrhunderts um da mitreden zu können. Wie misst man die Inflation in der Zeit?

:D Im Warenkorb tauchten jedenfalls damals keine Fernseher auf.


Hauptausgabe war wohl für Fleisch/Nahrung. Und Waffen.

Fraglich natürlich, woher die in etwa wußten, was die Industrie- und Hafenarbeiter, Farmer, Händler etc. so tatsächlich monatlich verdienten. Die totale Bankkontoüberwachung durch das Finanzamt gab es da noch nicht.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Do 10. Aug 2017, 18:13

Voight-Kampff hat geschrieben:(10 Aug 2017, 16:26)

Die Kundeneinlage ist das Guthaben der Kunden bei der Bank. Das sind Schulden der Bank bei den Kunden und sonst nichts.



Naja, auf der Aktivseite der Bankbilanz entsteht eine Forderung gg. der Zentralbank. Es erhöhen sich also auch die Zentralbankreserven der Bank.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Voight-Kampff » Do 10. Aug 2017, 19:26

Voight-Kampff hat geschrieben:(10 Aug 2017, 17:30)

Ich weiß leider nicht genug über das Finanzsystem des neunzehnten Jahrhunderts um da mitreden zu können. Wie misst man die Inflation in der Zeit?

Hat sich erledigt. Hab selber nachgegoogelt. Ziemlich problematisch das so zu vergleichen, aber warum nicht. Ich muss erstmal drüber nachdenken.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon franktoast » Fr 11. Aug 2017, 08:42

Loki hat geschrieben:(10 Aug 2017, 09:59)
Wie oft gab es bei Dir für den alten TV einen neuen in den vorherigen 5 Jahren ?

Einmal. Wie stark ist der Umsatz von Samsung die letzten 5 Jahre gefallen?

Ich sehe nach wie vor keine Defla.-Spirale damals. Es liegen auch keine Daten hier zu Arbeitslosenzahlen/Lohnentwicklung vor.

Zum BIP/Kopf hab ich Zahlen zur damaligen Zeit (auch im Vergleich zum Rest der Welt) verlinkt.

Die gleichzeitige Erhöhung der Menge der produzierten Güter deutet darauf hin, daß entweder per Neuverschuldung, Nutzung zuvor gesparter Geldmittel oder "Geldmittel von Außen" (Edelmetallverkauf in die Welt ?) die Produktion befeuert wurde.

Ich sehe aber auch, daß die USA überschuldet ist; und dies nicht erst seit gestern. Damit siehst du "ein schlimmes Ding", das wohl seit damals passierte und noch heute passiert.

Gilded Age auf Kosten der nächsten Generationen. Wem kommt ähnliches bekannt vor ?

Wie hoch war denn die Verschuldung in der Gilded Age? Hat Rockefeller sich derartig verschuldet, als er den Ölpreis um 90% drückte?
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon franktoast » Fr 11. Aug 2017, 08:47

Loki hat geschrieben:(10 Aug 2017, 10:14)

Um die Preise alleine geht es während einer Defla.-Phase nie. Die Lohnentwicklung, allg. Kaufkraft mitberücksichtigen.

Nicht daß diese Statistik einfach nur die Teuerungsrate zeigt !?

Doch,genau das ist Deflation.
Wikipedia: "Unter Deflation versteht man in der Volkswirtschaftslehre einen allgemeinen, signifikanten und anhaltenden Rückgang des Preisniveaus für Waren und Dienstleistungen."


Geldbesitzer werden jedoch "reicher" in einer Deflation; weil der Wert ihres Geldes steigt.

Also würden die Reichen üblicherweise ärmer, da diese hauptsächlich Unternehmen und Immobilien halten?

Interessant somit zu Gilded Age: Warum konnten die US-Firmen (plötzlich) so viele Güter an kaufkräftige Kunden verkaufen ? Wer waren diese Kunden und woher hatten sie ihre Geldmittel ? Arbeitslose oder bettelarme Sklaven waren wohl nicht die Käufer.
Schnäppchenjäger vielleicht, die zuvor Geld auf dem Sparbuch sparten ? Oder doch eher Neuverschuldete ?
Gar das reiche(re) Ausland ? Oder fanden staatliche Subventionen (mittels Staatsverschuldung) statt ?

Die Produktivität und somit Löhne stiegen in dieser Zeit. Kapital konnte sich damals mehr oder weniger ungehindert vermehren (siehe Rockefeller, Carnegie, Vanderbilt), was natürlich enorme Wohlfahrtseffekte zur Folge hatte, da eben die Produktivität so stark stieg. Sicherlich hat auch die Zuwanderung aus Europa die Wirtschaft begünstigt. Ich denke, das waren die beiden Hauptfaktoren. Ab 1913 war es sicherlich auch ein großer Faktor, dass die USA nicht bei zwei Weltkriegen zerstört wurde.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon franktoast » Fr 11. Aug 2017, 08:57

Voight-Kampff hat geschrieben:(10 Aug 2017, 16:41)

Als Gilded Age bezeichnet man die Periode 1870-1900. Die Zeit 1900-1920 bezeichnet man als Progressive Era.

Während der 1870er gab es die längste Wirtschaftsdepression der US Geschichte. Es gab während dieser Zeit auch sonst so einige Finanzcrashs.

Es gibt unterschiedlichen Datumsangaben zu der Zeit. Manche sagen, es fing 1870 an, andere 1877. Andere sagen, es ging bis zur Jahrhundertwende, andere bis 1890. Das BIP/Wachstum pro Kopf hab ich nur vom Zeitraum 1870 bis 1913 (kurz vor dem 1. Weltkrieg), also hab ich das genommen.

Es war eine Zeit der großen Investitionen. Der "Robber Barrons". Damals lebten relativ zum Gesamtreichtum die reichsten Männer der Welt. Carnegie, Rockefeller, Vanderbilt, Morgan. Oft wird die Zeit auch so dargestellt wie der Manchesterkapitalismus. Genau diese Zeit war es aber, in der es enormen Fortschritt gab. Kapital wurde akkumuliert. Anfangs natürlich erst sehr wenig, denn von nichts auf 100 ist das nicht so einfach.

Fairerweise muss man allerdings sagen, dass der Fortschritt dann nicht aufhörte. Es ist schwer zu sagen, welche Jahrzehnte den meisten "Fortschritt" brachten. Die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg war ja auch nicht verkehrt. Kühlschrank, Urlaub, Auto. All diese Sachen kamen zunehmend in Haushalte. Die goldenen Zwanziger waren wohl auch toll. Und die Zeit, seit es Computer, Internet und Handys gibt, war ja auch enorm. Nur stiegen die letzten 20 Jahre die Löhne nicht derartig, wie man es gewohnt war. Könnte aber auch damit zusammen hängen, weil seit etwa 20-30 Jahren mehr auf Qualität statt Quantität gesetzt wird.
Der Sprung von "Kein Fernseher" zu "Röhrenfernseher" war eben größer als "Röhrenfernseher" zu "Flatscreen". Auch war der Sprung von "Kein Urlaub" zu "1 Woche Alpen/Ostsee" größer als "1Woche Alpen/Ostsee" zu "3 Wochen USA".
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Adam Smith » Fr 11. Aug 2017, 09:09

Die Löhne steigen wegen dem demographischen Wandel kaum noch. Es gibt immer mehr Rentner, die finanziert werden wollen. Des Weiteren steigen durch den demographischen Wandel auch die Gesundheitsausgaben.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon BlueMonday » Fr 11. Aug 2017, 10:11

Also zusammengefasst: es gibt keinen belastbaren Zusammenhang zwischen Deflation und Rezession, weder empirisch noch theoretisch fundiert.
Es gab sogar Phasen, in denen Deflation und Wachstum zusammen auftraten. Und es gibt auch nicht ohne Grund den Begriff der Stagflation, der ja nun darauf hindeutet, dass inflationäre Geldpolitik keine "Lösung" ist, im Gegenteil.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Loki » Fr 11. Aug 2017, 11:24

franktoast hat geschrieben:(11 Aug 2017, 08:42)

Einmal. Wie stark ist der Umsatz von Samsung die letzten 5 Jahre gefallen?

TV-Sparte Samsung wäre dazu wenn überhaupt interessant.

Hab ein paar (andere) Kennzahlen zu Samsungs TV-Bereich gefunden:
"Der Bereich Consumer Electronics gab trotz höherer Umsätze mit Premium-TVs wie SUHD und Curved TVs einen Ertragsrückgang bekannt.
[...]
Für das erste Quartal 2017 wird mit einem Rückgang des Gesamtertrags im Vergleich zu Q4 2016 gerechnet, da die Erlöse in den Geschäftsbereichen aufgrund gestiegener Marketingausgaben im Mobilfunkgeschäft und eines Absatzrückgangs von Fernsehgeräten durch schwache saisonale Nachfrage zurückgehen dürften.
"
https://news.samsung.com/de/samsung-electronics-gibt-ergebnisse-fur-das-4-quartal-und-das-geschaftsjahr-2016-bekannt

Und älter:
"Unbefriedigend verlief die Entwicklung hingegen in der Digital-Media-Sparte, in der Samsung mit seinen Flachbildschirmen die weltweite Marktführerschaft markiert. Sie fuhr einen Verlust von rund 170 Milliarden Won ein. Auch im Bereich der Produktion von LCD-Panels musste Samsung Abstriche hinnehmen. Der Nettogewinn ging gegenüber dem Vorjahr um 81 Prozent auf 100 Milliarden Won zurück.

Der Chef der TV-Sparte, Yoon Boo Keun, rechnet für das laufende Jahr trotzdem mit einer Steigerung des weltweiten Flat-TV-Absatzes von Samsung um 15 Prozent auf 45 Millionen Geräte und einer Rückehr in die Gewinnzone.
"
http://www.digitalfernsehen.de/Samsung-faehrt-Milliardengewinn-ein-TV-Sparte-schreibt-Verluste.48448.0.html

Ähnlich bei SONYs TV-Sparte:
"Das Fernsehgeschäft beschert den Japanern seit acht Jahren rote Zahlen. "
http://www.n-tv.de/wirtschaft/Sony-spaltet-TV-Sparte-auf-article4658291.html


Und das, obwohl die Deutschen kaum TVs mehr herstellen...
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Voight-Kampff » Fr 11. Aug 2017, 11:25

Adam Smith hat geschrieben:(10 Aug 2017, 16:59)

Im 19 Jahrhundert gab es in den USA mehr Jahrzehnte mit Deflation als mit Inflation. Die Wirtschaft ist kräftig gewachsen.


Die Zahlen beruhen auf Güterpreisen in New York. Kosten für Wohnung sind nicht enthalten. Ich würde eher davon ausgehen, dass diese Kosten gestiegen sind, wegen des rapiden Bevölkerungswachstums. D.h. ich würde davon ausgehen, dass ein Messverfahren wie heute, höhere Inflation feststellen würde.

Ich denke auch, dass man die Zahlen nicht auf die gesamten USA übertragen kann. Wegen der höheren Transportkosten, müssen sich die Güterpreise von Ort zu Ort, stärker unterschieden haben, als heute. Dazu kommt, dass das Bankensystem mit dem heutigen kaum vergleichbar ist. Wenn eine Bank in einer Region mehr Scheine ausgibt kann das lokal zu Inflation führen. Wenn sie durch einen Bank Run untergeht und ihre Scheine wertlos werden, dann lokal Deflation.

Pleitewellen durch Finanzkrisen sind für diese Zeit gut dokumentiert. Genau deswegen wurde am Schluss die Fed gegründet. Deflation schränkt die Handlungsfähigkeit der Zentralbank ein und damit die Möglichkeit Abhilfe zu schaffen.

Deflation hat einen anderen Charakter wenn eine Zentralbank Fiatgeld schöpft. Würde eine heutige Zentralbank Deflation oder Null-Inflation zum Ziel erklären, so würde das einer Subvention auf Bargeldhaltung gleichkommen. Damals war Gold die Geldbasis, so dass immer die Möglichkeit bestand, dass über neue Funde oder Importe eine Wertminderung eintreten würde. Natürlich sind die verzerrenden Auswirkungen der Subvention dieselben, egal ob diese explizit über eine ZB garantiert wird, oder implizit über einen Goldstandard.
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Re: Die Gilded Age war eine Zeit der Deflation

Beitragvon Loki » Fr 11. Aug 2017, 11:29

franktoast hat geschrieben:(11 Aug 2017, 08:42)
Wie hoch war denn die Verschuldung in der Gilded Age?

Insbesondere die Neuverschuldung.

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