Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

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schokoschendrezki
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 3. Dez 2019, 20:22

Kölner1302 hat geschrieben:(23 Nov 2019, 10:48)

Wir Westeuropäer sind zu saturiert, d.h. zu bequem, zu weltfremd und zu gut erzogen um uns vorstellen zu können, wie es mit der EU weitergeht, wenn wir alles laufen lassen.
Das Vetorecht der EU-Mitglieder verhindert jede Kursänderung in einer sich verändernden Welt. Die USA sind kein zuverlässiger NATO Verbündeter mehr. Die Türkei auch nicht. Die Türkei ist der an stärksten hochgerüstete Staat der NATO, die US der Finanzier. Übrig bleibt ein uneiniges Europa, mit labilen Demokratien, schwach gerüstet. Nebenan Afrika, dessen Bevölkerung explosiv zunimmt, und Krisenregionen, wie der Nähe und mittlere Osten, der Balkan, die Ukraine.
Nicht auszuschließen dass die Nordatlantische Zivilisation sich einer ähnlichen Entwicklung gegenübersieht wie dazumal das römische Reich vor der Teilung. Bekanntlich hielt das weströmische Reich dann dem Druck nicht mehr lange stand und ging 100 Jahre später unter . Westeuropa hält sich ohne Nordamerika auch nicht.
Es sei denn es bildet einen neuen stabilen Bundesstaat und nutzt seine jetzt noch vorhandenen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten, um eine neue stabile Supermacht zu bilden.

Das ist ganz sicher eine viel zu "kultur"-zentrierte Sicht. Tatsächlich stehen Interesssen hinter den aktuellen Entwicklungen und nicht "Erziehungen". Wir kennen sie nur nicht genau genug. Oder wir müssen überhaupt erst mal akzeptieren, dass es längst nicht ausreicht, sich irgendeiner "Seite", einer "Kultur" zugehörig zu fühlen. Sondern dass man ganz genau die Vor- und Nachteile politischer Entscheidungen für die jeweiligen Seiten zu analysieren hat, wenn man wissen will, wohin es läuft.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kölner1302 » Di 3. Dez 2019, 20:29

schokoschendrezki hat geschrieben:(03 Dec 2019, 20:22)

Das ist ganz sicher eine viel zu "kultur"-zentrierte Sicht. Tatsächlich stehen Interesssen hinter den aktuellen Entwicklungen und nicht "Erziehungen". Wir kennen sie nur nicht genau genug. Oder wir müssen überhaupt erst mal akzeptieren, dass es längst nicht ausreicht, sich irgendeiner "Seite", einer "Kultur" zugehörig zu fühlen. Sondern dass man ganz genau die Vor- und Nachteile politischer Entscheidungen für die jeweiligen Seiten zu analysieren hat, wenn man wissen will, wohin es läuft.


Dem kann ich in gewissem Umfang zustimmen. Wahrscheinlich ist beides richtig.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Wähler » Mi 4. Dez 2019, 09:13

SZ 4. Dezember 2019 "Macrons Äußerungen sind überwiegend nicht hilfreich"
https://www.sueddeutsche.de/politik/nat ... -1.4709111
"Ich glaube nicht, dass das ein tragfähiger Vorschlag (deutsch-französische Brigade als Kampfverband zur Krisenreaktion), solange Deutschland nicht mehr Appetit zeigt, sich militärisch zu engagieren. Ich würde sagen, die EU kann einen Anteil haben, aber auch andere Koalitionen europäischer Staaten, vor allem wenn Großbritannien absehbar die EU verlassen will. Ich denke, dass Frankreich eine enge Partnerschaft Europas mit dem Vereinigten Königreich im Sicherheitsbereich bewahren will."
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 4. Dez 2019, 10:05

Macron gilt als eine Art Wunderkind. Und tatsächlich. Er formuliert seine Sätze unglaublich geschickt und klug. Dem NATO-Generalsekretär sagte er jüngst (natürlich) nicht etwa, dass er die Absicht habe, ein engeres Bündnis mit Russland einzugehen. Sondern (sinngemäß): "Hat sich die Sicherheit Europas dadurch verbessert, dass es keinen DIalog mit Russland gibt?"

...

Ähm :p

...
Alle Achtung!

Die Wahrheit ist natürlich eine andere. Im Gegenteil: Die Sicherheit Europas hat sich verschlechtert. U.a. weil Russland genau dies wollte!

Die Dealmaker der mächtigen Staaten heute können ziemlich frei schalten und walten. Weil sie jeweils einen großen Teil der jeweiligen Bevölkerung hinter sich wissen. Aus dieser großen Bredouille kommt man nur heraus, wenn es wieder en vogue wird, die Politik in seinem eigenen Land, überhaupt sein eigenes Land kritisch zu sehen und nicht zu bejubeln.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon naddy » Mi 4. Dez 2019, 16:00

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2019, 10:05)

Die Dealmaker der mächtigen Staaten heute können ziemlich frei schalten und walten. Weil sie jeweils einen großen Teil der jeweiligen Bevölkerung hinter sich wissen. Aus dieser großen Bredouille kommt man nur heraus, wenn es wieder en vogue wird, die Politik in seinem eigenen Land, überhaupt sein eigenes Land kritisch zu sehen und nicht zu bejubeln.


Und da sind die Deutschen in ihrem unendlichen Bemühen der Welt zu beweisen, dass wir im Herzen doch eigentlich "die Guten" sind, selbstverständlich für die Vorreiter-Rolle prädestiniert. Und die "America-/Russia-/Polen-/China-Great-again-Maker" anderswo werden sich ins Fäustchen lachen. Die "Linke Backe - Rechte Backe"-Empfehlung der Bibel ist zwar ein hehres moralisches Prinzip, hat sich in der Praxis allerdings leider bisher nicht bewährt. So lange nicht auch die Anderen bereit sind, ihr "eigenes Land kritisch zu sehen" eignet sich diese Empfehlung wohl nur, um sich als Märtyrer zu profilieren.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Mi 4. Dez 2019, 20:50

Wähler hat geschrieben:(04 Dec 2019, 09:13)

SZ 4. Dezember 2019 "Macrons Äußerungen sind überwiegend nicht hilfreich"
https://www.sueddeutsche.de/politik/nat ... -1.4709111
"Ich glaube nicht, dass das ein tragfähiger Vorschlag (deutsch-französische Brigade als Kampfverband zur Krisenreaktion), solange Deutschland nicht mehr Appetit zeigt, sich militärisch zu engagieren. Ich würde sagen, die EU kann einen Anteil haben, aber auch andere Koalitionen europäischer Staaten, vor allem wenn Großbritannien absehbar die EU verlassen will. Ich denke, dass Frankreich eine enge Partnerschaft Europas mit dem Vereinigten Königreich im Sicherheitsbereich bewahren will."
Die Bundesregierung und Frau Merkel glänzen durch Ideenlosigkeit.


Wenn ich mir unsere deutschen Interessen betrachte, nämlich in einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit unseren Nachbarn möglichst viel gemeinsamen Wohlstand zu schaffen, dann ist es aus meiner Sicht die beste Idee, bei solchen Herausforderungen durch tiefes Schweigen auf zu fallen. Nach den gemachten Erfahrungen sehr großer Kriege ist es uns Deutschen nur schwer zu verkaufen, andere als wirtschaftliche Interessen zu verteidigen. Im Vorfeld eigener Bedrohung wird Präsident Macron keinen der bekannteren deutschen Politiker dafür gewinnen können, irgendwo los zu schlagen, um von vornherein klare Verhältnisse zu schaffen.

Im Rahmen der NATO, der UNO kann sich unser Land schlecht verweigern; bei groben Verletzungen der Menschenrechte wie im ehemaligen Jugoslawien oder zuletzt in Irak/Syrien versucht unsere Politik, sich mit Augenmaß ein zu bringen. In Mali hat sich die Bundesrepublik einbinden lassen, weil Frankreich nach den IS-Angriffen in Paris und Nizza sich auf die Nester des Terrors stürzen wollte. Und dabei hat auch Deutschland eine Rolle übernommen, eine Art Nachbarschaftshilfe, sowohl in Irak als auch in Mali.

Ich empfinde es als wohltuend, daß unser Land nicht jede Gelegenheit beim Schopf ergreift, wo andere mit Waffengewalt bessere Verhältnisse schaffen wollen.

Natürlich ist es auch unverantwortlich, wie die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes abgewertet wurde. Erstaunlich der Schneckengang, nun wieder zu einer respektablen Wehrhaftigkeit zu gelangen. Sie aber zu schaffen, um mit Frankreich als Impulsgeber Ordnung auf dieser Welt herstellen zu wollen, das wäre ebenso unverantwortlich. Besser also, unsere politische Führung hüllt sich nach solchen Aufrufen des französischen Präsidenten in Schweigen... und arbeitet beharrlich an der Verbesserung unserer Wehrhaftigkeit, falls die wirklich auf die Probe gestellt werden sollte. Was Gott verhüten möge!
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Wähler » Do 5. Dez 2019, 05:50

Wähler hat geschrieben:(04 Dec 2019, 09:13)
SZ 4. Dezember 2019 "Macrons Äußerungen sind überwiegend nicht hilfreich"
https://www.sueddeutsche.de/politik/nat ... -1.4709111
"Ich glaube nicht, dass das ein tragfähiger Vorschlag (deutsch-französische Brigade als Kampfverband zur Krisenreaktion), solange Deutschland nicht mehr Appetit zeigt, sich militärisch zu engagieren. Ich würde sagen, die EU kann einen Anteil haben, aber auch andere Koalitionen europäischer Staaten, vor allem wenn Großbritannien absehbar die EU verlassen will. Ich denke, dass Frankreich eine enge Partnerschaft Europas mit dem Vereinigten Königreich im Sicherheitsbereich bewahren will."
Die Bundesregierung und Frau Merkel glänzen durch Ideenlosigkeit.

H2O hat geschrieben:(04 Dec 2019, 20:50)
Im Rahmen der NATO, der UNO kann sich unser Land schlecht verweigern; bei groben Verletzungen der Menschenrechte wie im ehemaligen Jugoslawien oder zuletzt in Irak/Syrien versucht unsere Politik, sich mit Augenmaß ein zu bringen. In Mali hat sich die Bundesrepublik einbinden lassen, weil Frankreich nach den IS-Angriffen in Paris und Nizza sich auf die Nester des Terrors stürzen wollte. Und dabei hat auch Deutschland eine Rolle übernommen, eine Art Nachbarschaftshilfe, sowohl in Irak als auch in Mali.

AKK hat mehr Mut bewiesen, indem sie für den nordsyrischen Grenzstreifen eine UN-Sicherheitszone vorgeschlagen hat. Da ist Deutschland zum ersten Mal in der internationalen Sicherheitspolitik proaktiv geworden. Genau das erwarten die Franzosen zu Recht von uns. Wir können uns nicht immer hinter unserer Geschichte verstecken.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon H2O » Do 5. Dez 2019, 09:09

Wähler hat geschrieben:(05 Dec 2019, 05:50)

AKK hat mehr Mut bewiesen, indem sie für den nordsyrischen Grenzstreifen eine UN-Sicherheitszone vorgeschlagen hat. Da ist Deutschland zum ersten Mal in der internationalen Sicherheitspolitik proaktiv geworden. Genau das erwarten die Franzosen zu Recht von uns. Wir können uns nicht immer hinter unserer Geschichte verstecken.


Das wäre ein UNO-Projekt; da wäre D beteiligt um Rahmen UNO. Das ist aber nichts Neues. Neu wäre D & F ziehen los und räumen die Sahelzone auf oder machten im Jemen "Klar Schiff", was inzwischen längst ein UNO-Projekt hätte sein müssen. Aber spannende Bilder von halbverhungerten Kindern und Müttern rühren dort wohl niemanden mehr.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Fliege » Do 5. Dez 2019, 23:15

Frank_Stein hat geschrieben:(andernorts; 05 Dec 2019, 18:27)
Australien hat das Problem gelöst. Das kann Europa auch.
Es fehlt der politische Wille.

Macron, Salvini, Kurz, Orban traue ich eine australische Lösung zu, sobald Deutschland seine destruktive Politik einstellt und endlich seine Verantwortung für die EU, für Europa und die Zukunft dieses Kontinentes erkennt und annimmt.
Medienversagen: "für den gehobenen Moralbedarf"; Migrationsdesaster: "wie ein Hippie-Staat"; Klimahysterie: "weltweit dümmste Energiepolitik".
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Frank_Stein » Do 5. Dez 2019, 23:18

Fliege hat geschrieben:(05 Dec 2019, 23:15)

Macron, Salvini, Kurz, Orban traue ich eine australische Lösung zu, sobald Deutschland seine destruktive Politik einstellt und endlich seine Verantwortung für die EU, für Europa und die Zukunft dieses Kontinentes erkennt und annimmt.



Ich glaube, dass die Engländer auch dabei wären, aber die haben lieber direkt die Zugbrücke hochgezogen.

Ansonsten sind da noch Polen, Tschechien, Slowaken und die Griechen wären sicherlich auch nicht traurig, wenn sie nicht mehr der Zielhafen für "Flüchtlinge" aus der Türkei wären.

Es ist tatsächlich vor allem Deutschland, das hier blockiert. Ob es an der Demografie liegt?
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Fliege » Do 5. Dez 2019, 23:41

Frank_Stein hat geschrieben:(05 Dec 2019, 23:18)
Ich glaube, dass die Engländer auch dabei wären, aber die haben lieber direkt die Zugbrücke hochgezogen.

Ansonsten sind da noch Polen, Tschechien, Slowaken und die Griechen wären sicherlich auch nicht traurig, wenn sie nicht mehr der Zielhafen für "Flüchtlinge" aus der Türkei wären.

Es ist tatsächlich vor allem Deutschland, das hier blockiert. Ob es an der Demografie liegt?

Die Briten haben ein Gespür dafür, wann Naivität gefährlich wird ("An appeaser is one who feeds a crocodile, hoping it will eat him last", nach Winston Churchill). Was die Deutschen anlangt, möchte ich auch nach 14 Jahren die Hoffnung noch nicht aufgeben.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Fr 6. Dez 2019, 16:57

Frank_Stein hat geschrieben:(05 Dec 2019, 23:18)

Ich glaube, dass die Engländer auch dabei wären, aber die haben lieber direkt die Zugbrücke hochgezogen.

Ansonsten sind da noch Polen, Tschechien, Slowaken und die Griechen wären sicherlich auch nicht traurig, wenn sie nicht mehr der Zielhafen für "Flüchtlinge" aus der Türkei wären.

Es ist tatsächlich vor allem Deutschland, das hier blockiert. Ob es an der Demografie liegt?

Sehr richtig. Es liegt aber nicht an der Demografie, sondern an der gegenwärtigen Regierung. Vielleicht liegt es an unüberbrückbaren Differenzen in der Groko (gerade die SPD blockiert ja reflexartig alles, was im Bereich Außen- und Sicherheitspolitik eigentlich getan werden müsste), vielleicht auch an der "Sozialisierung" der Kanzlerin Merkel, die ja in einem Land aufgewachsen ist, in dem der "europäische Gedanke" nie gedacht worden ist und nie gedacht werden durfte.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 20. Dez 2019, 09:37

naddy hat geschrieben:(04 Dec 2019, 16:00)

Und da sind die Deutschen in ihrem unendlichen Bemühen der Welt zu beweisen, dass wir im Herzen doch eigentlich "die Guten" sind, selbstverständlich für die Vorreiter-Rolle prädestiniert. Und die "America-/Russia-/Polen-/China-Great-again-Maker" anderswo werden sich ins Fäustchen lachen. Die "Linke Backe - Rechte Backe"-Empfehlung der Bibel ist zwar ein hehres moralisches Prinzip, hat sich in der Praxis allerdings leider bisher nicht bewährt. So lange nicht auch die Anderen bereit sind, ihr "eigenes Land kritisch zu sehen" eignet sich diese Empfehlung wohl nur, um sich als Märtyrer zu profilieren.

Diese Interpretation interpretiert die Empfehlung einer kritischen Haltung zum eigenen Land so, als könne eine solche kritische Haltung zum eigenen Land nur unter der Voraussetzung einer unkritischen Haltung zum eigenen Land eingenommen werden. Klingt irgendwie widersprüchlich! Wenn ich mein Land oder die Regierung meines Landes oder die Mehrheitsgesellschaft meines Landes kritisiere, habe ich nicht im allermindesten das Gefühl, mir selbst eine Ohrfeige zu geben. Das würde so etwas wie eine "Identität" zwischen mir und meinem Land voraussetzen. DIe gibt es aber nicht.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon naddy » Fr 20. Dez 2019, 12:34

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Dec 2019, 09:37)

Diese Interpretation interpretiert die Empfehlung einer kritischen Haltung zum eigenen Land so, als könne eine solche kritische Haltung zum eigenen Land nur unter der Voraussetzung einer unkritischen Haltung zum eigenen Land eingenommen werden. Klingt irgendwie widersprüchlich!

Stimmt. Genau deshalb habe ich das auch nicht gesagt.

Wenn ich mein Land oder die Regierung meines Landes oder die Mehrheitsgesellschaft meines Landes kritisiere, habe ich nicht im allermindesten das Gefühl, mir selbst eine Ohrfeige zu geben. Das würde so etwas wie eine "Identität" zwischen mir und meinem Land voraussetzen. DIe gibt es aber nicht.

Der Sinn meiner Interpretation ergibt sich aus dem Kontext. Du schriebst:
schokoschendrezki hat geschrieben:Die Dealmaker der mächtigen Staaten heute können ziemlich frei schalten und walten. Weil sie jeweils einen großen Teil der jeweiligen Bevölkerung hinter sich wissen. Aus dieser großen Bredouille kommt man nur heraus, wenn es wieder en vogue wird, die Politik in seinem eigenen Land, überhaupt sein eigenes Land kritisch zu sehen und nicht zu bejubeln.

Das ist natürlich eine sehr pauschale Aussage, entsprechend meine Antwort. Wer auch immer mit "Dealmaker" gemeint sein soll, so lange Nationalstaaten gegeneinander konkurrieren - beispielsweise um Investoren - ist der im Nachteil, der besonders kritisch mit "seinem Land" umgeht. Diese Aussage ist keine Wertung, sondern die schlichte Feststellung einer logischen Konsequenz.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 20. Dez 2019, 13:19

naddy hat geschrieben:(20 Dec 2019, 12:34)

Stimmt. Genau deshalb habe ich das auch nicht gesagt.


Der Sinn meiner Interpretation ergibt sich aus dem Kontext. Du schriebst:

Das ist natürlich eine sehr pauschale Aussage, entsprechend meine Antwort. Wer auch immer mit "Dealmaker" gemeint sein soll, so lange Nationalstaaten gegeneinander konkurrieren - beispielsweise um Investoren - ist der im Nachteil, der besonders kritisch mit "seinem Land" umgeht. Diese Aussage ist keine Wertung, sondern die schlichte Feststellung einer logischen Konsequenz.

Da muss man wohl konkrete Beispiele nennen. Möglichst zum Thema, also Europa und EU.

Nach wie vor ist es im EU-Staat Kroatien verpönt oder zumindest nicht als förderwürdig angesehen, beim Gedenken an die Opfer der Jugoslawien-Kriege an Angehörige anderer Nationen zu denken als an die Kroatiens. Das zeigte sich besonders deutlich bei den aktuellen Gedenkfeiern in Vukovar.

Man muss gegen den wiederauferstandenen Nationenwahnsinn auf dem Gebiet Ex-Jugoslawiens (und nicht nur dort!) aufstehen. Dem jeweils eigenen Land eine ganz unpatriotische Ohrfeige erteilen.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Wähler » Di 31. Dez 2019, 10:23

Politico 23. Dezember 2019 What Macron plans for Europe
https://www.politico.eu/article/emmanue ... ope-plans/
"Macron’s own priorities for Europe: fighting climate change and achieving carbon neutrality; introducing a European minimum wage and eurozone-wide unemployment benefits scheme; boosting the EU’s capabilities on defense; and coming up with a credible policy of security, asylum and migration."
Es bleibt weiterhin unklar, welche Europapolitik die jetzige vierte Regierung Merkel für 2020 anstrebt.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Di 31. Dez 2019, 13:19

Wähler hat geschrieben:(31 Dec 2019, 10:23)

Politico 23. Dezember 2019 What Macron plans for Europe
https://www.politico.eu/article/emmanue ... ope-plans/
"Macron’s own priorities for Europe: fighting climate change and achieving carbon neutrality; introducing a European minimum wage and eurozone-wide unemployment benefits scheme; boosting the EU’s capabilities on defense; and coming up with a credible policy of security, asylum and migration."
Es bleibt weiterhin unklar, welche Europapolitik die jetzige vierte Regierung Merkel für 2020 anstrebt.

Wie es aussieht, gibt es keine deutsche Europapolitik, solange die große Koalition regiert. Union und SPD haben da in zentralen Fragen sehr unterschiedliche Positionen und können sich nur auf einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner einigen.
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Orbiter1 » Di 31. Dez 2019, 16:28

Kohlhaas hat geschrieben:(31 Dec 2019, 13:19)

Wie es aussieht, gibt es keine deutsche Europapolitik, solange die große Koalition regiert. Union und SPD haben da in zentralen Fragen sehr unterschiedliche Positionen und können sich nur auf einen sehr kleinen gemeinsamen Nenner einigen.
Ich hatte eher in Erinnerung dass man beim GroKo-Koalitionsvertrag dem Thema Europa breiten Raum eingeräumt hat. Ging der nicht sogar mit dem Thema Europa los?
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Kohlhaas » Di 31. Dez 2019, 16:49

Orbiter1 hat geschrieben:(31 Dec 2019, 16:28)

Ich hatte eher in Erinnerung dass man beim GroKo-Koalitionsvertrag dem Thema Europa breiten Raum eingeräumt hat. Ging der nicht sogar mit dem Thema Europa los?

Europa wird immer als ganz wichtig genannt. In Sonntagsreden. Zustandegebracht hat die Groko in der Hinsicht aber nichts. Macron wartet ja heute noch auf eine Berliner Antwort zu seinen Reformvorschlägen. Was Verteidigungs- und Sicherheitspolitik angeht, gibt es in Deutschland nichtmal Ansätze einer gemeinsamen Linie. Außenpolitik läuft unter Maas auch sehr "geräuschlos".
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Re: Sammelstrang: Quo vadis, Europa und EU?

Beitragvon Wähler » Mi 1. Jan 2020, 11:17

SZ 10. April 2019 Visionen für Europas Zukunft
https://www.sueddeutsche.de/politik/eu- ... -1.4393426
"Daneben gibt es eine Reihe weiterer Modelle für Europas Zukunft. Einige fordern "mehr Europa", das heißt zusätzliche Macht für die Brüsseler Institutionen, andere wollen im Kern den Status quo erhalten, wieder andere plädieren für ein Europa, in dem die nationalen Regierungen mehr Einfluss haben. Wir stellen einige Ideen vor:"
Möge sich jeder ein Szenario aussuchen, oder dem Zufall der Geschichte ihren Lauf lassen.
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