Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

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Hyde
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Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Hyde » So 5. Feb 2017, 08:55

Das amerikanische Wahlsystem, Stichwort Electoral College, wird ja häufig dafür kritisiert, undemokratisch zu sein - unter anderem weil der Volkswille (popular vote) nicht zwingend beachtet wird.

Ich sehe aber auch noch eine andere Gefahr, die dieses Wahlsystem mit sich bringt. Denn dadurch, dass es zwangsläufig zu einem Zwei-Parteien-System führt, wird die politische Debatte sehr stark polarisiert und die Mitte geschwächt, während die Ränder in Form der beiden "Gegenpole" des Zweiparteinsystems gestärkt wird. Dadurch wird dann natürlich auch die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben, weil die einen 50% der Bevölkerung dem anderen 50% ziemlich unversöhnlich gegenüber steht. Auch fördert dieses System Politikverdrossenheit, da vielen Menschen, die keine der beiden Parteien richtig gut finden, die Alternative fehlt (etwa eine Partei, die zwischen den Parteien in der Mitte steht) und die Wahlbeteiligung dann sinkt.

Eigentlich seit der Wahl Bushs ist die zunehmende Spaltung und Polarisierung, die dieses Zweiparteiensystem mit sich bringt, immer deutlicher zu sehen. Bush hat bekanntlich eine relativ konservative, umstrittene Politik betrieben. Dies hat in der Opposition und in Teilen der Bevölkerung zu starker Ablehnung und starken Gegenreaktionen geführt, die dann in der Wahl des "linksliberalen Messiahs" Barrack Obama mündeten. Dessen linke Politik (Krankenversicherung, Bürgerrechte, Klimaschutz etc) hat dann wiederrum zu weiterer Entfremdung der Republikaner geführt, die sich als Reaktion auf Obama unter Einfluss der Tea-Party-Bewegung noch weiter nach rechts bewegt haben - und die Mitte liegt somit immer mehr brach in der amerikanischen Politik.
Trump ist somit gewissermaßen die logische Folge, die logische "Gegenreaktion" auf Obama, so wie Obama die logische Folge von Bush war.

Und so schaukeln sich die beiden amerikanischen Parteien und die amerikanische Gesellschaft immer stärker gegenseitig hoch und sind in einem Teufelskreis aus Polarisierung, aus Reaktion und wütender Gegenreaktion gefangen, die wiederrum zu noch wütenderer Gegenreaktion des anderen politischen Spektrums führt.
Diese Zwei-Parteien-Demokratie, sprich diese "entweder/oder-Demokratie", diese "Ja/Nein-Demokratie", diese "Schwarz/Weiß-Demokratie" muss langfristig ja eigentlich schon zwangsläufig zu einer gesellschaftlichen Polarisierung und Spaltung führen! Wo sich zwei Gegenpole zunehmend unversöhnlich gegenüberstehen...

In einem Land wie Deutschland übernehmen die Linke und die AfD als Parteien an den linken und rechten Rändern die Protestfunktion. Das führt dazu, dass die anderen Parteien (etwa CDU und SPD) sich in der Mitte halten können, da sie die Unzufriedenen und die Extremen an die Parteien der Ränder aussieben können und somit selbst frei von Radikalisierung bleiben.
Und dadurch, dass den extremen Stimmen (also den Parteien an den Rändern) keine Regierungsgewalt übertragen wird (weil die anderen Parteien nicht mit ihnen koalieren), bleibt die Politik von Radikalisierung weitgehend gefeit, wodurch auch gesellschaftliche Polarisierung und Spaltung eher verhindert werden kann.
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Emin
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Emin » So 5. Feb 2017, 10:08

Das hat schon George Washington in seiner farewell Rede gesagt, und er hat auch vorhergesagt, dass es eines Tages zu einem Bürgerkrieg führen wird. Wenn man sich mal Texte aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg anschaut, dann fühlt es sich so an, als wären die Gräben heute ähnlich groß wie damals.
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Adam Smith
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Adam Smith » So 5. Feb 2017, 10:39

In Grossbritannien gibt es im Grunde auch so ein System. Wie stabil ist dort eigentlich die Demokratie?
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon unity in diversity » So 5. Feb 2017, 15:33

Adam Smith hat geschrieben:(05 Feb 2017, 10:39)

In Grossbritannien gibt es im Grunde auch so ein System. Wie stabil ist dort eigentlich die Demokratie?

Hollywood produziert apokalyptische Endzeitdokus und Weltuntergangsfilme vom laufenden Meter.
Hoffentlich können die mit ihrem Schwachsinn nicht die ganze Welt deprimiert machen.
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Nomen Nescio
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Nomen Nescio » Fr 10. Feb 2017, 10:29

Hyde hat geschrieben:(05 Feb 2017, 08:55)

Eigentlich seit der Wahl Bushs ist die zunehmende Spaltung und Polarisierung, die dieses Zweiparteiensystem mit sich bringt, immer deutlicher zu sehen.

es begann bereits unter und durch reagan.
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Nomen Nescio » Fr 10. Feb 2017, 10:30

Adam Smith hat geschrieben:(05 Feb 2017, 10:39)

In Grossbritannien gibt es im Grunde auch so ein System. Wie stabil ist dort eigentlich die Demokratie?

das siehst du jetzt bei dem brexit.
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Adam Smith
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Adam Smith » Fr 10. Feb 2017, 10:43

Nomen Nescio hat geschrieben:(10 Feb 2017, 10:29)

es begann bereits unter und durch reagan.

Vorher gab es den Vietnamkrieg, zig Proteste, Rassenunruhen, davor die Grosse Depression, davor war es auch nicht besser.
Nun gibt es diverse Auspaltungen.
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Nomen Nescio
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Nomen Nescio » So 5. Mär 2017, 21:03

Adam Smith hat geschrieben:(05 Feb 2017, 10:39)

In Grossbritannien gibt es im Grunde auch so ein System. Wie stabil ist dort eigentlich die Demokratie?

das system steht jetzt da auch unter druck. die kluft zwischen arm und reich hat sich in den letzten dezennien enorm vertieft.
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon nezumi » Sa 18. Mär 2017, 15:53

First Past The Post ist grundsätzlich problematisch. Es konzentriert die politische Macht im Lande duopolistisch bei den zwei stärksten etablierten Parteien. Wer seine Interessen politisch vertreten sehen will, braucht den Segen zumindest einer dieser Parteien. Ein direkter Zugang zum Parlament existiert nur auf dem Papier (USA) oder mit entmündigenden Einschränkungen (UK). Minderheiteninteressen haben in so einem System praktisch keine Chance. Gesellschaftliche Gruppen und Trends, die nicht mit den Interessen der herrschenden Parteien vereinbar sind, werden ignoriert oder unterdrückt. Dies führt selbstverständlich zu ungelösten gesellschaftlichen Konflikten und Spannungen.

In der zweiten Tabelle im Link sieht man die starke Diskrepanz zwischen Wahlergebnis und Sitzverteilung sehr gut. Die zwei stärksten Parteien im UK halten mit 67% der Stimmen 87% der Parlamentssitze. Die Konservativen bekommen mit 36.8% der Stimmen 50.9% der Sitze, UKIP bekommt mit 12.6% der Stimmen 0,2% der Sitze.
Im US-Wahlsystem ist es noch krasser, dort kommt eine Stimme für eine Drittpartei einem kompletten Verzicht auf das demokratische Mitbestimmungsrecht gleich. Deswegen werden von vornherein fast nur Republikaner und Demokraten gewählt.
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon peterkneter » Mo 6. Mai 2019, 10:31

hier ein interessanter Artikel hierzu:
https://www.politico.com/magazine/story ... 020-226792

das 2-Parteiensystem hat natürlich auch vorteile. Wenn man sich in Europa das Zerfallen der Parlamente in immer kleinteiligere Parteien-Häppchen ansieht werden die länder immer stärker in eine Unregierbarkeit geführt.
Siehe Umfragen zu den aktuellen Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen. Hier muss es schon 4-Parteienbündnisse geben
oder so Linke-CDU damit es zu einer Mehrheit kommt. Da wünscht man sich manchmal so ein 2-Parteiensystem um stabile
Verhältnisse zu garantieren.

In den USA eine Art Verhältnisverteilung der Wahlmänner in allen Bundesstaaten einzuführen wäre vermutlich die sinnvollste Methode.
In Nebraska und in Maine ist das schon so. Ist die frage, ob sich da noch andere anschließen.
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Gen_Y » Mo 6. Mai 2019, 10:58

Hyde hat geschrieben:(05 Feb 2017, 08:55)

Ich sehe aber auch noch eine andere Gefahr, die dieses Wahlsystem mit sich bringt. Denn dadurch, dass es zwangsläufig zu einem Zwei-Parteien-System führt, wird die politische Debatte sehr stark polarisiert und die Mitte geschwächt, während die Ränder in Form der beiden "Gegenpole" des Zweiparteinsystems gestärkt wird. Dadurch wird dann natürlich auch die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben [...].


Das Zwei-Parteien-System hat deshalb so lange gut funktioniert, da es in den USA keinen Fraktionszwang gab. Wie oft sind US-Präsidenten schon im Kongress gescheitert, obwohl ihre Partei theoretisch die Mehrheit hatte. Und im Senat war schon immer alles möglich.

Die "Reaganomics" haben den Grundstein dafür gelegt, dass es heute in den USA keine nennenswerte Mittelschicht mehr gibt. Food Stamper, Gig-Economy-Sklaven oder Reiche. Das ist die US-Gesellschaft heute. Der Globalisierungsjünger Obama hat die Schere weiter geöffnet, deshalb wurde Trump gewählt. Leider bürgert sich gerade so etwas wie ein Fraktionszwang ein, die Fronten verhärten sich zunehmend. Wie in Deutschland haben die Medien die Mitte verlassen und sich für eine Seite entschieden. Die Lösung für das Problem wäre eine gerechte Wohlstandsverteilung. Doch das klappt auch hierzulande immer weniger.
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon Nomen Nescio » Mo 6. Mai 2019, 14:55

Gen_Y hat geschrieben:(06 May 2019, 10:58)

Leider bürgert sich gerade so etwas wie ein Fraktionszwang ein, die Fronten verhärten sich zunehmend. Wie in Deutschland haben die Medien die Mitte verlassen und sich für eine Seite entschieden. Die Lösung für das Problem wäre eine gerechte Wohlstandsverteilung. Doch das klappt auch hierzulande immer weniger.

seit die USA besteht hat es immer sehr starke gegenstellungen gegeben zwischen dems und reps. auch wenn sie andere namen trugen, die parteien verkörperten ungefähr dasselbe wie heute.
im 19. jhdt ging es sogar so weit, daß man bürger »entführte« und zwang eine partei zu wählen.
als eisenhower präsident war, betrug die steuer 90%. damals gab es ein mittelschicht der angemessen verdiente und ein gutes leben hatte. eine person reichte für das lebensunterhalt. weil oft zwei personen arbeiteten, konnte man sogar sehr gut leben.
heute müssen viel menschen 2 stellen annehmen (ich hörte sogar ein beispiel von 3 !!) um ein minimumlohn zu bekommen.
ich bin kein sozialist, aber wenn das bei uns passierte, wäre ich sofort sozialist.
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Re: Trägt das US-Wahlsystem zur gesellschaftlichen Spaltung bei?

Beitragvon streicher » Mo 6. Mai 2019, 19:52

Hyde hat geschrieben:(05 Feb 2017, 08:55)

Das amerikanische Wahlsystem, Stichwort Electoral College, wird ja häufig dafür kritisiert, undemokratisch zu sein - unter anderem weil der Volkswille (popular vote) nicht zwingend beachtet wird.

Ich sehe aber auch noch eine andere Gefahr, die dieses Wahlsystem mit sich bringt. Denn dadurch, dass es zwangsläufig zu einem Zwei-Parteien-System führt, wird die politische Debatte sehr stark polarisiert und die Mitte geschwächt, während die Ränder in Form der beiden "Gegenpole" des Zweiparteinsystems gestärkt wird. Dadurch wird dann natürlich auch die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben, weil die einen 50% der Bevölkerung dem anderen 50% ziemlich unversöhnlich gegenüber steht. Auch fördert dieses System Politikverdrossenheit, da vielen Menschen, die keine der beiden Parteien richtig gut finden, die Alternative fehlt (etwa eine Partei, die zwischen den Parteien in der Mitte steht) und die Wahlbeteiligung dann sinkt.
Andererseits ist es gewollt. Und ein Politikwechsel ebenso, denn es gibt ja die beiden Pole. Koalitionen werden nicht benötigt, somit wird klarer, zu welchem Ergebnis eine Stimmenabgabe führt. Dass die Mehrheit (wäre es Verhältniswahl) auch mal verliert, wird in Kauf genommen. Immerhin hat die Demokratie schon lange gehalten, obwohl Kritik sicherlich berechtigt ist. Angegangen müsste wohl auch das Problem des Gerrymandering. Das Vereinigte Königreich kennt dieses Phänomen auch.
Die Zukunft ist Geschichte.

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