Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

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Welche Parteien stehen in Deutschland für liberale Inhalte?

Die Umfrage läuft bis Mo 20. Jul 2020, 21:29.

CDU
4
8%
CSU
2
4%
SPD
3
6%
FDP
19
39%
Grüne
9
18%
AfD
4
8%
Die Linke
3
6%
Keine der genannten Parteien
5
10%
 
Abstimmungen insgesamt: 49
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Julian
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Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Julian » So 21. Jul 2019, 21:29

Der Liberalismus ist seit dem 19. Jahrhundert eine wichtige politische Strömung in Deutschland. Viele Parteien haben über die Jahrzehnte behauptet, für liberale Inhalte zu stehen.

Allerdings ist gar nicht so klar, was Liberalismus und was liberale Inhalte sind. Sprechen wir von linksliberalen Inhalten, also etwa Bürgerrechten? Sprechen wir von wirtschaftsliberalen Inhalten? Oder gar von nationalliberalen?

Mir scheint, dass der Liberalismus trotz seiner unbestrittenen Bedeutung in Deutschland relativ schwach ausgeprägt ist: Die Deutschen scheinen der Freiheit weniger Wert beizumessen als anderen Idealen. Ist das so, und wenn ja, warum ist das so?

Häufig wird der Liberalismus wohl auch missverstanden, und Konzepte, die weit davon entfernt sind, liberal zu sein, werden als solche ausgegeben. In letzter Zeit gerät der Liberalismus sowohl von links, von rechts, von religiöser und von außerwestlicher Seite unter Druck; er soll die Ursache sein für alle möglichen Ungerechtigkeiten, von der Ausbeutung von Arbeitnehmern über den angeblich allgemeinen Sittenverfall bis hin zum Verlust von Gemeinschaft in der modernen Gesellschaft.

Welche Rolle spielen Begriffe wie Neoliberalismus und klassischer Liberalismus heute? Und wie werden sie in den verschiedenen Parteien abgebildet, sei es als Ideal oder Feindbild?

Hier einige Themen im Spiegel der Medien:

https://www.deutschlandfunk.de/liberali ... _id=435837
https://www.welt.de/debatte/kommentare/ ... nn-je.html
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lili
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon lili » So 21. Jul 2019, 22:53

Hallo,

ich danke dir für den Thread, weil ich mich mit diesem Thema auch beschäftigt habe. Ich persönlich sehe eine Konfliktlinie zwischen den positiven und negativen Freiheitsrechte. Mit anderen Worten jeder versteht unter liberal etwas anderes. Der eine möchte sich verwirklichen, während der andere weniger Steuern bezahlen will.

Ich persönlich finde keine Partei im Bundestag wirklich liberal....Es fallen mir nur die Piraten ein und ich verbinde mit dem Liberalismus eher Bürgerrechte. Ich bin mal gespannt wie andere es sehen.
Anarchie ist Sozialismus und Freiheit in einem. Freiheit ohne Sozialismus besteht aus Priveligien und Sozialismus ohne Freiheit bedeutet Gewalt und Unterdrückung (Michail Bakunin)
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Progressiver
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Progressiver » Mo 22. Jul 2019, 00:26

Ich würde auch auf die Piratenpartei tippen als Vertreterin des Liberalismus. Vielleicht auch noch die Splitterpartei der Humanisten.

Aber in Wirklichkeit ist die Sache sogar noch viel komplizierter. Es gibt nämlich nicht nur den Liberalismus, sondern auch libertäres Gedankengut. Dies scheint ähnlich zu sein. Aber den Unterschied zwischen liberalem und libertären Denken habe ich auch noch nicht kapiert. Jeff Bezos, seines Zeichens Amazongründer und reichster Mensch der Welt, bekennt sich zum Libertarismus. Auf der anderen Seite aber auch Katja Kipping von der LINKEN?

Vielleicht kann ja jemand hier bei der Definitionsfindung vom Liberalismus auch herausstreichen, was der Unterschied zu einem Libertären ausmacht? Danke.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon lili » Mo 22. Jul 2019, 00:37

Progressiver hat geschrieben:(22 Jul 2019, 00:26)

Ich würde auch auf die Piratenpartei tippen als Vertreterin des Liberalismus. Vielleicht auch noch die Splitterpartei der Humanisten.

Aber in Wirklichkeit ist die Sache sogar noch viel komplizierter. Es gibt nämlich nicht nur den Liberalismus, sondern auch libertäres Gedankengut. Dies scheint ähnlich zu sein. Aber den Unterschied zwischen liberalem und libertären Denken habe ich auch noch nicht kapiert. Jeff Bezos, seines Zeichens Amazongründer und reichster Mensch der Welt, bekennt sich zum Libertarismus. Auf der anderen Seite aber auch Katja Kipping von der LINKEN?

Vielleicht kann ja jemand hier bei der Definitionsfindung vom Liberalismus auch herausstreichen, was der Unterschied zu einem Libertären ausmacht? Danke.



Es gibt ein Unterschied beim Libertarismus zwischen rechts und links. Oft wird der rechte Flügel erwähnt. Das bedeutet Abschaffung des Staates und freier Markt. Es gibt auch Minimalstaatler. Die wollen den Staat auf Justiz und Polizei beschränken. Dann gibt es noch den linken Flügel die sind in dem System für mehr Umverteilung. Sie unterscheiden sich von linken Anarchisten dass sie grundsätzlich nichts gegen Privateigentum haben.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Skeptiker » Mo 22. Jul 2019, 01:12

Ich habe sehr lange überlegt ob ich unter den Optionen tatsächlich die FDP oder keine der genannten Parteien wählen sollte. Letztendlich habe ich mich zur FDP durchgerungen.

Liberal, bedeutet für mich "frei", also typischerweise in wirtschaftlichem Sinn nicht reguliert und nach Leistungsprinzip, im gesellschaftlichen Sinn ohne Klassenunterschiede, auf Bürgerrechtsebene möglichst ohne staatlichen Eingriff oder Einfluss. Das ist ganz und garnicht die deutsche Mentalität. Die Deutschen lieben Solidargemeinschaften. Da mache ich keine Ausnahme.

Nehmen wir z.B. die USA und ihr verkorkstes Verhältnis zur Krankenversicherung. Das kann nur verstehen, wer die amerikanische Mentalität versteht. Die geht eben NICHT von den Amerikanern als Solidargemeinschaft aus. Da ist man nicht der Meinung, dass einen Mindeststandard den alle zu finanzieren haben ein gerechtfertigter Eingriff in die persönlichen Freiheiten ist. Krankheit und einhergehender wirtschaftlicher Ruin sind dort persönliches Pech, wenn man eben nicht selber vorgesorgt hat. Etwas, das man in Deutschland niemandem vermitteln könnte, weil für die Deutschen undenkbar wäre, den Staat nicht auch als Solidargemeinschaft zu sehen. Dem Amerikaner tut die Nachbarsfamilie die Not leidet wohl sehr leid, aber eine Verpflichtung zur Unterstützung zu einer anderen amerikanischen Familie wird nicht deutlich stärker gesehen als zu irgendeiner anderen Familie in der Welt. Man hilft sich sehr - aus freien Stücken (!!!) - aber sieht keine Verpflichtung des Staates das zu institutionalisieren.

Das nur als Beispiel dafür wie liberal andere Staaten, und illiberal dagegen Deutschland ist. Wer hier also für Liberalismus eintritt, der muss genau wissen ob er auch den Preis für die Freiheit zahlen möchte. Ich behaupte, dass das bei den meisten nicht der Fall ist.
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Adam Smith
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Adam Smith » Mo 22. Jul 2019, 06:15

Progressiver hat geschrieben:(22 Jul 2019, 00:26)

Vielleicht kann ja jemand hier bei der Definitionsfindung vom Liberalismus auch herausstreichen, was der Unterschied zu einem Libertären ausmacht? Danke.


Hier wird das gut erklärt. Die Linken wollen natürlich verteilen.

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Libertarismus
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Europa2050 » Mo 22. Jul 2019, 08:46

Julian hat geschrieben:(21 Jul 2019, 21:29)

Der Liberalismus ist seit dem 19. Jahrhundert eine wichtige politische Strömung in Deutschland. Viele Parteien haben über die Jahrzehnte behauptet, für liberale Inhalte zu stehen.

Allerdings ist gar nicht so klar, was Liberalismus und was liberale Inhalte sind. Sprechen wir von linksliberalen Inhalten, also etwa Bürgerrechten? Sprechen wir von wirtschaftsliberalen Inhalten? Oder gar von nationalliberalen?

Mir scheint, dass der Liberalismus trotz seiner unbestrittenen Bedeutung in Deutschland relativ schwach ausgeprägt ist: Die Deutschen scheinen der Freiheit weniger Wert beizumessen als anderen Idealen. Ist das so, und wenn ja, warum ist das so?

Häufig wird der Liberalismus wohl auch missverstanden, und Konzepte, die weit davon entfernt sind, liberal zu sein, werden als solche ausgegeben. In letzter Zeit gerät der Liberalismus sowohl von links, von rechts, von religiöser und von außerwestlicher Seite unter Druck; er soll die Ursache sein für alle möglichen Ungerechtigkeiten, von der Ausbeutung von Arbeitnehmern über den angeblich allgemeinen Sittenverfall bis hin zum Verlust von Gemeinschaft in der modernen Gesellschaft.

Welche Rolle spielen Begriffe wie Neoliberalismus und klassischer Liberalismus heute? Und wie werden sie in den verschiedenen Parteien abgebildet, sei es als Ideal oder Feindbild?

Hier einige Themen im Spiegel der Medien:

https://www.deutschlandfunk.de/liberali ... _id=435837
https://www.welt.de/debatte/kommentare/ ... nn-je.html


Letztlich ist der Liberalismus auf zwei Dogmen aufgebaut.

Dogmen, weil diese Grundsätze, so logisch sie uns erscheinen mögen, von uns Menschen festgelegt sind und nicht naturwissenschaftlich beweisbar - wie übrigens die Grundlagen jeder Ideologie oder Religion.

Das erste Dogma ist, das jeder Mensch mit gleichen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet ist, die er durch seine Geburt erwirbt. Eine bestimmte Religion, Volkszugehörigkeit, Abstammung, Geschlecht ... ist dazu nicht nötig.
Diese Rechte sind festgeschrieben und einklagbar. Die höchste Aufgabe der Gemeinschaft (Staat) ist es, diese zu gewährleisten.
An dieser Stelle grenzt sich der Liberalismus vom Konservativismus (Adelsklassen, religiöse Schichten, Nomenklatura) und Faschismus (Wertigkeit der Völker) ab.

Das zweite Dogma ist, dass der Mensch autonom alle ihn betreffenden Entscheidungen trifft. Einschränkungen durch Gesetze, gesellschaftliche Normen, Religionen ... lehnt der Liberalismus ab, es sei denn die verbrieften Rechte anderer sind durch die Ausübung der Autonomie beeintächtigt, oder das Individuum unterwirft sich freiwillig diesen Einschränkungen.
An dieser Stelle grenzt sich der Liberalismus vom Faschismus (Volksgemeinschaft vor Individuum) und Sozialismus (Kollektivgedanke, zentrale Wirtschaft) ab.

Auf diesen zwei Dogmen steht der Liberalismus jedweder Prägung.
Die Gewichtung bei Zielkonflikten macht nun den Unterschied.

Der „Sozialliberale“ gewichtet das erste Dogma stärker und akzeptiert ein Eingreifen des Staates (Steuern) zur Sicherung der wirtschaftlichen Grundlagen zur Ausübung der Grundrechte.

Der „Libertäre“ gewichtet das zweite Dogma stärker und sieht deshalb im Staat nur die sogenannte „Nachtwächterfunktion“, d.h. die Einhaltung der Gesetze.

Aber die Basis ist bei beiden die gleiche, nur die Interpretation ist unterschiedlich.
Aber das gibt es ja bei Kommunismus-Sozialdemokratie, Nationalsozialismus-moderner Faschismus oder gesellschaftlichem-religiösen Konservatismus genauso.
Nationalismus lehrt Dich,
stolz auf Dinge zu sein, die Du nie getan hast und
Leute zu hassen, denen Du nie begegnet bist.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon lili » Mo 22. Jul 2019, 08:50

Europa2050 hat geschrieben:(22 Jul 2019, 08:46)

Letztlich ist der Liberalismus auf zwei Dogmen aufgebaut.

Dogmen, weil diese Grundsätze, so logisch sie uns erscheinen mögen, von uns Menschen festgelegt sind und nicht naturwissenschaftlich beweisbar - wie übrigens die Grundlagen jeder Ideologie oder Religion.

Das erste Dogma ist, das jeder Mensch mit gleichen, unveräußerlichen Rechten ausgestattet ist, die er durch seine Geburt erwirbt. Eine bestimmte Religion, Volkszugehörigkeit, Abstammung, Geschlecht ... ist dazu nicht nötig.
Diese Rechte sind festgeschrieben und einklagbar. Die höchste Aufgabe der Gemeinschaft (Staat) ist es, diese zu gewährleisten.
An dieser Stelle grenzt sich der Liberalismus vom Konservativismus (Adelsklassen, religiöse Schichten, Nomenklatura) und Faschismus (Wertigkeit der Völker) ab.

Das zweite Dogma ist, dass der Mensch autonom alle ihn betreffenden Entscheidungen trifft. Einschränkungen durch Gesetze, gesellschaftliche Normen, Religionen ... lehnt der Liberalismus ab, es sei denn die verbrieften Rechte anderer sind durch die Ausübung der Autonomie beeintächtigt, oder das Individuum unterwirft sich freiwillig diesen Einschränkungen.
An dieser Stelle grenzt sich der Liberalismus vom Faschismus (Volksgemeinschaft vor Individuum) und Sozialismus (Kollektivgedanke, zentrale Wirtschaft) ab.

Auf diesen zwei Dogmen steht der Liberalismus jedweder Prägung.
Die Gewichtung bei Zielkonflikten macht nun den Unterschied.

Der „Sozialliberale“ gewichtet das erste Dogma stärker und akzeptiert ein Eingreifen des Staates (Steuern) zur Sicherung der wirtschaftlichen Grundlagen zur Ausübung der Grundrechte.

Der „Libertäre“ gewichtet das zweite Dogma stärker und sieht deshalb im Staat nur die sogenannte „Nachtwächterfunktion“, d.h. die Einhaltung der Gesetze.

Aber die Basis ist bei beiden die gleiche, nur die Interpretation ist unterschiedlich.
Aber das gibt es ja bei Kommunismus-Sozialdemokratie, Nationalsozialismus-moderner Faschismus oder gesellschaftlichem-religiösen Konservatismus genauso.



In Deutschland wirkt der Liberalismus irgendwie Strukturkonservativ und ziemlich elitär. Ein anderer würde jetzt dazu sagen, dass ist kein Liberalismus.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Europa2050 » Mo 22. Jul 2019, 09:06

lili hat geschrieben:(22 Jul 2019, 08:50)

In Deutschland wirkt der Liberalismus irgendwie Strukturkonservativ und ziemlich elitär. Ein anderer würde jetzt dazu sagen, dass ist kein Liberalismus.


Verwechselst du evtl. die FDP mit der CDU/CSU ?

Ich werfe jetzt - ohne Detaildiskussion und unsortiert einfach mal in denRaum:

- Abschaffung Wehrpflicht,
- Ehe für alle
- zweite Chance in der Bildung
- Werbeverbot Abtreibung
- Forderung nach Einwanderungsgesetz

So auf die Schnelle, was ist daran Strukturkonservativ?

Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele (die mir auch nicht gefallen), aber manchmal sind die Zusammenhänge halt komplexer als das schwarz-weiß-Denken insbesondere der politischen Ränder.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon lili » Mo 22. Jul 2019, 09:21

Europa2050 hat geschrieben:(22 Jul 2019, 09:06)

Verwechselst du evtl. die FDP mit der CDU/CSU ?

Ich werfe jetzt - ohne Detaildiskussion und unsortiert einfach mal in denRaum:

- Abschaffung Wehrpflicht,
- Ehe für alle
- zweite Chance in der Bildung
- Werbeverbot Abtreibung
- Forderung nach Einwanderungsgesetz

So auf die Schnelle, was ist daran Strukturkonservativ?

Es gibt natürlich auch Gegenbeispiele (die mir auch nicht gefallen), aber manchmal sind die Zusammenhänge halt komplexer als das schwarz-weiß-Denken insbesondere der politischen Ränder.


Die CDU/CSU ist ja auch nicht mehr richtig konservativ. Mit Struktur bzw. Neokonservativ meine ich, dass die FDP den Status Quo beibehalten will. Gesellschaftlich mag sie progessiv sein, aber wirtschaftlich profitieren nur die Leute die oben sind und die sollen es auch bleiben. Das Paradoxe ist die FDP will einerseits den Einfluss des Staates minimieren, braucht den Staat aber um die Herrschaft der elitären Klasse zu verteidigen bzw. bewahren.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Europa2050 » Mo 22. Jul 2019, 09:53

lili hat geschrieben:(22 Jul 2019, 09:21)

Die CDU/CSU ist ja auch nicht mehr richtig konservativ. Mit Struktur bzw. Neokonservativ meine ich, dass die FDP den Status Quo beibehalten will. Gesellschaftlich mag sie progessiv sein, aber wirtschaftlich profitieren nur die Leute die oben sind und die sollen es auch bleiben. Das Paradoxe ist die FDP will einerseits den Einfluss des Staates minimieren, braucht den Staat aber um die Herrschaft der elitären Klasse zu verteidigen bzw. bewahren.


Will die FDP den Status quo beibehalten?

Gesellschaftspolitisch nicht, das hast Du ja schon bemerkt.

Bleibt also der „Geldadel“. Auch hier sorgt die FDP mit ihrer Bildungs- und Wirtschaftspolitik für Bewegung.

Selbstverdienter Wohlstand (bis hin zum Reichtum), ob jetzt durch Erfolgreiche unternehmerische Tätigkeit, sportliche oder künstlerische Hochbegabung wird immer weniger vom Status der Eltern abhängig. Noch im letzten (und extremer im vorletzten) Jahrhundert, war dies so undenkbar, national wie weltweit.

Nur sieht der Liberalismus und damit auch die FDP solche Leute eben nicht als Schmarotzer, die auf Kosten anderer reich wurden, sondern als Leuchttürme, die sich selbst verwirklicht haben (Natürlich immer im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben und ohne Korruption und Begünstigung) und als Beweis für die Durchlässigkeit des Systems.

Und wenn sie der Gesellschaft auf dem Weg dorthin nicht etwas Wichtiges gegeben hätten - hätte diese Ihnen auch nicht das Geld gegeben.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon lili » Mo 22. Jul 2019, 09:59

Europa2050 hat geschrieben:(22 Jul 2019, 09:53)

Will die FDP den Status quo beibehalten?

Gesellschaftspolitisch nicht, das hast Du ja schon bemerkt.

Bleibt also der „Geldadel“. Auch hier sorgt die FDP mit ihrer Bildungs- und Wirtschaftspolitik für Bewegung.

Selbstverdienter Wohlstand (bis hin zum Reichtum), ob jetzt durch Erfolgreiche unternehmerische Tätigkeit, sportliche oder künstlerische Hochbegabung wird immer weniger vom Status der Eltern abhängig. Noch im letzten (und extremer im vorletzten) Jahrhundert, war dies so undenkbar, national wie weltweit.

Nur sieht der Liberalismus und damit auch die FDP solche Leute eben nicht als Schmarotzer, die auf Kosten anderer reich wurden, sondern als Leuchttürme, die sich selbst verwirklicht haben (Natürlich immer im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben und ohne Korruption und Begünstigung) und als Beweis für die Durchlässigkeit des Systems.

Und wenn sie der Gesellschaft auf dem Weg dorthin nicht etwas Wichtiges gegeben hätten - hätte diese Ihnen auch nicht das Geld gegeben.



Ich persönlich bin nicht diejenige die Reiche Leute beleidigt oder jegliche Form von Neid hege. Der Liberalismus steht für die Chancengleichheit und die allgemeine Ungleichheit. Von dieser Chancengleichheit sehe ich bei der FDP nicht. Ganz im Gegenteil man wird irgendwo hineingeboren und dann hat man entweder Glück oder Pech gehabt. Sie betonen zwar oft das Thema Bildung, aber am Ende profitieren doch eh wieder die gleichen.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Europa2050 » Mo 22. Jul 2019, 10:14

lili hat geschrieben:(22 Jul 2019, 09:59)

Ich persönlich bin nicht diejenige die Reiche Leute beleidigt oder jegliche Form von Neid hege. Der Liberalismus steht für die Chancengleichheit und die allgemeine Ungleichheit. Von dieser Chancengleichheit sehe ich bei der FDP nicht. Ganz im Gegenteil man wird irgendwo hineingeboren und dann hat man entweder Glück oder Pech gehabt. Sie betonen zwar oft das Thema Bildung, aber am Ende profitieren doch eh wieder die gleichen.


Natürlich profitieren von allgemeinen Bildungschancen immer die Gleichen: Diejenigen, die was draus machen.

Mit Geburt hat das rein rechtlich nichts zu tun. Oder erhält die Zulassung zum Gymnasium nur, wessen Eltern einen gewissen Bruttolohn oder Vermögen nachweisen können?

Richtig - und für mich eines der größten ungeklärten gesellschaftlichen Probleme - ist natürlich, dass in manchen Haushalten der Wert von Bildung und Vorwärtsstreben und die moralische Unterstützung, diese zu erreichen, komplett darnieder liegt. Und die Kinder Opfer dieses Erziehungsversagens sind. Da hilft dann wirklich nur die von der FDP propagierte „zweite Chance“, wenn die „Kinder“ erwachsen sind.

Dass Menschen nicht nach vorne streben und für sich und die ihren das Beste wollen, kommt in der Denke des Liberalismus nicht vor, der Liberale glaubt einfach an den Menschen.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon lili » Mo 22. Jul 2019, 10:18

Europa2050 hat geschrieben:(22 Jul 2019, 10:14)

Natürlich profitieren von allgemeinen Bildungschancen immer die Gleichen: Diejenigen, die was draus machen.

Mit Geburt hat das rein rechtlich nichts zu tun. Oder erhält die Zulassung zum Gymnasium nur, wessen Eltern einen gewissen Bruttolohn oder Vermögen nachweisen können?

Richtig - und für mich eines der größten ungeklärten gesellschaftlichen Probleme - ist natürlich, dass in manchen Haushalten der Wert von Bildung und Vorwärtsstreben und die moralische Unterstützung, diese zu erreichen, komplett darnieder liegt. Und die Kinder Opfer dieses Erziehungsversagens sind. Da hilft dann wirklich nur die von der FDP propagierte „zweite Chance“, wenn die „Kinder“ erwachsen sind.

Dass Menschen nicht nach vorne streben und für sich und die ihren das Beste wollen, kommt in der Denke des Liberalismus nicht vor, der Liberale glaubt einfach an den Menschen.


Gesetzlich nicht, aber wir wissen dass die Aufstiegschancen sehr minimal sind. Kinder von Eltern mit guter Bildung erreichen automatisch auch gute Bildung. Das ist an sich schon, nur bei der FDP habe ich immer die Wahrnehmung, dass es am Ende ein Recht der Stärkeren wird. Wenn man sich in der USA die Reden anhört hören die sich ähnlich an. Du kannst nur damit nichts anfangen, wenn du im Ghetto in Bronx lebst.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Alpha Centauri » Mo 22. Jul 2019, 10:20

Europa2050 hat geschrieben:(22 Jul 2019, 10:14)

Natürlich profitieren von allgemeinen Bildungschancen immer die Gleichen: Diejenigen, die was draus machen.

Mit Geburt hat das rein rechtlich nichts zu tun. Oder erhält die Zulassung zum Gymnasium nur, wessen Eltern einen gewissen Bruttolohn oder Vermögen nachweisen können?

Richtig - und für mich eines der größten ungeklärten gesellschaftlichen Probleme - ist natürlich, dass in manchen Haushalten der Wert von Bildung und Vorwärtsstreben und die moralische Unterstützung, diese zu erreichen, komplett darnieder liegt. Und die Kinder Opfer dieses Erziehungsversagens sind. Da hilft dann wirklich nur die von der FDP propagierte „zweite Chance“, wenn die „Kinder“ erwachsen sind.

Dass Menschen nicht nach vorne streben und für sich und die ihren das Beste wollen, kommt in der Denke des Liberalismus nicht vor, der Liberale glaubt einfach an den Menschen.



Die FDP steht teilweise für Status Quo, z.b. ist die FDP im Gegensatz zu den neuen.Liberalen( die eigentlichen Liberalen) gegen das bedingungslose Grundeinkommen eine Ur Liberale Idee in Richtung echter Sozialstaat, und kein überbürokratisierter Verwaltungsapparat.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Alpha Centauri » Mo 22. Jul 2019, 13:28

lili hat geschrieben:(22 Jul 2019, 10:18)

Gesetzlich nicht, aber wir wissen dass die Aufstiegschancen sehr minimal sind. Kinder von Eltern mit guter Bildung erreichen automatisch auch gute Bildung. Das ist an sich schon, nur bei der FDP habe ich immer die Wahrnehmung, dass es am Ende ein Recht der Stärkeren wird. Wenn man sich in der USA die Reden anhört hören die sich ähnlich an. Du kannst nur damit nichts anfangen, wenn du im Ghetto in Bronx lebst.



Tja warum schafft es wohl die FDP meist nie über 10% hinaus an Zustimmung???
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon lili » Mo 22. Jul 2019, 13:36

Alpha Centauri hat geschrieben:(22 Jul 2019, 13:28)

Tja warum schafft es wohl die FDP meist nie über 10% hinaus an Zustimmung???


Das kann ein Grund sein. Bei der FDP geht es nicht um den Bürgerrechtsliberalismus, sondern Wirtschaftsliberalismus. Das spricht ja nur die Arbeitgeber, erfolgreich Selbstständigen an.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Alpha Centauri » Mo 22. Jul 2019, 13:52

lili hat geschrieben:(22 Jul 2019, 13:36)

Das kann ein Grund sein. Bei der FDP geht es nicht um den Bürgerrechtsliberalismus, sondern Wirtschaftsliberalismus. Das spricht ja nur die Arbeitgeber, erfolgreich Selbstständigen an.



Die Verengung des Begriffes Liberalismus auf dass rein Wirtschaftsliberale ist ein Kritikpunkt den sich die FDP immer wieder gegenüber sieht , Bürgerrechte, Sozialiberalismus, ( Stichwort Die neuen Liberalen und die Debatte ums bedingungslose Grundeinkommen bzw. Garantiesicherung) dass sind so Dinge die erinnert doch wieder teils stark an die Brüderle und Rössler FDP , ich hoffe Lindner hat daraus was gescheites gelernt.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon lili » Mo 22. Jul 2019, 13:55

Alpha Centauri hat geschrieben:(22 Jul 2019, 13:52)

Die Verengung des Begriffes Liberalismus auf dass rein Wirtschaftsliberale ist ein Kritikpunkt den sich die FDP immer wieder gegenüber sieht , Bürgerrechte, Sozialiberalismus, ( Stichwort Die neuen Liberalen und die Debatte ums bedingungslose Grundeinkommen bzw. Garantiesicherung) dass sind so Dinge die erinnert doch wieder teils stark an die Brüderle und Rössler FDP , ich hoffe Lindner hat daraus was gescheites gelernt.


Ich bin da eher skeptisch. Ich würde Lindner schon eher in die Richtung Wirtschaftsliberalismus packen. Er ist jetzt evtl. nicht so extrem wie Brüderle und Rösler. Lindner repräsentiert noch nicht mal den sozialliberalen Flügel und seine Äußerungen klingen auch eher wirtschaftsliberal.
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Re: Was ist Liberalismus, und wer vertritt ihn in Deutschland?

Beitragvon Europa2050 » Mo 22. Jul 2019, 14:06

lili hat geschrieben:(22 Jul 2019, 13:55)

Ich bin da eher skeptisch. Ich würde Lindner schon eher in die Richtung Wirtschaftsliberalismus packen. Er ist jetzt evtl. nicht so extrem wie Brüderle und Rösler. Lindner repräsentiert noch nicht mal den sozialliberalen Flügel und seine Äußerungen klingen auch eher wirtschaftsliberal.


Lindner hat die Wende der FDP von der „Kapitalistenpartei“ (den Job hat jetzt die CSU, gell Herr Scheuer) zur Bürgerrechtspartei eingeleitet.

Allerdings ist er, so gut er als Stratege ist, m.E. ein katastrophaler Darsteller (ich ärgere mich als Hardcoreliberaler in jeder Talkshow, in der dabei ist, mindestens einmal und wünsche mir, Genschman wäre wieder da).

Lindner bekommt deshalb nie vernünftig rüber, dass Bürgerrechte und Individualismus eineiige Zwillinge sind und kein Gegensatz.

Na gut, ist auch komplexer zu erklären, als dass die Erde zu heiss wird oder dass die Flüchtlinge uns alle umbringen ...
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