von ältesten Parteien und bunter Realsatire

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Der Neandertaler
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von ältesten Parteien und bunter Realsatire

Beitragvon Der Neandertaler » So 17. Feb 2019, 22:18

1861 gegründete sich als erste moderne deutsche Programmpartei die liberale "Deutsche Fortschrittspartei" (DFP). Sie fusionierte 1884 mit der "Liberalen Vereinigung" (LV) zur "Deutschen Freisinnigen Partei" - diese bestand von 1884 bis 1893. 1893 kam es zur Spaltung des parteipolitischen Linksliberalismus, der erst 1910 durch einen Zusammenschluß der "Freisinnigen Volkspartei" (FVp), der "Freisinnigen Vereinigung" (FrVgg) und der "Deutschen Volkspartei" (DVP) zur "Fortschrittliche Volkspartei" (FVP) (wieder) zusammenfand. Diese ging schließlich 1918 in der "Deutschen Demokratischen Partei" (DDP) auf. 1930 vereinigte sie sich mit der "Volksnationalen Reichsvereinigung" und nannte sich fortan "Deutsche Staatspartei (DStP)". Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde die "Deutsche Staatspartei" im Rahmen der Gleichschaltung aufgelöst. Frühere Mitglieder der "DDP" (z. B. Theodor Heuss, Thomas Dehler oder Reinhold Maier) waren 1948 maßgeblich an der Gründung der "Freie Demokratische Partei" (FDP) beteiligt. Somit gilt die 1861 gegründete liberale "Deutsche Fortschrittspartei" (DFP) als historischer Vorläufer der "Freie Demokratische Partei" (FDP).

Seltsamer Weise gilt die SPD als die älteste Partei Deutschlands. Aus einem Zusammenschluß des 1863 gegründeten "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein" (ADAV) und der 1869 gegründeten "Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" (SDAP) ging 1875 die "Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands" (SAP) hervor. Diese benannte sich 1890 in "Sozialdemokratische Partei Deutschlands" (SPD) um.

Die "Christlich Demokratische Union Deutschlands" (CDU) wurde 1945 als überkonfessionelle christliche Partei gegründet - ihre Schwesterpartei, die "Christlich-Soziale Union" (CSU) gibt es als christlich-konservative politische Partei ebenfalls seit 1945 - aber nur in Bayern.

Diese drei Parteien, respektive: Fraktionen bildeten nach 1945 den Bundestag. Nach der Bundestagswahl 1983 zogen erstmals "Die Grünen" in den Bundestag. Die Partei "Die Grünen" entstammten weitgehend der Anti-Atomkraft- und Umweltbewegung. Sie wurde als Partei 1980 in Karlsruhe gegründet und vereinigte sich 1989/90 mit einem Großteil der Bürgerbewegung der ehemaligen DDR zu "Bündnis 90/Die Grünen".

Die linke politische Partei "Die Linke" entstand 2007 (infolge der Hartz-Gesetze) durch Verschmelzung der SPD-Abspaltung "WASG" mit der "Linkspartei.PDS".

Es ist ein Grundrecht eines jeden Bundesbürger, eine Partei zu gründen (Art 21 - GG) - es bedarf dabei auch keines konstitutiven staatlichen Aktes. Horst Schlämmer hat es zumindest fiktional getan und Ex-Titanic-Chef Sonneborn real-satirisch. Zur Wahl zugelassen werden allerdings nur die wenigsten. Zudem ist es hilfreich, wenn der Name der neuen Partei sich von bereits vorhandenen Parteien deutlich unterscheidet und längere Namen sich gut abkürzen lassen. So könnte sich die Partei für "Wirtschaft, Arbeit, Recht, Umwelt und Mehr" kurz zur "Warum"-Partei nennen oder eine für "Frieden, Arbeit, Kultur und Transparenz" hieße dann: die "Fakt"-Partei. Obwohl sie wohl wenig Aussicht haben, in das jeweilige Parlament einzuziehen, gibt es trotzdem immer noch recht viele Parteien, die bei jeder Wahl antreten. Regierungsbeteiligung ist dabei fast immer und erst recht aussichtslos. Wer von Schwarz-Rot-Gelb-Grün genug hat, der gerät leicht ins Schwärmen. Wie wär’s mit Ocker? Türkis? Oder einem Lindgrün? Farben helfen fast immer - es geht über's Imaginäre.

>>>> andere Baustelle <<<<

Toni Geller war ein hervorragender politischer Büttenredner im Kölner Karneval. Zwischen 1952 und 1995 stellte er sich dem Festkomitee und dem karnevalistischen Publikum als "Ländlicher Wahlkandidat" der von ihm neugegründeten "Blauen Partei" vor. Er verkörperte dabei einen Abgeordneten und sprach immer davon, daß der Vorstand "voll hinter seinen Kandidaten und Abgeordneten" steht.
    ... wobei er das "voll" immer sehr betonte.
Sein Slogan:
    "Wir von der Blauen Partei versprechen nichts ‐ aber das halten wir auch."
Dieses "voll" muß sich nun auch die ehemalige AfD-Sprecherin Frauke Petry sehr zu Herzen genommen haben. Nachdem Bernd Lucke 2013 die "Alternative für Deutschland" (AfD) als EU-skeptische und rechtsliberale Partei gegründet hatte und dieser von Frauke Petry und Jörg Meuthen aus der Partei gedrängt wurde, formierte sich unter Bernd Lucke die Partei "Allianz für Fortschritt und Aufbruch" (ALFA), während sich der überwiegende Rest der Partei unter Frauke Petry und Jörg Meuthen deutlich nach rechts entwickelte. Ende September 2017 trat die Parteivorsitzende Frauke Petry ebenfalls aus der AfD aus und initiierte die "Blaue Partei". Die "Blaue Partei" trat bislang bei keiner Wahl an, ist aber trotzdem durch Parteiübertritte von Mandatsträgern im Deutschen Bundestag, in mehreren Landtagen sowie im Europäischen Parlament vertreten.

Es dürfte allerdings kein Wunder sein, daß die "Blaue Partei" bislang an keiner Wahl teilnahm - denn vielleicht erinnern sich die älteren Mitwähler noch an Toni Geller und seiner erdachten Fraktion "Blaue Partei" und halten Petrys Partei ebenfalls für Realsatire. Gut, in Ostdeutschland dürfte Petrys Erfolg etwas üppiger sein, denn dort dürfte Toni Geller weniger bekannt sein. Schließlich heißt dort in sächsischem Sprech ARD und ZDF:
    Zweites Deutsche Fernsehen - Außer Raum Dresden
Aber wieviel Parteien verträgt unser Parlament wiklich?
    ... immerhin gehen uns langsam die Farben aus.
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Re: von ältesten Parteien und bunter Realsatire

Beitragvon Dampflok94 » So 17. Feb 2019, 23:27

Der Neandertaler hat geschrieben:(17 Feb 2019, 22:18)

1861 gegründete sich als erste moderne deutsche Programmpartei die liberale "Deutsche Fortschrittspartei" (DFP). Sie fusionierte 1884 mit der "Liberalen Vereinigung" (LV) zur "Deutschen Freisinnigen Partei" - diese bestand von 1884 bis 1893. 1893 kam es zur Spaltung des parteipolitischen Linksliberalismus, der erst 1910 durch einen Zusammenschluß der "Freisinnigen Volkspartei" (FVp), der "Freisinnigen Vereinigung" (FrVgg) und der "Deutschen Volkspartei" (DVP) zur "Fortschrittliche Volkspartei" (FVP) (wieder) zusammenfand. Diese ging schließlich 1918 in der "Deutschen Demokratischen Partei" (DDP) auf. 1930 vereinigte sie sich mit der "Volksnationalen Reichsvereinigung" und nannte sich fortan "Deutsche Staatspartei (DStP)". Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde die "Deutsche Staatspartei" im Rahmen der Gleichschaltung aufgelöst. Frühere Mitglieder der "DDP" (z. B. Theodor Heuss, Thomas Dehler oder Reinhold Maier) waren 1948 maßgeblich an der Gründung der "Freie Demokratische Partei" (FDP) beteiligt. Somit gilt die 1861 gegründete liberale "Deutsche Fortschrittspartei" (DFP) als historischer Vorläufer der "Freie Demokratische Partei" (FDP).

Richtig es waren Vorläufer der FDP. Nicht weniger aber auch nicht mehr. Die FDP war letztlich eine Neugründung. Da haben zwar so einige der alten DDP mitgemacht aber z. B. auch einige der alten DVP also der Nationalliberalen. Sonst könnte man auch die CDU als Nachfolger des Zentrums betrachten. Denn da kamen viele der Gründer her. Und h´genau deswegen wird eben die SPD als älteste Partei gesehen.
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Re: von ältesten Parteien und bunter Realsatire

Beitragvon imp » Mo 25. Feb 2019, 19:56

Von den heute existierenden Parteien dürfte das Zentrum mit am Ältesten sein.
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Re: von ältesten Parteien und bunter Realsatire

Beitragvon imp » Fr 22. Mär 2019, 09:01

Der Neandertaler hat geschrieben:(17 Feb 2019, 22:18)
Diese drei Parteien, respektive: Fraktionen bildeten nach 1945 den Bundestag. Nach der Bundestagswahl 1983 zogen erstmals "Die Grünen" in den Bundestag. Die Partei "Die Grünen" entstammten weitgehend der Anti-Atomkraft- und Umweltbewegung. Sie wurde als Partei 1980 in Karlsruhe gegründet und vereinigte sich 1989/90 mit einem Großteil der Bürgerbewegung der ehemaligen DDR zu "Bündnis 90/Die Grünen".

Lieber Historiker,

da möchte ich doch ein wenig präzisieren. Von einem "Großteil der Bürgerbewegung der ehemaligen DDR" innerhalb der Grünen kann allenfalls nach 1993 die Rede sein. Die Grünen in Ost und West vereinigten sich erst nach der erfolglosen Bundestagswahl 1990 ohne die Grünen in Sachsen und ohne die für diese Frage viel wichtigere Gruppierung Bündnis 90, in der bis 1993 die meisten Teile von Demokratie Jetzt, Neuem Forum, verschiedenen Frauen/Feminismusgruppen, kleinere Teile der Vereinigten Linken usw aufgingen. 1991 fusionierten in Sachsen Teile der immer noch unabhängigen DDR-Grünen mit Teilen des Bündnis 90 und schlossen sich den bundesdeutschen Grünen an. Erst im Mai 1993 schloß sich das Bündnis 90 der Partei unter dem neuen Namen Bündis 90 / Die Grünen an. Die zwei Ostgrünen und das Bündnis 90 stellten aber bereits seit 1990 eine gemeinsame Bundestagsgruppe - ohne die Bundesgrünen, denn die waren 1990 bei der Wahl krachend gescheitert. Nicht den Weg zu den Grünen gingen in Brandenburg Teile des Bündnis 90. Wichtige Personen wie Matthias Platzeck und Günther Nooke gründeten 1993 die Abspaltung BürgerBündnis freier Wähler. Platzeck wurde später SPD-Chef, Nooke machte Karriere der CDU, das Bürgerbündnis ist heute Teil der Freien Wähler.
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Re: von ältesten Parteien und bunter Realsatire

Beitragvon Der Neandertaler » Fr 22. Mär 2019, 15:16

Hallo imp.
imp hat geschrieben:Lieber Historiker,

da möchte ich doch ein wenig präzisieren.
[...]
Danke für diese Präzisierung! Aber primär ging es mir nicht so sehr um die Aufarbeitung der Parteienlandschaft - diese bis in's kleinste Detail darzulegen, wäre wohl, wie Du mit Recht darlegst, sehr umständlich. Wer mich kennt, der weiß, daß ich sehr gerne (neue) Meldungen ironisch mit Vergangenem kommentiere.
In diesem Fall:
    Petrys "Blaue Partei" - Toni Gellers "Blaue Partei"
      ... eine Lachnummer?
"Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern können." (Voltaire)
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Re: von ältesten Parteien und bunter Realsatire

Beitragvon imp » Fr 22. Mär 2019, 18:38

Der Neandertaler hat geschrieben:(22 Mar 2019, 15:16)

Hallo imp.Danke für diese Präzisierung! Aber primär ging es mir nicht so sehr um die Aufarbeitung der Parteienlandschaft - diese bis in's kleinste Detail darzulegen, wäre wohl, wie Du mit Recht darlegst, sehr umständlich. Wer mich kennt, der weiß, daß ich sehr gerne (neue) Meldungen ironisch mit Vergangenem kommentiere.
In diesem Fall:
    Petrys "Blaue Partei" - Toni Gellers "Blaue Partei"
      ... eine Lachnummer?


In der Tat. Auch die neuere AfD-Abspaltung scheint nicht abzuheben, bleibt ernüchternd auf sich selbst verwiesen.
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Re: von ältesten Parteien und bunter Realsatire

Beitragvon Der Neandertaler » Fr 22. Mär 2019, 18:58

imp hat geschrieben:In der Tat. Auch die neuere AfD-Abspaltung scheint nicht abzuheben, bleibt ernüchternd auf sich selbst verwiesen.
Genau wie "Alfa" - Luckes neue Partei. Vielleicht zerlegt sich ja die AfD irgendwann selber?
    ... wenn die Wähler dieser Parodie ... dieser Pointe der Wiederbelebung merken, daß damit kein Gewinn zu machen ist.
Aber drauf hoffen und warten würd ich nicht. Sie findet immer ein Fettnäpchen, in das sie treten kann. Und wenn nicht alle Teile mitmachen wollen:
    Abspaltung!
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