Verbotene Philosophie

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watisdatdenn?
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Verbotene Philosophie

Beitragvon watisdatdenn? » So 21. Apr 2019, 00:50

Mir ist letztens ein Gedanke gekommen:

Anhänger der Philosophie des Solipsismusses könnten im Gefängnis landen, wenn man sie über die Existenz des Holocaustes befragen würde.

Da (metaphysische) Solipsisten davon überzeugt sind, dass außer ihrem Ich sonst nichts existiert, müssten sie die Frage ob es einen Holocaust (oder Nazis oder Geschichte generell) gab klar verneinen.
Damit sind sie automatisch im Konflikt mit Paragraph 130(3) (Volksverhetzung/Holocaustleugnung) und es droht ihnen 5 Jahre Haft.

Müsste jeder der sich als ernsthafter metaphysischer Solipsist outet diese Frage stellen lassen und in letzter Konsequenz bestraft werden?


Gibt es noch andere Philosophieen die mit dem Deutschen Strafrecht potentiell im Konflikt sind?
Woppadaq
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon Woppadaq » So 21. Apr 2019, 01:03

watisdatdenn? hat geschrieben:(21 Apr 2019, 00:50)

Mir ist letztens ein Gedanke gekommen:

Anhänger der Philosophie des Solipsismusses könnten im Gefängnis landen, wenn man sie über die Existenz des Holocaustes befragen würde.

Da (metaphysische) Solipsisten davon überzeugt sind, dass außer ihrem Ich sonst nichts existiert, müssten sie die Frage ob es einen Holocaust (oder Nazis oder Geschichte generell) gab klar verneinen.
Damit sind sie automatisch im Konflikt mit Paragraph 130(3) (Volksverhetzung/Holocaustleugnung) und es droht ihnen 5 Jahre Haft.

Müsste jeder der sich als ernsthafter metaphysischer Solipsist outet diese Frage stellen lassen und in letzter Konsequenz bestraft werden?


Hast du dir mal den Paragraph 130 genauer durchgelesen? Da taucht das Wort "Holocaustleugnung" gar nicht auf. Er greift nur, wenn die öffentliche Ordnung gestört wird/werden könnte. Mit anderen worten: Ein Solipsist macht sich erst bei öffentlichen Auftritten strafbar, und da auch nur, wenn er diese Leugnung herabwürdigend meint.
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watisdatdenn?
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon watisdatdenn? » So 21. Apr 2019, 01:12

Woppadaq hat geschrieben:(21 Apr 2019, 01:03)
Hast du dir mal den Paragraph 130 genauer durchgelesen? Da taucht das Wort "Holocaustleugnung" gar nicht auf. Er greift nur, wenn die öffentliche Ordnung gestört wird/werden könnte. Mit anderen worten: Ein Solipsist macht sich erst bei öffentlichen Auftritten strafbar, und da auch nur, wenn er diese Leugnung herabwürdigend meint.

In Paragraph 130(3) ist Holocaustleugnung implizit enthalten.

Es würde ja auf jeden Fall genügen, wenn ein Solipsist im Internet schreiben würde: „Es gab keine Verbrechen unter den Nazis, da es keine Nazis gab. Im übrigen gab es Generell keine Geschichte und es gibt keine anderen Personen, sondern nur ich existiere!“

Das wäre eine klare Leugnung der Verbrechen der Nazis (welches sich direkt und logisch aus der metaphysischen solipsistischen Philosophie ableitet) und somit nach deutschem Recht strafbar.
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Watchful_Eye
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon Watchful_Eye » So 21. Apr 2019, 04:29

watisdatdenn? hat geschrieben:(21 Apr 2019, 01:12)
Es würde ja auf jeden Fall genügen, wenn ein Solipsist im Internet schreiben würde: „Es gab keine Verbrechen unter den Nazis, da es keine Nazis gab. Im übrigen gab es Generell keine Geschichte und es gibt keine anderen Personen, sondern nur ich existiere!“

Das wäre eine klare Leugnung der Verbrechen der Nazis (welches sich direkt und logisch aus der metaphysischen solipsistischen Philosophie ableitet) und somit nach deutschem Recht strafbar.

Ja, aber er muss ja nicht gerade dieses Beispiel wählen.

Man könnte genau so an Misantrophen denken, die alle Menschen unterschiedslos hassen. Davon gibt es zB unter Blackmetallern ziemlich viele. Trotzdem haben sie deshalb keinen Anlass, volksverhetzende Aussagen zu treffen. Sie hassen zwar zB auch Muslime, aber nicht wegen dem Merkmal "Muslim", sondern unterschiedslos als Teil der Untergruppe "Mensch". Es wäre für sie sogar bescheuert, ausgerechnet "Ich hasse Muslime" zu sagen, weil diese Aussage eine geringere Hassenswertigkeit anderer Menschen suggerieren würde.

Und etwa so ist es dann auch weiter oben. Sie leugnen die gesamte Realität, von der der Holocaust zufällig ein Teil ist ("Holocaust" als Untergruppe von "Realität"). Sie sollten normalerweise daher keinen Anlass verspüren, das irgendwie besonders herauszustellen.

Bei einer Befragung - wie du in deinem Eingangsbeitrag geschrieben hast - kann ich mir schon eher vorstellen, dass es mal eng werden könnte. Aber wenn sich der Solipsist in einem angemessenen Tonfall äußert, sollten die Richter das entsprechend einzuordnen wissen ("nicht geeignet, den öffentlichen Frieden zu stören").
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Satori
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon Satori » So 21. Apr 2019, 05:18

watisdatdenn? hat geschrieben:(21 Apr 2019, 00:50)

Mir ist letztens ein Gedanke gekommen:

Anhänger der Philosophie des Solipsismusses könnten im Gefängnis landen, wenn man sie über die Existenz des Holocaustes befragen würde.

Da (metaphysische) Solipsisten davon überzeugt sind, dass außer ihrem Ich sonst nichts existiert, müssten sie die Frage ob es einen Holocaust (oder Nazis oder Geschichte generell) gab klar verneinen.
Damit sind sie automatisch im Konflikt mit Paragraph 130(3) (Volksverhetzung/Holocaustleugnung) und es droht ihnen 5 Jahre Haft.

Müsste jeder der sich als ernsthafter metaphysischer Solipsist outet diese Frage stellen lassen und in letzter Konsequenz bestraft werden?


Mystiker standen oft mit einem Bein im Gefängnis.
Sehr viele, so lehrt es die Geschichte, wurden als Häretiker oder Ketzer verbrannt, gekreuzigt, gesteinigt.
Das prominenteste Beispiel: Jesus.
Immer wieder soll es geheime Gesellschaften gegeben haben, die ihren Mitgliedern nahe legten, ihre Erkenntnissen im Stillen zu bewahren.

Gibt es noch andere Philosophieen die mit dem Deutschen Strafrecht potentiell im Konflikt sind?


Ich denke, keine Philosophie steht heute noch mit dem Gesetz in Konflikt.
Anders ist es wohl, wenn politisch nicht erwünschte Aussagen zu laut in die Öffentlichkeit getragen werden.
Das ist dann sicher Interpretations-Sache der Juristen, auszulegen ob es Aussagen gibt, welche die "öffentliche Ruhe" stören könnten.
Peter Scholl-Latour: "Wir leben in einem Zeitalter der Massenverblödung, besonders der medialen Massenverblödung."
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon jellobiafra » So 21. Apr 2019, 07:16

Der Solipsist hat nun den großen Vorteil, dass für ihn auch keine Gefängnisse existieren, Was kann ihm schon passieren?
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon Tom Bombadil » So 21. Apr 2019, 10:19

watisdatdenn? hat geschrieben:(21 Apr 2019, 01:12)

Es würde ja auf jeden Fall genügen, wenn ein Solipsist im Internet schreiben würde...

Warum sollte er das tun? Um Selbstgespräche zu führen?
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon jellobiafra » So 21. Apr 2019, 12:57

Konsequenter Solipsismus führt ins Irrenhaus. Ein zurechnungsfähiger Solipsist wiederum ist in der Lage die eigenen Aussagen auf ihre Strafbarkeit zu überprüfen. Deshalb scheint mir die Frage, die hier diskutiert wird, keine ernste und akute zu sein.
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon BlueMonday » So 21. Apr 2019, 13:45

Der Genitiv des Solipsismus ist übrigens Solipsismus. Der Solipsist würde halt sagen, dass der "Holocaust" oder sonst etwas, eine Konstruktion seines Bewusstseins ist. Stimmt ja auch. Sogar für jeden Begriff. Der Einzige, der das nicht begreift, ist der naive Begriffsrealist, der Begriff und Realität zusammenfallen lässt, der sich also gar nicht vorstellen kann, dass es da eine Differenz gibt. Davon ab halte ich es einer zivilisierten Gesellschaft nicht würdig, wenn man solche bloßen deskriptiven Aussagen bestraft, wenn dafür sogar uralte Menschen verfolgt und ihrer Freiheit beraubt werden. Was sagt das über eine Gesellschaft aus, die das nicht aushalten kann bzw. im reinen Diskurs löst. Es ist jedenfalls keine Gesellschaft der Denker, der Philosophen oder der Argumente.
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon watisdatdenn? » So 21. Apr 2019, 21:24

BlueMonday hat geschrieben:(21 Apr 2019, 13:45)
Davon ab halte ich es einer zivilisierten Gesellschaft nicht würdig, wenn man solche bloßen deskriptiven Aussagen bestraft, wenn dafür sogar uralte Menschen verfolgt und ihrer Freiheit beraubt werden. Was sagt das über eine Gesellschaft aus, die das nicht aushalten kann bzw. im reinen Diskurs löst. Es ist jedenfalls keine Gesellschaft der Denker, der Philosophen oder der Argumente.

Sehr schön geschrieben! Sehe ich auch so.

Die logische Konsequenz wäre ein Anpassen oder wegfallen lassen entsprechender Gesetze.

Mehr Freiheit wagen!
Mehr Demokratie wagen!

Das würde der FDGO (der ich mich verbunden fühle) sicher nicht schaden...
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Re: Verbotene Philosophie

Beitragvon z4ubi » Di 23. Apr 2019, 20:40

watisdatdenn? hat geschrieben:(21 Apr 2019, 21:24)

Sehr schön geschrieben! Sehe ich auch so.

Die logische Konsequenz wäre ein Anpassen oder wegfallen lassen entsprechender Gesetze.

Mehr Freiheit wagen!
Mehr Demokratie wagen!

Das würde der FDGO (der ich mich verbunden fühle) sicher nicht schaden...


Wieso ein Gesetz für einen Solipsisten ändern, für den dieses Gesetz gar nicht existiert? Er hat doch schon quasi unbegrenzte Freiheit.

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