Pure Vernunft darf niemals siegen?

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Occham
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon Occham » So 23. Dez 2018, 09:39

Ich finde schon das Vernunft siegen sollte, oder sollen die unvernünftigen Dinge siegen?
Die beste Lösung eines Problems ist meist die Einfachste.
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McKnee
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon McKnee » So 23. Dez 2018, 09:51

Occham hat geschrieben:(23 Dec 2018, 09:39)

Ich finde schon das Vernunft siegen sollte, oder sollen die unvernünftigen Dinge siegen?


Lies den Titel doch mal genauer
Der Hauptgrund für Stress ist der tägliche Kontakt mit Idioten.

Es ist mir egal, ob es ein Albert-Einstein-Zitat oder ein Fake ist, er könnte es gesagt und wird es gedacht haben...das reicht :D
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon Occham » So 23. Dez 2018, 09:53

McKnee hat geschrieben:(23 Dec 2018, 09:51)

Lies den Titel doch mal genauer

Also Vernunft ja, 'pure' Vernunft nein?
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McKnee
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon McKnee » So 23. Dez 2018, 09:54

Occham hat geschrieben:(23 Dec 2018, 09:53)

Also Vernunft ja, 'pure' Vernunft nein?


So in etwa

Ein ausschließlich vernunftgesteuertes und bestimmtes Leben ist ärmer und verhindert Innovation.
Der Hauptgrund für Stress ist der tägliche Kontakt mit Idioten.

Es ist mir egal, ob es ein Albert-Einstein-Zitat oder ein Fake ist, er könnte es gesagt und wird es gedacht haben...das reicht :D
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon Occham » So 23. Dez 2018, 09:57

McKnee hat geschrieben:(23 Dec 2018, 09:54)

So in etwa

Ein ausschließlich vernunftgesteuertes und bestimmtes Leben ist ärmer und verhindert Innovation.

Naja gut, Extreme sind immer schlecht.
Die beste Lösung eines Problems ist meist die Einfachste.
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon Selina » Mo 24. Dez 2018, 12:40

Ich glaube an den Menschen, und das heißt, ich glaube an seine Vernunft! Ohne diesen Glauben würde ich nicht die Kraft haben, am Morgen aus meinem Bett aufzustehen.

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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon 3x schwarzer Kater » Mo 24. Dez 2018, 14:44

KeinKommentar hat geschrieben:(24 Dec 2018, 13:50)

Wie begründest du denn die schwerlich durch Fakten belegbare These die meisten Entscheidungen im Leben hingen von Bauchenscheidungen ab ?


Das ist nicht schwerlich belegbar, sondern Tatsache. Die meisten Entscheidungen die ein Mensch trifft, nimmt er nicht mal als solche war, so automatisch (aus dem Bauch heraus) trifft er sie.
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon al-Faylasuf » Do 28. Mär 2019, 12:31

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Dec 2018, 08:57)

Aus meiner Sicht ist "Pure Vernunft darf niemals siegen" (2005) - zumindest auch! - eine Abrechnung mit einem bestimmten Geist der 90er Jahre. Stichwort T-Aktie. Der naive Glauben, dass alles irgendwie machbar ist. Wenn man nur auf den richtigen Kurs setzt. Dass eine Kuh auch dann Milch gibt, wenn sie kein Gras mehr frisst. Dieser Glaube ist natürlich einerseits in höchstem Maße unvernünftig. Indem er "Vernunft" zum Fetisch macht. Bzw. indem Vernunft zu Machbarkeitswahn und Komplexitätsunterschätzung verkommt. Andererseits erwies sich mit den Bankencrashs kurz nach Erscheinen das ganze Album als regelrecht prophetisch.



Max Horkheimer prägte hierzu den Begriff der "instrumentellen Vernunft". Ich würde zu der Frage nach dem richtigen Maß an Vernunft noch einen anderen Aspekt nennen, der sozusagen parallel damit einhergeht: Der Erosion der Identität in der Moderne. Nachdem man in weiten Teilen Europas Gott vom Sockel gestoßen hatte und an seiner Stelle die Nation emporhob, stellt sich die Frage, ob und was wir heute eigentlich haben. Hat unsere Ethik, Stichwort Humanismus, tatsächlich Fortschritte gemacht? Erinneren wir uns an John Grays Dekonstruktion in seinem bissigen "Abschied vom Humanismus". Mag Sklaverei bsp. verachtet werden, so hat es uns doch nicht daran gehindert, ein globales Wirtschaftssystem zu schaffen, dass auf Ausbeutung ärmerer Länder beruht.
[Der bedeutende John Locke bsp. wird eingehend in den Büchern als äußerst vernünftiger Philosoph dargestellt. Und so fand es Locke auch äußerst vernünftig, das von indigenen Einheimischen bevölkerte Land in Besitz zu nehmen, da die Indianer das Land schließlich nicht bewirtschaften]

Oder haben wir einfach das Nichts auf dem Sockel? Vor nicht allzulanger Zeit (2014 glaube ich) auf dem berühmten vierten Sockel auf dem Trafalgar Square ein großer blauer Hahn aus Plastik enthüllt wurde (übrigens vom Brexiteer und damaligen Bürgermeister Boris Johnson) - der quasi für das Ende der Bedeutung stellvertretend stand. Post-Aufklärung sozusagen. Oder wie Max Frisch, die meisten kennen ihn als Autor von "Homo Faber" und seinem "Fragebogen", es ausdrückte in einem Vortrag: "Am Ende der Aufklärung steht das Goldene Kalb."
Gleichzeitig gibt es auf technischem Niveau ständig etwas neues, was uns das Leben bequem macht. All dies wird angetrieben durch die ungeheure kreative Energie, entstanden aus dieser alles befreienden Leere. Alles ist in Bewegung, auch wenn offenbar keiner weiß, wohin eigentlich. Gut, man kann sich auf Facebook registrieren und man hat die Auswahl zwischen mehreren dutzend Geschlechtern. Es stehen einige grundlegende Veränderung in Bereichen wie Genetik an, doch können wir uns selbst eigentlich überhaupt noch definieren, wer/was wir eigentlich sind?

Ob sich diese, ich würde sie mal "Krise der Weisheit" nennen durch Algorythmen lösen lässt, die von einer Gruppe äußerst junger und äußerst gutbezahlter Informatiker in Kalifornien programmiert werden und die alle so ungemein vernünftig, weil bequem, klingen?

Vielleicht lassen sich die modernen Radikalisierungen wie das Revival des Nationalismus sowie der Islamismus u.a. auch dadurch erklären. Denn diese Ideologien füllen die Lücken, sie verleihen dem Menschen Identität. Und gerade wenn Religion zur Verleihung einer Identität herhält (statt ein Prozess der intellektuellen Reife darzustellen), so ist die Welt notwendigerweise augustinisch, wenn nicht gar manichäisch (Schwarz und Weiß)

Der Dichter und Maler William Blake (gest. 1827) schuf in seinen Werken einst vier Gestalten, die sozusagen jeweils einen menschlichten Aspekt darstellten. Eine davon, "Urizen" genannt, steht dabei für Rationalität und Wissenschaft und habe, so Blake, habe die Macht an sich gerissen und unterdrückt seither die anderen Aspekte der menschlichen Psyche. Für ihn stellte sich dieser "Urizen" als blinde Ignoranzda , gefangen in den von Newton enthüllten Kausalgesetzen, gleichzeit versunken in ungezügeltem Pathos.

Diese "instrumentelle Vernunft" lässt sich, da stimme ich mit Jekyll, so wie ich ihn verstanden habe, überein, nicht mit der "puren Vernunft", oder das was Aristoteles mit "nous" (Intellekt, Geist, Vernunft) bezeichnete, gleichsetzen.
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 1. Apr 2019, 13:59

al-Faylasuf hat geschrieben:(28 Mar 2019, 12:31)
Vielleicht lassen sich die modernen Radikalisierungen wie das Revival des Nationalismus sowie der Islamismus u.a. auch dadurch erklären. Denn diese Ideologien füllen die Lücken, sie verleihen dem Menschen Identität. Und gerade wenn Religion zur Verleihung einer Identität herhält (statt ein Prozess der intellektuellen Reife darzustellen), so ist die Welt notwendigerweise augustinisch, wenn nicht gar manichäisch (Schwarz und Weiß)

Das ist sicherlich so. Aber eben nur bei einem Teil der Menschen. Ich würde mal schätzen bei jeweils ungefähr der Hälfte der Bevölkerung, manchmal vielleicht eher 1/3 zu 2/3 oder 2/3 zu 1/3 in den jeweiligen Gesellschaften.

Die Tatsache, dass sich grundsätzliche Fragen wie die zum Brexit oder zur Eigenständigkeit Kataloniens oder zum Namen "Nord-Mazedonien" häufig quer durch Familien zieht und nicht die sozial so gestellten Familien von den sozial anders gestellten Familien trennt, bedeutet für mich, dass das Soziale, Einkommen, Gesundheitswesen, Bildung, Infrastruktur hier gar nicht mehr die dominante Rolle spielt. Jan Müller von Tocotronic sagte in einem Interview 2005 zum Erscheinen von "Pure Vernunft darf niemals siegen" "Wir wollten eine Dogma-Platte". Die Frage für mich ist, ob solche Passagen wie
Wir brauchen dringend neue lügen
Die uns durchs universum leiten

die Bedürfnisse thematisisieren, die fast überall woanders auf der Welt durch eine Renaissance der (traditionellen) Religionen befriedigt werden. Die Songs von Tocotronic positionieren sich dabei allerdings nicht. Sie machens nur deutlich.
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon al-Faylasuf » Do 4. Apr 2019, 14:01

Unter diesem Zusammenhang wird ja immer wieder moniert, dass wir "heute keine Utopien, dafür umso mehr Dystopien haben". Selbst ein oberflächlicher Blick auf die jüngeren Sci-Fi-Filme, die sich mit Zukunftsvisionen befassen, dürfte das zeigen. Nun lehrt uns die moderne Psychologie, dass Religion zumindest eine Art "nützliche Illusion" sei, was natürlich ein Problem darstellt, weil man ja nicht einfach nur an Gott glauben kann, wenn man sich andererseits bewusst macht, dass er, wie Lennon einst sang, ein Konzept ist. All die Bücher, die man gelesen hat, das Wissen, das man sich dabei aufgesogen hat, lässt sich ja nicht wieder rückgängig machen. Zumindest nicht freiwillig. Das erinnert mich an diese Planetenbewohner, wie Douglas Adams sie in "Das Restaurant am Ende des Universums" beschrieb, die alle nur deshalb so ungemein depressiv waren aufgrund ihrer ungemein hohen Intelligenz.

Was ist nun aber diese andere Seite, die irgendwie regulatorisch dafür sorgen kann, dass die oben angesprochene "instrumentelle Vernunft" nicht überhand nimmt? Humanismus? Streitbare Denker wie John Gray bezweifeln das und zeigen auf, dass der Humanismus schlicht nur die säkulare Variante der christliche Illusion sei.
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon Trifels » Do 4. Apr 2019, 15:10

al-Faylasuf hat geschrieben:(04 Apr 2019, 14:01)



Was ist nun aber diese andere Seite, die irgendwie regulatorisch dafür sorgen kann, dass die oben angesprochene "instrumentelle Vernunft" nicht überhand nimmt? Humanismus? Streitbare Denker wie John Gray bezweifeln das und zeigen auf, dass der Humanismus schlicht nur die säkulare Variante der christliche Illusion sei.


Aha !?

.......dass der Humanismus schlicht nur die säkulare Variante der christliche Illusion sei



Deshalb brauchen wir den nicht = brauchen was Religiöses.

Einstiegsgespräch von dir eines Gebrauchtwarenhändlers ?
Denkanstoß. Gesicherte Quelle/Info -> take it or leave it.
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Re: Pure Vernunft darf niemals siegen?

Beitragvon al-Faylasuf » Do 4. Apr 2019, 15:58

Nein, das ist nur die sinngemäße Zusammenfassung von John Grays Ansicht bzw. seiner Kritik am Humanismus. Und ich glaube nicht, dass er im Verdacht steht, ein christlicher Apologet zu sein. Ebenfalls heißt dies nicht, dass ich seine Ansicht teile, aber es ist vielleicht hilfreich, sich mit seinen Thesen auseinanderzusetzen, und sei es auch nur, sich selbst zu hinterfragen - egal wie man selbst dazu steht.
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