Progressiver Konservatismus

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Selina
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Selina » Mo 10. Dez 2018, 15:29

Alpha Centauri hat geschrieben:(10 Dec 2018, 14:19)

Ich habe Prechts neustes Buch über die Digitalisierung gelesen , ( ich habe auch eine Leidenschaft für Philosophie von Sokrates bis Nietzsche) bisweilen sehr gute gesellschaftskritische Analysen auch seine Kritik am modernen High Tech Datenkapitalismus ( Amazon Facebook, Google und Co) und dessen Bedrohung für Demokratie und Freiheit des Einzelnen teile ich weitgehend, zudem ist Precht wie ich Befürworter des bedinungslosen Grundeinkommens , er ist wie ich kein wirklich LINKER sonder eher wie auch ich selbst politisch linker Liberaler bzw. linksliberal würde ich sagen.


Ja, linksliberal triffts. Mit leichtem Touch zum Konservativen. Kapitalismuskritik sehe ich da so gut wie keine. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Lebensumstände prägen eben doch. Also seine eigenen aktuellen, nicht die in seinem damaligen Elternhaus. Letztere haben nur den normalen Trotz beim Sprößling hervorgerufen.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Selina » Mo 10. Dez 2018, 15:33

MäckIntaier hat geschrieben:(10 Dec 2018, 14:03)

https://www.deutschlandfunkkultur.de/eine-linke-kindheit.988.de.html?dram:article_id=153804

https://www.welt.de/welt_print/article3375241/Die-Liebe-kommt-die-Liebe-geht.html

So hatte ich es in Erinnerung, und dass an der DKP und selbst der damaligen Stamokap-Linken irgendetwas grün gewesen wäre, würde sich auch mit meinen persönlichen Erfahrungen nicht decken, da zum Beispiel die DKP ja kein grundsätzliche Problem an AKWs sah, sondern diese würden bei einer Änderung der Eigentumsverhältnisse automatisch sicher.

So, zurück zum progressiven Konservatismus und Herrn Mais Gedankenspielen.


Ok, dann lassen wir das "grün" bei Prechts damaliger Familie halt weg, aber links auf alle Fälle. Nur am Rande: Auch die Grünen haben einige linke Wurzeln (68er). Haben sie heute nur völlig ad acta gelegt. Im Übrigen bestätigen die beiden von Ihnen verlinkten Texte (Deutschlandfunk und Welt) das, was ich sagte: Precht hat seine linken Wurzeln ebenso abgestreift, wie das die erwähnten Grünen taten. Und wie das viele linke 68er taten. Er ist heute ein angepasster bürgerlicher Linksliberaler mit zeitweiliger Neigung zur FDP. Entspricht seinem Status.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon BlueMonday » Mo 10. Dez 2018, 16:07

Wenn man fragt, was Konservatismus heute bedeute, dann ist das schon eine verstörende oder zerstörende Frage. Für mich ist genuiner Konservatismus etwas, das nach dem Ewigen sucht und darauf seine Hoffnung setzt, dass es also Dinge gibt, die bleiben, die sich nicht auf den Kopf stellen lassen, so etwas wie Naturgesetze, die gesucht und gefunden aber nicht erfunden und befohlen werden können. Es wird immer eine "natürliche" Reaktion auf den künstlichen Eingriff geben. Der Konservative ist pessimistisch ggü. Machbarkeitfantasien, die die politische "Gestaltung" des Ganzen betreffen. Er ist hingegen zuversichtlich, dass "in the long run" für diesen Übermut oder diese Hybris immer wieder die Rechnung präsentiert wird, dass eine Korrektur, eine teure Reaktion aus der Sphäre außerhalb des Politischen unausbleiblich ist. Im Griechischen gibt es dazu die Begriffe Kosmos und Taxis. Das eine ist die gewordene oder spontane Ordnung, das andere, die Taxis, die gemachte, befohlene, entworfene Ordnung. Der Kosmos überspannt die Taxis und überdauert alles. In diesem kosmischen Gewebe lebt der Konservative.

Wenn es Änderungen gab, dann wäre eine angemessenere Frage, wie weit man sich vom konservativen Denken heute entfernt hat. Das sind die beiden Möglichkeiten: man sucht im Ewigen einen Wesenskern oder man läuft einer bloßen Bezeichnung nach und schaut meinungslos, was die so Bezeichneten treiben und das wäre dann konservativ.
Also wenn, dann wäre das allenfalls ein relativistischer Konservatismus, der sich immer wieder inhaltlich (zeitgeistlich) neu ausrichtet, wonach auch immer. Die Frage ist dann nur, worin er sich von den anderen politischen Strömungen wesentlich unterscheidet.
Offenbar reichen aber heutzutage schon winzige Nuancen, um politisch Kapital zu schlagen.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Selina » Mo 10. Dez 2018, 16:18

[quote="Selina"](10 Dec 2018, 15:33)

sorry, doppelt
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon sünnerklaas » Mo 10. Dez 2018, 16:18

Alpha Centauri hat geschrieben:(10 Dec 2018, 14:45)

Der Konservativismus ist ohnehin eher negativ eingestellt er hat ein eher negatives Menschenbild dass zeigt die Union gerade derzeit z.b bei der Hartz Debatte und Reform des Sozialstaates, die Union setzt da ja weiter eher auf den dicken schikanierenden Bürokratieappart , den Menschen strafend zu sanktionieren statt positiv zu motivieren, Bevormundung statt Vertrauen diese Mentalität ist ja gerade Ausdruck eines negativen Menschenbildes a la Konservative. Ich als Liberaler kann damit nichts anfangen.


Bemerkenswert ist ja, dass die Hartz-Reformen erst durch die gestalterische Einflussnahme von CDU und CSU im Vermittlungsausschuss den extrem bürokratischen Charakter annahm. Hinterher wurde der SPD die alleinige Schuld gegeben.
Bemerkenswert waren übrigens damals die Parallelen zur Arbeitslosendebatte Anfang der 1930er Jahre. Auf dem Höchststand der Arbeitslosenzahl (ca. 8 bis 9 Millionen) fingen die Konservativen an, lautstarke Faulheitsdebatten zu führen und von der überbordenden Masse an Arbeitsscheuen zu schwadronieren.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon sünnerklaas » Mo 10. Dez 2018, 16:20

Selina hat geschrieben:(10 Dec 2018, 15:33)

Ok, dann lassen wir das "grün" bei Prechts damaliger Familie halt weg, aber links auf alle Fälle. Nur am Rande: Auch die Grünen haben einige linke Wurzeln (68er). Haben sie heute nur völlig ad acta gelegt. Im Übrigen bestätigen die beiden von dir verlinkten Texte (Deutschlandfunk und Welt) das, was ich sagte: Precht hat seine linken Wurzeln ebenso abgestreift, wie das die erwähnten Grünen taten. Und wie das viele linke Alt-68er taten. Er ist ein angepasster bürgerlicher Linksliberaler mit zeitweiliger Neigung zur FDP. Entspricht seinem Status.
Ich finde eines ja sehr bemerkenswert: Das Jahr 68 wird von vielen Konservativen als das politische Katastrophenjahr schlechthin angesehen. Fragt man dann explizit nach, was sie genau meinen, dann stellt man eines fest: es geht eigentlich nur um Sex.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Selina » Mo 10. Dez 2018, 16:25

Alpha Centauri hat geschrieben:(10 Dec 2018, 14:45)

Der Konservativismus ist ohnehin eher negativ eingestellt er hat ein eher negatives Menschenbild dass zeigt die Union gerade derzeit z.b bei der Hartz Debatte und Reform des Sozialstaates, die Union setzt da ja weiter eher auf den dicken schikanierenden Bürokratieappart , den Menschen strafend zu sanktionieren statt positiv zu motivieren, Bevormundung statt Vertrauen diese Mentalität ist ja gerade Ausdruck eines negativen Menschenbildes a la Konservative. Ich als Liberaler kann damit nichts anfangen.


Das Gefettete ist für mich der Kern des Konservatismus, wie man ihn heute tagtäglich erlebt: Das negative Menschenbild, das immer misstraut, unterstellt, Angst macht, einschüchtert. Kann ich nix Gutes dran finden.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Selina » Mo 10. Dez 2018, 16:29

sünnerklaas hat geschrieben:(10 Dec 2018, 16:20)

Ich finde eines ja sehr bemerkenswert: Das Jahr 68 wird von vielen Konservativen als das politische Katastrophenjahr schlechthin angesehen. Fragt man dann explizit nach, was sie genau meinen, dann stellt man eines fest: es geht eigentlich nur um Sex.


:D

Ein bisschen mehr war es schon ;) Aber wie nahe die Konservativen den rechts außen Stehenden oft sind, sieht man genau in diesem Punkt. Auch der Neuen Rechten (wie der AfD) sind sämtliche Errungenschaften der 68er ein Dorn im Auge.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon BlueMonday » Mo 10. Dez 2018, 16:40

Selina hat geschrieben:(10 Dec 2018, 16:25)

Das Gefettete ist für mich der Kern des Konservatismus, wie man ihn heute tagtäglich erlebt: Das negative Menschenbild, das immer misstraut, unterstellt, Angst macht, einschüchtert. Kann ich nix Gutes dran finden.


Wie "konservativ" war dann erst ein System, das seine Bürger einschüchtern, einmauern, einsperren und bespitzeln musste.
Das ist das Gegenteil von Konservatismus. Das ist ein aussichtsloses gewaltsames Festhalten an einer Künstlichkeit.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Selina » Mo 10. Dez 2018, 16:46

BlueMonday hat geschrieben:(10 Dec 2018, 16:40)

Wie "konservativ" war dann erst ein System, das seine Bürger einschüchtern, einmauern, einsperren und bespitzeln musste.
Das ist das Gegenteil von Konservatismus. Das ist ein aussichtsloses gewaltsames Festhalten an einer Künstlichkeit.


Ja. Also kann man sagen: Vom Regen in die Traufe gekommen.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon MäckIntaier » Mo 10. Dez 2018, 18:18

Ein Terraner hat geschrieben:(10 Dec 2018, 15:28)

Progressiv ist das genaue Gegenteil von Konservatismus, dieses Wortgebilde das ist einfach nur wiedermal ein Oxymoron wie sie von Rechts immer häufiger auftauchen. Das einzige was daran diskussionswürdig ist, ist in welcher Tonne man das entsorgen sollte.


Nun, diese Tonne müsste ja auch einen demokratischen Sozialismus aufnehmen, für den sich das gleiche behaupten ließe, wenn man Begriffe rein historisch verwenden wollte.

Es bleibt dabei: Ein politischer Konservatismus ist erst einmal etwas anderes als ein konservativen Menschenbild. Letzteres setzt dem Menschen zum Beispiel im Sinne Gehlens als ein Mängelwesen, das der Institutionen für seine Lebenssicherung bedarf. Das unterscheidet den Konservatismus bei oft gleicher Wirtschaftspolitik vom Liberalismus, der den Menschen eben nicht als Mängelwesen, sondern das Individuum als solches und Einzelnen an sich für etwas von allen Institutionen Losgelöstes beschreibt. Es ist also in diesem Bereich vor allem die unterschiedlich gewichtete Rolle des Staates.

Davon wiederum entfernt sich Mai in seinem Artikel - denn ein Kommunitarismus würde dem Konservatismus seine Fixierung auf den starken Staat austreiben, ohne das Individuum in die absolute Bindungslosigkeit setzen zu wollen, wie ihr Hartmut Rosa im oben verlinkten Artikel nachgeht. Einem solchen progressiven Konservatismus würde vermutlich auch das reaktionäre Element fehlen. Dieses reaktionäre Element besteht in der Regel aus einem in irgendeine Vergangenheit gesetzten Idealzustand, den es wiederherzustellen gilt (im Sozialismus und Liberalismus liegt dieser Zustand in der Zukunft). Wo das fehlt - in den osteuropäischen Staaten wird gerade so ein Zustand fast manisch beschworen - wäre ein progressiver Konservatismus auch für gesellschaftliche Entwicklungen offener, als das in Polen oder Ungarn der Fall ist. Er würde den Untertanen ein wenig mehr Unabhängigkeit vom Staat verschaffen, als es beispielsweise den Grünen vorschwebt, da hat Mai sicherlich einen wichtigen Punkt angesprochen. Aber darüber hinaus bleibt es trotzdem vage und müsste mit Leben gefüllt werden. Doch hierfür lässt der nackte Kampf um die Macht in der Regel keine zeitlichen und geistigen Spielräume.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Ein Terraner » Mo 10. Dez 2018, 18:42

MäckIntaier hat geschrieben:(10 Dec 2018, 18:18)

Nun, diese Tonne müsste ja auch einen demokratischen Sozialismus aufnehmen, für den sich das gleiche behaupten ließe, wenn man Begriffe rein historisch verwenden wollte.

Nicht wirklich, beim Sozialismus ist eine Wirtschaftsform und keine Staatsform, das Oxymoron was du meinst wäre eine demokratische Diktatur.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Alpha Centauri » Mo 10. Dez 2018, 19:09

Selina hat geschrieben:(10 Dec 2018, 16:25)

Das Gefettete ist für mich der Kern des Konservatismus, wie man ihn heute tagtäglich erlebt: Das negative Menschenbild, das immer misstraut, unterstellt, Angst macht, einschüchtert. Kann ich nix Gutes dran finden.


In Bezug auf die Hartz Debatte und der Zukunft des Sozialstaates ist dass konservativ ( die Argumentationen eines Jens Spahn bei dem Thema sind ja bezeichnend) mitsamt der Faulenzerkeule und soziale Hängenmatten Rhetorik, steckt wie ich es beschrieb hinter Strafe und Sanktionen statt positive Motivation ( BGE) ein negatives Menschenbild womit kein liberal freiheitlich denkender Mensch wirklich was anfangen kann.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon MäckIntaier » Mo 10. Dez 2018, 19:10

Ein Terraner hat geschrieben:(10 Dec 2018, 18:42)

Nicht wirklich, beim Sozialismus ist eine Wirtschaftsform und keine Staatsform, das Oxymoron was du meinst wäre eine demokratische Diktatur.


???

Der Sozialismus ist eine politische Ideologie wie auch der Liberalismus und der Konservatismus und wie diese mit einer bestimmten Philosophie unterlegt keinesfalls auf eine Wirtschaftsform begrenzt.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Ein Terraner » Mo 10. Dez 2018, 19:19

MäckIntaier hat geschrieben:(10 Dec 2018, 19:10)

???

Der Sozialismus ist eine politische Ideologie wie auch der Liberalismus und der Konservatismus und wie diese mit einer bestimmten Philosophie unterlegt keinesfalls auf eine Wirtschaftsform begrenzt.

Am Ende ist alles eine Ideologie, auch der Kapitalismus und die Soziale Marktwirtschaft. Aber wo beißt sich bei dir jetzt der demokratische Sozialismus? In der Tatsache das der Sozialismus bis jetzt nur in Diktaturen auftauchte?
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon MäckIntaier » Mo 10. Dez 2018, 20:14

Ein Terraner hat geschrieben:(10 Dec 2018, 19:19)

Am Ende ist alles eine Ideologie, auch der Kapitalismus und die Soziale Marktwirtschaft. Aber wo beißt sich bei dir jetzt der demokratische Sozialismus? In der Tatsache das der Sozialismus bis jetzt nur in Diktaturen auftauchte?


Dort, wo ggf. der progressive Konservatismus sich beißen würde. Der ist auch Thema. Zum Sozialismus kann man gerne eine Strang eröffnen.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon MäckIntaier » Di 11. Dez 2018, 08:19

BlueMonday hat geschrieben:(10 Dec 2018, 16:07)

Wenn man fragt, was Konservatismus heute bedeute, dann ist das schon eine verstörende oder zerstörende Frage. Für mich ist genuiner Konservatismus etwas, das nach dem Ewigen sucht und darauf seine Hoffnung setzt, dass es also Dinge gibt, die bleiben, die sich nicht auf den Kopf stellen lassen, so etwas wie Naturgesetze, die gesucht und gefunden aber nicht erfunden und befohlen werden können. Es wird immer eine "natürliche" Reaktion auf den künstlichen Eingriff geben.


Das wären aber alles Dinge, die im Wesentlichen jenseits aller Politik angesiedelt wären.

BlueMonday hat geschrieben:(10 Dec 2018, 16:07)
Der Konservative ist pessimistisch ggü. Machbarkeitfantasien, die die politische "Gestaltung" des Ganzen betreffen. Er ist hingegen zuversichtlich, dass "in the long run" für diesen Übermut oder diese Hybris immer wieder die Rechnung präsentiert wird, dass eine Korrektur, eine teure Reaktion aus der Sphäre außerhalb des Politischen unausbleiblich ist. Im Griechischen gibt es dazu die Begriffe Kosmos und Taxis. Das eine ist die gewordene oder spontane Ordnung, das andere, die Taxis, die gemachte, befohlene, entworfene Ordnung. Der Kosmos überspannt die Taxis und überdauert alles. In diesem kosmischen Gewebe lebt der Konservative.


Aus diesem Pessimismus ggü. allen Machbarkeitsphantasien, was man um eine Skepsis gegen Menschheits- oder Menschenverbesserungsphantasien erweitern könnte, ergibt sich für mich persönlich der wichtigste Punkt konservativer Haltungen (nicht zu verwechseln mit einem politischen Konservatismus): Wer etwas ändern will, ist in der Beweispflicht, nicht diejenigen, die etwas bewahren wollen. Die Machbarkeitsphantasie muss sich also konkret präsentieren und über die Phantasterei, das infantile Wünschen hinausgehen.

BlueMonday hat geschrieben:(10 Dec 2018, 16:07)
Wenn es Änderungen gab, dann wäre eine angemessenere Frage, wie weit man sich vom konservativen Denken heute entfernt hat. Das sind die beiden Möglichkeiten: man sucht im Ewigen einen Wesenskern oder man läuft einer bloßen Bezeichnung nach und schaut meinungslos, was die so Bezeichneten treiben und das wäre dann konservativ.
Also wenn, dann wäre das allenfalls ein relativistischer Konservatismus, der sich immer wieder inhaltlich (zeitgeistlich) neu ausrichtet, wonach auch immer. Die Frage ist dann nur, worin er sich von den anderen politischen Strömungen wesentlich unterscheidet.
Offenbar reichen aber heutzutage schon winzige Nuancen, um politisch Kapital zu schlagen.


Das einzige, worin er sich unterscheiden könnte, wäre die Aufgabe aller teleologischen Geschichtsphilosophie. Aber spätestens seit den Achtzigern, seit Thatcher und Reagan und Fukuyama, ist auch der Konservatismus uneingeschränkt ins Lager der heilsgeschichtlichen Narrative gewechselt - und spätestens hier hat er von aller Skepsis gelassen.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon schokoschendrezki » Di 11. Dez 2018, 13:41

Selina hat geschrieben:(10 Dec 2018, 11:50)

Das Nebeneinander von "Globalisten" und "Kommunitaristen" hat es eigentlich schon immer gegeben und das wird es auch weiter geben. Wobei sich durch diese harmonisierenden Begriffe der Rechts-Links-Konflikt nicht einfach hinwegreden lässt. So sehr sich das manche auch wünschen. Denn diesen Konflikt gibt es nach wie vor und der spitzt sich zu. Zumal es bei den ganzheitlich denkenden "Globalisten" nun mal mehr Linke und Linksliberale gibt als Konservative und weiter rechts Stehende. Und bei den "Kommunitaristen" - im Sinne von Regionalisierung und Nationalisierung - gibt es eindeutig mehr Rechte als Linke. Die Linken, die gleichfalls nationale Antworten bei der Migration, in der Wirtschaft und im Handel präferieren, die für "Grenzen dicht" und "Abschottung" sind, sind in dieser "Gruppe" deutlich in der Minderzahl. Es ist nur einfach etwas schicker und bequemer geworden, zu sagen, die politischen Richtungen "rechts" und "links" gibt es nicht mehr, sie hätten sich aufgelöst, der Riss gehe quer durch diese Richtungen. Das hängt auch mit eigenen Ängsten der Leute zusammen, die aufgrund ihrer Erfahrungen irgendwelche Arten von Bekenntnissen meiden wie der Teufel das Weihwasser und die um Gottes Willen nicht im "rechten Lager" mit dem Nazi-Stallgeruch landen wollen, aber eben auch nicht im "linken Lager", wo angeblich "Enteignung" und "Kollektivismus" drohen. Am Ende bleibt eine Art "neutrale" Beobachterposition. Man sitzt gemütlich im Ohrensessel und beschaut sich die Welt. Ok, so fern mir Letzteres (Ohrensessel-Passivität) auch ist, es ist immer noch besser, als rassistisch und fremdenfeindlich motiviert durch die Straßen zu marschieren.

Im Übrigen hats die Ohrensessel-Fraktion auch schon immer gegeben. Motto: "Sie mögen sich die Köpfe spalten, mag alles durcheinander gehn; doch nur zu Hause bleib's beim alten" (Goethe/Faust).


Neben der "Ohrensessel-Fraktion" gibts heute und aktuell aber eben noch so was wie die Gelbwesten-Fraktion. Da weiß man auch nicht bzw. die wissen selbst nicht, ob sie links oder rechts sein sollen bzw. sie wollen weder das eine noch das andere sein.

Ganz rational und nüchtern gesehen kann man in dem ziemlich zentralistisch angelegten Frankreich zu dem Schluss kommen, dass man irgendwo in der Provinz aufs Auto angewiesen und mit steigenden Benzinpreisen am Arsch ist. Und Leute in Paris unter Berufung auf Hegel von einem neuen Europa schwafeln. Und Konflikte wie dieser finden in verschiedener Form eben überal in derf Welt statt. Es wird nicht ohne einen Kompromiss gehen.

Oder sagen wir mal so: Es ist ist absolut nicht damit zu rechnen, dass sich der Konflikt zwischen Globalisten und Kommunitaristen einfach so und von allein auflösen wird. Der wird sich womöglich noch verstärken,
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Di 11. Dez 2018, 14:34, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon schokoschendrezki » Di 11. Dez 2018, 13:51

BlueMonday hat geschrieben:(10 Dec 2018, 16:07)

Wenn man fragt, was Konservatismus heute bedeute, dann ist das schon eine verstörende oder zerstörende Frage. Für mich ist genuiner Konservatismus etwas, das nach dem Ewigen sucht und darauf seine Hoffnung setzt, dass es also Dinge gibt, die bleiben, die sich nicht auf den Kopf stellen lassen, so etwas wie Naturgesetze, die gesucht und gefunden aber nicht erfunden und befohlen werden können. Es wird immer eine "natürliche" Reaktion auf den künstlichen Eingriff geben. Der Konservative ist pessimistisch ggü. Machbarkeitfantasien, die die politische "Gestaltung" des Ganzen betreffen. Er ist hingegen zuversichtlich, dass "in the long run" für diesen Übermut oder diese Hybris immer wieder die Rechnung präsentiert wird, dass eine Korrektur, eine teure Reaktion aus der Sphäre außerhalb des Politischen unausbleiblich ist. Im Griechischen gibt es dazu die Begriffe Kosmos und Taxis. Das eine ist die gewordene oder spontane Ordnung, das andere, die Taxis, die gemachte, befohlene, entworfene Ordnung. Der Kosmos überspannt die Taxis und überdauert alles. In diesem kosmischen Gewebe lebt der Konservative.

Es ist immer richtig, zunächst mal die Begriffe zu hinterfragen. "Konservativ", bewahrend, ist erstmal ziemlich klar. "Progressiv", fortschreitend schon nicht mehr so ganz. "Fortschreitung" ist normalerweise nur unter halbwegs konstanten äußeren Bedingungen und innerer Systemstabilität möglich. Fortschreitung ist etwas anderes als Umordnung.
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Re: Progressiver Konservatismus

Beitragvon Selina » Di 11. Dez 2018, 14:39

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Dec 2018, 13:41)

Neben der "Ohrensessel-Fraktion" gibts heute und aktuell aber eben noch so was wie die Gelbwesten-Fraktion. Da weiß man auch nicht bzw. die wissen selbst nicht, ob sie links oder rechts sein sollen bzw. sie wollen weder das eine noch das andere sein.

Ganz rational und nüchtern gesehen kann man in dem ziemlich zentralistisch angelegten Frankreich zu dem Schluss kommen, dass man irgendwo in der Provinz aufs Auto angewiesen und mit steigenden Benzinpreisen am Arsch ist. Und Leute in Paris unter Berufung auf Hegel von einem neuen Europa schwafeln. Und Konflikte wie dieser finden in verschiedener Form eben überal in derf Welt statt. Es wird nicht ohne einen Kompromiss gehen.


Damit hast du natürlich recht. Die Gelbwesten nennen sich aus tiefster Seele "unpolitisch". Auch wenn ihre Straßenkämpfe gegen Steuer-Ungerechtigkeit, gegen "das System" und gegen Macron alles andere als wirklich unpolitisch sind. Jetzt kommt ja auch der Punkt, wo es allmählich kippt. Da könnten sich dann alle möglichen Extremisten davor spannen und den Karren irgendwohin ziehen. Mal sehen, wie es weitergeht. An demokratischen Gremien aus ihrer Mitte heraus, die dann mit der Regierung verhandeln, scheinen sie ja im Moment gar nicht interessiert zu sein. Trotzdem bleibe ich dabei (unabhängig von den Gelbwesten), die klassischen Rechts-Links-Verortungen spielen weiterhin eine Rolle, auch wenn es etwa bei Spritpreisen und anderen existenziellen Fragen mal queerbeet geht. Es gibt ja auch einen Unterschied zwischen Selbst- und Fremdverortungen. Pegida nannte sich auch lange "unpolitisch" und tut es wohl heute noch. Obwohl dieser Verein klar als rechts einzuordnen ist. Wenn nicht sogar als sehr weit rechts außen.
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