Warum keine alten Riesenmoscheen?

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Aldemarin
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Warum keine alten Riesenmoscheen?

Beitragvon Aldemarin » So 2. Dez 2018, 06:08

Während die Christen ab dem 13. Jahrhundert einige riesige Gotteshäuser mit über 100 Meter hohen Kirchtürmen errichteten, sind alle Moscheen mit über 80 Meter hohen Minaretten Bauten der Neuzeit. Warum begannen die Moslems nicht schon im Mittelalter mit dem Bau von Moscheen vergleichbar mit den größten Kathedralen?
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King Kong 2006
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Re: Warum keine alten Riesenmoscheen?

Beitragvon King Kong 2006 » So 2. Dez 2018, 09:50

Es muß wohl erst einmal definiert werden was "riesig" bedeutet. Die christlichen Gotteshäuser wuchsen imposant in die Höhe. Wobei eigentlich der Turmbau zu Babel schon davor warnte dem Himmel aus eigener Kraft zu nahe zu kommen. Oder die antike Geschichte des Ikarus.

Die islamischen Gotteshäuser wuchsen früher nicht primär in die Höhe. Dort gab es wohl andere Prioritäten. Da war es wohl bedeutsam, wie viele Gläubige die Anlage fassen kann. Wie "riesig" sie unter dieser Prämisse sind. Als Beispiele vor 1000 n. Chr. die Al-Azhar Moschee (972) fasst 20.000 Gläubige. Al-Aqsa Moschee (705) 5.000, Imam Ali Moschee (900) 800.000, Imam Reza Schrein (818) 1.500.000, Jamqaran Moschee (984) 150.000, Umayyad Moschee (705) 20.000. Die Zahlen sagen natürlich nicht aus, das diese alle ins Gebäude passen sollen. Sie beziehen sich auf die Anlage, also Hauptgebäude und Vorhöfe.

Offenbar - vielleicht auch durch klimatische Umstände - war es primär wichtig möglichst viele Gläubige zum Gebet in die Anlage, nicht nur ins Gebäude zentrieren zu können. So wird allgemein gerechnet. Nicht primär wie hoch ein Gebäude war. Das sieht imposant aus, und hat künstlerisch und als politisches Zeichen sicher seinen Nutzen, aber sagt nichts über die Fassungskapazitäten für Gläubige aus. Da gab es ganz offensichtlich religiöse und gesellschaftliche Unterschiede in der Auffassung und Umsetzung des religiösen Lebens. Die Moscheen sind oft vielmehr recht großflächige religiöse Anlagen. Im Bau und Unterhalt sicher nicht weniger aufwendig und teuer. Aber eben in "der Breite" riesig, nicht in der Höhe. Eher architektonisch wie christliche Klosteranlagen.

Waren es Fragen der Kosten? Der Technik? Geld gab es sicherlich genug. Architekten und Baumeister, Fachkräfte konnten ohne weiteres zusammengekauft werden. Ob im islamischen Raum oder aus dem europäischen. Religiöse Bauten waren immer auch Prestigearbeiten. Die Könige hier und da wollten damit auch etwas zeigen. Die muslimischen Moscheen der Neuzeit haben zum Teil gewaltige bauliche Ausmasse. Sicher wollen die heute dort mächtigen die visuelle Präsenz maßgeblich. Also, auf jeden Fall auch den Schein.
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Re: Warum keine alten Riesenmoscheen?

Beitragvon Ewu » Mi 6. Mär 2019, 07:57

Muslime (und da besonders wiederum die Araber) sind aufgrund ihres Glaubens dermaßen von ihrer eigenen Überlegenheit überzeugt, dass sie gar nicht groß interessiert, was andere leisten. Das Christentum mit seinen drei Göttern ist dermaßen absurd für sie, dass es nur falsch sein kann. Man wusste ja auch damals kaum etwas über Europa.
Umgekehrt begann bei uns die erste kleine Aufklärung schon im 10.Jh. durch den Kontakt mit dem arabisch-berberischen ("maurischen") Reich von Spanien, wo vor allem die vielen Juden arabische wissenschaftliche Texte ins Latein übersetzten, und auch durch das arabische Reich von Sizilien, wo ebenfalls viel Wissen ins Griechische und Lateinische übersetzt wurde, während im christlichen Abendland bis auf England die antike Wissenskultur fast vollständig durch die germanischen Erobererbarbaren zerstört worden war. Nicht dass die Araber so wissendurstig und gebildet gewesen wären (Araber sind von haus aus Kamelzüchter und Händler), aber die eroberten Perser, Aramäer-Christen und Juden schrieben eben von nun an auf arabisch, der neuen Hochsprache des Arabisch-Muslimischen Reiches, das von Spanien bis Indien und China reichte. Dieses Reich hielt allerdings auch nur bis ins 11./12.Jh., wo Türkeneinfälle und Mongolenstürme Staat wie Zivilisation ein jähes Ende bereiteten. Die Kunst des Kathedralenbauens lernten unsere Steinmetze (die ersten Freimaurer) während der Kreuzzüge im Hl. Land, wo Architektur und Hochkultur des spätantiken Byzanz-Ostroms und der persischen Seleukiden erhalten geblieben war.
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Re: Warum keine alten Riesenmoscheen?

Beitragvon streicher » Do 28. Mär 2019, 20:09

Aldemarin hat geschrieben:(02 Dec 2018, 06:08)

Während die Christen ab dem 13. Jahrhundert einige riesige Gotteshäuser mit über 100 Meter hohen Kirchtürmen errichteten, sind alle Moscheen mit über 80 Meter hohen Minaretten Bauten der Neuzeit. Warum begannen die Moslems nicht schon im Mittelalter mit dem Bau von Moscheen vergleichbar mit den größten Kathedralen?
Auf die Höhe kam es bei den alten Moscheen wohl nicht so an. Aber manche weisen durchaus große Flächen auf, können also viele Leute fassen. In dem Sinne könnte man doch einzelne Moscheen, die sehr alt sind, durchaus als riesig bezeichnen.
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Re: Warum keine alten Riesenmoscheen?

Beitragvon Umetarek » Do 28. Mär 2019, 20:14

Ohne Lautsprecher mache sehr hohe Minarette keinen Sinn, man will den Gebetsrufer ja auch hören.
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