Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

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Ewu
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon Ewu » Fr 22. Mär 2019, 08:20

King Kong 2006 hat geschrieben:(16 Mar 2019, 12:25)

Auf jedenfall ist das Johannesevangelium in anderer Form gegossen als die drei anderen synoptischen Evangelien. Ich kann mit dem Johannesevangelium nicht viel anfangen. Mir ist nicht klar, wie dieses aus 50 vorhandenen Evangelien es in den Kanon geschafft hat. Die synoptischen scheinen ja zumindest Ähnlichkeiten - auch in versuchter historischer Form - zu haben.

Die Frage wäre interessant, weshalb die Kirche aus der Vielzahl der Evangelien der Auffassung war, das dieses "wahr" und richtigerweise aufgenommen werden musste. Leider lebt aus der Zeit des Konzils wohl niemand mehr um dies direkt beantworten zu können.


Johannes war doch der Lieblingsapostel Christi! Dessen Evangelium (das er natürlich nicht höchstpersönlich geschrieben, sondern seinem Sekretär Próchoros, dem "Vortänzer" https://de.wikipedia.org/wiki/Prochorus https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_(Apostel) diktiert hat) nicht aufzunehmen, wäre ja wohl nicht möglich gewesen. Auch die anderen drei Evangelien gehen indirekt auf die Apostel zurück. Die apostolische Kirche hat gnostische Lehrer und deren Schriften natürlich von Anfang an in aller Schärfe exkommuniziert und verboten. So blieb es im wesentlichen bei den vier kanonischen Evangelien, die ohne extravagante Wundertaten des Jesuskindes (Spielkameraden fielen auf seinen Fluch hin sofort tot um) oder Liebesromanzen mit Maria Magdalena auskamen...
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon streicher » Mi 27. Mär 2019, 19:49

Ewu hat geschrieben:(22 Mar 2019, 08:20)

Johannes war doch der Lieblingsapostel Christi! Dessen Evangelium (das er natürlich nicht höchstpersönlich geschrieben, sondern seinem Sekretär Próchoros, dem "Vortänzer" https://de.wikipedia.org/wiki/Prochorus https://de.wikipedia.org/wiki/Johannes_(Apostel) diktiert hat) nicht aufzunehmen, wäre ja wohl nicht möglich gewesen. Auch die anderen drei Evangelien gehen indirekt auf die Apostel zurück. Die apostolische Kirche hat gnostische Lehrer und deren Schriften natürlich von Anfang an in aller Schärfe exkommuniziert und verboten. So blieb es im wesentlichen bei den vier kanonischen Evangelien, die ohne extravagante Wundertaten des Jesuskindes (Spielkameraden fielen auf seinen Fluch hin sofort tot um) oder Liebesromanzen mit Maria Magdalena auskamen...
Die meisten Wissenschaftler gehen anscheinend von mehreren Autoren aus und dass das Evangelium mit der Zeit erweitert worden ist. Kapitel 21 schreibt man dem "Herausgeber" zu. Einen expliziten Namen nennt das Evangelium eigentlich nicht direkt.
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon al-Faylasuf » Mi 17. Apr 2019, 17:34

Es darf die Frage erlaubt sein, ob und inwieweit die Johannesapokalypse eine Rolle in der Politik spielt - gerade in den regelmäßig mit Evangelikalen besetzten US-Administrationen. Ronald Reagan äußerte mal gegenüber jüdischen Lobbyisten folgenden Gedanken:

Wie Sie wissen, gehe ich immer wieder auf Eure alten Propheten im Alten Testament und auf die Anzeichen zurück, die das Armageddon ankündigen. Ich ertappe mich dabei, dass ich mich frage, ob wir die Generation sind, die erlebt, wie das auf uns zukommt. Ich weiß nicht, ob Sie in letzter Zeit eine dieser Prophezeiungen wahrgenommen haben. Aber glauben Sie mir, sie beschreiben ganz gewiss die Zeit, die wir jetzt erleben. (1)


Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass gerade erzkonservative US-Politiker sich gegenüber Prognosen zum Klimawandel so gleichgültig zeigen – ist das Jüngste Gericht und der endgültige Kampf von Gut gegen Böse nah, ist jegliche Art von Umweltschutz sinnlose Zeitverschwendung.



(1) zitiert aus dem Archiv des Kölner Stadtanzeigers vom 31.10.1983
„Wir sollten keine Scham empfinden, die Wahrheit anzuerkennen und sie zu verarbeiten, selbst wenn sie von früheren Geschlechtern und fremden Völkern kommt." (al-Kindi, gest. 873)
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon streicher » Fr 19. Apr 2019, 16:22

al-Faylasuf hat geschrieben:(17 Apr 2019, 17:34)

Es darf die Frage erlaubt sein, ob und inwieweit die Johannesapokalypse eine Rolle in der Politik spielt - gerade in den regelmäßig mit Evangelikalen besetzten US-Administrationen. Ronald Reagan äußerte mal gegenüber jüdischen Lobbyisten folgenden Gedanken:



Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass gerade erzkonservative US-Politiker sich gegenüber Prognosen zum Klimawandel so gleichgültig zeigen – ist das Jüngste Gericht und der endgültige Kampf von Gut gegen Böse nah, ist jegliche Art von Umweltschutz sinnlose Zeitverschwendung.



(1) zitiert aus dem Archiv des Kölner Stadtanzeigers vom 31.10.1983
Ganz bestimmt ist die Frage erlaubt. Bei den Evangelikalen und Pfingstlern spielt die Endzeit ganz gewiss eine Rolle, und nicht nur in den USA. Und sie haben nach wie vor in den USA und zum Beispiel in Brasilien nicht zu unterschätzender Einfluss auf die Politik. Vielleicht rührt tatsächlich auch daher eine Gleichgültigkeit gegenüber dem Planeten, der nach ihrer Ansicht dem Untergang geweiht ist.
Merkwürdig ist allerdings die Nähe zu Saudi Arabien.
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon al-Faylasuf » So 21. Apr 2019, 19:55

Bei genauerer Analyse ist die Nähe zu Saudi Arabien alles andere als merkwürdig. Wenn wir uns die Pilgerväter Neuenglands anschauen, dann sehen wir eine Gruppe von biblischen Literalisten, die sich bei ihren ersten "Verfassungen" (z.B. Connecticut von 1650) mit dem Anwenden von drakonischen Strafen befassen (als Priorität) die religiös begründet werden. Gleichzeitig jedoch haben wir sowohl bei den angelsächsischen Calvinisten und protestantischer Bewegungen im 16./17. Jahrhundert häufig mit Leuten zu tun, die in wirtschaftlicher Hinsicht äußerst liberal dachten. Vorbei waren die Zeiten, als "eher ein Kamel durchs Nadelöhr passt, als dass ein Reicher in den Himmel kommt". Jetzt war der Reichtum ein Beleg dafür, von Gott ausgewählt worden zu sein.

Eine ähnliche Mischung aus puritanischem strikten Literalismus und Wirtschaftsliberalismus finden wir in der hanbalitischen Rechtsschule des Islams, die vorwiegend auf der arabischen Halbinsel verbreitet ist. Und aus dem extremen Randbereich des Hanbalismus sind die Wahhabiten hervorgangen. Wer Abu Dhabi in den Emiraten zu Weihnachten besucht, wird vielleicht über die christlichen Lieder in Einkaufszentren und den Weihnachtsbäumen staunen - sofern er als normal gebildeter Westeuropäer nicht weiß, dass Abu Dhabi die Wüstenversion von Las Vegas ist und Hautfarbe und Religionszugehörigkeit keine Rolle spielen (mit Ausnahme es geht um handwerkliche oder technische Tätigkeiten (auch "Arbeit" genannt), das überlässt man großzügigerweise anderen Leuten. Die best besuchtesten Gebetsstätten in den Emiraten sind denn auch die Konsumtempel, auch wenn dort eher Dinge zu erwerben sind, die sich der gemeine Gastarbeiter dort nicht leisten kann. Und wer von den saudischen Wüstensöhnen die Lust nach Rotlichtvierteln und Saufparties hat, fährt übers Wochenende nach Bahrein - was die kilometerlangen Staus von Dammam nach Bahrain am Freitag-Nachmittag erklärt :D

Kurz gesagt: Es gibt über die reinen geostrategischen gemeinsamen Interessen durchaus auch eine ideologische Verbindung, zumindest mit den erzkonservativen Rechten in den USA.
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Re: Die Johannesapokalypse und die christlichen Kirchen

Beitragvon streicher » So 21. Apr 2019, 20:30

Danke für diese aufschlussreiche Analyse. Über die Ausrichtung des Hanbalismus lässt es sich leichter verstehen.
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