Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

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Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Skeptiker » So 28. Feb 2021, 11:41

Das was bestimmte Gruppen als Tugendterror erkannt haben, ist ein Effekt, der im englischsprachigen Raum seit einiger Zeit einen Namen hat: Virtue Signalling

Es geht darum seine Haltung zu zeigen. Im einfachen Fall, indem man Position bezieht - in meinen Augen eine normale Sache. Jeder sollte sich für Anliegen einsetzen können, die ihm wichtig sind.

Allerdings gibt es Fälle die ausarten, und man fragt sich, was es mit eigener Tugend zu tun hat, wenn man fremde Leute angreift, weil diese Signale nicht so abgeben, wie man sich das selber wünscht. Ein Beispiel für diesen Effekt hat Frank Stein gezeigt. Er verweist auf einen Beitrag bei n-tv: https://www.n-tv.de/leben/Wenn-Aktivism ... 86701.html

Da geht es also um Aktivisten, die Netzwerke betreiben, mit denen systematisch Personen und Organisationen aufgespürt werden, denen man fehlendes (!!!!) Zeigen von Haltung vorwirft. Bedeutet also, man muss selber gar nichts verbrochen haben, aber die Tatsache alleine, selber kein Aktivist zu sein und nicht selber so definierte Ungerechtigkeit zu beklagen, macht einen dadurch zum Ziel von Shitstorms (weil man dadurch angeblich Teil des Problems ist).

Mich erinnert das an religiösen Wahn. Wenn in einer Region oder gesellschaftlichen Gruppe eine Religion fundamental interpretiert wird, dann setzt das ggf. eine Spirale in Gang, in der alle Personen auf Konformität mit der geltenden Tugend überprüft werden, wodurch sich ein wahrer Wettstreit der Tugendhaftigkeit ergibt. Jeder, der sich diesem Trend in den Weg stellt, wird über Kurz oder Lang als Feind eingestuft - typischerweise hilft nur abducken.

Für mich ist die Frage: Ab wann wird der Versuch selber Tugendhaft zu sein toxisch? Kann man garnicht genug Tugendhaft sein? Oder sollte man sich mit der Tugend vielleicht insgesamt zurückhalten? Wo ist die Grenze?
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Billie Holiday » So 28. Feb 2021, 11:54

Natürlich ist das Wahn und Fanatismus. Ob ich tugendhaft bin oder nicht, geht andere einen Scheißdreck an. Und ob und wie ich Gewaltopfern gedenke, ist meine Sache und sonst niemandes.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon DarkLightbringer » So 28. Feb 2021, 12:04

Moderne Puritaner streben ein holistisch-kollektivistisches Weltbild an, das entsprechend einen Gegensatz zum Pluralismus bildet.

Ob das gefährlich ist?
Es wird darauf ankommen, ob sich a. autoritäre Sekten bilden und b., ob diese dann Einfluß erreichen oder aber als "Spinner" ein Dasein im Außenseitertum fristen.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Billie Holiday » So 28. Feb 2021, 12:15

DarkLightbringer hat geschrieben:(28 Feb 2021, 12:04)

Moderne Puritaner streben ein holistisch-kollektivistisches Weltbild an, das entsprechend einen Gegensatz zum Pluralismus bildet.

Ob das gefährlich ist?
Es wird darauf ankommen, ob sich a. autoritäre Sekten bilden und b., ob diese dann Einfluß erreichen oder aber als "Spinner" ein Dasein im Außenseitertum fristen.


Deren Einfluß auf ältere Menschen wird wohl gering sein. Aber auf die jungen Generationen enorm. Deren Gefallsucht ist ja heute schon nicht zu übersehen.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Teeernte » So 28. Feb 2021, 12:16

DarkLightbringer hat geschrieben:(28 Feb 2021, 12:04)

Moderne Puritaner streben ein holistisch-kollektivistisches Weltbild an, das entsprechend einen Gegensatz zum Pluralismus bildet.

Ob das gefährlich ist?
Es wird darauf ankommen, ob sich a. autoritäre Sekten bilden und b., ob diese dann Einfluß erreichen oder aber als "Spinner" ein Dasein im Außenseitertum fristen.


zu 90% sind derartige "Vereine" zu irgendeinem Zweck - fremdfinanziert.

Der gloriose Einfall der "heiligen Erleuchtung" kommt meist von Fremd. Leider haben manche Leute kein weiteres Eikommen - und hängen ihre ganze Lebenskraft in diese "FIRMA" - die das Einkommen generiert. Ob nun aus Spenden - oder nur Teil aus Spenden - und der Rest aus anderer Quelle.
Obs zu kalt, zu warm, zu trocken oder zu nass ist:.... Es immer der >>menschgemachte<< Klimawandel. :D
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon conscience » So 28. Feb 2021, 13:32

"Virtue signalling wurde zum Kampfbegriff amerikanischer Konservativer gegen Liberale und Linke, etwa auf der rechten Nachrichtenwebsite Breitbart", schöne Sachen und Vorbilder, die sich der Skeptiker da zu eigen macht. Aber Tugend hat was. Denn: Während der französischen Revolution sind wegen der Tugend Köpfe gerollt.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon schokoschendrezki » So 28. Feb 2021, 13:50

Gestern abend habe ich mir Florian Silbereisens "Schlagerchampions - das große Fest der Besten" angetan. Was ich offengestanden nur mit einigen Gläsern Wein auszuhalten vermag. Aber ich wollte mich einfach mal auf den Laufenden bringen in Hinsicht auf TV-Unterhaltungskultur in der Richtung "Schlager". Die meisten der auftretenden Akteure waren mir bekannt. Schaut man auf ihre Vita etwa bei Wikipedia, so gibt es grundsätzlich die Kategorie "Soziales Engagement". Soso: Eine der Sängerinnen der wiederbegründeten "No Angels" hat einer blindern Frau in Meißen einen Blindenhund geschenkt. Ich kniee nieder vor Ehrfurcht! Das ist wahrlich Tugendprotzerei. Es scheint nicht anders zu gehen. Ist das nun wirklich ein politisches Problem oder irgendein idiotisches Ding in der deutschen Unterhaltungsbranche?
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Sören74 » So 28. Feb 2021, 13:55

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Feb 2021, 13:50)

Gestern abend habe ich mir Florian Silbereisens "Schlagerchampions - das große Fest der Besten" angetan. Was ich offengestanden nur mit einigen Gläsern Wein auszuhalten vermag. Aber ich wollte mich einfach mal auf den Laufenden bringen in Hinsicht auf TV-Unterhaltungskultur in der Richtung "Schlager". Die meisten der auftretenden Akteure waren mir bekannt. Schaut man auf ihre Vita etwa bei Wikipedia, so gibt es grundsätzlich die Kategorie "Soziales Engagement". Soso: Eine der Sängerinnen der wiederbegründeten "No Angels" hat einer blindern Frau in Meißen einen Blindenhund geschenkt. Ich kniee nieder vor Ehrfurcht! Das ist wahrlich Tugendprotzerei. Es scheint nicht anders zu gehen. Ist das nun wirklich ein politisches Problem oder irgendein idiotisches Ding in der deutschen Unterhaltungsbranche?


Da würde ich einfach zwischen sozialer Tätigkeit und deren Darstellung trennen. Die soziale Tätigkeit ist vorhanden, ob man sie aber größer darstellt als berechtigt ein ganz anderer Punkt.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Skeptiker » So 28. Feb 2021, 13:56

conscience hat geschrieben:(28 Feb 2021, 13:32)
"Virtue signalling wurde zum Kampfbegriff amerikanischer Konservativer gegen Liberale und Linke, etwa auf der rechten Nachrichtenwebsite Breitbart", schöne Sachen und Vorbilder, die sich der Skeptiker da zu eigen macht.

Natürlich ist Virtue Signalling ein Kampfbegriff. Du zitierst ja die Quelle die ich verlinkt habe. Da habe ich nichts zu verheimlichen.
"Herdprämie" ist ja auch ein Kampfbegriff - einer von sehr vielen. Die politische Linke war noch nie verlegen Phänomenen einen Namen zu verleihen. Warum auch nicht?

Die Existenz eines Kampfbegriffes erleichtert es zunächst nur den Effekt auszumachen. Dennoch kann man sachlich diskutieren wodurch der Effekt ausgemacht wird, ob er kritisch zu betrachten ist, er banal ist, oder gar nicht existiert. So what?
Aber Tugend hat was. Denn: Während der französischen Revolution sind wegen der Tugend Köpfe gerollt.

Und das soll nun was aussagen?
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Uffhausen » So 28. Feb 2021, 13:57

Skeptiker hat geschrieben:(28 Feb 2021, 11:41)
Für mich ist die Frage: Ab wann wird der Versuch selber Tugendhaft zu sein toxisch?

Die Antwort hast du dir doch mit deiner Thread-Überschrift selbst gegeben: Wenn man sich fremdbestimmten (z. B. Hass-)Ideologien unterwirft, ist es mit der selbstbestimmten Tugendhaftigkeit vorbei.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Skeptiker » So 28. Feb 2021, 14:10

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Feb 2021, 13:50)
...
Soso: Eine der Sängerinnen der wiederbegründeten "No Angels" hat einer blindern Frau in Meißen einen Blindenhund geschenkt. Ich kniee nieder vor Ehrfurcht! Das ist wahrlich Tugendprotzerei. Es scheint nicht anders zu gehen. Ist das nun wirklich ein politisches Problem oder irgendein idiotisches Ding in der deutschen Unterhaltungsbranche?

Da hast du was sehr wichtiges erwähnt.

Ja, bei öffentlichen Personen "scheint es nicht mehr anders zu gehen". Es scheint einen gewissen Druck zu geben sich tugendhaft zu zeigen, weil es ansonsten offenbar Konsequenzen gibt, die man vermeiden möchte (Shitstorm, Wahrnehmung als sozial kalt, nicht antworten können auf Fragen zum eigenen sozialen Engagement).

Tugendhaftigkeit wurde früher typischerweise durch Konformität mit oft religiös besetzten Moralvorschriften gesehen. Ich frage mich, ob der Rückgang der Vorbildfunktion der Kirche und damit die fehlende "Tugendhaftigkeit" die man durch Zugehörigkeit zu einer solchen moralstiftenden Organisation hat, durch übersteigerte Bekenntnishaftigkeit in sozialen Medien kompensiert wird, und dieser Trend zu einer Art neuer Tugendwelle wird, die gerade etwas "überschwingt".
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon schokoschendrezki » So 28. Feb 2021, 14:11

Sören74 hat geschrieben:(28 Feb 2021, 13:55)

Da würde ich einfach zwischen sozialer Tätigkeit und deren Darstellung trennen. Die soziale Tätigkeit ist vorhanden, ob man sie aber größer darstellt als berechtigt ein ganz anderer Punkt.

Und ein wiederum anderer Punkt ist, ob man die Darstellung tatsächlicher oder vorgespielter Tugendhaftigkeit sowie deren "Einforderung" - so wie der Threadersteller - als "Toxisch" ansieht. Ich kann jedenfalls gut und ohne Vergiftungssysmptome damit leben. Mehr noch: Diese heuchlerische "Größerdarstellung" ist willkommener Anlass für ein paar Witze und bissige Bemerkungen.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon schokoschendrezki » So 28. Feb 2021, 14:16

Skeptiker hat geschrieben:(28 Feb 2021, 14:10)

Da hast du was sehr wichtiges erwähnt.

Ja, bei öffentlichen Personen "scheint es nicht mehr anders zu gehen". Es scheint einen gewissen Druck zu geben sich tugendhaft zu zeigen, weil es ansonsten offenbar Konsequenzen gibt, die man vermeiden möchte (Shitstorm, Wahrnehmung als sozial kalt, nicht antworten können auf Fragen zum eigenen sozialen Engagement).

Tugendhaftigkeit wurde früher typischerweise durch Konformität mit oft religiös besetzten Moralvorschriften gesehen. Ich frage mich, ob der Rückgang der Vorbildfunktion der Kirche und damit die fehlende "Tugendhaftigkeit" die man durch Zugehörigkeit zu einer solchen moralstiftenden Organisation hat, durch übersteigerte Bekenntnishaftigkeit in sozialen Medien kompensiert wird, und dieser Trend zu einer Art neuer Tugendwelle wird, die gerade etwas "überschwingt".


Siehe oben: Dieses "Überschwingen" ist für mich eher der Anlass für polemische Entgegnungen. Ich wüsste nicht, wo da irgendein "Druck" entstehen sollte. Ja vielleicht in etwas zu beengter Nähe. Da wo die Leute aufpassen, ob der Nachbar rechtzeitig den Schnee weggefegt hat und wo die lokalen Behörden genau wissen, wer seine Steuererklärung nicht oder zu spät abgegeben hat. Sprich: In einem kommunitaristischen Umfeld. Darauf muss man sich aber auch entweder einlassen wollen oder die Courage haben, dies zu ignorieren.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am So 28. Feb 2021, 14:17, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Sören74 » So 28. Feb 2021, 14:16

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Feb 2021, 14:11)
Mehr noch: Diese heuchlerische "Größerdarstellung" ist willkommener Anlass für ein paar Witze und bissige Bemerkungen.


Das sei Dir und anderen auch gegönnt. :)
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Sören74 » So 28. Feb 2021, 14:20

Skeptiker hat geschrieben:(28 Feb 2021, 14:10)

Tugendhaftigkeit wurde früher typischerweise durch Konformität mit oft religiös besetzten Moralvorschriften gesehen. Ich frage mich, ob der Rückgang der Vorbildfunktion der Kirche und damit die fehlende "Tugendhaftigkeit" die man durch Zugehörigkeit zu einer solchen moralstiftenden Organisation hat, durch übersteigerte Bekenntnishaftigkeit in sozialen Medien kompensiert wird, und dieser Trend zu einer Art neuer Tugendwelle wird, die gerade etwas "überschwingt".


Da kann ich Dir in allen Punkten eigentlich nur zustimmen. Aber ich frage mich, ist Konformität nicht ein notwendiger Bestandteil in einer funktionierenden Gesellschaft? Ein gewisses Maß an Konformität braucht es immer. Das bringen uns schon unsere Eltern bei, damit wir in der Gesellschaft nicht immer unnötig in Konflikte geraten. Jetzt könnte man darüber debattieren, welches Maß an Konformität einfach notwendig ist und welches Maß an Individualität und Änderung wünschenswert.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Tom Bombadil » So 28. Feb 2021, 14:29

schokoschendrezki hat geschrieben:(28 Feb 2021, 14:16)

Ich wüsste nicht, wo da irgendein "Druck" entstehen sollte.

Du bist ja auch keine Person des öffentlichen Lebens. Wer anonym vor sich hinlebt, am besten noch in der anonymen Großstadt in einer anonymen Mietskaserne, der hat wenig zu befürchten, auch wenn er anonym vor sich hintwittert oder -facebooked. Kommt aber der reale Name hinter dem Nickname ans Tageslicht, kann es damit schnell vorbei sein.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon DarkLightbringer » So 28. Feb 2021, 14:36

conscience hat geschrieben:(28 Feb 2021, 13:32)

"Virtue signalling wurde zum Kampfbegriff amerikanischer Konservativer gegen Liberale und Linke, etwa auf der rechten Nachrichtenwebsite Breitbart", schöne Sachen und Vorbilder, die sich der Skeptiker da zu eigen macht. Aber Tugend hat was. Denn: Während der französischen Revolution sind wegen der Tugend Köpfe gerollt.

Man könnte es ja trumping up (auftrumpfendes Signal) nennen, um das Problem semantischer Vereinnahmungen zu umgehen.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon BlueMonday » So 28. Feb 2021, 14:52

Erinnert mich an diese Echo-Farce wegen "Kollegah" als die 17fach Echo prämierte Helene Fischer ihre Echosammlung nicht brav zurückgeben wollte wie die anderen stromliniengeformten Sauberkünstler*innen und dann von allen Seiten bearbeitet wurde, damit sie endlich ihr Schweigen dazu wenigstens bricht. Den ganzen Echo haben sie gleich noch mitabgeschafft. Nicht, dass es darum sonderlich schade wäre, aber diese Überreaktion des Mainstreams ist schon mindestens bemerkenswert. Als ob die beiden Buben das Böse schlechthin wären. Wirklich auseinandergesetzt haben sich die Guten&Tugendhaften mit den Deliquenten sowieso nicht. Hier im Forum war es ja nicht anders.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon BlueMonday » So 28. Feb 2021, 15:21

Skeptiker hat geschrieben:(28 Feb 2021, 13:56)

Natürlich ist Virtue Signalling ein Kampfbegriff. Du zitierst ja die Quelle die ich verlinkt habe. Da habe ich nichts zu verheimlichen.
"Herdprämie" ist ja auch ein Kampfbegriff - einer von sehr vielen. Die politische Linke war noch nie verlegen Phänomenen einen Namen zu verleihen. Warum auch nicht?

Die Existenz eines Kampfbegriffes erleichtert es zunächst nur den Effekt auszumachen. Dennoch kann man sachlich diskutieren wodurch der Effekt ausgemacht wird, ob er kritisch zu betrachten ist, er banal ist, oder gar nicht existiert. So what?

Und das soll nun was aussagen?


Vor allem wenn man diese dünnste, hier immer wieder angeschleppte "Argumentation" weiterspinnt: Die ganze "Diskussion" beschränkt sich dann nur noch auf dem "Argument", dass irgendein Anliegen, irgendein Einwand, irgendein Begriff von der Gruppe/Quelle X stammt. Und Quelle X ist ... irgendein einseitig negativ belegtes Prädikat folgt. Kurzer Schluss: Deshalb muss man sich gar nicht erst damit beschäftigen. EoD. Die Gegenseite macht es spiegelseitig genauso. Daraus besteht dann die ganze "geförderte politische Diskussion" in ihren immer weiter abgeschotteten Ideologieblasen.
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Re: Virtue Signalling - Wann wird Tugendhaftigkeit zur Hassideologie?

Beitragvon Teeernte » So 28. Feb 2021, 15:52

Sören74 hat geschrieben:(28 Feb 2021, 14:20)

Da kann ich Dir in allen Punkten eigentlich nur zustimmen. Aber ich frage mich, ist Konformität nicht ein notwendiger Bestandteil in einer funktionierenden Gesellschaft? Ein gewisses Maß an Konformität braucht es immer. Das bringen uns schon unsere Eltern bei, damit wir in der Gesellschaft nicht immer unnötig in Konflikte geraten. Jetzt könnte man darüber debattieren, welches Maß an Konformität einfach notwendig ist und welches Maß an Individualität und Änderung wünschenswert.


Die "Bearbeitung" der Masse erzeugt eine Polarisierung nach "allen" Seiten.

13% Rechts steht 13% Links ....funktionierend ? ich würd eher INSTRUMENTALISIERT sagen.

Konform ist (ich schreib extra >>) _Billig ! (Kosten)
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