"Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Brainiac » Fr 2. Aug 2019, 12:32

Selina hat geschrieben:(02 Aug 2019, 12:11)

Ja klar verwende ich diese Formulierung. Nur, wenn ich sage, "das ist neurechts", sage ich nicht gleichzeitig "der ist ein Nazi". Das neurechte Spektrum reicht sehr viel weiter als nur bis in die rechtsextreme Ecke. Interessant vor allem auch die "Querverbindungen ins konservative Spektrum".

Dazu muss ich jetzt aber anmerken, dass wenn man sich über die politische Einordnung der Neuen Rechten zu informieren versucht, die Quellen zumeist in Richtung Extremismus zeigen. So gibt es einige bpb-Artikel dazu unterhalb der Extremismusrubrik, und in Wiki steht, dass "der Bundesverfassungsschutz die deutsche Neue Rechte auf der Basis wissenschaftlicher Analysen als 'Intellektualisierung des Rechtsextremismus' definiert". Dh wenn du jemandem neurechten Sprachgebrauch unterstellst, rückst du ihn zumindest in ein dem Rechtsextremismus verdächtiges Licht.

Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass du den Begriff weniger inflationär verwenden würdest, und auch mehr bezogen auf inhaltliche Positionen denn auf einzelne Begriffe. Wir hatten doch hier dieses Beispiel mit der "importierten Kriminalität", wenn ich mich recht entsinne, hat das jemand (du?) als "neurechts" bezeichnet. Das finde ich nicht diskussionsförderlich, da es sich um einen sachlogisch völlig korrekten Begriff handelt. https://www.maz-online.de/Nachrichten/Politik/Die-importierte-Gewalt. Dass der Begriff auch von Vertretern der Neuen Rechten oft verwendet wird, darf nicht dazu führen, dass jeder der sich so ausdrückt, automatisch diesem Spektrum zugeordnet wird.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Selina » Fr 2. Aug 2019, 12:39

Brainiac hat geschrieben:(02 Aug 2019, 12:32)

Dazu muss ich jetzt aber anmerken, dass wenn man sich über die politische Einordnung der Neuen Rechten zu informieren versucht, die Quellen zumeist in Richtung Extremismus zeigen. So gibt es einige bpb-Artikel dazu unterhalb der Extremismusrubrik, und in Wiki steht, dass "der Bundesverfassungsschutz die deutsche Neue Rechte auf der Basis wissenschaftlicher Analysen als 'Intellektualisierung des Rechtsextremismus' definiert". Dh wenn du jemandem neurechten Sprachgebrauch unterstellst, rückst du ihn zumindest in ein dem Rechtsextremismus verdächtiges Licht.

Ich würde mir tatsächlich wünschen, dass du den Begriff weniger inflationär verwenden würdest, und auch mehr bezogen auf inhaltliche Positionen denn auf einzelne Begriffe. Wir hatten doch hier dieses Beispiel mit der "importierten Kriminalität", wenn ich mich recht entsinne, hat das jemand (du?) als "neurechts" bezeichnet. Das finde ich nicht diskussionsförderlich, da es sich um einen sachlogisch völlig korrekten Begriff handelt. https://www.maz-online.de/Nachrichten/Politik/Die-importierte-Gewalt. Dass der Begriff auch von Vertretern der Neuen Rechten oft verwendet wird, darf nicht dazu führen, dass jeder der sich so ausdrückt, automatisch diesem Spektrum zugeordnet wird.


Mit letztgenanntem Beispiel habe ich meines Erachtens nichts zu tun. Wüsste ich jetzt nicht. Kann mich jedenfalls nicht erinnern. Ja, ich verwende den Begriff "neurechts" häufig, das stimmt. Aber der Begriff gehört dann meistens auch genau an die jeweilige Stelle, wo ich ihn verwende. Da du das jetzt aufgeworfen hast, kannst du ja auch mal danach schauen, wo das in letzter Zeit bei mir konkret der Fall war. Das könntest du dann hier gerne zitieren. Ich wüsste nämlich nicht, dass diese Bewertung "neurechts" in irgendeinem Text von mir drinsteht, wo sie nicht auch hingehört. Sowas schreibe ich mit vollster Absicht. Und wie gesagt, "neurechts" ist nicht gleich "Nazi", auch, aber nicht nur.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Brainiac » Fr 2. Aug 2019, 12:45

Julian hat geschrieben:(02 Aug 2019, 12:20)

[...]Das heißt, wenn man als rechts bezeichnet wird, wird das gemeinhin schon als "rechtsextrem" oder "rechtsradikal" verstanden. Man wird als jemand markiert, der gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintritt, und den man bekämpfen und verfolgen muss - und der im Zweifelsfall dazu aufgefordert wird, das Land zu verlassen.

Genau das verstehe ich nicht. Kannst du mal ein Beispiel verlinken?

Und nein, jetzt nicht gleich wieder damit kommen, ich sei ein Sympathisant der Identitären Bewegung.

Da verwechselst du mich wohl mit jemandem.

Aber da du ja gerade von dir selbst sprichst und auch weiter oben deine Einordnung durch manche User als rechtsradikal thematisiert hattest, ein kurzer Kommentar von mir dazu. Du schreibst hier ja nicht erst seit gestern, und andere User dürfen schon ihre Schlüsse daraus ziehen, was so deine Hauptthemen sind, die du immer wieder anbringst. Und das ist zuerst und vor allem und immer wieder die Herausstellung des Schadens und des Untergangs, den der Islam und muslimische Flüchtlinge und muslimische Migranten über Deutschland brächten. Die Art und Weise, wie du das hier seit 2016 immer wieder thematisiert hast, trägt für mich schon extremistische Züge. Des weiteren sind mir diverse Verteidigungen deinerseits zu kritisierten Äußerungen von AfD-Politikern aufgefallen, wo ich mich schon gefragt habe, warum du dich da denn damit gemein machst. Ein Beispiel war diese Höcke-Rede.

Das kann nun jeder sehen wie er will und du siehst es sowieso anders, aber jedenfalls hast du diesen "Ruf" bei manchen sicherlich nicht nur, weil du sachlich die Flüchtlingspolitik kritisiert hättest.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Brainiac » Fr 2. Aug 2019, 13:04

Selina hat geschrieben:(02 Aug 2019, 12:39)

Mit letztgenanntem Beispiel habe ich meines Erachtens nichts zu tun. Wüsste ich jetzt nicht. Kann mich jedenfalls nicht erinnern. Ja, ich verwende den Begriff "neurechts" häufig, das stimmt. Aber der Begriff gehört dann meistens auch genau an die jeweilige Stelle, wo ich ihn verwende. Da du das jetzt aufgeworfen hast, kannst du ja auch mal danach schauen, wo das in letzter Zeit bei mir konkret der Fall war. Das könntest du dann hier gerne zitieren. Ich wüsste nämlich nicht, dass diese Bewertung "neurechts" in irgendeinem Text von mir drinsteht, wo sie nicht auch hingehört. Sowas schreibe ich mit vollster Absicht. Und wie gesagt, "neurechts" ist nicht gleich "Nazi", auch, aber nicht nur.

Hier ordnest du den Begriff "Political Correctness" als neurechts ein. Das ist mE unzutreffend. Klar verwendet die Neue Rechte den Begriff auch gern.

Und hier eine ganze Liste von dir:

Selina hat geschrieben:(22 Apr 2019, 18:06)

Wie von DA gewünscht, eine kleine Auflistung. Obwohl das ja nun jeder weiß, was Neurechte dazu denken, vor allem diejenigen, die es ständig predigen. Aber bitte:

Neurechte Ansichten zu Flucht und Migration, kleine unvollständige Auswahl: Es wird von einer "Flüchtlingswelle" oder noch schärfer von einer "Flüchtlingsflut" geredet und von einer "unkontrollierten Massenzuwanderung", von Flüchtlingen, die keine "echten" Flüchtlinge seien, sondern lediglich "Wirtschaftsmigranten", die "unsere Sozialsysteme" ausnutzen bzw. plündern wollten. Die Neurechten reden von "Merkels Grenzöffnung" und von "Flüchtlingskriminalität" und davon, dass die Flüchtlinge angeblich krimineller als die Deutschen seien, dass die Muslime "keinen Integrationswillen" hätten und "überhaupt nicht integrierbar" seien und so weiter und so fort...

Neurechte Ansichten zu den Geschlechterfragen, kleine unvollständige Auswahl: Alles, was sich um die Geschlechter dreht, sei einzig und alleine biologisch bestimmt und könne auch nur biologisch betrachtet werden. Neurechte behaupten, es gebe keinerlei Defizite in der Geschlechtergerechtigkeit. Frauen und Männer täten nur das, was sie von sich aus können und wollen, irgendwelche besseren oder schlechteren Bedingungen in der Gesellschaft für Chancengleichheit existierten ihrer Meinung nach nicht. Alles ausschließlich biologisch. Gleichstellungsbeauftragte und gender studies gehörten daher abgeschafft. Homosexuelle könnten angeblich keine guten Eltern sein, weil sie nicht die gemeinsamen biologischen Väter und Mütter seien und so weiter und so fort.


Bei Begriffen wie "Flüchtlingsflut" oder "überhaupt nicht integrierbar" würde ich dir vielleicht noch recht geben (auch wenn es sogar dabei auf den Kontext ankommt), bei "Wirtschaftsmigranten" oder "Merkels Grenzöffnung" aber nicht. Letzteres muss man formulieren dürfen, ohne als neurechts eingeordnet zu werden.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Selina » Fr 2. Aug 2019, 13:19

Brainiac hat geschrieben:(02 Aug 2019, 13:04)

Hier ordnest du den Begriff "Political Correctness" als neurechts ein. Das ist mE unzutreffend. Klar verwendet die Neue Rechte den Begriff auch gern.

Und hier eine ganze Liste von dir:



Bei Begriffen wie "Flüchtlingsflut" oder "überhaupt nicht integrierbar" würde ich dir vielleicht noch recht geben (auch wenn es sogar dabei auf den Kontext ankommt), bei "Wirtschaftsmigranten" oder "Merkels Grenzöffnung" aber nicht. Letzteres muss man formulieren dürfen, ohne als neurechts eingeordnet zu werden.


Sorry, aber hinter all diesen Bewertungen durch mich stehe ich nach wie vor. So sehe ich das eben. Und nicht nur ich. Aber ich bin mir natürlich bewusst, dass ich damit auch einige konservativ denkende Leute mit einbeziehe oder gar treffe. Der Unterschied besteht nur darin, dass ich diese Leute nicht selbst als Person als komplett "neurechts" bezeichne, das heißt, ich sage weder "du Nazi" oder "du Rechtsradikaler" zu jemandem, sondern es geht um Teile ihres Denkens. Und diese Teile sind halt weit bis in die bürgerliche Mitte hinein verbreitet. Das tut manchem vielleicht weh, wieder andere befragen sich selbst einmal genauer, wie "neurechts" sie inzwischen selbst schon denken und noch andere sagen schlicht "die spinnt doch". Alles erlaubt. Alles akzeptabel.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Julian » Fr 2. Aug 2019, 13:19

Brainiac hat geschrieben:(02 Aug 2019, 12:45)

Genau das verstehe ich nicht. Kannst du mal ein Beispiel verlinken?


Aus meinem Beitrag müsste das doch klar hervorgehen. Ich habe doch den "Kampf gegen Rechts" als Beispiel genannt. Wie wird denn "Rechts" bei diesem Kampf verstanden? Die Linken und mit ihnen der linke Hauptstrom, bestehend aus Politikern, Medien aber auch vielen Bürgern, haben die Fähigkeit zur Differenzierung weitestgehend verloren.

Brainiac hat geschrieben:(02 Aug 2019, 12:45)
Da verwechselst du mich wohl mit jemandem.


Ich habe das nicht in Bezug auf Sie, sondern generell geschrieben.

Wer sich hier im Forum für die Meinungsfreiheit einsetzt, wird sehr oft mit denen gleichgesetzt, deren Meinungsfreiheit er vertritt. Der Unterschied, sich für jemandes Freiheit, seine Meinung kundzutun, einzusetzen, wird in einem logischen oder ideologischen Kurzschluss damit gleichgesetzt, selbst diese Meinung zu vertreten.

Brainiac hat geschrieben:(02 Aug 2019, 12:45)
Aber da du ja gerade von dir selbst sprichst und auch weiter oben deine Einordnung durch manche User als rechtsradikal thematisiert hattest, ein kurzer Kommentar von mir dazu. Du schreibst hier ja nicht erst seit gestern, und andere User dürfen schon ihre Schlüsse daraus ziehen, was so deine Hauptthemen sind, die du immer wieder anbringst. Und das ist zuerst und vor allem und immer wieder die Herausstellung des Schadens und des Untergangs, den der Islam und muslimische Flüchtlinge und muslimische Migranten über Deutschland brächten. Die Art und Weise, wie du das hier seit 2016 immer wieder thematisiert hast, trägt für mich schon extremistische Züge. Des weiteren sind mir diverse Verteidigungen deinerseits zu kritisierten Äußerungen von AfD-Politikern aufgefallen, wo ich mich schon gefragt habe, warum du dich da denn damit gemein machst. Ein Beispiel war diese Höcke-Rede.

Das kann nun jeder sehen wie er will und du siehst es sowieso anders, aber jedenfalls hast du diesen "Ruf" bei manchen sicherlich nicht nur, weil du sachlich die Flüchtlingspolitik kritisiert hättest.


Das ist wieder der bekannte Kurzschluss. Offenbar gerät man sofort in den Verdacht, rechtsextrem zu sein, wenn man die Flüchtlingspolitik Merkels oder gar den Islam kritisiert.

Denken Sie denn, dass die Flüchtlingspolitik große Auswirkungen auf dieses Land habe? Oder insgesamt die Einwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte? Oder glauben Sie, dass sei ein eher kleines Thema, weil es Deutschland kaum beeinflusse, verändere oder gar vor Herausforderungen stelle?

Ich kenne kaum jemanden, der die überaus große Bedeutung dieses Themas leugnen würde. Deswegen ist es nur berechtigt, darüber zu diskutieren. Es ist in Deutschland seit Jahren das kontroverseste, am meisten diskutierte Thema; das wird auch im Ausland so gesehen. Selbst die Medien haben die große Bedeutung immer wieder herausgestellt.

Und nun ist man rechtsextrem, wenn man darüber sprechen möchte und dabei auf die negativen Seite hinweist? Das geht dann in eine sehr ideologische Richtung, wie im Flüchtlings- und Migrationspakt und in den neuesten Verlautbarungen des auf Linie gebrachten Verfassungsschutzes: Jede Kritik an Migration, an der multikulturellen Gesellschaft oder am Islam ist automatisch rechtsextrem und zu bekämpfen.

Wahrscheinlich sehen Sie es als rechtsextrem, wenn ich, ähnlich wie Höcke, ein Problem im verkrampften Verhältnis vieler Deutscher zu Deutschland sehe. Wer sein Land nicht liebt, wer immer nur um die eigene Schuld besorgt ist und selbst heute, nach über sieben Jahrzehnten, keine rationale, pragmatische, an den eigenen Interessen ausgerichtete Entscheidung treffen kann, sondern immer alles mit der großen Schuld begründen muss (und daraus dann aber wieder eine moralische Hybris ableitet, die andere Länder abschreckt) - der kann kaum ein guter Patriot sein. Er kann auch nicht Einwanderern etwas Positives vorleben, das jene zur Integration führen würde. Wenn die Einwanderer merken, dass die Deutschen ein gespanntes Verhältnis zum eigenen Land haben, nicht darauf stolz sein wollen und davon faseln, dass es eine deutsche Kultur ja eigentlich ohnehin nicht gebe, warum sollen sich denn die Einwanderer dann in ein solches Verliererland integrieren wollen?

Wenn Sie das als rechtsextrem sehen, sollten Sie diesen Begriff auch für den Politikwissenschaftler Patzelt und einige andere reservieren.

Religionen kritisiere ich allgemein. Ich kann damit als wissenschaftlich denkender Mensch nichts anfangen. Nun gibt es aber Religionen, die sich über lange Zeit zivilisiert haben und ihre eigenen, teilweise grausamen Texte nicht mehr ganz ernst nehmen. Leider gehört der Islam bisher nicht dazu, und gerade ich als Freidenker bin deswegen gefährdet. Wer wagt es denn heute noch in Deutschland, sich satirisch über den Islam zu äußern? Wie viele Leute brauchen Personenschutz, weil sie von Moslems verfolgt werden?

Im übrigen habe ich mich hier schon zu sehr vielen verschiedenen Themen geäußert. Nur ist das Echo darauf dann eher gering, oder beschränkt auf Foristen, die sich speziell dafür interessieren.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Brainiac » Fr 2. Aug 2019, 13:45

Julian hat geschrieben:(02 Aug 2019, 13:19)

Aus meinem Beitrag müsste das doch klar hervorgehen. Ich habe doch den "Kampf gegen Rechts" als Beispiel genannt. Wie wird denn "Rechts" bei diesem Kampf verstanden? Die Linken und mit ihnen der linke Hauptstrom, bestehend aus Politikern, Medien aber auch vielen Bürgern, haben die Fähigkeit zur Differenzierung weitestgehend verloren.

Ok, habe ich beim ersten Lesen nicht verstanden. Nun kann man ja gegen einen politischen Gegner kämpfen, in einer Demokratie völlig normal.

Ich habe nach Beispielen gesucht, wo Organisationen unter dem Titel "Kampf gegen Rechts" tatsächlich ein Vorgehen gegen Rechtsextremismus meinen, aber nicht gefunden. Ich gebe dir aber insofern recht, dass man öfters Zeitungsartikel unter dem Titel "gegen Rechts" findet, in denen tatsächlich nur der Rechstextremismus thematisiert wird. Das ist eine unzulässige Verkürzung, damit wird tatsächlich eine implizite Gleichsetzung vorgenommen. https://www.tagesspiegel.de/politik/kampf-gegen-rechts-buerger-stellen-regierung-schlechtes-zeugnis-aus/24312350.html

Das ist wieder der bekannte Kurzschluss. Offenbar gerät man sofort in den Verdacht, rechtsextrem zu sein, wenn man die Flüchtlingspolitik Merkels oder gar den Islam kritisiert.

Genau das habe ich so nicht geschrieben und nicht getan. Wenn aber im ersten Jahr in diesem Forum gefühlt 95% der Beiträge in diese Richtung gehen und jedes nur denkbare Thema für diese Agenda genutzt wird, sieht es halt anders aus.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Brainiac » Fr 2. Aug 2019, 13:48

Selina hat geschrieben:(02 Aug 2019, 13:19)

Sorry, aber hinter all diesen Bewertungen durch mich stehe ich nach wie vor. So sehe ich das eben. Und nicht nur ich. Aber ich bin mir natürlich bewusst, dass ich damit auch einige konservativ denkende Leute mit einbeziehe oder gar treffe. Der Unterschied besteht nur darin, dass ich diese Leute nicht selbst als Person als komplett "neurechts" bezeichne, das heißt, ich sage weder "du Nazi" oder "du Rechtsradikaler" zu jemandem, sondern es geht um Teile ihres Denkens. Und diese Teile sind halt weit bis in die bürgerliche Mitte hinein verbreitet. Das tut manchem vielleicht weh, wieder andere befragen sich selbst einmal genauer, wie "neurechts" sie inzwischen selbst schon denken und noch andere sagen schlicht "die spinnt doch". Alles erlaubt. Alles akzeptabel.

Ich glaube, dass du auf die Art und Weise keinen einzigen User dazu bringst, das eigene Denken kritisch auf "neurechte Bestandteile" zu hinterfragen.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Selina » Fr 2. Aug 2019, 13:50

Julian hat geschrieben:(02 Aug 2019, 13:19)

Aus meinem Beitrag müsste das doch klar hervorgehen. Ich habe doch den "Kampf gegen Rechts" als Beispiel genannt. Wie wird denn "Rechts" bei diesem Kampf verstanden? Die Linken und mit ihnen der linke Hauptstrom, bestehend aus Politikern, Medien aber auch vielen Bürgern, haben die Fähigkeit zur Differenzierung weitestgehend verloren.



Ich habe das nicht in Bezug auf Sie, sondern generell geschrieben.

Wer sich hier im Forum für die Meinungsfreiheit einsetzt, wird sehr oft mit denen gleichgesetzt, deren Meinungsfreiheit er vertritt. Der Unterschied, sich für jemandes Freiheit, seine Meinung kundzutun, einzusetzen, wird in einem logischen oder ideologischen Kurzschluss damit gleichgesetzt, selbst diese Meinung zu vertreten.



Das ist wieder der bekannte Kurzschluss. Offenbar gerät man sofort in den Verdacht, rechtsextrem zu sein, wenn man die Flüchtlingspolitik Merkels oder gar den Islam kritisiert.

Denken Sie denn, dass die Flüchtlingspolitik große Auswirkungen auf dieses Land habe? Oder insgesamt die Einwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte? Oder glauben Sie, dass sei ein eher kleines Thema, weil es Deutschland kaum beeinflusse, verändere oder gar vor Herausforderungen stelle?

Ich kenne kaum jemanden, der die überaus große Bedeutung dieses Themas leugnen würde. Deswegen ist es nur berechtigt, darüber zu diskutieren. Es ist in Deutschland seit Jahren das kontroverseste, am meisten diskutierte Thema; das wird auch im Ausland so gesehen. Selbst die Medien haben die große Bedeutung immer wieder herausgestellt.

Und nun ist man rechtsextrem, wenn man darüber sprechen möchte und dabei auf die negativen Seite hinweist? Das geht dann in eine sehr ideologische Richtung, wie im Flüchtlings- und Migrationspakt und in den neuesten Verlautbarungen des auf Linie gebrachten Verfassungsschutzes: Jede Kritik an Migration, an der multikulturellen Gesellschaft oder am Islam ist automatisch rechtsextrem und zu bekämpfen.

Wahrscheinlich sehen Sie es als rechtsextrem, wenn ich, ähnlich wie Höcke, ein Problem im verkrampften Verhältnis vieler Deutscher zu Deutschland sehe. Wer sein Land nicht liebt, wer immer nur um die eigene Schuld besorgt ist und selbst heute, nach über sieben Jahrzehnten, keine rationale, pragmatische, an den eigenen Interessen ausgerichtete Entscheidung treffen kann, sondern immer alles mit der großen Schuld begründen muss (und daraus dann aber wieder eine moralische Hybris ableitet, die andere Länder abschreckt) - der kann kaum ein guter Patriot sein. Er kann auch nicht Einwanderern etwas Positives vorleben, das jene zur Integration führen würde. Wenn die Einwanderer merken, dass die Deutschen ein gespanntes Verhältnis zum eigenen Land haben, nicht darauf stolz sein wollen und davon faseln, dass es eine deutsche Kultur ja eigentlich ohnehin nicht gebe, warum sollen sich denn die Einwanderer dann in ein solches Verliererland integrieren wollen?

Wenn Sie das als rechtsextrem sehen, sollten Sie diesen Begriff auch für den Politikwissenschaftler Patzelt und einige andere reservieren.

Religionen kritisiere ich allgemein. Ich kann damit als wissenschaftlich denkender Mensch nichts anfangen. Nun gibt es aber Religionen, die sich über lange Zeit zivilisiert haben und ihre eigenen, teilweise grausamen Texte nicht mehr ganz ernst nehmen. Leider gehört der Islam bisher nicht dazu, und gerade ich als Freidenker bin deswegen gefährdet. Wer wagt es denn heute noch in Deutschland, sich satirisch über den Islam zu äußern? Wie viele Leute brauchen Personenschutz, weil sie von Moslems verfolgt werden?

Im übrigen habe ich mich hier schon zu sehr vielen verschiedenen Themen geäußert. Nur ist das Echo darauf dann eher gering, oder beschränkt auf Foristen, die sich speziell dafür interessieren.


Was mir an Ihren Kommentaren eigentlich immer recht gut gefällt, ist die Klarheit Ihrer Sprache. Sie reden nicht lange drumrum, kommen schnell auf den Punkt Ihrer Meinungsäußerung und argumentieren von Ihrer politischen Warte aus betrachtet recht überzeugend. Findet man hier gar nicht mal so oft. Mir fällt da immer als Vergleich ein, was einige sehr konservative Leute dem Gysi mehrfach gesagt hatten: "Ich mag Sie eigentlich wegen Ihrer Klarheit und Redegewandtheit, Sie sind eben nur in der falschen Partei." :D

Nein, mal im Ernst: Der Höcke wurde nunmal zurecht als rechtsextrem eingestuft, weil er übles geschichtsrevisionistisches Zeug verbreitet und weil es purer Nationalismus ist, was er in seinen Kyffhäuser-Reden und zu anderen Anlässen erzählt. Mal von der Diktion abgesehen, die einem ja förmlich den Vergleich mit einer berühmt-berüchtigten Person der damaligen Zeitgeschichte aufdrängt. Und was dieses Deutschland-Gefühl anbelangt: Ja, das wird oft bemängelt, dass sich viele Deutsche (es werden immer weniger, ich gehöre auch dazu) nicht mit dem "nötigen Stolz" über ihr "Heimatland" äußern. Das aber hat handfeste Gründe. Und es war zum Ende des Krieges abzusehen, dass viele Generationen ins Land gehen werden, bevor man wieder ohne rot zu werden vom eigenen Land reden können wird. Wie man damit umgeht, hat schon auch mit Bildung und Erziehung (Elternhaus in erster Linie) zu tun. Aber ich halte es heute noch für sehr überlegt und auch für sehr angebracht, nicht mit allzu stolz geschwellter Brust über Deutschland zu reden. Sehr angebracht. Zumal sich schon wieder etwas breitmacht, was eine deutliche Nähe zum schrecklichen geschichtlichen Vorbild aufweist. Da sollten die Stimmen des - ich nenns mal so - schaumgebremsten Stolzes eher als Warner wirken und gelten. Und was den Patzelt anbelangt, ja, der steht schon weit im rechtskonservativen Feld mit Tendenz zu noch weiter rechts. Dass er die CDU in Sachsen nun berät, bedeutet, den Bock zum Gärtner machen.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Julian » Fr 2. Aug 2019, 14:11

Selina hat geschrieben:(02 Aug 2019, 13:50)

Was mir an Ihren Kommentaren eigentlich immer recht gut gefällt, ist die Klarheit Ihrer Sprache. Sie reden nicht lange drumrum, kommen schnell auf den Punkt Ihrer Meinungsäußerung und argumentieren von Ihrer politischen Warte aus betrachtet recht überzeugend. Findet man hier gar nicht mal so oft. Mir fällt da immer als Vergleich ein, was einige sehr konservative Leute dem Gysi mehrfach gesagt hatten: "Ich mag Sie eigentlich wegen ihrer Klarheit und Redegewandtheit, Sie sind eben nur in der falschen Partei." :D


Zu viel der Ehre, mit einem Rhetoriker wie Gysi gleichgesetzt zu werden. Aber ernsthaft: Ich habe beispielsweise persönlich nichts gegen Herrn Gysi, finde manche seiner Züge sympathisch, und spreche ihm auch nicht sein rhetorisches und auch politisches Talent ab. Ich würde auch dafür kämpfen, dass er das sagen darf, was er möchte - und zwar auch ohne Angst vor Gewalttätern. Er vertritt eine legitime politische Position, die ich zwar nicht teile, das würde mich aber nicht davon abzuhalten, mit ihm ein Bier oder einen Wein zu trinken. Ob er das mit mir tun würde, weiß ich allerdings nicht.

Selina hat geschrieben:(02 Aug 2019, 13:50)
Nein, mal im Ernst: Der Höcke wurde nunmal zurecht als rechtsextrem eingestuft, weil er übles geschichtsrevisionistisches Zeug verbreitet und weil es purer Nationalismus ist, was er in seinen Kyffhäuser-Reden und zu anderen Anlässen erzählt. Mal von der Diktion abgesehen, die einem ja förmlich den Vergleich mit einer berühmt-berüchtigten Person der damaligen Zeitgeschichte aufdrängt. Und was dieses Deutschland-Gefühl anbelangt: Ja, das wird oft bemängelt, dass sich viele Deutsche (es werden immer weniger, ich gehöre auch dazu) nicht mit dem "nötigen Stolz" über ihr "Heimatland" äußern. Das aber hat handfeste Gründe. Und es war zum Ende des Krieges abzusehen, dass viele Generationen ins Land gehen werden, bevor man wieder ohne rot zu werden vom eigenen Land reden können wird. Wie man damit umgeht, hat schon auch mit Bildung und Erziehung (Elternhaus in erster Linie) zu tun. Aber ich halte es heute noch für sehr überlegt und auch für sehr angebracht, nicht mit allzu stolz geschwellter Brust über Deutschland zu reden. Sehr angebracht. Zumal sich schon wieder etwas breitmacht, was eine deutliche Nähe zum schrecklichen geschichtlichen Vorbild aufweist. Da sollten die Stimmen des - ich nenns mal so - schaumgebremsten Stolzes eher als Warner wirken und gelten. Und was den Patzelt anbelangt, ja, der steht schon weit im rechtskonservativen Feld mit Tendenz zu noch weiter rechts. Dass er die CDU in Sachsen nun berät, bedeutet, den Bock zum Gärtner machen.


Zunächst einmal finde ich, dass Höcke ebenso wie Gysi eine legitime politische Position vertritt; auch mit ihm würde ich ein Bier oder einen Wein trinken. Teilweise hat er mit dem, was er kritisiert, auch recht. Nur gefällt mir nicht, wie er sein Publikum aufpeitscht, wie er mit Emotionen spielt. Das ist nicht mein Stil.

Auch bezweifle ich, dass ich das, wofür er steht, teile - dazu bin ich wohl einfach zu liberal im Hinblick auf viele Aspekte. Für mich ist beispielsweise der Liberalismus keine feindliche Ideologie oder der Untergang des Abendlandes, sondern eine der größten Errungenschaften der europäischen Tradition und eine Geisteshaltung, in der ich mich zu Hause fühle und die ich in großen Teilen vertrete, wenn auch in etwas anderer Form als viele europäische Liberale das Wort verstehen. Höcke scheint in vielerlei Hinsicht die Marktwirtschaft zu kritisieren, wenn er von seiner "organischen" Wirtschaft o.ä. redet; insbesondere die Globalisierung scheint er sehr negativ zu sehen, und die Rolle des Staates scheint er viel größer zu sehen, als ich es tue. Ich gehe wohl viel mehr vom Individuum und seiner Freiheit aus, als ich das bei Höcke, der häufig das Kollektiv beschwört, zu erkennen vermag. Vielleicht schätze ich ihn aber auch falsch ein.

Der Gottbeiseiuns ist für mich Herr Höcke auf jeden Fall nicht. Die Dämonisierung in den Medien kann ich nicht nachvollziehen. Er ist ein Politiker wie viele andere, der das Recht hat, für seine Positionen zu werben. Ich trenne auch im allgemeinen das Persönlich-Menschliche von politischen Standpunkten, weswegen ich keine Berührungsängste habe.

Bei Werner Patzelt erkenne ich mich in vielen Positionen wieder, allerdings resultiert das bisher nur auf Zeitungsinterviews oder Videomitschnitten, ich habe bisher keine längeren Aufsätze oder gar Bücher von ihm gelesen.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 2. Aug 2019, 14:14

Brainiac hat geschrieben:(02 Aug 2019, 12:04)

Na dann sind wir uns ja einig.

Jemand aber, der aus einer Einordnung als "rechts" einen Nazivorwurf konstruiert, sieht das vielleicht anders.

Ich habe folgende Vermutung: Bereits die Einordnung als "rechts" empfinden manche als beleidigend (zB die, die immer mit dem Kunstwort "rrrääächts" um sich werfen). Die Rache besteht dann offenbar darin, daraus einen Nazivorwurf zu konstruieren.

Das klingt schon logisch bzw. entspricht auch meiner Wahrnehmung. Bemerkenswerte finde ich, dass die EInordnung "rechtskonservativ" lange nicht diese negative Konnotation hat.

Gleich im ersten ABschnitt fast jeder Definition der "politischen Rechten" findet sich als wesentliches Merkmal die positive Wertung und Befürwortung einer hierarchischen Gesellschaft. Das muss noch nicht mal zwingend mit "Konservativismus" verbunden sein. Wer also für eine hierarchische Gesellschaft plädiert, sollte eigentlich absolut kein Problem mit der Fremd- und Selbsteinordnung als "rechts" haben und demzufolge diese EInordnung auch nicht als "rrrääächts"-Schmähung auffassen.

Zwischen dieser an Hierarchien glaubenden politischen Rechten und den Nazis bzw. NaziSozis der NSDAP bzw. der Hitlerzeit besteht ein Unterschied bzw. eine Beziehung, die gar nicht so leicht zu durchschauen ist. Auf der einen Seite: Führerstaat und strenge Parteihierarchie. Auf der anderen Seite: Beschwörung von Volksgemeinschaft, (nichtmarxistischem) Sozialismus. Nach dem bekannten britischen Historiker Kershaw war diese Unbestimmtheit des NS-Staats eine der Ursachen für den Machterhalt. Im entsprechenden bpb-Artikel ist von "Polykratien" die Rede. Ein Führerstaat mit Organisationen im Selbstverständnis einer "Volksgemeinschaftlichkeit". Mannehme nur mal HJ, BDM oder KdF. Tatsächlich gab es aber doch und realiter natürlich einen engeren Zirkel der wirklich mächtigen. Wieviel war bei denen Ideologie auch im eigenen Glauben und wieviel Opportunismus zum unbedingten Machterhalt. Ein bissel abgeschweift ...

Na jedenfalls. Einen "Rechten", also "Hierarchieüberzeugten" einen "Nazi" zu nennen ist eh schon mal kurzschlüssig. Sich als Rechter, also Hierarchieüberzeugter, beleidigt zu fühlen, wenn man ihn oder sie "einen Rechten" nennt, ist es ebenso. Darüber hinaus aber auch noch irrational.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Selina » Fr 2. Aug 2019, 14:17

Brainiac hat geschrieben:(02 Aug 2019, 13:48)

Ich glaube, dass du auf die Art und Weise keinen einzigen User dazu bringst, das eigene Denken kritisch auf "neurechte Bestandteile" zu hinterfragen.


Ja, mag sein. Aber hast du denn den Eindruck, dass es überhaupt irgendeinen Weg gibt, jemanden dazu zu bringen, "das eigene Denken kritisch auf 'neurechte Bestandteile' zu hinterfragen"? Ich sehe hier nirgendwo Argumentationsketten, wo das gut gelingt. Bei niemandem. Selbst dann nicht, wenn die Bewertung "neurechts" in den Kommentaren nicht verwendet wird. Ich glaube auch, der Fakt des Rechtsruckes an sich lässt sich nicht einfach wegdiskutieren, nur, indem man ab und zu das Wort "neurechts" weglässt. Dass Andersdenkende und Anderslebende wieder Angst haben müssen, in diesem Land frei und offen ihr Anderssein zu leben, das lässt sich nun mal nicht mit rosaroten Blümchen umranken. Den Finger auf die Wunde zu legen und das immer wieder und die Dinge beim Namen zu nennen, das ist schon wichtig. Gerade bei Biologismus und Kulturalismus. Ich glaube auch, es wird viel zu oft geglättet, bagatellisiert, untern Teppich gekehrt. Das ist auch keine Lösung und kann dann gesellschaftlich - also "draußen" - in der Konsequenz üble Folgen haben. Aber ich werde mal über deine Worte nachdenken.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 2. Aug 2019, 14:21

Bei den meisten derer, die man "neurechts" nennt oder der "Neuen Rechten" zurechnet, ist das "Rechte" nur der eine Teil. Bei jemanden wie Schirinowski kommt eben noch ein extremer Nationalismus dazu, der bei letzterem zusätzlich noch eine religiös-kulturalistische Ausrichtung hat.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon relativ » Fr 2. Aug 2019, 14:26

Julian hat geschrieben:(02 Aug 2019, 10:15)

Es ist sogar noch komplexer. Es gab auch Leute, die in der NSDAP waren, aber eigentlich keine Nazis waren. Sie waren in der Partei aus opportunistischen Gründen, haben aber nicht an die Ideale dieser Partei geglaubt. Ein Teil davon wiederum war nicht einverstanden mit den Grausamkeiten und Ungeheuerlichkeiten, die sich im Verlauf der Herrschaft entwickelten, und leisteten dagegen Widerstand.

Einige von diesen NSDAP-Mitgliedern werden auch in Yad Vashem als Gerechte unter den Völkern geehrt, ich nenne als bekanntes Beispiel einmal das NSDAP-Mitglied Oskar Schindler.

Darüber hinaus gab es auch Leute, die in der Partei waren, an die nationalsozialistischen Ideale glaubten, aber dennoch keine bösen Menschen waren - was sich zeigte, als es um die konkrete Umsetzung, etwa das Morden, ging. Entsprechend gab es auch Leute, die weder an die Ideale des Nationalsozialismus glaubten noch Mitglied der NSDAP waren, die aber einfach böse Menschen waren, sich in ihrer Macht sonnten und teilweise auch einfach gerne Gewalt ausübten und mordeten.

Die Sache ist also etwas komplexer, als sich das der heutige linke Hauptstrom mit seinem Gut-Böse-Schema zurechtlegt. Jeder, der sich ausführlich mit Geschichte auseinandersetzt, weiß das eigentlich.

Dennoch hat das linke Gut-Böse-Schema einen Zweck, denn damit wird die Diskussion auf eine moralische Ebene gehoben. Man muss nicht mehr sachlich argumentieren, etwa, was möglich und vernünftig sei, was das Ziel sei und mit welchen Mitteln man dieses erreiche. Nein, man nimmt einfach einen Standpunkt ein, der moralisch, quasi natürlich, geboten sei; jeder, der dem widerspricht, wird auf eine moralisch niedrigere Stufe gestellt.

Im Prinzip wird dem heutigen "Nazi" vorgeworfen, dass er damals mitgemordet hätte, und der gute Linke sonnt sich darin, dass er damals heroisch Widerstand geleistet hätte. Wenn man sich mit den Themen Konformismus/ Non-Konformismus beschäftigt und mit dem, wer damals tatsächlich gemordet, wer weggesehen, wer dagegen, wer dafür war, wer Widerstand geleistet hat, dann ist die Sachlage natürlich nicht so einfach. Viele Linke drücken ja heute nur das aus, was der Hauptstrom ihnen vorgibt und wofür er sie belohnt, während man, wenn man rechte Positionen vertritt, tatsächlich Zivilcourage braucht.

Sorry aber hier geht es doch eher darum, ob ein Handeln zu dieser menschenfeindlichen Ideologie führt und über die gibt es eben mal keine 2 Meinungen. Ob man dann nur Steigbügelhalter für die ist, oder diese in einen abgeschwächten Form bevorzugt spielt doch gar keine Rolle. Die xenophobe und rassistische Ideologie ist das Böse und alles was hilft diesr wieder aufs Podest zu heben , muss bekämpft werden und zwar mit voller Konsequenz, bevor es wieder mal zu spät ist und wir abermals ratlos vor den Trümmern unser naiven Fehleinschätzung stehen und gar nicht wussten wie sowas passieren konnte.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Brainiac » Fr 2. Aug 2019, 14:38

Selina hat geschrieben:(02 Aug 2019, 14:17)

Ja, mag sein. Aber hast du denn den Eindruck, dass es überhaupt irgendeinen Weg gibt, jemanden dazu zu bringen, "das eigene Denken kritisch auf 'neurechte Bestandteile' zu hinterfragen"? Ich sehe hier nirgendwo Argumentationsketten, wo das gut gelingt. Bei niemandem. Selbst dann nicht, wenn die Bewertung "neurechts" in den Kommentaren nicht verwendet wird. Ich glaube auch, der Fakt des Rechtsruckes an sich lässt sich nicht einfach wegdiskutieren, nur, indem man ab und zu das Wort "neurechts" weglässt. Dass Andersdenkende und Anderslebende wieder Angst haben müssen, in diesem Land frei und offen ihr Anderssein zu leben, das lässt sich nun mal nicht mit rosaroten Blümchen umranken. Den Finger auf die Wunde zu legen und das immer wieder und die Dinge beim Namen zu nennen, das ist schon wichtig. Gerade bei Biologismus und Kulturalismus. Ich glaube auch, es wird viel zu oft geglättet, bagatellisiert, untern Teppich gekehrt. Das ist auch keine Lösung und kann dann gesellschaftlich - also "draußen" - in der Konsequenz üble Folgen haben. Aber ich werde mal über deine Worte nachdenken.

Rechtsradikal nennen, was rechtsradikal ist, und nicht rechtsradikal nennen (auch nicht andeutungsweise), was es nicht ist.
Mal plakativ:

  • Eine Äußerung, wonach der arme Lübke-Mörder aufgrund der Flüchtlingspolitik praktisch gar keine andere Wahl hatte, als so zu handeln wie er es tat, ist rechtsradikal. Wer so etwas bei klarem Verstand von sich gibt, ist es selbst höchstwahrscheinlich auch. Das kann und sollte man so aussprechen.
  • Eine Äußerung, in der die Political Correctness beklagt und darauf hingewiesen wird, dass im Zuge des Flüchtlingszuzugs auch viele Wirtschaftsmigranten zu uns gekommen sind und vom sozialen Netz profitieren, ist nicht rechtsradikal. Es ist mE. auch eher kontraproduktiv, den Schreiber darauf aufmerksam zu machen, dass es sich aber um neurechte Begriffe handelte, die er da verwendet, und dass er da mal auf "sein Denken" aufpassen solle.

Beeinflussen kann man imho, wenn überhaupt, am ehesten durch sachliche Widerlegungen. Also wenn zB Leute immer wieder behaupten (wie Sarrazin), dass 80% der Probleme im Bereich Bildung, Hartz IV, Kriminalität in Deutschland durch muslimische Migranten verursacht würden, dann kann man einige Statistiken dagegen halten. Oder wenn erklärt wird, der letztes Jahr beschlossene UN-Migrationspakt würde allen Migranten dieser Welt den "uneingeschränkten Zugang zu den sozialen Systemen" jeglichen Zielländes seiner Wahl ermöglichen, dann kann man auf den konkreten Text verweisen, wo das eben nicht steht. Dann werden von 100 Usern vielleicht 2 ins Grübeln kommen. Viel mehr kann man in so einem Forum sowieso nicht erreichen.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Skeptiker » Fr 2. Aug 2019, 14:40

Brainiac hat geschrieben:(02 Aug 2019, 13:45)

Ok, habe ich beim ersten Lesen nicht verstanden. Nun kann man ja gegen einen politischen Gegner kämpfen, in einer Demokratie völlig normal.

Ich habe nach Beispielen gesucht, wo Organisationen unter dem Titel "Kampf gegen Rechts" tatsächlich ein Vorgehen gegen Rechtsextremismus meinen, aber nicht gefunden. Ich gebe dir aber insofern recht, dass man öfters Zeitungsartikel unter dem Titel "gegen Rechts" findet, in denen tatsächlich nur der Rechstextremismus thematisiert wird. Das ist eine unzulässige Verkürzung, damit wird tatsächlich eine implizite Gleichsetzung vorgenommen. https://www.tagesspiegel.de/politik/kampf-gegen-rechts-buerger-stellen-regierung-schlechtes-zeugnis-aus/24312350.html


Genau das habe ich so nicht geschrieben und nicht getan. Wenn aber im ersten Jahr in diesem Forum gefühlt 95% der Beiträge in diese Richtung gehen und jedes nur denkbare Thema für diese Agenda genutzt wird, sieht es halt anders aus.

Der „Kampf gegen Rechts“ steht synonym für den Kampf gegen Rechtsextremismus. Auf Wikipedia wird man sogar direkt weitergeleitet auf „Initiativen gegen Rechtsextremismus in Deutschland“. Das ist doch bekannt und eine deutsche Eigenart.

Niemand - naja, fast niemand - würde beim Kampf gegen Rechts an Horst Seehofer denken. Ihn würde man politisch aber sicher da sehen.

Mach doch einfach mal die Gegenprobe. Was hieltest du von einem „Kampf gegen Links“?

Wenn ich das so schreibe, ist natürlich sofort klar, dass ich damit nur Linksextreme meinen kann - oder etwa nicht? Nein, sorry, es ist vollkommen klar, dass in Deutschland die ganze politische Richtung latent stigmatisiert ist.
Ich habe es glaube ich schonmal irgendwo hier geschrieben, dass ein Bekannter aus Frankreich mal nach Berlin kam und dort in einem Taxi fuhr. Als der Taxifahrer fragte welche politische Richtung er favorisiere, meinte er „Mitte-Rechts“, was in Frankreich gemäßigt konservativ bedeutet.
In Deutschland ist er aus dem Taxi geworfen und übel als Nazi beschimpft worden - als Franzose wohlgemerkt.

Nö, sorry, rechts wird offensichtlich oft mit rechtsextrem gleichgesetzt oder in dessen Nähe gerückt. Dann darf man sich bitte auch nicht wundern, wenn die Leute nicht rechts genannt werden wollen.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Selina » Fr 2. Aug 2019, 14:48

Julian hat geschrieben:(02 Aug 2019, 14:11)

Zu viel der Ehre, mit einem Rhetoriker wie Gysi gleichgesetzt zu werden. Aber ernsthaft: Ich habe beispielsweise persönlich nichts gegen Herrn Gysi, finde manche seiner Züge sympathisch, und spreche ihm auch nicht sein rhetorisches und auch politisches Talent ab. Ich würde auch dafür kämpfen, dass er das sagen darf, was er möchte - und zwar auch ohne Angst vor Gewalttätern. Er vertritt eine legitime politische Position, die ich zwar nicht teile, das würde mich aber nicht davon abzuhalten, mit ihm ein Bier oder einen Wein zu trinken. Ob er das mit mir tun würde, weiß ich allerdings nicht.


Nur eine Anmerkung noch dazu: Ich habe Sie natürlich nicht mit Gysi gleichgesetzt. Dazu sind die Ansichten und Weltsichten von Ihnen beiden doch zu unterschiedlich. Nein, was ich damit meinte, ist eher sowas wie die Sympathiebekundung für den politischen Gegner, den man trotz anderer Denkweise unter Umständen auch schätzen und respektieren kann. Das sagten Sie ja selbst weiter unten. Sowas sollte auch hier Schule machen. Denn wer miteinander redet und das sogar noch respektvoll, schießt schon mal nicht aufeinander ;) Also einen Gysi-Vergleich wollte ich nicht anstellen, dazu ist der Linkenpolitiker doch zu versiert und rhetorisch zu begabt, als dass man ohne Not andere Ebenbürtige fände. Ich meinte das nur hier in diesem kleinen Rahmen des Forums, dass ich Ihre verbale Klarheit ziemlich gut finde. Trotz aller politischen Unterschiede und Gegensätze.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon relativ » Fr 2. Aug 2019, 15:02

Selina hat geschrieben:(02 Aug 2019, 14:48)

Nur eine Anmerkung noch dazu: Ich habe Sie natürlich nicht mit Gysi gleichgesetzt. Dazu sind die Ansichten und Weltsichten von Ihnen beiden doch zu unterschiedlich. Nein, was ich damit meinte, ist eher sowas wie die Sympathiebekundung für den politischen Gegner, den man trotz anderer Denkweise unter Umständen auch schätzen und respektieren kann. Das sagten Sie ja selbst weiter unten. Sowas sollte auch hier Schule machen. Denn wer miteinander redet und das sogar noch respektvoll, schießt schon mal nicht aufeinander ;) Also einen Gysi-Vergleich wollte ich nicht anstellen, dazu ist der Linkenpolitiker doch zu versiert und rhetorisch zu begabt, als dass man ohne Not andere Ebenbürtige fände. Ich meinte das nur hier in diesem kleinen Rahmen des Forums, dass ich Ihre verbale Klarheit ziemlich gut finde. Trotz aller politischen Unterschiede und Gegensätze.

Die Ideologie die Julian vertritt möchte ich auch rethorisch gut verpackt nicht geschenkt haben. Das ich mit ihm trotzdem noch einen Diskurs führe halte ich in einer Demokratie bis zu einem gewissen Punkt für notwendig, aber dieser Diskurs muss für mich kein Kuschelkurs sein.
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon Stoner » Fr 2. Aug 2019, 15:03

Intellektuelles Vermögen als Ergebnis einer gesäßgeografischen Verortung? Interessanter Gedanke. Also muss der Grass dem Jünger überlegen gewesen sein. :D
Das Recht auf Dummheit gehört zur Garantie der freien Entfaltung der Persönlichkeit. (Mark Twain)
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Re: "Es wird jeder als Nazi tituliert, der..."

Beitragvon unity in diversity » Fr 2. Aug 2019, 15:06

Vegetarier aller Länder, vereinigt euch zum Bund, esst Radieschen und Rhabarber und ihr bleibt gesund.
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