Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

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H2O
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon H2O » Mi 27. Mai 2020, 13:28

Mein Verständnis von Dichtung ist schon, daß da ein Stoff verdichtet wurde. Ich sehe einen Unterschied darin, ob jemand den Roman "Effi Briest" wunderbar nacherzählt, oder ob /sie sich über die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit im Zusammenhang mit dem Romaninhalt Gedanken macht und sie auch ordentlich auf Papier darstellt. Wie könnte die Geschichte in unserer heutigen Gesellschaft ausgehen?
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imp
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon imp » Mi 27. Mai 2020, 18:30

H2O hat geschrieben:(27 May 2020, 13:28)

Mein Verständnis von Dichtung ist schon, daß da ein Stoff verdichtet wurde. Ich sehe einen Unterschied darin, ob jemand den Roman "Effi Briest" wunderbar nacherzählt, oder ob /sie sich über die gesellschaftlichen Verhältnisse der damaligen Zeit im Zusammenhang mit dem Romaninhalt Gedanken macht und sie auch ordentlich auf Papier darstellt. Wie könnte die Geschichte in unserer heutigen Gesellschaft ausgehen?

Sie würde gar nicht losgehen. Mama drängt minderjähriger Tochter Effi den Lover Innstetten auf, den sie nicht genommen hat. Tochter macht mit. Nach der Hochzeitsreise gehts für die Karriere in ein Provinzkaff. Innstetten ist dienstlich sehr eingespannt und ansonsten ein Idiot. Tochter lässt sich auf Youtube von Verschwörungsspinnern anfixen. In der Dorfdisko trifft sie immer wieder die selben junggebliebenen Frühfünfziger, die ihr wenig Vergnügen bereiten. Ein besonders unansehnlicher Vertreter macht ihr linkisch den Hof, landet in der friend zone. Aus Frust schafft sie sich einen Hund an.
Obwohl das Liebesleben einseitig und ohne Freude bleibt, springt ein Kind dabei heraus. Endlich taucht der Womanizer Generalmajor von Krampfader auf. Er ist ein alter Spezl vom Innstetten, verheiratet und natürlich will er auf die Effi drauf. Damit dies gelingt, spannt er sie für das örtliche Laientheater "Innuendo Intendo" ein. Kurz darauf, kein Witz, kann er endlich mit ihr Schlitten fahren und vom Wege abkommen. Das alles ist etwa so subtil wie eine Intrige in einer Vorabendserie. Nach dem Höhepunkt der Effi und der Handlung kommen sie aus dem Wald. Heimliche Liebe, von der niemand nichts weiss. Innstetten sowieso schon mal gar nicht. Jedoch müssen die Emotionen Pause machen, denn ab geht's nach Berlin. Innstetten ist dem Minister so weit hinten reingefahren, dass er fortan unabkömmlich ist. General Krampfader nimmts mit Fassung, er hat ja noch eine zuhause.

Lyrischer Einschub:

Lange war das Buch so fad,
doch Effi will ins Wellnessbad.
Während sie sich nixt im Becken,
musste er ihr Whatsapp checken.
Findet unverhofft geschrieben
Was sie mit dem Freund getrieben
Der, das Dick Pic zeigt es klar,
Für Effi wohl der Größte war.

Zwar wird keine Trän' vergossen
Doch der Freund bald totgeschossen
Kann er die Sünde auch verzeih'n
Der Ehrenmord muss trotzdem sein.
Er schaut sich den Durchschuss an, sagt
"Formen sind kein Lehrer-Wahn"

Zurück zum Plot. Nachdem er nun mit deutscher Gründlichkeit sich selbst unglücklich und den Freund tot gemacht hat, muss er Effi natürlich fortschicken und auch dahingehend ist der Erfolg durchschlagend. Er zahlt ihr eine Single-Appartment mit Putzservice. Wieder zu Mama zu ziehen, der sie gern die Schuld an allem geben würde, ist beiden Parteien zu peinlich. Ihre Follower im Netzwerk sind längst abgesprungen und sie ist in jeder Hinsicht abgemeldet. Nach einem Drogenexzess findet die inzwischen herangewachsene Tochter Annie die zusammengebrochene Mutter auf dem Wohnzimmerteppich. Nachdem sie sich Mutterns restlichen Stoff reinzieht und ein Selfie postet, muss sie erstmal chillen und braucht Abstand. It's a hard knock life. Effi, nun ihres letzten aufrecht gehfähigen Sozialkontaktes beraubt, geht zum Sterben zu ihren Eltern. Dort liegt auch der Hund begraben.

Epilog:

Annie 17, gut ausgestattet nicht nur finanziell, macht mit Freunden in den Ferien eine Konzertreise nach Berlin. Bei einer Afterparty trifft sie die alternde Witwe von Krampfader, spendabel und voll wie eine Haubitze. Sie ist von Annie sehr angetan. Weil die letzte S-Bahn nach Zepernick schon weg ist, schlägt Annie vor, zu ihrem Alten zu gehen. Der wohnt in der City und ist als zynischer, verbitterter Anwärter auf den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur sowieso nie da. Überraschend aber doch. Kaum vom Laptop aufschauend begrüßt er Effi mit Gefolge, die sich kurz darauf auf dem fleckigen alten Sofa an der Wand mit Innstettens signierten Helene-Fischer-Postern dem nicht jugendfreien Teil hingibt. Papa schaut derweil die neueste Umfrage an.

Endlich Ende.


Man kann diesem Stoff aus heutiger Sicht noch viel abgewinnen, aber ich habe mich wie gezeigt dagegen entschieden.

Kontrollfragen:

1) Im lyrischen Einschub verwendet der Autor das Wort Ehrenmord. Was um Himmels Willen kann er sich dabei gedacht haben? Begründe!

2) Welche Funktion hat der Epilog mit Tochter Annie, die sonst kaum eine Rolle spielt?

3) Bonusfrage für Streber: Auf welches Werk der Weltliteratur ist mit "Formen sind kein Lehrer-Wahn" hingewiesen? In welchem Verhältnis stand Fontane zu dessen Autor?
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon H2O » Mi 27. Mai 2020, 18:36

Einer hat's begriffen; endlich! Ganz schön fordernde Geschichten hat der Mann sich überlegt... nääch.
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Tom Bombadil » Di 29. Sep 2020, 13:07

Entwicklungsland Deutschland: https://www.welt.de/politik/deutschland ... ehrer.html

Wie sollen die Kids da fit für das 21. Jahrhundert werden?
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Elmar Brok » Di 29. Sep 2020, 13:39

Tom Bombadil hat geschrieben:(29 Sep 2020, 13:07)

Entwicklungsland Deutschland: https://www.welt.de/politik/deutschland ... ehrer.html

Wie sollen die Kids da fit für das 21. Jahrhundert werden?

Man rüstet jetzt ja stark nach. Viel mehr geht auch nicht. Nen paar Jahre gepennt hat man ohne Frage. Unterricht über Zoom wird aber nie Unterricht in der Schule 1 zu 1 ersetzen können
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Tom Bombadil » Di 29. Sep 2020, 13:54

Der Unterricht selber könnte auch viel digitaler werden. Wenn zB. jeder Schüler ein Ipad hätte, bräuchte man keine gedruckten Schulbücher und Blätter mehr und die Kids könnten direkt mit dem Pencil auf der jeweiligen Seite mitschreiben. Hausaufgaben werden auch auf dem Ding gemacht, man könnte evtl. soweit gehen, dass der Lehrer das sofort auf sein Ipad gebeamt bekommt. Auch Tests, Klassenarbeiten und Projekte könnte man mit dem Gerät machen. Über geteilte Stunden- und Aufgabenpläne kann man auch Änderungen sehr schnell und einfach kommunizieren. Es gibt bestimmt noch zig andere Einsatzmöglichkeiten. Dazu bräuchte es natürlich auch ein leistungsfähiges Netzwerk in der Schule selber und man müsste sich überlegen, wie man Missbrauch von den Dingern entweder zum cheaten oder zum chillen im Unterricht unterbindet. Es bräuchte natürlich auch sowas wie eine monetäre Sicherheit, damit die Kinder pfleglich mit dem Gerät umgehen. Ist wohl zu utopisch gedacht... :(
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Teeernte » Di 29. Sep 2020, 14:11

Elmar Brok hat geschrieben:(29 Sep 2020, 13:39)

Man rüstet jetzt ja stark nach. Viel mehr geht auch nicht. Nen paar Jahre gepennt hat man ohne Frage. Unterricht über Zoom wird aber nie Unterricht in der Schule 1 zu 1 ersetzen können


Ahhhh....

Viel mehr geht nicht.

Lage im OSTEN.

Ostlehrer bekommen immernoch rund ein drittel weniger GELD - weil sie ja NICHTS können.....

Lehrer für Computer wurde von ESP/TZ Einführung in die sozialistische Produktion und technisch zeichnen - ohne Umschulung auf Computer umgesetzt. Computer und HAuswirtschaft ....und WERKEN.

Seit 30 Jahren KEINE Schulung//Weiterbildung für Computer ......und immernoch 1/3 weniger Geld.

Steuer erkennt den Computer nicht als Berufsnotwendig an - sonst hätt ja die Schule den ausgegeben...und man könnt das Ding ja privat nutzen.

WARUM sollen LEHRER "Computer" wollen ?

Erreichbar in der Freizeit ? - für Mails - Vertretung ?

Gibts 1:1 GELD ? ...so wie bei Quereinsteiger oder umgesiedelte WEST-LEHRER ? - DIE sind ja auch noch BEAMTE....

Die SKLAVEN sollen nun springen und das "INTERNET" //Schüler gewinnen ? - weil SIE eine neue Peitsche//Schippe bekommen ? :D :D :D

Warten auf die RENTE ....in 5 bis 10 Jahren - als Dompteur einer 30 er Raubtiegruppe mit INKLUSION....

Sachsen-Anhalts Lehrer sind deutlich häufiger krank als Kollegen in den anderen neuen Bundesländern.

Zwei Drittel aller Ausfalltage resultieren dabei aus Langzeiterkrankungen. Ursache Nummer eins sind psychische Erkrankungen, wie Depressionen oder Burn-Out.

Hintergrund ist laut Barmer auch das Alter der Lehrer im Land. Der Anteil der über 50-Jährigen liegt in der Studie bei mehr als 81 Prozent. Die Ergebnisse lassen aus Sicht der Kasse daneben auf eine hohe Belastung der Pädagogen schließen. „Überall fehlt Personal, Lehrer werden fachfremd eingesetzt und müssen Überstunden machen“,


https://www.volksstimme.de/sachsen-anha ... gzeitkrank
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Elmar Brok » Di 29. Sep 2020, 14:32

Das stimmt natürlich. Der Unterricht selbst kann deutlich digitaler gestaltet werden. Viele Schulen haben nichtmal überall WLan.

Wo ich grundsätzlich Zweifel habe, ist die Ausbildung von Lehrern. Ohne Frage kann man fortbilden, aber hochqualifiziertes IT-Personal an die Schulen zu bekommen, dürfte schwierig werden. Die Nachfrage in der freien Wirtschaft ist viel zu groß. Gelingt das nicht, wird es immer einige Schüler geben, die mehr Ahnung von Computern als die Informatiklehrer haben.
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Tom Bombadil » Di 29. Sep 2020, 14:34

Hochqualifiziertes IT-Personal braucht man mMn. auch nicht unbedingt, das findet sich dann an der Uni, falls der "Schöler" in die Richtung gehen will.
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Teeernte » Di 29. Sep 2020, 15:42

Tom Bombadil hat geschrieben:(29 Sep 2020, 14:34)

Hochqualifiziertes IT-Personal braucht man mMn. auch nicht unbedingt, das findet sich dann an der Uni, falls der "Schöler" in die Richtung gehen will.


Nun....das geht dann bei Mathe, chemie und bio genau so ? kann ja jeder. - genau wie Deutsch.
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Tom Bombadil » Di 29. Sep 2020, 15:48

In diesen Fächern stehen ja auch keine Nobelpreisträger an der Tafel...
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Teeernte » Di 29. Sep 2020, 15:55

Elmar Brok hat geschrieben:(29 Sep 2020, 14:32)

Das stimmt natürlich. Der Unterricht selbst kann deutlich digitaler gestaltet werden. Viele Schulen haben nichtmal überall WLan.

Wo ich grundsätzlich Zweifel habe, ist die Ausbildung von Lehrern. Ohne Frage kann man fortbilden, aber hochqualifiziertes IT-Personal an die Schulen zu bekommen, dürfte schwierig werden. Die Nachfrage in der freien Wirtschaft ist viel zu groß. Gelingt das nicht, wird es immer einige Schüler geben, die mehr Ahnung von Computern als die Informatiklehrer haben.


Die Lehrer, die Computer unterrichten MÜSSEN ( ARBEIT) - müssen vom Arbeitgeber geschult /ausgebildet sein !
- und dann auch als "Westausbildung" bezalht !

(Deshalb bildet der Arbeitgeber in Anhalt nicht aus !!)

Der Arbeitgeber muss hier die Leistung der Lehrer (Fachlehrer) anerkennen ! Das passiert nicht - dann bleibt es - als Spielstunde - am PC ...

IT Personal gibt es !!! Wird extra gekauft - externe Firmen - bauen/warten die Technik/Server/Software. 50-100.000 eu je Schule und Jahr - ......wenn nicht woanders ausgegeben.

Seit über 20 Jahren wird das Fach unterrichtet.
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Teeernte » Di 29. Sep 2020, 15:58

Tom Bombadil hat geschrieben:(29 Sep 2020, 15:48)

In diesen Fächern stehen ja auch keine Nobelpreisträger an der Tafel...


Nun - das ist der Unterschied.....Meine Lehrer waren Super - :D :D :D
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Laertes » Di 29. Sep 2020, 16:59

Tom Bombadil hat geschrieben:(29 Sep 2020, 13:07)
Entwicklungsland Deutschland: https://www.welt.de/politik/deutschland ... ehrer.html
Wie sollen die Kids da fit für das 21. Jahrhundert werden?

Kant, Marx, Goethe, Einstein, Steve Jobs, ... keiner von denen hat ein iPad oder Moodle oder digitale Whiteboards in der Schule gebraucht, um im späteren Leben wertvolle Ideen zu produzieren. Meine Töchter lernen Vokabeln mit einer (vom Lehrer empfohlenen, aber privat angeschafften) App, die natürlich Vorteile hat. Die App beherrscht im Gegensatz zum Schulbuch auch die korrekte Aussprache, könnte theoretisch (KI sei Dank) auch die korrekte Aussprache der Kinder bewerten und trainiert gezielt die fehlerhaft gelernten Vokabeln. Also ja, digital unterstützte Bildung hat viel Potenzial den Stoff besser zu vermitteln als allein Bücher oder Erklärungen der Lehrer. trotzdem denke ich, dass der größte Teil des Lernens noch immer im Lesen, auswendig Lernen, üben, mit den eigenen Händen begreifen und in der zwischenmenschlichen Interaktion mit einem Lehrer oder Lernpartnern vonstatten geht. Z. B. bin ich mir nicht sicher, ob es nicht ein Nachteil der Vokabel-App ist, dass die Kinder die Vokabeln nicht mehr vielmals handschriftlich erfassen, sondern sie eintippen.

Mir wäre wichtiger, wenn in der Schule mehr Wert auf Textverständnis und logisches, faktenbasiertes Argumentieren gelegt würde. Gerne auch unter Zuhilfenahme digitaler Medien, wo sie denn klare Vorteile bieten. Aber bitte keine Digitalisierung der Schule als Selbstzweck.
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Tom Bombadil » Di 29. Sep 2020, 17:02

Laertes hat geschrieben:(29 Sep 2020, 16:59)

Kant, Marx, Goethe, Einstein, Steve Jobs, ...

Toll, man pickt sich die Überbegabten (bis auf Marx :p ) raus und erklärt sie zum Standard. Ob das so sinnvoll ist?
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Elmar Brok » Di 29. Sep 2020, 17:28

Laertes hat geschrieben:(29 Sep 2020, 16:59)
Mir wäre wichtiger, wenn in der Schule mehr Wert auf Textverständnis und logisches, faktenbasiertes Argumentieren gelegt würde. Gerne auch unter Zuhilfenahme digitaler Medien, wo sie denn klare Vorteile bieten. Aber bitte keine Digitalisierung der Schule als Selbstzweck.

Bei dem Teil würde ich dir uneingeschränkt zu stimmen. Digitalisierung des Digitalisierungswillen wegen hilft nicht.
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon H2O » Di 29. Sep 2020, 17:29

Tom Bombadil hat geschrieben:(29 Sep 2020, 17:02)

Toll, man pickt sich die Überbegabten (bis auf Marx :p ) raus und erklärt sie zum Standard. Ob das so sinnvoll ist?


Hat Laertes nicht am Beispiel seiner Kinder sehr schön beschrieben, wo die digitale Lernhilfe wirklich besser ist als ein noch so geduldiger Lehrer? Die Genies brauchten das alles nicht (auch weil es diese Hilfen noch nicht gab). So, wie ich seinen Beitrag verstanden habe, bleibt den Kindern die Tuchfühlung mit der Wirklichkeit nicht erspart, und man kann ihren Lernerfolg daran messen, wie weit sie mit ihren Worten logische Sinnzusammenhänge erklären ("argumentieren") können.

Aus meiner eigenen Erfahrung als Vater mehrerer Kinder ergänze ich: Wenn ein Kind wirklich mit eigenen Worten eine verzwickte Angelegenheit gedanklich auflösen kann, dann ist es reif für die Oberstufe des Gymnasiums... oder für das, was heute an dessen Stelle getreten ist. Ein Genie ist das Kind nur deshalb noch lange nicht. Da käme noch eine schöpferische Komponente dazu... nach oben unbegrenzt!
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon franzmannzini » Di 29. Sep 2020, 19:06

Letztendlich kommt es immer auf den jeweiligen Lehrer an, denn Lehren ist eine Profession,
im Sinne eines Bekenntnisses zum Lehren wollen, und kein Geschäft.

Natürlich gehe ich nicht von mir aus, denn ich war immer in der Lage mir Wissen anzulesen.
Aber mit einem guten Lehrer/Dozent ist es einfacher Wissen zu erlangen, Dinge zu verstehen.

Anekdote 1:
Technikerschule ein Semester Elektronik/Operationsverstärker, Abendschule

Herr Dr. R. war 1,5h damit beschäftigt eine Folie im Overhead weiterzubefördern (2012), so das man es gerade so
schaffte, eine schlechte Kopie der Folie in seinem Hefter anzufertigen.
Den Inhalt dieser Folie konnte man auch vorher aus dem Netzwerk herunterladen.
Zwischenfragen waren nicht gerne gesehen.
Manchmal wurde von Dr. R. auf die nächste Klausur hingewiesen.
Auf die Frage nach Übungsaufgaben antwortete Dr. R.: "Macht Euch selber welche!"
Natürlich wurde versucht den Overhead unbrauchbar zu machen, z.B. durch Entfernen des Leuchtmittels oder Manipulationen der Stromversorgung des
Gerätes, aber Herr Dr. R. war vorbereitet Ersatzleuchtmittel, Ersatzgeräte und Kabeltrommel standen bereit, sogar eine Ersatzfolie war vorrätig.
Beschwerden an die Schulleitung, verpufften ohne Erfolg.

Anekdote 2:
Digitalisierung
In meinem Kurs (2x30 Erwachsene 1.Semester) versuchten 7 Schüler den Unterrricht mit einem Laptop zu bestreiten.
Im 8.Semester waren wir noch 16 Schüler, die mit dem Laptop waren nicht mehr dabei.
Die Online-Verfügbarkeit von kompetenzorientierten Lehrplänen/Unterrichtsmaterialien war hier keine Hilfe.

Ich bin immer noch der Meinung, das man sich das gesagte Wort am besten einprägt, wenn man es selbst handschriftlich aufschreibt.
Digitalisierung kann ein Hilfsmittel sein, aber nicht für jeden.
"Ek is 'n Ranger.
Ons loop in die donker plekke, niemand sal binnekom nie.
Ons staan op die brug, en niemand mag slaag nie.
Ons leef vir die Een, ons sterf vir die Een. "
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Tom Bombadil » Di 29. Sep 2020, 19:16

H2O hat geschrieben:(29 Sep 2020, 17:29)

So, wie ich seinen Beitrag verstanden habe, bleibt den Kindern die Tuchfühlung mit der Wirklichkeit nicht erspart...

Ich wüsste jetzt nicht, wo ich etwas anderes gefordert hätte, die Kinder sollen das Tablet IM Unterricht benutzen, IM Klassenzimmer, MIT einem Lehrer vor Ort.
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Re: Deutsche Schulbildung: Sinn vs. Unsinn

Beitragvon Tom Bombadil » Di 29. Sep 2020, 19:18

franzmannzini hat geschrieben:(29 Sep 2020, 19:06)

Ich bin immer noch der Meinung, das man sich das gesagte Wort am besten einprägt, wenn man es selbst handschriftlich aufschreibt.

Deswegen ja auch mein Hinweis auf den Apple Pencil.
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