Emil Nolde

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schokoschendrezki
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Emil Nolde

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 12. Apr 2019, 15:27

Für einiges Aufsehen erregte kürzlich das amtliche Entfernen zweier Bildes des expressionistischen Malers Emil Nolde aus den Räumen des Kanzleramts ("Brecher" und "Blumengarten").

Ab heute bis 15. September gibts im Berliner Hamburger Bahnhof eine ebenso brisante wie sehenswerte Ausstellung.

"Die Berliner Ausstellung "Emil Nolde – Eine deutsche Legende" zeigt die Nähe des Malers zum Nationalsozialismus. Er stilisierte sich zum verkannten Künstler."

Emil Nolde, die meisten werden es wissen, war einerseits als Expressionist "entarteter Künstler" und von der NSDAP verfehmt, andererseits aber eben doch auch selbst NSDAP-Mitglied und überzeugter Antisemit. Die grundsätzliche Meinung ist zunächst einmal, dass dies den künstlerische Wert seiner wichtigsten Arbeiten überhaupt nicht schmählert. Dass der Dichter Gottfired Benn sich den Nazis anbiederte, der Dichter Johannes R. Becher einmal DDR-Kulturminister war und der Dichter Wladimir Majakowski nach seinem Suizid ungefragt zum sowjetischen Staatsdichter erhoben wurde, war noch nie ein Geheimnis. Dass alle drei zu den absoluten Dichter-Genies der ersten Hälfte des 20. jahrhunderts gehören ebensowenig. Also: Die Ausstellung tut dem künsltlerischen Ruf Noldes keinen Abbruch.

Was ist nun das brisante an der aktuellen Ausstellung und der amtilichen "Kanzleramtsbilderabhängung" Emil Nolde. Hier gehts nicht einfach ums "Bürgertum" sondern ums "Bildungsbügrertum". Nolde ist, das ist jedem bekannt, der eigentliche Held des deutschen Bildungsbürgerromans "Deutschstunde" vom Siegfired Lenz. Und darin gehts eben genau um Schuld um Verstrickung des Bürgertums in den Nationalsozialismus. Und nun ist in diesem Roman der Maler Nansen eben nicht nur einem "Verfolgen des Naziregimes" nachgebildet sondern einem überzeugten Nationalsozialisten und Antisemiten. Wie sich jüngst herausstellte. Nicht einfach einem geduckten Mitläufer sondern einem prominenten Künstler, der an Hitler persönlich einen Brief mit Vorschlägen zur "Judenentsorgung" schrieb. Kurz und prägnant die historischen Hintergründe hier:

https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/deutsche-legende-und-antisemit/
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Re: Emil Nolde

Beitragvon Umetarek » Fr 12. Apr 2019, 18:58

Der Siegfired und der Gottfired, die sind beide ziemlich angepisst, ob ihrer Namensverhunzung!
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Re: Emil Nolde

Beitragvon Dampflok94 » Fr 12. Apr 2019, 21:15

Das ist doch momentan allgemein die Frage, ob man das Werk eines Künstlers eben nur künstlerisch beurteilt oder eben auch die anderen Aktivitäten dazu zieht. Aktuell dazu zwei Namen: Kevin Spacey; Michael Jackson

Ich glaube, daß muß jeder für sich beurteilen.
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imp
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Re: Emil Nolde

Beitragvon imp » So 14. Apr 2019, 18:22

Ich sehe nicht, wie das die Bilder schlechter machen könnte.
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schokoschendrezki
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Re: Emil Nolde

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 15. Apr 2019, 09:52

imp hat geschrieben:(14 Apr 2019, 18:22)

Ich sehe nicht, wie das die Bilder schlechter machen könnte.

Deswegen ja auch gleich im Eingangsbeitrag die Bemerkung
Die Ausstellung tut dem künsltlerischen Ruf Noldes keinen Abbruch.

(Vernünftige) Kommentare aktuell laufen darauf hinaus: Die Bilder Noldes gehören nicht ins Kanzleramt. Man kann Besucher aus Israel, Russland oder Polen nicht vor Bildern eines Malers empfangen, der einen persönlichen "Judenentsorgungsplan" an Hitler geschrieben hat. Umso mehr gehören sie in die Museen und Ausstellungen. Kritisch kommentiert natürlich.

Was hat Nolde zum Judenhasser gemacht? Ganz wesentlich die Ansicht, dass eine geschlossene Allianz aus linken, jüdischen Künstlern, Verlegern, Journalisten, Intellektuellen, ihn, den sich als nordischen Künstler verstehenden nicht zum Zuge kommen ließ. Doch während man die "Deutsche Physik" als Gegenentwurf zu den angeblichen jüdischen Quanten- und Relativitätsphysikern in den Rang einer "NS-Staatsphysik" erhob, blieb diese so angestrebte Rolle eines NS-Staatskünstlers Nolde versagt. Er blieb ein Entarteter. Ein abgewiesener Liebhaber. Der Kunstgeschmack des Ansichtskartenkopierers Hitler war in dieser Hinsicht zu konventionell.


Das besondere bei Nolde ist die Vorlage als Romanheld bei Siegfried Lenz' "Deutschstunde". Ein Schlüsselwerk der Nachkriegsbundesrepublik. Ganze Generationen von Schülern lernten den Romanhelden Nansen alias Nolde als engeblich NS-WIderständigen Künstler kennen. Nolde war bekanntlich Helmut Schmidts Lieblingskünstler. Da muss definitiv ein Stück bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte neu aufgearbeitet werden.
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Re: Emil Nolde

Beitragvon imp » Mo 15. Apr 2019, 11:39

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Apr 2019, 09:52)

Deswegen ja auch gleich im Eingangsbeitrag die Bemerkung

(Vernünftige) Kommentare aktuell laufen darauf hinaus: Die Bilder Noldes gehören nicht ins Kanzleramt. Man kann Besucher aus Israel, Russland oder Polen nicht vor Bildern eines Malers empfangen, der einen persönlichen "Judenentsorgungsplan" an Hitler geschrieben hat. Umso mehr gehören sie in die Museen und Ausstellungen. Kritisch kommentiert natürlich.

Was hat Nolde zum Judenhasser gemacht? Ganz wesentlich die Ansicht, dass eine geschlossene Allianz aus linken, jüdischen Künstlern, Verlegern, Journalisten, Intellektuellen, ihn, den sich als nordischen Künstler verstehenden nicht zum Zuge kommen ließ. Doch während man die "Deutsche Physik" als Gegenentwurf zu den angeblichen jüdischen Quanten- und Relativitätsphysikern in den Rang einer "NS-Staatsphysik" erhob, blieb diese so angestrebte Rolle eines NS-Staatskünstlers Nolde versagt. Er blieb ein Entarteter. Ein abgewiesener Liebhaber. Der Kunstgeschmack des Ansichtskartenkopierers Hitler war in dieser Hinsicht zu konventionell.


Das besondere bei Nolde ist die Vorlage als Romanheld bei Siegfried Lenz' "Deutschstunde". Ein Schlüsselwerk der Nachkriegsbundesrepublik. Ganze Generationen von Schülern lernten den Romanhelden Nansen alias Nolde als engeblich NS-WIderständigen Künstler kennen. Nolde war bekanntlich Helmut Schmidts Lieblingskünstler. Da muss definitiv ein Stück bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte neu aufgearbeitet werden.

Was Schüler im Interpretationsunterricht hersagen lernem, sollte man vom Inhalt her nicht so ernst nehmen. Freilich in aktuellen Kursen sollten die Lehrer nun die neue Sichtweise vorbeten. Was du zum Kanzleramt sagst, stimmt. Muss da überhaupt Kunst hin? Ein paar ausgedruckte Statistiken und eine Ahnengalerie haben auch ihren Reiz auf den Fluren.
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Re: Emil Nolde

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 15. Apr 2019, 14:09

imp hat geschrieben:(15 Apr 2019, 11:39)

Was Schüler im Interpretationsunterricht hersagen lernem, sollte man vom Inhalt her nicht so ernst nehmen. Freilich in aktuellen Kursen sollten die Lehrer nun die neue Sichtweise vorbeten. Was du zum Kanzleramt sagst, stimmt. Muss da überhaupt Kunst hin? Ein paar ausgedruckte Statistiken und eine Ahnengalerie haben auch ihren Reiz auf den Fluren.

Der Bundestag ist jedenfalls demokratieverständnismäßig ein relevanterer Ort als das Kanzleramt. Mit der berühmten Verhüllung ist er ja selbst schon mal zum Kunstobjekt geworden. Die Frage ist aber auch eher nebensächlich.

Viel wesentlicher ist die Frage nach dem Selbstverständnis der Nachkriegsbundesrepublik. Wenn die Selbst- und Fremdinszenierung nicht nur eines moderaten sondern eines extrem üblen Judenhassers und NSDAP-Mitglieds seit 1933 als aufrechter und widerständiger Künstler nicht als extremer Außenseiterfall verstanden wird.

Das Ministerium für Staatssicherheit der DDR verfügte mit dem sogenannten Nazi-Archiv überumfangreiche Mengen an Akten aus NS-Beständen. Und setzte sie opportunistisch mal dazu ein, um Kampagnen gegen braune Eliten in der Bundesrepublik zu starten. Und mal, um ehemalige NS-Verbrecher als IMs zu rekrutieren.

Demgegenüber erfolgte die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in "Deutschstunde" gewissermaßen im Licht der Öffentlichkeit. Es geht dort gerade um die Frage der grenzen der Pflicht als Staatsbürger. Und dass der Maler Nolde alias Nansen sich aus Aufrichtigkeit diesen Pflichten entzog. 1968, 1969 stand der Roman auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Er war Teil der gesellschaftlichen Umbrüche dieser Zeit. Der Fall nun könnte tiefer kaum sein. Man wusste um die NS-Sympathie von Nolde zwar schon seit langem, aber erst ab 2013 war das entsprechende Künstler-Archiv für Forschende voll zugänglich.
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Re: Emil Nolde

Beitragvon Alter Stubentiger » Di 16. Apr 2019, 07:35

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 Apr 2019, 09:52)

Deswegen ja auch gleich im Eingangsbeitrag die Bemerkung

(Vernünftige) Kommentare aktuell laufen darauf hinaus: Die Bilder Noldes gehören nicht ins Kanzleramt. Man kann Besucher aus Israel, Russland oder Polen nicht vor Bildern eines Malers empfangen, der einen persönlichen "Judenentsorgungsplan" an Hitler geschrieben hat. Umso mehr gehören sie in die Museen und Ausstellungen. Kritisch kommentiert natürlich.

Was hat Nolde zum Judenhasser gemacht? Ganz wesentlich die Ansicht, dass eine geschlossene Allianz aus linken, jüdischen Künstlern, Verlegern, Journalisten, Intellektuellen, ihn, den sich als nordischen Künstler verstehenden nicht zum Zuge kommen ließ. Doch während man die "Deutsche Physik" als Gegenentwurf zu den angeblichen jüdischen Quanten- und Relativitätsphysikern in den Rang einer "NS-Staatsphysik" erhob, blieb diese so angestrebte Rolle eines NS-Staatskünstlers Nolde versagt. Er blieb ein Entarteter. Ein abgewiesener Liebhaber. Der Kunstgeschmack des Ansichtskartenkopierers Hitler war in dieser Hinsicht zu konventionell.


Das besondere bei Nolde ist die Vorlage als Romanheld bei Siegfried Lenz' "Deutschstunde". Ein Schlüsselwerk der Nachkriegsbundesrepublik. Ganze Generationen von Schülern lernten den Romanhelden Nansen alias Nolde als engeblich NS-WIderständigen Künstler kennen. Nolde war bekanntlich Helmut Schmidts Lieblingskünstler. Da muss definitiv ein Stück bundesrepublikanischer Nachkriegsgeschichte neu aufgearbeitet werden.


Werk und Künstler sollte man immer auseinanderhalten. Wirklich geniale Künstler haben alle einen Sprung in der Schüssel oder sind menschlich abgründig oder sonstwie seltsam. Das gehört dazu. Gibt wahrscheinlich den inneren Antrieb ein einmaliges Werk zu schaffen.
Wenn man alle Kunst von moralisch angreifbaren Künstler verdammen wollte würden die Scheiterhaufen rund um den Globus aber gewaltig lodern.
Niemand hat vor eine Mauer zu errichten (Walter Ulbricht)
...und die Mauer wird noch in 50 oder 100 Jahren stehen (Erich Honecker)
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Re: Emil Nolde

Beitragvon schokoschendrezki » Di 16. Apr 2019, 07:58

Alter Stubentiger hat geschrieben:(16 Apr 2019, 07:35)

Werk und Künstler sollte man immer auseinanderhalten. Wirklich geniale Künstler haben alle einen Sprung in der Schüssel oder sind menschlich abgründig oder sonstwie seltsam. Das gehört dazu. Gibt wahrscheinlich den inneren Antrieb ein einmaliges Werk zu schaffen.
Wenn man alle Kunst von moralisch angreifbaren Künstler verdammen wollte würden die Scheiterhaufen rund um den Globus aber gewaltig lodern.


Ja. Hier gehts aber gar nicht so sehr um den künstlerischen Rang des Nolde-Werks, der ebensowenig angezweifelt wird wie der etwa von Becher, Majakowski oder Benn sondern um die Rolle des in der NS-Zeit widerständigen Künstlers, als der Nolde sich selbst in der Selbstdarstellung nach 45 darstellte und in der er in dem Nachkriegsliteraturklassiker "Deutschstunde" dargestellt wurde. Der widerständige Künstler Nolde in der "inneren Emigration" war so etwas wie ein Teil des guten Gewissens einer ganzen Nachkriegsgeneration. Helmut Schmidt sei beispielhaft genannt. Und nun war dieser widerständige Künstler nicht etwa nur ein Abgewiesener und vielleicht irgendwo moderater Antisemit sondern ein Hitler-Verehrer, NSDAP-Mitglied und besonders übler Antisemit.

Dass der künstlerische Rang Noldes gar nicht angezweifelt wird, sieht man schon daran, dass parallel zu der Nolde-Ausstellung in Berlin eine Ausstellung unter dem Titel "Die Stille im Lärm der Zeit. MARC, MACKE, NOLDE." im Kunstmuseum Moritzburg in Halle läuft, die hier jedenfalls in Berlin überall auf Plakaten beworben wird.
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