Linker Antisemitismus

Moderator: Moderatoren Forum 3

Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 6581
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 15:00

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon Zunder » Mo 27. Jul 2020, 13:07

Maxxy01 hat geschrieben:(27 Jul 2020, 05:44)

Letzteres ist ja auch wesentlich für den Irrglauben der Nationalsozialisten. Manche meinen ja, dass der NS weniger eine rechte sondern grundsätzlich eine linke Ideologie ist.

In der Gleichsetzung von Zionismus und Nationalsozialismus treffen sich linke Antisemiten mit rechten und islamischen Antisemiten. Wer sich mit dem Thema ein bißchen beschäftigt hat, kennt das zur Genüge.
Benutzeravatar
Vongole
Vorstand
Beiträge: 10273
Registriert: Di 24. Mär 2015, 18:30

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon Vongole » Mo 27. Jul 2020, 15:19

Zionismus mit Nationalsozialismus direkt oder indirekt zu vergleichen ist eine antisemitische Aussage, die hier nicht geduldet wird!
Der nächste Versuch dieser Art zieht eine spürbare Sanktion nach sich.

-Mod.-
PeterK
Beiträge: 9521
Registriert: Di 31. Mai 2016, 11:06

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon PeterK » Mo 27. Jul 2020, 15:44

Vongole hat geschrieben:(27 Jul 2020, 15:19)

Zionismus mit Nationalsozialismus direkt oder indirekt zu vergleichen ist eine antisemitische Aussage, die hier nicht geduldet wird!
Der nächste Versuch dieser Art zieht eine spürbare Sanktion nach sich.

-Mod.-

Naja. Vergleichen kann man alles Mögliche. (Versuchte) Gleichsetzungen sind dagegen häufig problematisch. Wer das Letztere mit Zionismus und Nationalsozialismus versucht, ist IMO tatsächlich antisemitisch unterwegs.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16129
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 27. Jul 2020, 15:44

In der britischen Labour Party vollzieht sich gerade ein Wechsel. Auch in Hinsicht auf das Thema. Keir Starmer, seit April Vorsitzender und Nachfolger von Jeremy Corbyn hat sich in einer Videobotschaft an das "Board of Deputies of British Jews" für antisemitische Tendenzen in seiner Partei entschuldigt. Man kann das als Botschaft guten Willens und als Rückkehr von Labour zur politischen Mitte werten. Wenn aber eine solche (doch eigentlich im Bereich der größeren Parteien nicht ganz gewöhnliche Geste) nötig scheint: Dann muss es in Teilen dieser Partei in Hinsicht auf linken Antisemitismus schon ganz schön schlimm ausgesehen haben. Woher der sich in UK allerdings eigentlich historisch speist ... das ist mir noch ziemlich unklar.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
tabernakel
Beiträge: 752
Registriert: Do 26. Mär 2015, 11:12

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon tabernakel » Sa 8. Aug 2020, 22:13

schokoschendrezki hat geschrieben:(27 Jul 2020, 15:44)

In der britischen Labour Party vollzieht sich gerade ein Wechsel. Auch in Hinsicht auf das Thema. Keir Starmer, seit April Vorsitzender und Nachfolger von Jeremy Corbyn hat sich in einer Videobotschaft an das "Board of Deputies of British Jews" für antisemitische Tendenzen in seiner Partei entschuldigt. Man kann das als Botschaft guten Willens und als Rückkehr von Labour zur politischen Mitte werten. Wenn aber eine solche (doch eigentlich im Bereich der größeren Parteien nicht ganz gewöhnliche Geste) nötig scheint: Dann muss es in Teilen dieser Partei in Hinsicht auf linken Antisemitismus schon ganz schön schlimm ausgesehen haben. Woher der sich in UK allerdings eigentlich historisch speist ... das ist mir noch ziemlich unklar.
Historisch speist es sich wie im übrigen Europa aus dem militanten Teil der 68er-Bewegung. Diese fand in Westeuropa wenig Unterstützung, richtige Verbündete gab es eigentlich nur im kommunistischen Osten (der sich davon eine Destabilisierung des Westens versprach) und bei der PLO im nahen Osten die gar militärische Ausrüstung und Ausbildung lieferte - siehe RAF. Und diese beiden Verbündeten einte eigentlich nur eines: grassierender und grenzenloser Antisemitismus. Bei den Kommunisten weil "die Juden" mit Banken und dem verhassten Kapitalismus gleichgesetzt wurden, und bis heute bei extremeren Linken (euphemistisch leider zu häufig als "progressiv" statt korrekter als "rückwärts-links" bezeichnet) gleichgesetzt werden. Bei der PLO weil es das Parteiprogramm war und ist.

So besehen ist BDS-Papst Roger Waters schlicht auch nur ein extremer ausgefallenes Kind seiner Zeit. Und der "Wandel" von Horst Mahler vom RAF-Gründungsmitglied zum Rechtsextremisten ist am Ende lediglich die Umgewichtung einiger kleiner Details nach Lektüre Hegels: Extreme Linke, extreme Rechte und extreme Muslime waren und sind sich am Ende beim Thema Antisemitismus völlig einig.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16129
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 10. Aug 2020, 11:19

tabernakel hat geschrieben:(08 Aug 2020, 22:13)

Historisch speist es sich wie im übrigen Europa aus dem militanten Teil der 68er-Bewegung. Diese fand in Westeuropa wenig Unterstützung, richtige Verbündete gab es eigentlich nur im kommunistischen Osten (der sich davon eine Destabilisierung des Westens versprach) und bei der PLO im nahen Osten die gar militärische Ausrüstung und Ausbildung lieferte - siehe RAF.


Immer langsam. Diese "68er"-Bewegung, auch ihr extremer Teil war bei den Regierungen des Ostblocks der Teufel in Person. Der Prager Frühling 1968 wurde von diesern Regierungen nicht zuletzt auch als Teil der 68er-Studentenbewegungen wahrgenommen und mit Panzern niedergewalzt.Richtig ist allerdings, dass RAF-Aussteiger mit Hilfe des DDR-Geheimdiensts untertauchten. Das reicht aber in keinster Weise als Erklärung für antisemitische Tendenzen bei Labour aus. Beziehungsweise: Das hat überhaupt gar nix damit zu tun.

Ich habe bei dieser ganzen Labour-Geschichte eher den Eindruck, dass "Antisemitismus" eine der Erzählungen ist, die eine Art politisches Vakuum auffüllten. Auch in meinen persönlichen Kontakten zu Briten in den letzten 20, 30 Jahren hatte ich immer den Eindruck: Es soll um alles mögliche gehen. Nur nicht um das eigentlich gerade aktuelle Problem. Um eine Wiederkehr der Größe des Commonwealth of Nations, des britischen Empires, um das Königshaus, um Fußballergebnisse, um Britpop und Oasis ... nur nicht darum, dass der Hauptabnehmer von Rolls Royce Triebwerken nun hinter einer Zollgrenze liegt oder dass das Gesundheitswesen oder die Fischereiindustrie auf Arbeitskräfte aus Osteuropa angewiesen ist. Bloß nicht! Ich konnte mich Mitte der 90er auch mit gebildeten, freundlichen, mir wohlgesonnen Briten aus Schottland nicht über das eigentliche Problem BSE/Rinderwahn unterhalten. Es ging immer nur darum, ob ich nun britisches Rindfleisch ablehne oder nicht.

In Presseartikeln zum Thema Labour/Antisemitismus geht es immer nur um das Problem gegenseitiger Anschuldigugnen. Die BBC habe in einer Sendung eine start verzerrte Sicht auf die Partei verbreitet. Angriffe, Gegenangriffe. Ich komme einfach nicht auf das eigentliche Problem. Blanken Opportunismus könnte man vermuten. Rücksicht auf muslimisch geprägte potenzielle Labour-Wähler.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
Tom Bombadil
Beiträge: 49058
Registriert: Sa 31. Mai 2008, 16:27
Benutzertitel: Non Soli Cedit

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon Tom Bombadil » Mo 10. Aug 2020, 11:54

Vllt. hilft dir dieses Wiki beim Verständnis: https://en.wikipedia.org/wiki/Antisemit ... bour_Party
The tree of liberty must be refreshed from time to time with the blood of patriots and tyrants. It is its natural manure.
Thomas Jefferson
Diffamierer der Linken.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16129
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 10. Aug 2020, 11:55

tabernakel hat geschrieben:(08 Aug 2020, 22:13)

So besehen ist BDS-Papst Roger Waters schlicht auch nur ein extremer ausgefallenes Kind seiner Zeit.

Das glaube ich allerdings nicht. Es gibt in dem ganzen antisemitischen Erzählungskomplex einen Strang, der im "jüdischen" das angeblich irgendwie verschwiemelte, das "Schlaue", unkörperliche, abstrakte sieht und das Körperliche, Bombastische, Pathetische dagegensetzt. Einer der vielleicht einflussreichsten Antisemiten jüngerer Zeit, Richard Wagner, steht mit seiner Ästhetik vor allem dafür. Und Roger Waters, Pink Floyd stehen voll und ganz hinter dieser Wagner-Bombastik. "Atom Heart Mother" etwa ist eine einzige Wagner-Vergöttlichung. Man versteht es, wenn man eines der entsprechenden Stadion-Konzerte miterlebt hat. Ich selbst und persönlich muss aufpassen, dass ich meine persönliche sehr negative Haltung zu Pathos und Bombast nicht überziehe und unangemessen mit einem irgendwie antijüdischen Element verbinde.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 16129
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 16:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 10. Aug 2020, 12:24

Tom Bombadil hat geschrieben:(10 Aug 2020, 11:54)

Vllt. hilft dir dieses Wike beim Verständnis: https://en.wikipedia.org/wiki/Antisemit ... bour_Party

Der Artikel ist hochinteressant und detailreich. Danke.

Es gab in der Entwicklung der Labour Party offenbar Ende der 60er in Hinsicht auf das Verhältnis zu Israel einen Bruch. Bis dahin hieß es zum Beispiel in der linken, labournahen Zeitung (und dem späteren Magazin) "Tribune" noch "Keep Left for Israel!"

Was einen der maßgeblichen Labour-Politiker wie Christopher Mayhew dazu bewog, mehrere tausend Pfund Belohnung für den auszusetzen, der belegt, dass das angebliche Zitat des ägyptischen Präsidenten Nasser, er wolle "die Juden ins Meer treiben" nur angeblich ist und in Wirklichkeit gar nicht von ihm stammt ... bleibt (mir) dennoch ein Rätsel. Sozialneid oder dergleichen wirds nicht gewesen sein. Mayhew trat später zur Liberalen Partei über, wurde geadelt und saß im Oberhaus.
Ich habe nie in meinem Leben irgendein Volk oder Kollektiv geliebt ... ich liebe in der Tat nur meine Freunde und bin zu aller anderen Liebe völlig unfähig (Hannah Arendt)
Perkeo
Beiträge: 524
Registriert: Mo 6. Jul 2020, 21:10

Re: Linker Antisemitismus

Beitragvon Perkeo » So 16. Aug 2020, 11:40

Maxxy01 hat geschrieben:(24 Jul 2020, 10:51)

War es so? Zionismus ist doch jüdischer Nationalismus und Nationalismus ist per se rechts.
Wenn ein Linker (Antinationalist) den Zionismus ablehnt, muss das Motiv nicht zwangsläufig Judenhass sein.

"Linker Antisemitismus" ist an sich ein Widerspruch, denn Linke verachten keine Menschen aufgrund von Hautfarbe, Relgion, Herkunft, Ethnie, Nationalität.

Dann wären Marx, Lenin und alle die ihren Lehren folgen nicht links, denn die alle verachteten ja zumindest die Religion.
Aber auch jenseits der reinen Terminologie:
- Wer vorgibt, ein heres Ziel zu verfolgen, muss es nicht zwangsläufig ehrlich meinen. Heuchler gibt es überall.
- Selbst wenn die Absichten ehrlich sind, so heißt es nicht dass die Schlussfolgerungen richtig und die Lösungsansätze zielführend sind- gerade in so vertrackten Situationen wie dem Nahostkonflikt.
- In beiden Punkten gilt: Vertrauen muss verdient werden. Ein narzisstisches:“Wir identifiziere uns als gut also müsst ihr das anerkennen“ reicht nicht.

Ich persönlich halte es wie die Moderation:
- Israelkritiker hegen keine Feindschaft gegenüber Juden, die gar nicht in Israel leben und haben auch kein Verständnis für die entsprechende Feindschaft Dritter.
- Israelkritiker postulieren keine zionistische Weltregierung, die angeblich die Strippen zieht.
- Israelkritiker sind nicht völlig blind und taub gegenüber Kriegsverbrechen, welche nicht von Israel begangen wurden.
Diese drei Merkmale gibt es nur bei Judenhassern - nicht nur bei rechten.

Zurück zu „35. Israel & Palästina“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast