Ist die Türkei noch eine Demokratie?

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Cat with a whip
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Cat with a whip » Mi 26. Okt 2016, 23:20

"Die Erde ist ein Irrenhaus. Dabei könnte das bis heute erreichte Wissen der Menschheit aus ihr ein Paradies machen." Joseph Weizenbaum
Vardarovic

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Vardarovic » Mi 26. Okt 2016, 23:43

Diktator Erdogan sollte wissen, was nach fest kommt: ab.
Er führt zurzeit einen Vierfrontenkrieg:

a) Krieg innerhalb der Türkei gegen die zivile Bevölkerung ohne Kurden
b) Krieg innerhalb der Türkei gegen Kurden (als Fortsetzung, dauert seit 1923 an)
c) Krieg gegen Gülen & Co.
d) Krieg ausserhalb der Türkei, dabei träumend, dass er auf einem fliegenden Pferd das Osmanat neu errichten werde.

Den Dauerkrieg gegen die EU und alle Künstler dieser Welt gar nicht berücksichtigt.
Grund genug, dass es innerhalb der Türkei zu einer Implosion kommen könnte.

...
Türkei enteignet Tausende Firmen und Institutionen
http://www.tagesspiegel.de/politik/nach ... 37568.html

Erdogans Bilanz: 81.000 suspendiert, 35.000 festgenommen
http://www.tagesspiegel.de/politik/nach ... 11072.html

Abwarten, einen Pernod geniessen, es kommt noch was aus der Richtung.
Vardarovic

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Vardarovic » Do 27. Okt 2016, 23:40

Das NATO-Land Türkei will Teil der EU werden.
Hier die Empfehlungstaten der jüngsten Zeit:

In der Türkei sind inzwischen mehr Journalisten inhaftiert als in China,
berichtet Reporter ohne Grenzen.
Seit dem gescheiterten Putschversuch Mitte Juli seien mindestens 99 Journalisten und Schriftsteller verhaftet worden
Zudem seien von den Behörden mehr als 100 Medien geschlossen worden.
Dadurch hätten 2.300 Journalisten ihre Arbeit verloren.
In der Türkei seien mehr als 130 Journalisten im Gefängnis,
sagte Dündar.
"Was gerade in der Türkei passiert, ist eine beispiellose Säuberungsaktion gegen die Medien und Journalisten",
sagte eine Sprecherin.

Quelle:
http://www.zeit.de/politik/ausland/2016 ... resolution

Die Zukunft der Türkei sieht gut aus:
Nach dem Putsch stehen alle Zeichen auf türkisch-islamische Synthese.
Der autoritären Gleichschaltung Erdogans beugt sich selbst das Parlament und wird demnächst seiner Entmachtung zustimmen.

Quelle:
https://www.welt.de/debatte/kommentare/ ... Gosse.html
Atheist

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Atheist » Fr 28. Okt 2016, 16:25

Die türkischen Anti-Terror-Bemühungen haben zu einer Auslastung der vorhandenen Gefängnisse von bis zu 200 und mehr % geführt (zusätzlicher Platz wurde durch die vorzeitige Entlassung anderer Straftäter geschaffen). Nun soll sich in den nächsten 5 Jahren alles bessern: http://orf.at/m/stories/2358243/ Dann könnten noch mehr Gefährder von der Gesellschaft abgesondert werden, um den türkischen Staat zu schützen.

Das zeigt, dass yes, Erdogan can build Guantanamo - damit könnte auch die Türkei endlich zum voll akzeptierten NATO-Mitglied und nicht nur einen lästigen, aber strategisch wichtigen Partner aufsteigen.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Nathan » Fr 28. Okt 2016, 16:50

Atheist hat geschrieben:(28 Oct 2016, 16:25)

Die türkischen Anti-Terror-Bemühungen haben zu einer Auslastung der vorhandenen Gefängnisse von bis zu 200 und mehr % geführt (zusätzlicher Platz wurde durch die vorzeitige Entlassung anderer Straftäter geschaffen). Nun soll sich in den nächsten 5 Jahren alles bessern: http://orf.at/m/stories/2358243/ Dann könnten noch mehr Gefährder von der Gesellschaft abgesondert werden, um den türkischen Staat zu schützen.

Das zeigt, dass yes, Erdogan can build Guantanamo - damit könnte auch die Türkei endlich zum voll akzeptierten NATO-Mitglied und nicht nur einen lästigen, aber strategisch wichtigen Partner aufsteigen.


Mit sehr wenigen Worten sehr viel gesagt, das zeichnet deine Beiträge ja schon immer aus. Respekt. Tatsächlich muss ich, der ich zu den berühmt-berüchtigten Verteidigern der Türkei gehöre, zugeben, dass aktuell von einer türkischen Demokratie nicht mehr gesprochen werden kann. Die komplette Opposition im Gefängnis bedeutet Diktatur, ohne wenn und aber.
Dennoch interessant ist natürlich der ironische Hinweis auf die Heuchelei der Turkophoben, die laut schreiend mit dem Finger auf türkische Verhältnisse zeigen, beim Blick auf amerikanische Verhältnisse jedoch den Stetson über die Augen rutschen lassen.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Fr 28. Okt 2016, 17:34

Nathan hat geschrieben:(28 Oct 2016, 16:50)

Mit sehr wenigen Worten sehr viel gesagt, das zeichnet deine Beiträge ja schon immer aus. Respekt. Tatsächlich muss ich, der ich zu den berühmt-berüchtigten Verteidigern der Türkei gehöre, zugeben, dass aktuell von einer türkischen Demokratie nicht mehr gesprochen werden kann. Die komplette Opposition im Gefängnis bedeutet Diktatur, ohne wenn und aber.
Dennoch interessant ist natürlich der ironische Hinweis auf die Heuchelei der Turkophoben, die laut schreiend mit dem Finger auf türkische Verhältnisse zeigen, beim Blick auf amerikanische Verhältnisse jedoch den Stetson über die Augen rutschen lassen.


Die Frage ist, wann war die Türkei jemals eine Demokratie? Noch nie. Was genau hat sich denn jetzt verändert im Gegensatz zu vorher?
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Sozialdemokrat » Fr 28. Okt 2016, 18:03

Wasteland hat geschrieben:(28 Oct 2016, 17:34)

Die Frage ist, wann war die Türkei jemals eine Demokratie? Noch nie. Was genau hat sich denn jetzt verändert im Gegensatz zu vorher?

Ausnahmezustand?
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Fr 28. Okt 2016, 18:06

Sozialdemokrat hat geschrieben:(28 Oct 2016, 18:03)

Ausnahmezustand?


Gabs alles auch schon vorher. Die Türkei war vorher genauso undemokratisch. Im Endeffekt hat da eine Militärjunta geherrscht. Erdogan führt dieses Prinzip einfach weiter, nur das er die Macht auf sich übertragen hat.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Nathan » Fr 28. Okt 2016, 18:13

Wasteland hat geschrieben:(28 Oct 2016, 17:34)

Die Frage ist, wann war die Türkei jemals eine Demokratie? Noch nie. Was genau hat sich denn jetzt verändert im Gegensatz zu vorher?

Das ist nicht richtig. Erdogan hatte in seinen "Gründerjahren" eine ganz starke Phase und die Türkei aus dem Erbe des großen Ata in Richtung einer modernen Gesellschaft geführt. Das war eine sehr schwierige Aufgabe. Man darf nicht vergessen, dass die Türken vor nicht allzulanger Zeit ein kontinentumspannendes Reich besaßen mit starken militärischen Führern. Als sie an der Seite Deutschlands und mit Deutschland im 1. Weltkrieg untergingen mussten sie sich mühsam an ihre neue Position in der Welt gewöhnen, die nicht mehr sehr schmeichelhaft war. Früher konnten die Türken vor Selbstbewusstsein kaum noch gehen und nacher nicht mehr vor lauter Gram. Die moderne türkische Jugend war gerade im Begriff, diesen Makel überzukompensieren. Erdogan hatte aus der alten "splendid isolation" der Reste des niedergegangenen osmanischen Reichs sehr erfolgreiche kapitalistische Strukturen aufgebaut und dazu der türkischen Gesellschaft ungeahnte Freiheiten verschafft. Zudem hatte er faktisch eine vollständigere Trennung von Kirche und Staat erwirkt als wir das in Deutschland haben. Bis vor ca. 1-2 Jahren war die Türkei im Begriff, den Sprung nach ganz oben zu schaffen, nach oben in die Haute-Volée der kapitalistischen Nationen. Das ist vorbei. Die Freiheiten sind weg, der Laizismus ist faktisch weg, nur der Kapitalismus ist noch da und auch die NATO-Partnerschaft. Wer weiß, wie lange...
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Nathan » Fr 28. Okt 2016, 18:18

Wasteland hat geschrieben:(28 Oct 2016, 18:06)

Gabs alles auch schon vorher. Die Türkei war vorher genauso undemokratisch. Im Endeffekt hat da eine Militärjunta geherrscht. Erdogan führt dieses Prinzip einfach weiter, nur das er die Macht auf sich übertragen hat.

Nein, das ist wirklich falsch. Die Militärs hatte er im Gegenteil entmachtet. Militärputsche haben in der Türkei eine lange Testosteron-Historie. Die Türken freuen sich seit jeher über starke Führer und da gibt es immer wieder Aspiranten, die Kalif werden wollen anstelle des Kalifen, um es mal mit Isnogud zu sagen. Das musste Erdogan erstmal in den Griff bekommen. Gerade unter Erdogan war und ist die Türkei eben keine Militärdiktatur, sondern ist heute zu einer reinen Führer-Diktatur geworden. Die Macht ist personalisiert und an der Person Erdogan festgemacht. Wenn Erdogan stirbt wird die Türkei für viele Jahre in einem Chaos versinken, das zeichnet sich schon heute ab.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Sozialdemokrat » Fr 28. Okt 2016, 18:23

Wasteland hat geschrieben:(28 Oct 2016, 18:06)

Gabs alles auch schon vorher. Die Türkei war vorher genauso undemokratisch. Im Endeffekt hat da eine Militärjunta geherrscht. Erdogan führt dieses Prinzip einfach weiter, nur das er die Macht auf sich übertragen hat.

Man sollte aber nicht unterschlagen, dass es unter der Führung von Erdogan auch eine lange Phase der Stabilität, des wirtschaftlichen Wohlstandes und eine gewisse Trennung von Judikative/Exekutive/Legislative gab. Erdogan hat deshalb immer noch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Ja, sogar in Deutschland verehren die meisten Türken ihren Erdogan. Irre, nicht wahr?
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Ammianus » Fr 28. Okt 2016, 18:59

Nathan hat geschrieben:(28 Oct 2016, 18:13)

...

Man darf nicht vergessen, dass die Türken vor nicht allzulanger Zeit ein kontinentumspannendes Reich besaßen mit starken militärischen Führern. Als sie an der Seite Deutschlands und mit Deutschland im 1. Weltkrieg untergingen mussten sie sich mühsam an ihre neue Position in der Welt gewöhnen, die nicht mehr sehr schmeichelhaft war. Früher konnten die Türken vor Selbstbewusstsein kaum noch gehen und nacher nicht mehr vor lauter Gram.

...



Der Niedergang des türkischen Imperiums setzte viel früher ein. Spätestens nach dem 2. Debakel vor Wien war es vorbei. Nach und nach drängten europäisch-christliche Mächte die Sultane auf dem Balkan zurück. Das Desaster wäre noch viel größer gewesen, hätten diese Mächte nicht untereinander ihre Rivalitäten ausgekämpft. So verbündete sich z.B. Britannien im Krimkrieg mit der Türkei gegen Russland. Ohne dies wäre Konstantinopel heute vielleicht Hauptstadt eines griechischen Staates. Trotzdem, die Griechen befreiten sich, die Bulgaren verdanken ihre Freiheit den Russen, weswegen sie sich, obwohl verbündet, nicht an Hitlers Überfall auf die Sowjetunion beteiligten.
Napoleon trug seinen Kampf gegen die Briten ganz locker auf nominell von den Sultanen beherrschten Gebiet in Ägypten aus. Ägypten war theoretisch eine osmanische Provinz, die dortigen Statthalter machten aber was sie wollten und vom Topkapi aus konnte man dabei nur zusehen.
Auch im Innern war es verheerend. Der Islam lastete wie Mehltau auf der Gesellschaft und konservierte Denk- und Verhaltensweisen, die Europa abstreifte. Hier begann Wissenschaft und Kultur immer mehr aufzublühen. Hatte im späten Mittelalter bzw. der frühen Neuzeit die Türkei teilweisen einen technischen Vorsprung in der Herstellung und vor allem im Einsatz von Feuerwaffen – dies machte die Eroberung Konstantinopels erst möglich – so war es bald damit vorbei. In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts holte sich der Sultan westliche Berater um sein völlig veraltetes Militärwesen zu modernisieren.
Und auch nach dem 1. Weltkrieg rettete der Westen im Prinzip den Türken den Arsch.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Fr 28. Okt 2016, 19:08

Nathan hat geschrieben:(28 Oct 2016, 18:13)

Das ist nicht richtig. Erdogan hatte in seinen "Gründerjahren" eine ganz starke Phase und die Türkei aus dem Erbe des großen Ata in Richtung einer modernen Gesellschaft geführt. Das war eine sehr schwierige Aufgabe. Man darf nicht vergessen, dass die Türken vor nicht allzulanger Zeit ein kontinentumspannendes Reich besaßen mit starken militärischen Führern. Als sie an der Seite Deutschlands und mit Deutschland im 1. Weltkrieg untergingen mussten sie sich mühsam an ihre neue Position in der Welt gewöhnen, die nicht mehr sehr schmeichelhaft war. Früher konnten die Türken vor Selbstbewusstsein kaum noch gehen und nacher nicht mehr vor lauter Gram. Die moderne türkische Jugend war gerade im Begriff, diesen Makel überzukompensieren. Erdogan hatte aus der alten "splendid isolation" der Reste des niedergegangenen osmanischen Reichs sehr erfolgreiche kapitalistische Strukturen aufgebaut und dazu der türkischen Gesellschaft ungeahnte Freiheiten verschafft. Zudem hatte er faktisch eine vollständigere Trennung von Kirche und Staat erwirkt als wir das in Deutschland haben. Bis vor ca. 1-2 Jahren war die Türkei im Begriff, den Sprung nach ganz oben zu schaffen, nach oben in die Haute-Volée der kapitalistischen Nationen. Das ist vorbei. Die Freiheiten sind weg, der Laizismus ist faktisch weg, nur der Kapitalismus ist noch da und auch die NATO-Partnerschaft. Wer weiß, wie lange...


Nichtsdestotrotz war die Türkei auch vorher keine Demokratie. Zu Zeiten des Keamlismus war sie de facto eine Militärjunta. Zu sagen, dass die Türkei heute keine Demokratie ist (was sie auch nicht ist), früher aber eine war, ist schlichtweg falsch. Es hat sich einfach nicht viel verändert, nur das sich die Machtverhältnisse unter den Eliten verschoben haben. Daher sollte man bei solcher Kritik an der Türkei immer historisches Maß halten, auch wenn man Erdogan noch so wenig mag. Die kemalistischen Eliten waren kein Stück weniger korrupt oder autoritär, nur waren sie obendrein leider noch unfähig. Daher rührt Erdogans Erfolg.

Nathan hat geschrieben:(28 Oct 2016, 18:18)

Nein, das ist wirklich falsch. Die Militärs hatte er im Gegenteil entmachtet. Militärputsche haben in der Türkei eine lange Testosteron-Historie. Die Türken freuen sich seit jeher über starke Führer und da gibt es immer wieder Aspiranten, die Kalif werden wollen anstelle des Kalifen, um es mal mit Isnogud zu sagen. Das musste Erdogan erstmal in den Griff bekommen. Gerade unter Erdogan war und ist die Türkei eben keine Militärdiktatur, sondern ist heute zu einer reinen Führer-Diktatur geworden. Die Macht ist personalisiert und an der Person Erdogan festgemacht. Wenn Erdogan stirbt wird die Türkei für viele Jahre in einem Chaos versinken, das zeichnet sich schon heute ab.


Ich rede von der Zeit 1923 bis heute. Die frühe Erdogan-Zeit war nur eine Übergangsperiode zur neuen islamischen Türkei, die genauso straff und autoritär sein soll wie die vom Militär regierte, nur eben durch islamische Eliten.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Fr 28. Okt 2016, 19:18

Sozialdemokrat hat geschrieben:(28 Oct 2016, 18:23)

Man sollte aber nicht unterschlagen, dass es unter der Führung von Erdogan auch eine lange Phase der Stabilität, des wirtschaftlichen Wohlstandes und eine gewisse Trennung von Judikative/Exekutive/Legislative gab. Erdogan hat deshalb immer noch die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich. Ja, sogar in Deutschland verehren die meisten Türken ihren Erdogan. Irre, nicht wahr?


Kommt drauf an. Man muss es halt auch mal aus türkischer Perspektive sehen. Erdogan hat die Türkei ohne jeden Zweifel vorangebracht, auf so ziemlich allen Ebenen. Sie ist besser organisiert, die Wirtschaft boomt, mit vielerlei Korruption wurde aufgeräumt (außer mit der eigenen), es wurden Strassen gebaut, Bäume gepflanzt (1 Millionen, in Istanbul), Stromleitungen verlegt, Stromausfälle abgestellt, Wasserleitungen verlegt, Internetleitungen verlegt, den Verkehr gezähmt, Umweltschmutzungen und Smog stark reduziert.. Die Türkei hatte Ende der 90er Jahre eine Preissteigerungsrate von 70%, galoppierende Inflation, hunderttausende Insolvenzverfahren alleine in Istanbul.
Dieser Trend hat sich umgekehrt, es sind viele Jobs entstanden, die Menschen haben zum ersten mal im Leben eine Krankenversicherung etc.
Als Erdogan Bürgermeister von Istanbul wurde, bekam er etwa 25% der Stimmen, viele waren skeptisch, gerade im westlich orientierten Istanbul. Später fuhr er locker 40-50% ein und sogar viele Kritiker und ehemalige Kemalisten wählten ihn und seine Partei. Wegen der Ergebnisse. Ich kenne Atheisten die ihn wählen.
Das hat schon seine Gründe, aus türkischer Sicht. Aus unserer Sicht kann man das nicht verstehen, wenn man sich nicht die Details anschaut.
Viele Türken hatten sehr starke nationale Minderwertigkeitskomplexe und da kommt jetzt so einer daher. Das ist für die natürlich wie Ostern und Weihnachten zusammen.
Zuletzt geändert von Wasteland am Fr 28. Okt 2016, 19:21, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Nathan » Fr 28. Okt 2016, 19:20

Wasteland hat geschrieben:(28 Oct 2016, 19:08)

Nichtsdestotrotz war die Türkei auch vorher keine Demokratie. Zu Zeiten des Keamlismus war sie de facto eine Militärjunta. Zu sagen, dass die Türkei heute keine Demokratie ist (was sie auch nicht ist), früher aber eine war, ist schlichtweg falsch. Es hat sich einfach nicht viel verändert, nur das sich die Machtverhältnisse unter den Eliten verschoben haben. Daher sollte man bei solcher Kritik an der Türkei immer historisches Maß halten, auch wenn man Erdogan noch so wenig mag. Die kemalistischen Eliten waren kein Stück weniger korrupt oder autoritär, nur waren sie obendrein leider noch unfähig. Daher rührt Erdogans Erfolg.



Ich rede von der Zeit 1923 bis heute. Die frühe Erdogan-Zeit war nur eine Übergangsperiode zur neuen islamischen Türkei, die genauso straff und autoritär sein soll wie die vom Militär regierte, nur eben durch islamische Eliten.

Möglich. Du erwartest also so etwas ähnliches wie einen Taliban-Staat oder einen anderen "Gottestaat"? Ein solcher Staat würde keinen Bestand haben. Die wirtschaftliche Verzahnung der Türkei mit dem Westen (und nicht nur mit dem Westen) ist äußerst komplex, die wirtschaftlichen Interessen ausländischer Nationen in der Türkei sehr hoch. Die militärische Bedeutung der Türkei für die NATO, besonders für die Amerikaner ist ebenfalls sehr hoch. Man wird den Imamen Bomben aufs Haupt werfen, so wie man das immer tut als ultima ratio, wenn jemand aufsässig wird und diese Bomben werden dann wie immer alle Menschen in der Türkei treffen und diesen aufstrebenden Staat zurück ins Mittelalter treiben. Ich hoffe, es wird nicht dazu kommen, das hoffe ich wirklich sehr.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Nathan » Fr 28. Okt 2016, 19:21

Wasteland hat geschrieben:(28 Oct 2016, 19:18)

Kommt drauf an. Man muss es halt auch mal aus türkischer Perspektive sehen. Erdogan hat die Türkei ohne jeden Zweifel vorangebracht, auf so ziemlich allen Ebenen. Sie ist besser organisiert, die Wirtschaft boomt, mit vielerlei Korruption wurde aufgeräumt (außer mit der eigenen), es wurden Strassen gebaut, Bäume gepflanzt (1 Millionen, in Istanbul), Stromleitungen verlegt, Stromausfälle abgestellt, Wasserleitungen verlegt, Internetleitungen verlegt, den Verkehr gezähmt, Umweltschmutzungen und Smog stark reduziert.. Die Türkei hatte Ende der 90er Jahre eine Preissteigerungsrate von 70%, galoppierende Inflation, hunderttausende Insolvenzverfahren alleine in Istanbul.
Dieser Trend hat sich umgekehrt, es sind viele Jobs entstanden, die Menschen haben zum ersten mal im Leben eine Krankenversicherung etc.
Als Erdogan Bürgermeister von Istanbul wurde, bekam er etwa 25% der Stimmen, viele waren skeptisch, gerade im westlich orientierten Istanbul. Später fuhr er locker 40-50% ein und sogar viele Kritiker und ehemalige Kemalisten wählten ihn und seine Partei. Wegen der Ergebnisse. Ich kenne Atheisten die ihn wählen.
Das hat schon seine Gründe, aus türkischer Sicht. Aus unserer Sicht kann man das nicht verstehen, wenn man sich nicht die Details anschaut.

Ja, eben, das meine ich auch.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Nathan » Fr 28. Okt 2016, 19:24

Wasteland hat geschrieben:(28 Oct 2016, 19:08)

Nichtsdestotrotz war die Türkei auch vorher keine Demokratie. Zu Zeiten des Keamlismus war sie de facto eine Militärjunta. Zu sagen, dass die Türkei heute keine Demokratie ist (was sie auch nicht ist), früher aber eine war,...

Mit "früher eine war" meine ich sehr kurzfristig die letzten Jahre bis 2015. Nicht 1923 etc. Vielleicht haben wir mit demBegriff "früher" andere Vorstellungen verbunden.
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Sozialdemokrat » Fr 28. Okt 2016, 19:28

Wasteland hat geschrieben:(28 Oct 2016, 19:18)

Kommt drauf an. Man muss es halt auch mal aus türkischer Perspektive sehen. Erdogan hat die Türkei ohne jeden Zweifel vorangebracht, auf so ziemlich allen Ebenen. Sie ist besser organisiert, die Wirtschaft boomt, mit vielerlei Korruption wurde aufgeräumt (außer mit der eigenen), es wurden Strassen gebaut, Bäume gepflanzt (1 Millionen, in Istanbul), Stromleitungen verlegt, Stromausfälle abgestellt, Wasserleitungen verlegt, Internetleitungen verlegt, den Verkehr gezähmt, Umweltschmutzungen und Smog stark reduziert.. Die Türkei hatte Ende der 90er Jahre eine Preissteigerungsrate von 70%, galoppierende Inflation, hunderttausende Insolvenzverfahren alleine in Istanbul.
Dieser Trend hat sich umgekehrt, es sind viele Jobs entstanden, die Menschen haben zum ersten mal im Leben eine Krankenversicherung etc.
Als Erdogan Bürgermeister von Istanbul wurde, bekam er etwa 25% der Stimmen, viele waren skeptisch, gerade im westlich orientierten Istanbul. Später fuhr er locker 40-50% ein und sogar viele Kritiker und ehemalige Kemalisten wählten ihn und seine Partei. Wegen der Ergebnisse. Ich kenne Atheisten die ihn wählen.
Das hat schon seine Gründe, aus türkischer Sicht. Aus unserer Sicht kann man das nicht verstehen, wenn man sich nicht die Details anschaut.
Viele Türken hatten sehr starke nationale Minderwertigkeitskomplexe und da kommt jetzt so einer daher. Das ist für die natürlich wie Ostern und Weihnachten zusammen.

Warum hat Erdogan diese erfolgreiche Linie aufgegeben? Ist er verrückt geworden und die Mehrheit der Türken erkennt das nicht?
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Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Fr 28. Okt 2016, 19:28

Nathan hat geschrieben:(28 Oct 2016, 19:20)

Möglich. Du erwartest also so etwas ähnliches wie einen Taliban-Staat oder einen anderen "Gottestaat"? Ein solcher Staat würde keinen Bestand haben. Die wirtschaftliche Verzahnung der Türkei mit dem Westen (und nicht nur mit dem Westen) ist äußerst komplex, die wirtschaftlichen Interessen ausländischer Nationen in der Türkei sehr hoch. Die militärische Bedeutung der Türkei für die NATO, besonders für die Amerikaner ist ebenfalls sehr hoch. Man wird den Imamen Bomben aufs Haupt werfen, so wie man das immer tut als ultima ratio, wenn jemand aufsässig wird und diese Bomben werden dann wie immer alle Menschen in der Türkei treffen und diesen aufstrebenden Staat zurück ins Mittelalter treiben. Ich hoffe, es wird nicht dazu kommen, das hoffe ich wirklich sehr.


Nein, das erwarte ich nicht, entweder wir reden aneinander vorbei oder du interpretierst da etwas zuviel rein. Einen türkischen Gottesstaat wird es aus vielen verschiedenen Gründen nie geben.
Ist in der Türkei nicht machbar, das gäbe einen vernichtenden Bürgerkrieg.
Ich hängte mich nur daran auf, das immer gefragt wird ob die Türkei "noch" eine Türkei sei. Atatürk war auch kein Demokrat und alle seine Nachfolger auch nicht. Das meine ich. Es soll ja impliziert werden das Erdogan in der Türkei die Demokratie abgeschafft habe. Das ist aber Quatsch er macht so weiter wie vorher, nur unter anderen Vorzeichen. Auch das Militär hat massenhaft Journalisten eingesperrt.
Es ist schon eine leicht verzerrte Sichtweise zu sagen, jetzt wäre alles anders und viel schlimmer. Es ist eben die subjektive, europäisch-deutsche Sichtweise auf einen zutiefst verhassten islamisch-orientierten Herrscher, bei völliger Ausblendung der Sichtweise der anderen Seite.
Die davor waren aber eben keinesfalls liberaler, demokratischer o.ä.

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