Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Moderator: Moderatoren Forum 3

Wasteland
Beiträge: 15939
Registriert: So 1. Jun 2008, 23:32
Benutzertitel: Nil admirari

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Fr 20. Mai 2016, 23:42

DieBananeGrillt hat geschrieben:(20 May 2016, 23:39)

Leider gibt es wenig Produkte aus Nordkorea im Angebot die man boykottieren könnte.
Welche Länder könnte es noch geben ?


Russland, Polen, Ungarn, Indien, Japan.

Abe, Modi und Putin sind Erdogan-Kopien. Obwohl, eher umgekehrt.

Hartgesottener Hindu-Nationalist
Narendra Modi – Indiens Erlöser?

http://www.nzz.ch/narendra-modi--indien ... 1.18296503
DieBananeGrillt
Beiträge: 481
Registriert: Di 1. Okt 2013, 20:29

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon DieBananeGrillt » Fr 20. Mai 2016, 23:47

Hm..., Gasboykott ist schwierig, auf ungarische Salami kann man verzichten, polnische Krakauer können durch Wiener Würstchen ersetzt werden aber Indien und Japan ?
Wasteland
Beiträge: 15939
Registriert: So 1. Jun 2008, 23:32
Benutzertitel: Nil admirari

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Fr 20. Mai 2016, 23:53

DieBananeGrillt hat geschrieben:(20 May 2016, 23:47)

Hm..., Gasboykott ist schwierig, auf ungarische Salami kann man verzichten, polnische Krakauer können durch Wiener Würstchen ersetzt werden aber Indien und Japan ?


Ich meine ja nur. Wenn du deine Haltung zur Türkei konsequent durchziehst, dann wird es ziemlich schwierig. Es gibt im Moment scheinbar so einen weltweiten Trend zu autoritären Dampfschwätzern.
Und ich sehe jetzt nicht warum ein Islamist schlimmer sein sollte als ein Hindu-Nationalist (dasselbe, nur die Hindu-Variante) oder ein russischer oder japanischer Nationalist, die allesamt an ihren Verfassungen herumschustern, gegen Minderheiten hetzen oder militärisch Säbel rasseln.
DieBananeGrillt
Beiträge: 481
Registriert: Di 1. Okt 2013, 20:29

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon DieBananeGrillt » Sa 21. Mai 2016, 00:04

Aber es ist nicht der gemeine Bürger, sondern jemand der als einzige Person eine derartige Machtposition versprüht, die alles Andere lahmlegt.
So wie das aussieht fehlt so etwas in Deutschland und somit ergibt sich eine Hassliebe auf Personen wie Erdogan.
Wasteland
Beiträge: 15939
Registriert: So 1. Jun 2008, 23:32
Benutzertitel: Nil admirari

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Sa 21. Mai 2016, 00:10

DieBananeGrillt hat geschrieben:(21 May 2016, 00:04)

Aber es ist nicht der gemeine Bürger, sondern jemand der als einzige Person eine derartige Machtposition versprüht, die alles Andere lahmlegt.
So wie das aussieht fehlt so etwas in Deutschland und somit ergibt sich eine Hassliebe auf Personen wie Erdogan.


Wie kommst du auf Hassliebe?
Sozialdemokrat

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Sozialdemokrat » Sa 21. Mai 2016, 11:17

Eigentlich ist es völlig irrelevant ob die Türkei noch eine Demokratie ist oder nicht. Dort gerade etwas ähnliches vor sich wie in den 90ern zwischen Kroaten und Serben. 20 Millionen Kurden werden nicht mit sich das machen lassen, was die nationalistischen Türken mit den Armeniern gemacht haben.
Benutzeravatar
Jekyll
Beiträge: 10537
Registriert: Di 31. Aug 2010, 17:35
Benutzertitel: Je suis Jekyll

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Jekyll » Sa 21. Mai 2016, 13:15

Was für eine absurde Frage...natürlich ist sie das.
Sie schufen eine Wüste und nannten es...Frieden.
Benutzeravatar
Jekyll
Beiträge: 10537
Registriert: Di 31. Aug 2010, 17:35
Benutzertitel: Je suis Jekyll

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Jekyll » Sa 21. Mai 2016, 13:18

Wasteland hat geschrieben:(19 May 2016, 12:57)

Es ist auf jeden Fall grenzwertig was da abläuft. Geht in Richtung Russland.
Aber wenn so viele Türken die die AKP wählen keinen Wert auf Freiheit oder Demokratie legen, dann sollen sie das bekommen.
Fan von Paradoxien?
Sie schufen eine Wüste und nannten es...Frieden.
Benutzeravatar
Adam Smith
Beiträge: 26136
Registriert: Mi 18. Jan 2012, 21:57

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Adam Smith » Sa 21. Mai 2016, 13:33

Jekyll hat geschrieben:(21 May 2016, 13:15)

Was für eine absurde Frage...natürlich ist sie das.

Nordkorea ist für einige auch eine Demokratie. Eine Volksdemokratie mit einem Typen an der Spitze der auch allergisch auf Kritik reagiert.
Wasteland
Beiträge: 15939
Registriert: So 1. Jun 2008, 23:32
Benutzertitel: Nil admirari

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Sa 21. Mai 2016, 14:03

Jekyll hat geschrieben:(21 May 2016, 13:18)

Fan von Paradoxien?


Die Türkei wäre ja nicht das erste Land das die parlamentarische Demokratie über Mehrheitsvotum abschafft.
Gestern hat sie einen grossen Schritt in diese Richtung gemacht.
Benutzeravatar
Julian
Beiträge: 9461
Registriert: Di 5. Jan 2016, 00:38

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Julian » Sa 21. Mai 2016, 14:38

Wasteland hat geschrieben:(21 May 2016, 14:03)

Die Türkei wäre ja nicht das erste Land das die parlamentarische Demokratie über Mehrheitsvotum abschafft.
Gestern hat sie einen grossen Schritt in diese Richtung gemacht.


Ja eben, das ist das wohlbekannte Paradoxon der Demokratie. Deswegen sollten wir auch Demokratie nicht als die Herrschaft der Mehrheit definieren, sondern ganz nach Karl Popper als ein System, das über Wahlen einen unblutigen Regierungswechsel ermöglicht. Erdogan tut momentan alles dafür, seine Stellung zu stärken und so zu zementieren, dass eine Abwahl immer schwieriger wird. Er ist dabei, die Demokratie in der Türkei zu zerstören, unabhängig davon, ob ihm darin eine Mehrheit der Abgeordneten oder der Wähler folgen.
Victrix causa deis placuit, sed victa Catoni
Wasteland
Beiträge: 15939
Registriert: So 1. Jun 2008, 23:32
Benutzertitel: Nil admirari

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Sa 21. Mai 2016, 14:46

Julian hat geschrieben:(21 May 2016, 14:38)

Ja eben, das ist das wohlbekannte Paradoxon der Demokratie. Deswegen sollten wir auch Demokratie nicht als die Herrschaft der Mehrheit definieren, sondern ganz nach Karl Popper als ein System, das über Wahlen einen unblutigen Regierungswechsel ermöglicht. Erdogan tut momentan alles dafür, seine Stellung zu stärken und so zu zementieren, dass eine Abwahl immer schwieriger wird. Er ist dabei, die Demokratie in der Türkei zu zerstören, unabhängig davon, ob ihm darin eine Mehrheit der Abgeordneten oder der Wähler folgen.


Man muss dazu sagen, dass die Türkei auch vorher schon keine richtige Demokratie war, mit dem Militär, das praktisch ausserhalb der Verfassung stand.
Aus demokratischer Sicht war der Schritt Erdogans das Militär zu entmachten also richtig. Nur hat er das alles offensichtlich getan um sich und seinen Clan dort stattdessen zu installieren.
Mit der de facto Entfernung der HDP aus dem Parlament wird er seine One Man Show bekommen und die Türkei in ein zweites Russland verwandeln.
Aber wenn das seine Wähler so wollen, dann bitte. Sie sollen dann nur nicht klagen wenn sie mal die Schattenseiten eines solchen Systems zu spüren bekommen und das wird passieren.
Benutzeravatar
Julian
Beiträge: 9461
Registriert: Di 5. Jan 2016, 00:38

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Julian » Sa 21. Mai 2016, 14:55

Wasteland hat geschrieben:(21 May 2016, 14:46)

Man muss dazu sagen, dass die Türkei auch vorher schon keine richtige Demokratie war, mit dem Militär, das praktisch ausserhalb der Verfassung stand.
Aus demokratischer Sicht war der Schritt Erdogans das Militär zu entmachten also richtig.


Ich habe die Anfangsjahre der AKP-Regierung auch sehr positiv gesehen. Ich war zwar kritisch wegen möglicher islamistischer Tendenzen, sah diese aber nicht bestätigt. Auch die Kurdenfrage schien einer friedlichen Lösung entgegenzugehen. Außenpolitisch schien die Türkei auch einen stabilen Kurs zu verfolgen.

Irgendwann hat sich das dann geändert. Inzwischen hat die Türkei schlechte Beziehungen zu fast allen Ländern in der Region: mit dem Assad-Regime in Syrien und in dessen Gefolge auch mit dem Iran; mit Israel; mit Griechenland und Zypern ohnehin; und nun auch noch mit Russland.

Innenpolitisch scheint sich der berühmte Ausspruchs Erdogans von den Minaretten, Moscheen und Gläubigen zu bewahrheiten. War alles nur Show? Man muss fast annehmen, dass der Zug der Demokratie nur genutzt wurde, um ein ganz anderes Regime durchzusetzen.

Mal sehen, wie das westlich orientierte, städtische Bürgertum reagiert. Ich kann nicht glauben, dass die so etwas mit sich machen lassen.
Victrix causa deis placuit, sed victa Catoni
Wasteland
Beiträge: 15939
Registriert: So 1. Jun 2008, 23:32
Benutzertitel: Nil admirari

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Sa 21. Mai 2016, 15:00

Die Frage ist auch, ob auch Erdogans Immunität im Zuge einer Korruptionsanklage betreffend diverser Schuhkartons aufgehoben wird.
Nein, war eine rhetorische Frage, das ist alles halb so wild. :D

Der größte Korruptionsskandal in der Geschichte der Türkei wird juristisch nicht aufgearbeitet. Die türkische Regierungspartei AKP hat die Anklagen gegen Regierungsmitglieder verhindert.
http://www.fr-online.de/tuerkei/tuerkei ... 97696.html
Benutzeravatar
Jekyll
Beiträge: 10537
Registriert: Di 31. Aug 2010, 17:35
Benutzertitel: Je suis Jekyll

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Jekyll » Sa 21. Mai 2016, 16:17

Wasteland hat geschrieben:(21 May 2016, 14:03)

Die Türkei wäre ja nicht das erste Land das die parlamentarische Demokratie über Mehrheitsvotum abschafft.
Du hattest dich eben sehr pauschal ausgedrückt, indem du den vielen wählenden Türken eine völlige Geringschätzung gegenüber Freiheit und Demokratie attestiert hast ("Aber wenn so viele Türken die die AKP wählen keinen Wert auf Freiheit oder Demokratie legen, dann sollen sie das bekommen"). Abgesehen davon, dass so ein Urteil von dir sehr anmaßend ist, basiert dieser ungünstigerweise auch noch auf ein Paradoxon; wenn so viele Türken mit so hoher Wahlbeteiligung von ihrem Recht auf freie und demokratische Wahlen Gebrauch machen, können sie wohl nicht zugleich eine dermaßen distanzierte Haltung zur Freiheit und Demokratie haben, wie du sie ihnen unterstellt hast. Auch auf rein technischer Ebene gäbe es das Paradoxon (Wählbarkeit/Abwählbarkeit ungleich Diktatur).

Das Problem ist hier weniger das Demokratieverständnis der Türken, sondern vielmehr das Resultat eines demokratischen Prozesses, mit dem der gemeine Deutsche sich einfach nicht anfreunden kann (Erdogan-Effekt). Dummerweise wurde die AKP gewählt, nicht etwa eine Partei, die den Erdoganophobikern genehmer wäre. Was ist das eigentlich für ein Demokratieverständis? (Und was für ein Menschenbild?)

Gestern hat sie einen grossen Schritt in diese Richtung gemacht.
Ja, die historische Vorbelastung des gemeinen Deutschen kommt noch hinzu (zusätzlich zum Erdogan-Effekt).
Sie schufen eine Wüste und nannten es...Frieden.
Wasteland
Beiträge: 15939
Registriert: So 1. Jun 2008, 23:32
Benutzertitel: Nil admirari

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Wasteland » Sa 21. Mai 2016, 18:41

Jekyll hat geschrieben:(21 May 2016, 16:17)

Du hattest dich eben sehr pauschal ausgedrückt, indem du den vielen wählenden Türken eine völlige Geringschätzung gegenüber Freiheit und Demokratie attestiert hast ("Aber wenn so viele Türken die die AKP wählen keinen Wert auf Freiheit oder Demokratie legen, dann sollen sie das bekommen"). Abgesehen davon, dass so ein Urteil von dir sehr anmaßend ist, basiert dieser ungünstigerweise auch noch auf ein Paradoxon; wenn so viele Türken mit so hoher Wahlbeteiligung von ihrem Recht auf freie und demokratische Wahlen Gebrauch machen, können sie wohl nicht zugleich eine dermaßen distanzierte Haltung zur Freiheit und Demokratie haben, wie du sie ihnen unterstellt hast. Auch auf rein technischer Ebene gäbe es das Paradoxon (Wählbarkeit/Abwählbarkeit ungleich Diktatur).


Das ist kein Paradoxon. Die Türken sind ja wie gesagt nicht die ersten in der Weltgeschichte die Freiheit und Demokratie abwählen. Und ganz im Gegenteil, ich traue auch dem letzten Hinterwäldler in der Türkei zu, das er versteht was da gerade abläuft. Da gibt es auch nicht mehr viel Spielraum für Interpretationen. Daher komme ich nicht umhin daraus zu schlussfolgern was ich bereits sagte.
Freiheit und Demokratie scheinen unter den meisten AKP Wählern keine Priorität zu geniessen. Eine andere Erklärung gibt es nicht.
Wer nicht versteht was der letzte Schachzug Erdogans bedeutet, der ist entweder unterbelichtet, hat Tomaten auf den Augen oder dem gefällt diese Neuauflage des Ermächtigungsgesetzes das sich da anbahnt. Und ja, wir haben das schon durch, da hast du ganz recht.
Man kann ja aus historischen Fehlern auch mal lernen. Muss man aber nicht, man kann natürlich auch in Nibelungentreue alles einfach blind verteidigen und dann aus eigenen Fehlern lernen. Solche Leute braucht die Türkei, die AKP. Und davon haben sie ja auch genug.

Jekyll hat geschrieben:(21 May 2016, 16:17)
Das Problem ist hier weniger das Demokratieverständnis der Türken, sondern vielmehr das Resultat eines demokratischen Prozesses, mit dem der gemeine Deutsche sich einfach nicht anfreunden kann (Erdogan-Effekt). Dummerweise wurde die AKP gewählt, nicht etwa eine Partei, die den Erdoganophobikern genehmer wäre. Was ist das eigentlich für ein Demokratieverständis? (Und was für ein Menschenbild?)

Ja, die historische Vorbelastung des gemeinen Deutschen kommt noch hinzu (zusätzlich zum Erdogan-Effekt).


Du veranschaulichst hier sehr schön was ich gerade schrieb. Es gibt hier eine ganz klare Kritik an einem spezifischen Schritt Erdogans der offensichtlich zur Beschneidung der Demokratie dient. Du vermengst alle möglichen deiner Vorurteile und blinden Schnappreflexe und machst daraus einen Kampf der Kulturen. Bitte, wenn du nicht reflektiert sein kannst oder willst, dann ist das dein gutes Recht. Mir ist diese Schiene ja ein wenig zu infantil.

Das erinnert mich immer ein wenig an diesen Artikel:

Erdogan – der Kalif, der aus der Volksneurose kam

"Wie können die ihn immer noch wählen?" Das Erfolgrezept Erdoğans lautet Verfolgungswahn, Hybris und Fanatisierung seiner Anhänger. Zugeschnitten auf die Untiefen der türkischen Seele.

http://www.welt.de/debatte/kommentare/a ... e-kam.html

Und an diese Dame hier



So sehen sich scheinbar einige seiner Wähler. Als die Haare an seinem Arsch. Das erklärt vieles.
Benutzeravatar
Billabong
Beiträge: 715
Registriert: Do 2. Apr 2015, 21:44

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Billabong » Sa 21. Mai 2016, 19:32

Die Türken wollen einen starken Mann, der sie an den Eiern packt und dessen Schwanz sie lutschen können. Mit Demokratie können die offensichtlich nicht viel anfangen.
Benutzeravatar
Kardux
Beiträge: 2882
Registriert: Fr 29. Mär 2013, 16:48
Benutzertitel: کوردستان زیندووە

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Kardux » So 22. Mai 2016, 14:25

Wasteland hat geschrieben:(20 May 2016, 22:40)

Naja, das ist mir etwas zu pauschal. Viele Türken haben auch keine Probleme mit den Kurden. Ich kennen sowohl Kinder aus Mischehen, wie auch Türken deren besten Freunde Kurden sind. Es kommt da ganz drauf an. Was die rechte Mischpoke in der Türkei angeht hast du vermutlich grösstenteils recht. Die fangen an zu sabbern wenn sie das Wort Kurden hören, ausser sie sind islamistisch oder heissen Saladin.

Das glaube ich auch. Aber Erdogan wird diesen Machtpoker gewinnen. Ich muss ihm das lassen, er ist extrem gerissen. Er hat den bewaffneten Konflikt mit den Kurden gezielt angezettelt um langfristig die HDP aus dem Parlament zu werfen. Das ist ihm gelungen, von langer Hand geplant.
Der Friedensprozess war ihm von Anfang an völlig egal, er wollte nur die Stimmen der islamischen Kurden, um seine Mehrheiten zu garantieren.
Wie bereits oben beschrieben, die parlamentarische Demokratie in der Türkei steht vor ihrem Ende, wenn er damit durchkommt.


Hier geht es um das Schicksal einer Volksgemeinschaft und nicht um einzelne Familiengeschichten. Natürlich gibt es die Mischehen, natürlich gibt es interkulturelle Freundschaften, und bestimmt auch eine Verbundenheit, wie sollte es das auch nicht geben nach 1000 Jahren Kolonisierung und Zusammenleben. Oftmals lebt es sich als Kurde in der Türkei auch gar nicht so schlecht, es sei denn man betont nicht seine kurdische Identität und vermeidet politische Diskussionen. Wenn man sich fügt und sich als Teil der "edlen türkischen Rasse" betrachtet kann man als Kurde Karriere machen und aufsteigen. Aber soll das etwa ein Indiz für die tolerante türkische Gesellschaft sein? Ich kritisiere hier nicht explizit die "rechte Mischpoke in der Türkei", sondern die gesamte türkische Gesellschaft! 90 % der Türken befürworten und unterstützen die kurdische Unterdrückung, und wenn es darauf ankommt sind alle Mittel erlaubt! Wo waren die kritischen Stimmen aus den kurdisch- türkischen Mischehen, aus den kurdisch- türkischen Freundschaften als Atatürk die Existenz der Kurden negierte ? Wo waren die kritischen Stimmen als man in Dêrsim zehntausende Kurden massakrierte ? Wo waren die türkischen Intellektuellen als schon der Begriff Kurde oder gar Kurdistan ein Tabu war, und das bis in die späten 1970er Jahre (noch bevor die PKK existierte!!)? Hat sich die türkische Gesellschaft nicht gefragt was aus dem Volk der Kurden geschah?
Nein, hat es nicht. Genausowenig interessierte oder interessiert es die türkische Gesellschaft was aus 1,5 Millionen Armeniern geschehen ist!

Wenn 90 % der Türken das Wort Kurdistan bzw. kurdische Selbstständigkeit hören fangen sie an zu sabbern! Das ist eine Realität. Das Argument der "Pauschalisierung" zieht nicht, die Fakten liegen auf den Tisch. Die überwältigende Mehrheit aller Türken, sowohl im Inland als auch im Ausland hat kein Verständnis dafür das Kurden vor den Türken Südostanatolien besiedelt haben und dieses Land nicht aufgeben! Sie geben weder ihr Land, noch ihre Sprache oder Kultur auf - weder für Türken, Araber, noch Perser, und wenn man wieder 1000 Jahre dafür kämpfen muss. Der türkische Mainstream kann sich zwar für das Selbstbestimmungsrecht von Uiyguren, Tschetschenen, Azeris, Turkmenen, Palästinensern, Kosovaren, etc. begeistern, nicht jedoch für die Kurden! Da hört es mit dem Spaß auf, und da hören auch Freundschaften auf, und sogar die Toleranz innerhalb einer gemischten Familie - dann gibt es nur mehr Schwarz-weiß-denken - entweder mit der edlen türkischen Rasse oder gegen sie.

PS: Wer meine Beiträge in den letzten Jahren verfolgt hat, wird wissen das ich diesen sogenannten Machtpoker von Erdogan voraus gesagt habe. Ich hatte voraus gesagt das er den bewaffneten Konflikt mit den Kurden sucht, gerade nach der erfolgreichen Wahl der HDP als sie 13 % der Stimmen einfuhr. Das war zu viel des Guten. Noch länger konnte Erdogan sein wahres Gesicht auch gar nicht verstecken. Nun, wie konnte ich das voraus sagen? Ganz einfach, wer sich intensiv mit kurdischer Geschichte befasst hat kann nur pessimistisch im Bezug auf der türkischen Lösung der Kurdenfrage reagieren. Dieser Konflikt ist ein ethnischer Konflikt - die PKK ist lediglich ein Protagonist, und nicht der Grund für diesen Konflikt. Die Geschichte der Menschheit hat uns gelehrt das Unterdrückte am Ende immer ihr Ziel erreichen, sofern man wirklich bereit ist jeden Preis zu zahlen. Das haben die Kurden eindrucksvoll bewiesen. Und der Widerstand wird weitergehen und das nicht nur in der "Südosttürkei", sondern auch im Iran und den beiden arabischen failed states...
Make Kurdistan Free Again...
Benutzeravatar
DarkLightbringer
Beiträge: 39925
Registriert: Mo 19. Dez 2011, 16:49
Benutzertitel: Vive la Liberté !

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon DarkLightbringer » So 22. Mai 2016, 20:11

Die Selbstentmachtung des türkischen Parlamentes ist ohne Frage ein Anlass zur Sorge, das macht aber terroristische Organisationen wie die PKK nicht besser.
>>We’ll always have Paris<<
[Humphrey Bogart als Rick Blaine in >Casablanca<, 1942]
Benutzeravatar
Julian
Beiträge: 9461
Registriert: Di 5. Jan 2016, 00:38

Re: Ist die Türkei noch eine Demokratie?

Beitragvon Julian » So 22. Mai 2016, 20:21

DarkLightbringer hat geschrieben:(22 May 2016, 20:11)

Die Selbstentmachtung des türkischen Parlamentes ist ohne Frage ein Anlass zur Sorge, das macht aber terroristische Organisationen wie die PKK nicht besser.


Selbstverständlich ist Terrorismus abzulehnen. Dennoch: Es sind gerade Erdogan und seine Gefolgsleute, die die Kurden zur Gewalt antreiben. Der PKK-Terrorismus hatte sich schon fast erledigt, aber nun flammt der Konflikt natürlich wieder auf.

Die Wahl Yildirims heute war ja wohl an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Es ging nur darum, wer Erdogan am tiefsten in den Arsch kriecht. Jetzt kommt das Präsidialsystem als Sargnagel der Demokratie in der Türkei.

Offenbar aber wollen viele Türken ein autoritäres System und eine Reislamisierung; in den türkischen Medien wird die Angelegenheit ganz anders als im Westen beurteilt. Die Frauen der AKP-Politiker tragen ja alle auch brav ihr Kopftuch als Ausdruck ihrer Gesinnung. Da kann man wohl nicht mehr helfen.
Victrix causa deis placuit, sed victa Catoni

Zurück zu „34. Türkei“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast