Spatial Turn

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schokoschendrezki
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Spatial Turn

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 9. Jul 2018, 08:38

Als "Spatial Turn", topologische Wende oder auch raumkritische Wende wird ein sowohl in Natur- wie auch Geistes- und Sozialwissenschaften übergreifender Denk-Paradigmenwechsel der letzten Dekaden bezeichnet. Ich halte dieses Phänomen für ein Paradebeispiel dafür, dass Philosophie als eigenständige Geistesanstrengung noch lange nicht ausgedient hat.

Im 17./18. Jahrhundert setzte sich das Konzept des absoluten Raums von Newton gegenüber dem des Leibnizschen topologischen Raumkonzepts durch. Das nicht die Dinge in einen ruhenden unendlichen dreimdimensionalen Raum "hineinplaziert" sieht. Sondern umgekehrt: Der Raum selbst ergibt sich aus den Neben- und Übereinanderverhältnissen der Dinge. (So wie auch die Zeit nicht absolut existiert sondern Ausdruck eines Ereignis-Hintereinanders ist.) Interessant ist zum einen, dass entwicklungspsychologisch auch kleine Kinder den Raum zunächst einmal topologisch wahrnehmen: Da steht ein Stuhl, durch desssen Lehne man hindurchgreifen kann und dahinter eine Wand, durch die man nicht hindurchgreifen kann. Zum anderen hat mit der Relativitäts- und Quantentheorie das Leibnizsche Raumkonzept eigentlich einen späten Durchbruch erlebt. Längenkontraktion und Zeitdilatation sind eine durch das bewegte Objekt bewirkte Raumveränderung oder (durch Gravitation) eigentlich sogar überhaupt Raumerzeugung.

Und nun der große Sprung zu den Sozialwissenschaften: Der soziale Raum wird zum einen mehr und mehr topologisch wahrgenommen und ist es in modernen Gesellschaften mehr und mehr auch. Die soziale Wirklichkeit des Individuums ist zunehmend weniger eine "Erleidetheit" und zunehmend mehr eine "Bewirktheit". Die Beendigung einer Beziehung, einer Ehe zum Beispiel. War sie noch vor hundert Jahren in den meisten Fällen Schicksal so ist sie heute eher Gestaltung eines gelebten sozialen Raums. Das Internet ist mit einer beständigen Produktion von virtuellen sozialen Räumen verbunden und findet nicht einfach in einem gegebenem Raum statt.

Politisch kann dieser Spatial Turn aus meiner Sicht für die Erneuerung einer Kultur der Veränderbarkeit stehen.

Und last but not least: Diese topologische Wende setzte sich seit Ende der 80er durch obwohl der Raum-Begriff in Form des Spruch vom "Volk ohne Raum" eigentlich ideologisch sozusagen kontaminiert war und ist. Das war aber auch schon beim Schlagwort "biologisch" der Fall.


https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/manuskriptradiowissen-1626.html
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt

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