Identitätswirrwarr

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schokoschendrezki
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon schokoschendrezki » Di 11. Sep 2018, 09:02

Betrachter hat geschrieben:(06 Sep 2018, 10:23)
Man sollte schon trennen zwischen Identität und Identifizierung. Identisch ist jeder Mensch nur mit sich selbst.

Gott sei Dank erkennen noch einige Menschen diese simple Wahrheit und diese eigentlich simple begriffliche Einordnung.
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MäckIntaier
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon MäckIntaier » Di 11. Sep 2018, 09:15

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Sep 2018, 10:02)

Gott sei Dank erkennen noch einige Menschen diese simple Wahrheit und diese eigentlich simple begriffliche Einordnung.


Das ist doch reine Tautologie oder eine unnötige Verdoppelung.
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schokoschendrezki
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon schokoschendrezki » Di 11. Sep 2018, 09:22

MäckIntaier hat geschrieben:(11 Sep 2018, 10:15)

Das ist doch reine Tautologie oder eine unnötige Verdoppelung.

Das sehe ich nicht so. "Identität" ist eine Relation und bedeutet nicht nur "Gleichheit, Entsprechung, Äquivalenz in Hinsicht auf irgendwas", zum Beispiel "gleiche Anzahl", "gleiche Masse" usw. sondern wirklich völlige Identität. Ununterscheidbarkeit. Ein und dasselbe Ding seien. Hans Meier ist identisch mit dem Mörder. Er entspricht ihm nicht nur irgendwie. Er ist es. "Identifizierung" dagegen bedeutet lediglich das Anstreben einer solchen Relation.
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Selina
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Selina » Di 11. Sep 2018, 10:28

Dark Angel hat geschrieben:(10 Sep 2018, 22:41)

Geschichtsklittelung/Revisionismus wird NICHT von Historikern betrieben, sondern von Leuten wie DIR!
"Geschichtsklitteler"/Revisionisten sind Menschen, die mit historischen Fakten nix am Hut haben, die aus ideologischen Gründen Fakten verdrehen und dann entsprechend ihrem Weltbild zusammen basteln!

Das hat aber absolut nichts mit deiner Behauptung

"Je nachdem, wer die Herausgeber der jeweiligen Geschichtsbücher sind. Nichts ist so macht- und politikbesetzt wie die Geschichtsschreibung. Das heißt im Klartext: Je nachdem, wer gerade die politische Macht hat, so werden auch geschichtliche Ereignisse neu sortiert und neu bewertet. Das passiert alle paar Jahrzehnte immer wieder. Objektiv Stattgefundenes und subjektive Widerspiegelung in Publikationen und Reden sind nicht deckungsgleich. Dazwischen liegen Wahrnehmung und Interpretation durch verschiedene Interessengruppen."

zu tun! DU bist diejenige, die mit dieser Behauptung unterstellt, dies wäre bei Historikern die ganz nomale Verfahrensweise. Dass du damit einen ganzen Wissenschaftsbereich diffamierst, kommt dir nicht ansatzweise in den Sinn!

Schau mal ins Geschichtsforum, dort gibt es einen ganzen Thread zu Geschichtsrevisionismus rechter UND linker Coleur!


Ich rede gar nicht von Historikern. Geschichtsbücher werden auch meistens nicht direkt von den Historikern selbst geschrieben, sondern das sind für den Unterricht an diversen Bildungseinrichtungen aufbereitete Erkenntnisse, bearbeitet von Lektoren in Verlagen etcpp. Manchmal handelt es sich auch nur um sehr kleine Verschiebungen, kleine Umbenennungen und kleine Deutungsänderungen. Das ist nix Weltbewegendes, sondern völlig normal. Gibt es in allen Gesellschaftssystemen und unter allen möglichen Machtkonstellationen. Auch hier gilt: Wem nutzt eine bestimmte Info, Nachricht, Erkenntnis und warum? Eine hundertpozentig objektive Geschichtsbetrachtung findet man in der Publizistik und im Alltag nicht. Alles, was dazu gesagt und geschrieben wird, ist immer nur eine Annäherung an diese Objektivität. Um solche "Verschiebungen" und "Kommentierungen" zu vermeiden, müsstest du die Bücher von Automaten verfassen lassen. Außerdem ist mein erstes Posting an den User da oben überhaupt nicht als Entgegnung auf deine Bemerkungen gedacht. Du darfst nicht immer alles auf dich beziehen. Du und deine unverrückbaren "einmaligen" Ansichten sind meistens überhaupt nicht gemeint. Das, was du hier kundtust (meist in beleidigendem Tonfall), ist deine Meinung, andere haben eine andere.
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Dark Angel » Di 11. Sep 2018, 11:19

Selina hat geschrieben:(11 Sep 2018, 11:28)

Ich rede gar nicht von Historikern. Geschichtsbücher werden auch meistens nicht direkt von den Historikern selbst geschrieben, sondern das sind für den Unterricht an diversen Bildungseinrichtungen aufbereitete Erkenntnisse, bearbeitet von Lektoren in Verlagen etcpp. Manchmal handelt es sich auch nur um sehr kleine Verschiebungen, kleine Umbenennungen und kleine Deutungsänderungen. Das ist nix Weltbewegendes, sondern völlig normal. Gibt es in allen Gesellschaftssystemen und unter allen möglichen Machtkonstellationen.

"Populäre" - allgemeinverständliche Aufarbeitung von wisssenschaftlichen Fachtexten für Unterrichtsmaterialien und/oder Sachbücher oder -artikel haben immer noch nichts mit deiner behaupteten "macht- und politikbesetzt[en] [wie die] Geschichtsschreibung" zu tun! Da finden auch keine "Verschiebungen, kleine Umbenennungen und kleine Deutungsänderungen." statt. Allgeinverständliche - heißt auch für den Laien - verständliche Erklärungen haben nichts mit dem von dir behaupteten zu tun!


Selina hat geschrieben:(11 Sep 2018, 11:28) Auch hier gilt: Wem nutzt eine bestimmte Info, Nachricht, Erkenntnis und warum? Eine hundertpozentig objektive Geschichtsbetrachtung findet man in der Publizistik und im Alltag nicht.

Nein - das gilt genau NICHT!
Es geht eben NICHT darum von wem die Erkenntnis stammt und auch NICHT wem sie nutzt und erst recht nicht warum, sondern darum welche Schlussfolgerungen sich aus der Erkenntnis ergeben.
Das ist dein grundlegender Fehler - nicht zwischen Nachricht und Überbringer der Nachricht unterscheiden zu können und unterscheiden zu wollen!
Du unterstellst "Verschiebungen, kleine Umbenennungen und kleine Deutungsänderungen., möglicherweise, weil die Darstellung(en) deinem Verständnis widersprechen!
Die behaupteten "Verschiebungen, kleine Umbenennungen und kleine Deutungsänderungen." müssen nachgewiesen, belegt werden können und dazu muss man auch belegen welche genau, wo genau und durch wen genau, wie ist die ursprüngliche Bedeutung.
Genau DAS kannst du jedoch nicht und damit bleibt deine Behauptung eine Unterstellung!

Selina hat geschrieben:(11 Sep 2018, 11:28)Alles, was dazu gesagt und geschrieben wird, ist immer nur eine Annäherung an diese Objektivität. Um solche "Verschiebungen" und "Kommentierungen" zu vermeiden, müsstest du die Bücher von Automaten verfassen lassen. Außerdem ist mein erstes Posting an den User da oben überhaupt nicht als Entgegnung auf deine Bemerkungen gedacht. Du darfst nicht immer alles auf dich beziehen. Du und deine unverrückbaren "einmaligen" Ansichten sind meistens überhaupt nicht gemeint. Das, was du hier kundtust (meist in beleidigendem Tonfall), ist deine Meinung, andere haben eine andere.

Mit genau dieser Aussage beweist du nur, dass du keinerlei Ahnung davon hast, WIE Geschichtswissenschaften funktionieren, wie Historiker arbeiten. Die Bewertung geschichtlicher Ereignisse in ihrem geschichtlichen Gesamtkontext und die entsprechenden Kommentare/Interpretationen haben nicht das geringste mit mangelnder Objektivität und noch viel weniger mit "Macht haben und/oder Politik" zu tun und auch nicht mit "subjektiver Widerspiegelung"!
In KEINEM Wissenschaftsbereich gibt es "unverrückbare[n] "einmalige[n]" Ansichten"! Neue Erkenntnisse werden in der scientific Community IMMER mit den bisherigen verglichen/abgeglichen und diskutiert - sehr oft lange und kontrovers!
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Selina » Di 11. Sep 2018, 23:10

Ich rede überhaupt nicht davon, "wie Geschichtswissenschaften funktionieren, wie Historiker arbeiten". Das ist gar nicht mein Thema. Ich rede von Verzerrungen und Umschreibungen von Geschichte, die es immer schon gab. Geschichtsklitterung gibt es in allen Gesellschaften. Das geht gar nicht von den jeweiligen Wissenschaftlern aus, sondern oft von Politikern, Publizisten und anderen so genannten Multiplikatoren. Interessante Beispiele für fotografische Geschichtsklitterung findet man hier in dem relativ alten Spiegel-Text:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13520825.html
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Laertes » Di 11. Sep 2018, 23:43

Interessantes Gedankenexperiment. Allerdings: Menschen sind keine Spielsteine. Der Mensch wird geformt durch Interaktion. Mit anderen Menschen. Mit seiner Umwelt. Verpflanzt man den Menschen in eine andere Umwelt, ändert er sich. Zwangsläufig. Identität entsteht ebenfalls aus Interaktionen. Ich empfinde mich deutsch, weil ich in Deutschland unter Deutschen vom etwas zum Ich wurde. Wäre ich im Kongo geboren und aufgewachsen, wäre ich einerseits derselbe und anderseits ein anderer. Verpflanzt man mich in den Kongo, werde ich weniger deutsch und weniger mein ich von heute und mehr kongolesisch und mehr mein ich von morgen. Absurd: Die Idee der Mensch habe nur eine einzige, oder auch nur eine primäre Identität. Man lese Amartya Sen: Die Identitätsfalle.
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Betrachter » Mi 12. Sep 2018, 06:54

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 Sep 2018, 10:22)

Das sehe ich nicht so. "Identität" ist eine Relation und bedeutet nicht nur "Gleichheit, Entsprechung, Äquivalenz in Hinsicht auf irgendwas", zum Beispiel "gleiche Anzahl", "gleiche Masse" usw. sondern wirklich völlige Identität. Ununterscheidbarkeit. Ein und dasselbe Ding seien. Hans Meier ist identisch mit dem Mörder. Er entspricht ihm nicht nur irgendwie. Er ist es. "Identifizierung" dagegen bedeutet lediglich das Anstreben einer solchen Relation.


Richtig. Am lustigsten ist es, wenn sich Menschen mit Institutionen identifizieren, die ihnen schaden. Etwa mit dem Staat, der so schöne Gesetze macht wie Hartz IV. Damit werden Millionen schikaniert, nicht wenige davon sind stramme Nationalisten. Sie halten viel auf ihre "nationale Identität". Und sind ständig enttäuscht.
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Betrachter » Mi 12. Sep 2018, 06:58

Selina hat geschrieben:(12 Sep 2018, 00:10)

Ich rede überhaupt nicht davon, "wie Geschichtswissenschaften funktionieren, wie Historiker arbeiten". Das ist gar nicht mein Thema. Ich rede von Verzerrungen und Umschreibungen von Geschichte, die es immer schon gab. Geschichtsklitterung gibt es in allen Gesellschaften. Das geht gar nicht von den jeweiligen Wissenschaftlern aus, sondern oft von Politikern, Publizisten und anderen so genannten Multiplikatoren. Interessante Beispiele für fotografische Geschichtsklitterung findet man hier in dem relativ alten Spiegel-Text:

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13520825.html


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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Betrachter » Mi 12. Sep 2018, 07:00

Laertes hat geschrieben:(12 Sep 2018, 00:43)

Interessantes Gedankenexperiment. Allerdings: Menschen sind keine Spielsteine. Der Mensch wird geformt durch Interaktion. Mit anderen Menschen. Mit seiner Umwelt. Verpflanzt man den Menschen in eine andere Umwelt, ändert er sich. Zwangsläufig. Identität entsteht ebenfalls aus Interaktionen. Ich empfinde mich deutsch, weil ich in Deutschland unter Deutschen vom etwas zum Ich wurde. Wäre ich im Kongo geboren und aufgewachsen, wäre ich einerseits derselbe und anderseits ein anderer. Verpflanzt man mich in den Kongo, werde ich weniger deutsch und weniger mein ich von heute und mehr kongolesisch und mehr mein ich von morgen. Absurd: Die Idee der Mensch habe nur eine einzige, oder auch nur eine primäre Identität. Man lese Amartya Sen: Die Identitätsfalle.


Was ist denn "deutsch"- außer der Sprache natürlich? Wenn du rechnest, rechnest du dann deutsch? Liebst du deutsch? Hast du einen deutschen Geschmack?
Was ist deutsch an deiner Art, zu denken?
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 12. Sep 2018, 07:12

Betrachter hat geschrieben:(12 Sep 2018, 07:54)
Richtig. Am lustigsten ist es, wenn sich Menschen mit Institutionen identifizieren, die ihnen schaden. Etwa mit dem Staat, der so schöne Gesetze macht wie Hartz IV. Damit werden Millionen schikaniert, nicht wenige davon sind stramme Nationalisten. Sie halten viel auf ihre "nationale Identität". Und sind ständig enttäuscht.

Es scheint häufig nicht mehr anders zu gehen. Es gibt zum Beispiel diese sogenannte "Fassadendebatte". Worum gehts da: Die Alice Salomon Hiochschule für Sozialberufe in Berlin-Hellersdorf vergibt seit einigen Jahren einen Poetikpreis. Den bekam 2011 der deutsch-bolivianische, 1925 geborene Lyriker Eugen Gomringer. Und man brachte sein kurzes Gedicht "avenidas" an der Südfassade des Hochschulegebäudes an. In diesem Gedicht ("avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador") werden Frauen mit Blumen verglichen und der Autor outet sich als Bewunderer beider Phänome. Der Asta der HS fand das sexistisch, unzeitgemäß und setzte sich (schließlich erfolgreich) für die Überpinselung dieses Textes durch ein anderes Gedicht ein. Es gab eine große Debatte in den Medien. Von einem barbarischen Akt war die Rede, Vergleiche mit dem Umgang der Nazis mit entarteter Kunst wurden gezogen. Was ist das eigentliche Problem der ganzen Angelegentheit: Öffentliche Äußerungen werden immer als Bekenntnisse aufgefasst. So als würde sich die gesamte Hochschule, die Stadt Berlin oder auch ganz Deutschland quasi ein T-Shirt mit dem abgedruckten Text überziehen. Dabei ist Lyrik, Kunst allgemein sowohl von seiten des Künstlers als auch von Seiten des Rezipienten immer eine persönliche, individuelle Angelegenheit. Einen Text als solchen, so wie er eben ist, wahrzunehmen und nicht auch gleichzeitig als Identifizierung mit irgendetwas ... das scheint kaum noch denkbar zu sein.
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Realist2014 » Mi 12. Sep 2018, 07:14

Betrachter hat geschrieben:(12 Sep 2018, 07:54)

Richtig. Am lustigsten ist es, wenn sich Menschen mit Institutionen identifizieren, die ihnen schaden. Etwa mit dem Staat, der so schöne Gesetze macht wie Hartz IV. Damit werden Millionen schikaniert, nicht wenige davon sind stramme Nationalisten. Sie halten viel auf ihre "nationale Identität". Und sind ständig enttäuscht.



Interessant, dass manche die zur Verfügung Stellung des bedarfsgerechten und somit sozial gerechten Existenzminimums an arbeitsfähige und deren Zugehörigen in den Bedarfsgemeinschaften als "Schikane" einordnen.

Sollte man das nach deiner Vorstellung ersatzlos streichen?
Laut Aussage der linken Ideologen sind alle ökonomisch erfolgreichen dumm, und die wahre Intelligenz tritt sich in der untersten ökonomischen Etage auf die Füße.....daher muss diese Etage ausgebaut werden
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Betrachter » Mi 12. Sep 2018, 07:16

Aus „Der Verlust des Mitgefühls“ von Arno Gruen:


„Menschen, die ihre Identität aus einer Identifikation mit Macht und ihren Symbolen beziehen, verlieren den Boden ihres Menschseins unter ihren Füßen, und ihr Selbstverständnis dient dann der Perpetuierung eines Gesellschaftssystems, das auf Macht basiert. Der Teufelskreis beginnt.

Eine zusätzliche Gefahr geht von der »bürokratischen« Persönlichkeit aus, in der Pflicht das Gewissen und Identifikation mit Macht die Identität ersetzt. Denn hier passieren Gewalt und Mord auf hoch-organisierter Ebene und nur aus ihrer technologischen Machbarkeit heraus. In Wahrheit verdecken aber solche Vorgehensweisen nur die Entfremdung vom Mitgefühl.“
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 12. Sep 2018, 07:18

Realist2014 hat geschrieben:(12 Sep 2018, 08:14)

Interessant, dass manche die zur Verfügung Stellung des bedarfsgerechten und somit sozial gerechten Existenzminimums an arbeitsfähige und deren Zugehörigen in den Bedarfsgemeinschaften als "Schikane" einordnen.

Sollte man das nach deiner Vorstellung ersatzlos streichen?

Die Frage kann man politisch-inhaltlich berechtigterweise stellen. Hier ist sie aber eher ein Beispiel für diesen Identifizierungswahn. Nicht: Kritisch distanziert. Sondern zunehmend häufig: Bist Du dagegen oder dafür? Reflexhafte Grenzziehungen würde ich das nennen.
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Betrachter » Mi 12. Sep 2018, 07:24

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Sep 2018, 08:12)

Es scheint häufig nicht mehr anders zu gehen. Es gibt zum Beispiel diese sogenannte "Fassadendebatte". Worum gehts da: Die Alice Salomon Hiochschule für Sozialberufe in Berlin-Hellersdorf vergibt seit einigen Jahren einen Poetikpreis. Den bekam 2011 der deutsch-bolivianische, 1925 geborene Lyriker Eugen Gomringer. Und man brachte sein kurzes Gedicht "avenidas" an der Südfassade des Hochschulegebäudes an. In diesem Gedicht ("avenidas/avenidas y flores/flores/flores y mujeres/avenidas/avenidas y mujeres/avenidas y flores y mujeres y/un admirador") werden Frauen mit Blumen verglichen und der Autor outet sich als Bewunderer beider Phänome. Der Asta der HS fand das sexistisch, unzeitgemäß und setzte sich (schließlich erfolgreich) für die Überpinselung dieses Textes durch ein anderes Gedicht ein. Es gab eine große Debatte in den Medien. Von einem barbarischen Akt war die Rede, Vergleiche mit dem Umgang der Nazis mit entarteter Kunst wurden gezogen. Was ist das eigentliche Problem der ganzen Angelegentheit: Öffentliche Äußerungen werden immer als Bekenntnisse aufgefasst. So als würde sich die gesamte Hochschule, die Stadt Berlin oder auch ganz Deutschland quasi ein T-Shirt mit dem abgedruckten Text überziehen. Dabei ist Lyrik, Kunst allgemein sowohl von seiten des Künstlers als auch von Seiten des Rezipienten immer eine persönliche, individuelle Angelegenheit. Einen Text als solchen, so wie er eben ist, wahrzunehmen und nicht auch gleichzeitig als Identifizierung mit irgendetwas ... das scheint kaum noch denkbar zu sein.


Ich kenne die Geschichte, da gings um überzogenen Feminismus, der ist ja sehr populär unter Studenten. Das ist freilich Blödsinn, wenn der Vergleich von Frauen mit Blumen als "sexistisch" gedeutet wird.
Allerdings kann durchaus irgendein Text an der Fassade einer staatlichen Einrichtung etwas über diese Einrichtung aussagen. Man denke an "Dem deutschen Volke" am Reichstag. Ob das nun jeder für sich akzeptiert und gar meint, sich damit identifizieren zu müssen, ist eine ganz andere Sache, als wenn die Institution das propagiert. Aber nochmal zu dem Gedicht. Wenn schon so ein harmloses Poem solche Aufregung verursacht, was wäre erst los, wenn da ein Gedicht von Erich Fried stünde, ein politisches Gedicht?
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 12. Sep 2018, 07:47

Betrachter hat geschrieben:(12 Sep 2018, 08:24)

Ich kenne die Geschichte, da gings um überzogenen Feminismus, der ist ja sehr populär unter Studenten. Das ist freilich Blödsinn, wenn der Vergleich von Frauen mit Blumen als "sexistisch" gedeutet wird.
Allerdings kann durchaus irgendein Text an der Fassade einer staatlichen Einrichtung etwas über diese Einrichtung aussagen. Man denke an "Dem deutschen Volke" am Reichstag. Ob das nun jeder für sich akzeptiert und gar meint, sich damit identifizieren zu müssen, ist eine ganz andere Sache, als wenn die Institution das propagiert. Aber nochmal zu dem Gedicht. Wenn schon so ein harmloses Poem solche Aufregung verursacht, was wäre erst los, wenn da ein Gedicht von Erich Fried stünde, ein politisches Gedicht?

Es gibt einen aktuellen Beitrag in der Reihe "Essay und DIskurs" des Deutschlandradios. Titel: "#Metoo-Debatte: Das komplizierte Verhältnis der Geschlechter". Deswegen bin ich auch auf das Beispiel gekommen. Darin heißt es zur "Fassadendebatte" (aus meiner Sicht ganz richtig):
Die Distanzierung und die Objektivierung, die der poetischen Arbeit vorausgehen und sie begleiten, sie machen ja Mühe - und die haben Frauen kaum je auf sich genommen. Die richtige Antwort auf das Gedicht von Gomringer wäre ein Gesang der Frauen zum Preise männlicher Schönheit, erotischer Attraktivität, sinnlicher Ausstrahlung.

https://www.deutschlandfunk.de/metoo-de ... _id=424409
Der heute 93-jährige Autor Gomringer reiste an und verteidigte sein Werk. Seine Kritikerinnen indes blieben hart. Er wisse nicht, wie Frauen heute fühlen.

Das grundlegende Missverständnis besteht darin, dass ein Gedicht in der Regel nicht von den Gefühlen anderer sondern von den eigenen Gefühlen getragen wird. Und da besteht nun der ZUsammenhang zum "Identitätswirrwarr". Zu großen Teilen sehe ich das Problem in der allgemein verlorengegangenen Fähigkeit des Perspektivwechsels. Genau diese Fähigkeit ist nötig, um zwanghafte Bekenntnisse für oder gegen irgendwas zu vermeiden.

Ein wirklich freier Mensch hat seine Ansichten, vertritt die auch und bedarf keiner ausdrücklichen Identifizierung mit irgendetwas. Und aus dieser Nichtzwanghaftigkeit heraus kann er auch versuchsweise die Perspektive anderer Menschen oder Menschengruppen einnehmen.
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Realist2014 » Mi 12. Sep 2018, 07:56

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Sep 2018, 08:18)

Die Frage kann man politisch-inhaltlich berechtigterweise stellen. Hier ist sie aber eher ein Beispiel für diesen Identifizierungswahn. Nicht: Kritisch distanziert. Sondern zunehmend häufig: Bist Du dagegen oder dafür? Reflexhafte Grenzziehungen würde ich das nennen.


Falsche Interpretation

Die Frage war natürlich hinsichtlich EINER von möglichen "Alternativ-Optionen" zu verstehen . Also nix mit Grenzziehung
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Betrachter » Mi 12. Sep 2018, 08:23

schokoschendrezki hat geschrieben:(12 Sep 2018, 08:47)

Es gibt einen aktuellen Beitrag in der Reihe "Essay und DIskurs" des Deutschlandradios. Titel: "#Metoo-Debatte: Das komplizierte Verhältnis der Geschlechter". Deswegen bin ich auch auf das Beispiel gekommen. Darin heißt es zur "Fassadendebatte" (aus meiner Sicht ganz richtig):

https://www.deutschlandfunk.de/metoo-de ... _id=424409

Das grundlegende Missverständnis besteht darin, dass ein Gedicht in der Regel nicht von den Gefühlen anderer sondern von den eigenen Gefühlen getragen wird. Und da besteht nun der ZUsammenhang zum "Identitätswirrwarr". Zu großen Teilen sehe ich das Problem in der allgemein verlorengegangenen Fähigkeit des Perspektivwechsels. Genau diese Fähigkeit ist nötig, um zwanghafte Bekenntnisse für oder gegen irgendwas zu vermeiden.

Ein wirklich freier Mensch hat seine Ansichten, vertritt die auch und bedarf keiner ausdrücklichen Identifizierung mit irgendetwas. Und aus dieser Nichtzwanghaftigkeit heraus kann er auch versuchsweise die Perspektive anderer Menschen oder Menschengruppen einnehmen.


Gefühle sind Gefühle- und die sind meist Geschmackssache. Es gibt keine falschen Gefühle. Doch mit Gefühlen allein schreibt man keinen Gedichte.
Dazu braucht man Gedanken- und die können richtig und falsch sein. Frauen sind keine Blumen, aber wem der Vergleich schmeckt- bittesehr. Darüber lässt sich gar nicht diskutieren. Für einen anderen sind Frauen vielleicht bunte Vögel, naja.

Ein kluger Mensch mag sich teilweise mit anderen Menschen identifizieren, die er mag. Etwa beim Sex, wenn die eigene Lust durch die des anderen steigt und man kaum noch weiß, wer da gerade gestöhnt hat. Darum heißt es auch "Vereinigung". Danach ist jeder wieder nur mit sich selbst "identisch".
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Selina » Mi 12. Sep 2018, 08:43

Betrachter hat geschrieben:(12 Sep 2018, 07:58)

"Man kann sogar die Vergangenheit ändern. Die Historiker beweisen es immer wieder." (Jean Paul Sartre)


Genau. Und es gibt unzählige weitere Beispiele für Geschichtsklitterung. Auch in der jüngeren Vergangenheit, wo Dinge aus Wendenzeiten massenhaft geschönt worden sind, was dann wiederum zu viel Frust vor allem bei etlichen Ostdeutschen führte. Ich glaube, wenn man die Dinge, die nach der Wende schiefgelaufen sind (neben denen, die richtig gut waren), stattdessen immer beim Namen genannt hätte, wäre die heutige Frustration vieler so genannter "Abgehängten" beiweitem nicht so groß und die eine oder andere Demo nicht so aggressiv. Das hat aber nix mit dem "Lügenpresse"-Gebrülle der Rechtspopulisten zu tun, sondern eher mit einem langfristigen Ausbleiben kritischer, Widersprüche einbeziehender Nachwendebetrachtung in den meisten Medien.
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Re: Identitätswirrwarr

Beitragvon Betrachter » Mi 12. Sep 2018, 08:50

Selina hat geschrieben:(12 Sep 2018, 09:43)

Genau. Und es gibt unzählige weitere Beispiele für Geschichtsklitterung. Auch in der jüngeren Vergangenheit, wo Dinge aus Wendenzeiten massenhaft geschönt worden sind, was dann wiederum zu viel Frust vor allem bei etlichen Ostdeutschen führte. Ich glaube, wenn man die Dinge, die nach der Wende schiefgelaufen sind (neben denen, die richtig gut waren), stattdessen immer beim Namen genannt hätte, wäre die heutige Frustration vieler so genannter "Abgehängten" beiweitem nicht so groß und die eine oder andere Demo nicht so aggressiv. Das hat aber nix mit dem "Lügenpresse"-Gebrülle der Rechtspopulisten zu tun, sondern eher mit einem langfristigen Ausbleiben kritischer, Widersprüche einbeziehender Nachwendebetrachtung in den meisten Medien.


Bei der Demo am 4. November 1989 in Berlin- Ost sagte Heiner Müller, dass nach der "Wiedervereinigung" das Leben für die meisten noch härter wird.
Er wurde ausgebuht. Dabei sagte er durchaus das Richtige.
Im Zusammenhang mit der DDR- Geschichte wissen die meisten Leute in D heute noch sehr wenig Wahres. Natürlich hat der Staat der BRD kein Interesse daran, dass Sozialismus richtig erklärt wird, auch nicht daran, dass über die Fehler der "Realsozialisten" Wahrheiten verbreitet werden. Sonst wäre das schwierig mit der Identifizierung der lieben Bürger mit "ihrem" Staat.

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