Ist das Kunst?

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Ist das Kunst?

Beitragvon Betrachter » Mo 20. Aug 2018, 08:43

Moderne Kunst
(siehe link unten)

Meine Tochter war vier Jahre alt, als sie dieses Bild malte. Ich hängte es in mein Zimmer. Ein Freund sah es und sagte: " Ich weiß ja, du bist nicht arm- aber dass du dir einen echten Stöhrer (Walter Stöhrer, mehrfacher Kunstpreisträger und Professor) leisten kannst..."

"Der bürgerliche Vernissage- Gänger betrachtet alles, was er nicht versteht, als Kunst" (Volker Pispers)

(Das hier gezeigte Bild ist tatsächlich von Walter Stöhrer. Preis: 45.000 €.-
Siehste, schon wieder hereingefallen...)

http://www.schlichtenmaier.de/logicio/p ... rk_id=3424
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon X3Q » Mo 20. Aug 2018, 09:22

Und was möchtest du jetzt diskutieren?

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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Aug 2018, 09:26

Interessanter wäre ein Verweis auf das Bild, das deine Tochter gemalt hat.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon imp » Mo 20. Aug 2018, 09:27

Betrachter hat geschrieben:(20 Aug 2018, 09:43)

Moderne Kunst
(siehe link unten)

Meine Tochter war vier Jahre alt, als sie dieses Bild malte. Ich hängte es in mein Zimmer. Ein Freund sah es und sagte: " Ich weiß ja, du bist nicht arm- aber dass du dir einen echten Stöhrer (Walter Stöhrer, mehrfacher Kunstpreisträger und Professor) leisten kannst..."

"Der bürgerliche Vernissage- Gänger betrachtet alles, was er nicht versteht, als Kunst" (Volker Pispers)

(Das hier gezeigte Bild ist tatsächlich von Walter Stöhrer. Preis: 45.000 €.-
Siehste, schon wieder hereingefallen...)

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Hallo,

das ist ein großes Fass, das da eröffnet wird!

Da haben wir vordergründig die Frage, was Kunst ist. Bei dieser Frage gibt es heute nur noch den gemeinsamen Nenner: Kunst ist, was als Kunst erfolgreich verkauft wird. Eine irgendwie inhaltliche Definition gelingt kaum noch, allgemein vertreten wird höchstens noch: Was der Normalo ohne verbildeten Zugang schön findet und versteht, ist maximal Kunsthandwerk, also Kitsch. Stockhausen ist Kunst, Helene Fischer nicht. Auf der Bühne onanieren ist - schon wieder öde, veraltete - Kunst, Peter Steiners Volkstheater (auch tot) nicht. "Feuchtgebiete" ist Kunst, "S. King's ES" nicht.

Wilde Farbtupfer mit Begleitzettel sind Kunst, Marienbilder und Landschaften nur, wenn sie alt sind und schon als Kunst gehandelt wurden. Der Schrotthaufen-Expressionismus, der vor allem vor 20 Jahren die öffentlichen Plätze und Universitäten bereicherte, rief intuitiven Protest der Passanten hervor, zu dem der Fachwelt nur Bilderstürmerei und Hitler als Antwort einfielen. Gehen wir also davon aus, dass es hier eher kontrovers zugehen wird.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon X3Q » Mo 20. Aug 2018, 09:30

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Aug 2018, 10:26)

Interessanter wäre ein Verweis auf das Bild, das deine Tochter gemalt hat.

Nicht nur interessant, es wäre sogar geboten. Aber man will ja gleich am Anfang nicht zu viel verlangen.

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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Aug 2018, 09:30

Nicht so sehr das (Un-, Miss-)-Verständnis-Problem in der Bildenden Kunst ist das Verstörende. Sondern die Tatsache, dass ihre Werke in der gesellschaftlichen Relevanz weit eher Investitionsobjekte als Kunstproduktionen sind.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon imp » Mo 20. Aug 2018, 09:38

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Aug 2018, 10:30)

Nicht so sehr das (Un-, Miss-)-Verständnis-Problem in der Bildenden Kunst ist das Verstörende. Sondern die Tatsache, dass ihre Werke in der gesellschaftlichen Relevanz weit eher Investitionsobjekte als Kunstproduktionen sind.

Das ist eine notwendige Folge dieses Kunstbegriffs. Die Kunst als technisch gut gemachte, dem Zeitgeist entsprechende Verherrlichung von Gott, Herrschaft und Zuständen war nicht weiter erklärungsbedürftig. Klassische Statuen und Bilder erschlossen sich dem Betrachter ganz augenfällig. Selbst wenn er soziale oder politische Anspielungen gar nicht als solche verstand, hatte er was hübsches zum gucken. Die Hauptströmungen in der Kunst streben gar nicht nach Befriedigung solcher Ansinnen. Für den Erfolg des Künstlers als Wirtschaftssubjekt oder in engeren sogenannten kunstverständigen Kreisen ist das alles überflüssig geworden, man könnte auch behaupten: Störend. Insofern haben diese Kreise vor allem Relevanz für sich selbst und gekauft wird, was entweder Wertsteigerung vermuten lässt oder Prestige in einer - allerdings immer wieder von der wirtschaftlichen Realität bedrohten - Elite hergibt.

Daneben ist an der Basis dieses Kunstwesens auch althergebracht und in historisierenden Filmen als Romantik und Leidenschaft verbrämte Prostitution nicht ganz ausgeschlossen.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon Betrachter » Mo 20. Aug 2018, 09:49

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(20 Aug 2018, 10:27)

Gehen wir also davon aus, dass es hier eher kontrovers zugehen wird.


Dann lege ich mal eine Kohle nach: was leistet Kunst?

Kunst
Gäbe es in der heutigen historischen Situation keine Kunst, keine Unterhaltungsindustrie, keine Filme, Spiele, Serien, Comics, Musik und Romane, die kapitalistische Gesellschaft stände unmittelbar vor ihrem Zusammenbruch. Kaum jemand würde sich dann zumuten, was er sich heute noch zumutet, getröstet und vertröstet durch fiktive Welten. Brauchbar ist diese Überlegung für alle, die noch an die Kunst glauben, in ihr gar einen Motor des Fortschritts, des Guten und Wahren, und nicht einfach des Schönen und Reizvollen sehen wollen, das mit dem Wahren umso weniger gemeinsam hat, je häßlicher und profitabler die Zeiten sind.

Man sollte Kunst ernst nehmen, aber als ideologisches Phänomen, als Technik der Weltflucht und Lebens-Verhinderung. Kunst an und für sich, also den Bereich des gezielt Nutzlosen ernst zu nehmen, ja überhaupt hinzunehmen, seine Nutzlosigkeit gar zu verherrlichen, einen Sinn, eine Identität, ein ganzes scheinhaftes Leben darum herum aufzubauen und nicht einfach ‚nur‘ Lusterlebnis oder Vergnügen sein lassen zu können, das man mit einem einzelnen Kunstwerk haben oder auch nicht haben kann, heißt eben nichts anderes als das materiale Leben, in dem sich Leben und Tod tatsächlich entscheidet, nicht mehr ernst zu nehmen.

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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Aug 2018, 10:09

Mein nachhaltigstes Kunst-Erlebnis der letzten Jahre war der russische Film "Leviathan". Da konnte aber weder von "Trost" noch von "Weltflucht" die Rede sein. Im Gegenteil: Eine radikale Darstellung einmal der Trostlosigkeit des realen Lebens in der russischen Provinz und zum anderen auch der Trostlosigkeit der menschlichen Natur allgemein und an sich mit am Ende nur sehr sehr schwacher Hoffnung auf Tröstung. Warum wurde dieser Film mit internationalen Ehrungen nur so überhäuft. Die BBC wertete ihn in einer Umfrage zu den bedeutendsten Filmen des 21. Jh. auf Platz 49.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Aug 2018, 10:23

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(20 Aug 2018, 10:38)

Das ist eine notwendige Folge dieses Kunstbegriffs. Die Kunst als technisch gut gemachte, dem Zeitgeist entsprechende Verherrlichung von Gott, Herrschaft und Zuständen war nicht weiter erklärungsbedürftig. Klassische Statuen und Bilder erschlossen sich dem Betrachter ganz augenfällig. Selbst wenn er soziale oder politische Anspielungen gar nicht als solche verstand, hatte er was hübsches zum gucken. Die Hauptströmungen in der Kunst streben gar nicht nach Befriedigung solcher Ansinnen. Für den Erfolg des Künstlers als Wirtschaftssubjekt oder in engeren sogenannten kunstverständigen Kreisen ist das alles überflüssig geworden, man könnte auch behaupten: Störend. Insofern haben diese Kreise vor allem Relevanz für sich selbst und gekauft wird, was entweder Wertsteigerung vermuten lässt oder Prestige in einer - allerdings immer wieder von der wirtschaftlichen Realität bedrohten - Elite hergibt.

Daneben ist an der Basis dieses Kunstwesens auch althergebracht und in historisierenden Filmen als Romantik und Leidenschaft verbrämte Prostitution nicht ganz ausgeschlossen.

Naja. Aber wer bestimmt, was "Hauptströmung" ist und was nicht? Oder ob "Haupt"-irgendwas überhaupt kunstrelevant oder wenigstens auch kunstrelevant ist. Wenn Du wirtschaftlichen Erfolg als Kriterium dafür ansetzt, dann zeichnet sich diese Hauptströmung trivialerweise dadurch aus, dass sie wirtschaftlichen Erfolg hat.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon imp » Mo 20. Aug 2018, 11:16

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Aug 2018, 11:23)

Naja. Aber wer bestimmt, was "Hauptströmung" ist und was nicht?

Das war eher beobachtend gemeint. Als (mittlerweile überwiegend ehemaliger) Theater- und Ausstellungsgeher, der vieles auch nicht verdauen konnte, sehe ich ganz überwiegend Leute am Werk, denen eine Breitenwirkung egal, vermutlich auch unerwünscht ist. Ich möchte nicht behaupten, dass diese alternativlos sei. Die engere "Kunstwelt" ist von einer Art Gebrauchskunst in Genre- oder Massenunterhaltung, in Werbung oder Propaganda, in Vermittlung von Wissen oder Meinungen fast vollkommen abgetrennt. Warum eigentlich? In tausenden WGs überall auf der Welt hing fast 20 Jahre in der verrauchten, versifften Küche verschönerungshalber und irgendwie identitätsbildend, sinnstiftend das Dekolletee von Mia Wallace (Uma Thurman), dem Platz über der vollgewichsten Bettdecke des angehenden Bildungsprekariats waren stattdessen irgendwelche Elfen-, Fantasy- oder Bandmotive vorbehaltend, meist samt idealisierter halbnackter Frauenkörper, damit die Sache auch ihren psychologisch-biologischen Zweck nicht verfehlt. Am Klo in jedem dritten Hoppelschuppen fest einplanbar die sexuelle Schwarzweißdraufsicht. Das ist es, was viele Leute vor einer halben Generation offenbar für ansprechend hielten, was sie zur Ausstaffierung ihrer Lebenswelt wählten und meist über lange Zeit behielten. Da hing kein Nachdruck des letzten Höchstpreise erzielenden Kunstprodukts aus New York. Wir haben es auch nicht mit einer volkstümlichen Fragmentierung zu tun, wie wir es bei der Musik erleben und der Jazzfan dem Schlager- oder Metalanhänger wenig zu sagen hat. Die Art Erfolg, die Stadien, leere Wände oder DVD-Sammlungen füllt, ist offenbar nicht gemeint, wenn es heute um "Kunst" geht. In einer Welt höchster Perfektion im Kunstdruck gilt in diesen Kreisen der Besitz des Originals alles, das Anschauen der besten Reproduktion nichts. Das macht auch kaum wer. Was will man daraus an Erkenntnis mitnehmen?
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon Dampflok94 » Mo 20. Aug 2018, 12:50

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(20 Aug 2018, 10:27)
Da haben wir vordergründig die Frage, was Kunst ist. Bei dieser Frage gibt es heute nur noch den gemeinsamen Nenner: Kunst ist, was als Kunst erfolgreich verkauft wird. Eine irgendwie inhaltliche Definition gelingt kaum noch, allgemein vertreten wird höchstens noch: Was der Normalo ohne verbildeten Zugang schön findet und versteht, ist maximal Kunsthandwerk, also Kitsch. Stockhausen ist Kunst, Helene Fischer nicht. Auf der Bühne onanieren ist - schon wieder öde, veraltete - Kunst, Peter Steiners Volkstheater (auch tot) nicht. "Feuchtgebiete" ist Kunst, "S. King's ES" nicht.

Das widerspricht sich in meinen Augen. Helene Fischer wird mit ihrer Musik, also ihrer Kunst höchst erfolgreich verkauft. Ist also nach deiner Definition Kunst. Und dann wieder nicht.

Was Kunst ist und was nicht ist eine subjektive Entscheidung des Einzelnen. Und da gibt es teilweise einen gesellschaftlichen Konsens. Ich glaube, die Mehrzahl halten die Musik der Beatles oder der Rollenden Steine für Kunst, selbst wenn sie die selber nicht mögen. Aber eben auch die Mona Lisa, wo jedes Jahr die Massen in den Louvre pilgern. Was Du beschreibst ist die Haltung einiger weniger Snobs, die Dinge, welche massentauglich sind, von vornherein als Kunst ausschließen. Ob nun Kings Werke Kunst sind oder nicht, muß schon jeder für sich selber beurteilen. Da hat gewiß jeder einen Graubereich. Schillers Räuber ist Kunst. Der neuste Jerry Cotton eher nicht. Und King liegt irgendwo dazwischen.

Auch ist es ein Unterschied, für wen die Kunst eigentlich produziert wird. Musik und Literatur richten sich gemeinhin an eine größere Anzahl von Menschen. Bilder und Gemälde häufig nicht. Nur ein kleiner Teil landen in Museen und sind einem größeren Publikum zugängig. Viele andere landen in privaten Sammlungen. Aber das ist nichts neues. Vieles was heute in den bekannten Museen hängt, war mal ein Auftragswerk. Das Portrait des Hausherrn oder seiner Gattin. Künstler müssen schließlich auch von etwas leben.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon imp » Mo 20. Aug 2018, 12:58

Dampflok94 hat geschrieben:(20 Aug 2018, 13:50)

Das widerspricht sich in meinen Augen. Helene Fischer wird mit ihrer Musik, also ihrer Kunst höchst erfolgreich verkauft. Ist also nach deiner Definition Kunst. Und dann wieder nicht.

Nein, Helene Fischers Musik wird an eine breite Masse verkauft. Das ist etwas anderes als das gemeinte. Eben genau wie das Kloposter, das kostet auch 20-50 Euro je nach Printqualität und Händler.

Ich glaube, die Mehrzahl halten die Musik der Beatles oder der Rollenden Steine für Kunst, selbst wenn sie die selber nicht mögen. Aber eben auch die Mona Lisa, wo jedes Jahr die Massen in den Louvre pilgern. Was Du beschreibst ist die Haltung einiger weniger Snobs, die Dinge, welche massentauglich sind, von vornherein als Kunst ausschließen. Ob nun Kings Werke Kunst sind oder nicht, muß schon jeder für sich selber beurteilen. Da hat gewiß jeder einen Graubereich. Schillers Räuber ist Kunst. Der neuste Jerry Cotton eher nicht. Und King liegt irgendwo dazwischen.

Schiller richtete sich mit einem Großteil seiner Schriften zu Lebzeiten an einen gewählten Kreis. Die längst vergessenen Bestseller schrieben ganz andere :)

Vieles was heute in den bekannten Museen hängt, war mal ein Auftragswerk. Das Portrait des Hausherrn oder seiner Gattin. Künstler müssen schließlich auch von etwas leben.

Richtig. Diese Auftragswerke waren für die Zeitgenossen ohne zusätzlich nötige Vorbildung intuitiv schön oder (seltener) provokativ, aber nicht unverständlich oder unzugänglich.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon BlueMonday » Mo 20. Aug 2018, 13:15

Kunst ist der bewusst gewonnene Abstand zum Banalen, Praktischen, Nützlichen, zum unachtsam erlebten Alltäglichen. Um betrachten zu können, muss man zurücktreten, Abstand gewinnen. Es ist keine Abwertung des Gewöhnlichen, sondern im Gegenteil eine Sichtbarmachung durch Differenz. Das Licht reflektiert aus einem anderen Winkel durch den Wechsel der Perspektive. Ein Rückgewinnnen des Zaubers bei der Rückkehr. Und es soll ja keine endgültige Flucht sein, nur ein Umweg, ein Schritt zur Seite, ein Innehalten.

Wenn dies jemandem mit dem verlinkten Werk gelingt, dann sei es ihm gegönnt.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon Dampflok94 » Mo 20. Aug 2018, 13:20

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(20 Aug 2018, 13:58)

Nein, Helene Fischers Musik wird an eine breite Masse verkauft. Das ist etwas anderes als das gemeinte. Eben genau wie das Kloposter, das kostet auch 20-50 Euro je nach Printqualität und Händler.

Dann erklär mir doch bitte genau, was das Gemeinte war. Du sprachst vom Verkaufserfolg. Und den hat Helene Fischer. Das mag nicht das einzige Kriterium sein. Es ist aber garantiert auch kein Ausschlußkriterium.
Schiller richtete sich mit einem Großteil seiner Schriften zu Lebzeiten an einen gewählten Kreis. Die längst vergessenen Bestseller schrieben ganz andere :)

Schiller haben damals schon eine ganze menge Menschen gelesen. Im Bürgertum gab es damals noch nicht so viele andere Freizeitgestaltungen. Auch Goethe war Bestsellerautor. Natürlich sind auch einige Autoren vergessen, die damals Bestseller schrieben. Ob das deswegen keine Kunst war? Man schaue sich die Liste der Literatur-Nobelpreisträger an. Da sind mir einige völlig unbekannt. (Gut, das könnte an mir liegen. Aber frag mal rum, wer kennt heute noch Bjørnstjerne Bjørnson?) Aber es sind eben auch sehr bekannte Namen darunter. Auch solche, die von ihrem Beruf als Schriftsteller gut leben konnten. Sprich, dessen Werke sich gut verkauften.
Richtig. Diese Auftragswerke waren für die Zeitgenossen ohne zusätzlich nötige Vorbildung intuitiv schön oder (seltener) provokativ, aber nicht unverständlich oder unzugänglich.

Unzugänglichkeit kann einem mit jedem Werk passieren. Denn Kunst hat vor allem etwas mit Emotionen zu tun. Ein Musikstück oder ein Bild spricht einen nicht an, weil es logisch ist. Es spricht einen an, weil es Emotionen auslöst. Positive Emotionen. Das tut aber lange nicht jedes Bild auch nicht jedes Musikstück. Selbst dann, wenn es allgemein unter Kunst subsumiert wird.
Unverständlichkeit kann natürlich ein Problem sein. Allerdings muß man manchmal auch darum ringen. Mir ging es am Anfang so mit abstrakter Kunst. Ich konnte damit nichts anfangen. Inzwischen finde ich Bilder von Kandinsky einfach großartig. Aber das hat gedauert. (Bei Musik, z. B. von Strawinsky, war es ebenso.)
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon imp » Mo 20. Aug 2018, 13:53

Dampflok94 hat geschrieben:(20 Aug 2018, 14:20)

Dann erklär mir doch bitte genau, was das Gemeinte war. Du sprachst vom Verkaufserfolg. Und den hat Helene Fischer. Das mag nicht das einzige Kriterium sein.

Vielleicht klammern wir die Musik erstmal aus. Meine Argumentation sollte, so hoffte ich, an den Posterbeispielen und dem "Original"-Thema deutlich werden. Wir können das Musikthema vielleicht nachholen.

Schiller haben damals schon eine ganze menge Menschen gelesen. Im Bürgertum gab es damals noch nicht so viele andere Freizeitgestaltungen. Auch Goethe war Bestsellerautor. Natürlich sind auch einige Autoren vergessen, die damals Bestseller schrieben. Ob das deswegen keine Kunst war? Man schaue sich die Liste der Literatur-Nobelpreisträger an. Da sind mir einige völlig unbekannt. (Gut, das könnte an mir liegen. Aber frag mal rum, wer kennt heute noch Bjørnstjerne Bjørnson?) Aber es sind eben auch sehr bekannte Namen darunter. Auch solche, die von ihrem Beruf als Schriftsteller gut leben konnten. Sprich, dessen Werke sich gut verkauften.

Dagegen spricht, dass Schiller zeitlebens chronisch knapp bei Kasse war, sich von Dalberg und Körner aushalten ließ, auch seinen Adelstitel nicht selbst kaufen konnte sondern auf Gönner angewiesen blieb, bald von einer von Adeligen gestifteten Pension abhängig war. Schiller war europaweit berühmt nicht zuletzt wegen der Wirkung seiner Theaterstücke, gelesen wurde er richtig breit erst lange nach seinem Tod, als das Copyright auslief (ca 1860er)
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon Billie Holiday » Mo 20. Aug 2018, 14:20

Betrachter hat geschrieben:(20 Aug 2018, 09:43)

Moderne Kunst
(siehe link unten)

Meine Tochter war vier Jahre alt, als sie dieses Bild malte. Ich hängte es in mein Zimmer. Ein Freund sah es und sagte: " Ich weiß ja, du bist nicht arm- aber dass du dir einen echten Stöhrer (Walter Stöhrer, mehrfacher Kunstpreisträger und Professor) leisten kannst..."

"Der bürgerliche Vernissage- Gänger betrachtet alles, was er nicht versteht, als Kunst" (Volker Pispers)

(Das hier gezeigte Bild ist tatsächlich von Walter Stöhrer. Preis: 45.000 €.-
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Es ist mir wurscht, ob das Kunst ist. Ich mag z.B. Jackson Pollock sehr gern. Es gibt Kunst, die einem gefällt und welche, mit der man nichts anfangen kann. Es ist alles sehr subjektiv, meiner Meinung nach. Und warum soll das Bild deiner Tochter nicht auch für ihre Eltern und besonders Großeltern große Kunst sein?
Ich halte das Portrait von fünf Ballerinen mit unterschiedlich langen Beinen und überdimensionierten Tütüs meiner damals 4jährigen auch für Kunst, wer sollte mir das Gegenteil beweisen? Was ist daran weniger Kunst als Beuys Fettecke? Vielleicht sollte es wachrütteln.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon Fuerst_48 » Mo 20. Aug 2018, 16:56

X3Q hat geschrieben:(20 Aug 2018, 10:22)

Und was möchtest du jetzt diskutieren?

--X

@Betrachter hat als @Anarchist ebendiesen Gag mit dem angeblichen Bild seiner Tochter auch in einem anderen (!) Forum präsentiert.
Diskutieren will er gar nichts, hier wie dort nicht.
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon Betrachter » Mo 20. Aug 2018, 18:18

Billie Holiday hat geschrieben:(20 Aug 2018, 15:20)

Es ist alles sehr subjektiv, meiner Meinung nach


Klar ist dein Geschmack subjektiv. Dann soll man aber auch Kunst nicht so wichtig nehmen- Inhalte werden da ohnehin nicht vermittelt, die objektiv diskussionsfähig sind.

"Man sollte Kunst ernst nehmen, aber als ideologisches Phänomen, als Technik der Weltflucht und Lebens-Verhinderung. Kunst an und für sich, also den Bereich des gezielt Nutzlosen ernst zu nehmen, ja überhaupt hinzunehmen, seine Nutzlosigkeit gar zu verherrlichen, einen Sinn, eine Identität, ein ganzes scheinhaftes Leben darum herum aufzubauen und nicht einfach ‚nur‘ Lusterlebnis oder Vergnügen sein lassen zu können, das man mit einem einzelnen Kunstwerk haben oder auch nicht haben kann, heißt eben nichts anderes als das materiale Leben, in dem sich Leben und Tod tatsächlich entscheidet, nicht mehr ernst zu nehmen."

https://deadwallreveries.wordpress.com/ ... nd-kultur/
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Re: Ist das Kunst?

Beitragvon Billie Holiday » Mo 20. Aug 2018, 18:51

Betrachter hat geschrieben:(20 Aug 2018, 19:18)

Klar ist dein Geschmack subjektiv. Dann soll man aber auch Kunst nicht so wichtig nehmen- Inhalte werden da ohnehin nicht vermittelt, die objektiv diskussionsfähig sind.

"Man sollte Kunst ernst nehmen, aber als ideologisches Phänomen, als Technik der Weltflucht und Lebens-Verhinderung. Kunst an und für sich, also den Bereich des gezielt Nutzlosen ernst zu nehmen, ja überhaupt hinzunehmen, seine Nutzlosigkeit gar zu verherrlichen, einen Sinn, eine Identität, ein ganzes scheinhaftes Leben darum herum aufzubauen und nicht einfach ‚nur‘ Lusterlebnis oder Vergnügen sein lassen zu können, das man mit einem einzelnen Kunstwerk haben oder auch nicht haben kann, heißt eben nichts anderes als das materiale Leben, in dem sich Leben und Tod tatsächlich entscheidet, nicht mehr ernst zu nehmen."

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Ich gehöre nicht zu der Fraktion, die pseudointellektuell über die stille Würde eines Bildes faselt. :x

Ich gehöre zu denen, die sich ein Bild kaufen, weil es ihnen gefällt, der Anblick ihnen Freude macht...ohne groß erklären zu können und zu wollen, weshalb. :cool:
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