Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon King Kong 2006 » Di 14. Aug 2018, 16:19

Ich habe mich in der Tat schon länger gefragt, was für Auswirkungen es hat im Bereich der Rüstungskooperation, daß die Türkei einen eigenständigeren Weg einschlägt. Schon vor Trump. Die Frage der F-35 war dabei von Beachtung.

Streit mit Türkei

Trump blockiert Auslieferung von F-35-Kampfjets an Erdogan

US-Präsident Donald Trump hat einen Mega-Rüstungsdeal mit der Türkei gestoppt. Für den Nato-Partner ist das ein schwerer Schlag, doch auch die amerikanische Wirtschaft ist alarmiert.

http://www.spiegel.de/politik/ausland/u ... 23123.html


Die Frage spitzte sich zu, da die Türkei schon seit Jahren auch in Richtung Russland und China bei Rüstungskäufen schaut. Es war zu erwarten, das die USA das nicht kommentarlos hinnehmen werden.

McCain 2019 Defense Bill 'Whips' Turkey for S-400 Deal, Targets Russia, China

https://sputniknews.com/analysis/201808 ... na-turkey/
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Di 14. Aug 2018, 16:25

King Kong 2006 hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:19)

Ich habe mich in der Tat schon länger gefragt, was für Auswirkungen es hat im Bereich der Rüstungskooperation, daß die Türkei einen eigenständigeren Weg einschlägt. Schon vor Trump. Die Frage der F-35 war dabei von Beachtung.



Die Frage spitzte sich zu, da die Türkei schon seit Jahren auch in Richtung Russland und China bei Rüstungskäufen schaut. Es war zu erwarten, das die USA das nicht kommentarlos hinnehmen werden.

Es ist da immerhin auch viel Geld im Spiel.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Di 14. Aug 2018, 16:26

Tom Bombadil hat geschrieben:(11 Aug 2018, 16:31)

Ja, das hat Trump gut gemacht, da fallen alle Masken bei Erdogan. Derweil muss sein Handelminister betteln: „Wiederholte Bemühungen, der US-Regierung klarzumachen, dass keines der für die Zollerhöhungen genannten Kriterien auf die Türkei zutrifft, blieben fruchtlos“, erklärte Handelsministerin Ruhsar Pekcan am Freitag. „Trotzdem, wir flehen Präsident Trump an, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.“

Einfach den Pastor und andere US-Staatsbürger freizulassen scheint keine Option zu sein. Dann eben auf die harte Tour.

Recht muss Recht bleiben. Da kann man sich nicht auf Handel einlassen.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Audi » Di 14. Aug 2018, 16:29

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:26)

Recht muss Recht bleiben. Da kann man sich nicht auf Handel einlassen.

Wollte nicht Erdogan Gülen eintauschen?
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon sünnerklaas » Di 14. Aug 2018, 16:31

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:26)

Recht muss Recht bleiben. Da kann man sich nicht auf Handel einlassen.


Egal, was Erdogan jetzt macht, er wird sein Gesicht verlieren. Inzwischen werden ja mehr oder weniger die Banken gestürmt und die Läden durch Touristen leer gekauft.

Wäre Trump konsequent, würde er nach dem wirtschaftlichen Kollaps der Türkei die kurdische Autonomieregion im Norden des Iraks als unabhängiger Staat anerkennen und dafür sorgen, dass die türkischen Truppen aus den kurdischen Regionen Syriens verschwinden. Für die Türkei wäre ein unabhängiger Kurdenstaat nicht nur eine epochale Niederlage, es wäre eine der schlimmstmöglichen Demütigungen.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon sünnerklaas » Di 14. Aug 2018, 16:32

Audi hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:29)

Wollte nicht Erdogan Gülen eintauschen?


Den bekommt er nicht. Höchstens als Nachfolger.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Di 14. Aug 2018, 16:42

sünnerklaas hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:31)

Egal, was Erdogan jetzt macht, er wird sein Gesicht verlieren. Inzwischen werden ja mehr oder weniger die Banken gestürmt und die Läden durch Touristen leer gekauft.

Wäre Trump konsequent, würde er nach dem wirtschaftlichen Kollaps der Türkei die kurdische Autonomieregion im Norden des Iraks als unabhängiger Staat anerkennen und dafür sorgen, dass die türkischen Truppen aus den kurdischen Regionen Syriens verschwinden. Für die Türkei wäre ein unabhängiger Kurdenstaat nicht nur eine epochale Niederlage, es wäre eine der schlimmstmöglichen Demütigungen.

Das wäre total bekloppt. Die Kurden sind für US-Zwecke ohne Staat viel nützlicher. Ebenso eine intakte, US-gefälligere Türkei anstelle einer ewigen Krisenregion mit guten Gründen, die US-Politik dauerhaft nicht zu mögen. Es wäre das Ende der Nato und Russland ist ja auch noch da.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Di 14. Aug 2018, 16:43

Audi hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:29)

Wollte nicht Erdogan Gülen eintauschen?

Nein. Gülen ist ein erledigtes Problem.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Audi » Di 14. Aug 2018, 16:49

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:43)

Nein. Gülen ist ein erledigtes Problem.

Putschversuch in der Türkei
Erdogan bietet inhaftierten US-Pastor im Tausch gegen Gülen an

http://www.spiegel.de/politik/ausland/r ... 70427.html
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Di 14. Aug 2018, 16:55

Audi hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:49)

Putschversuch in der Türkei
Erdogan bietet inhaftierten US-Pastor im Tausch gegen Gülen an

http://www.spiegel.de/politik/ausland/r ... 70427.html

Wir werden Brunson verurteilen, hiess es. Und danach erst ausliefern. Das wäre der korrekt mögliche Ablauf. Das Gesetz muss schon gelten.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon zollagent » Di 14. Aug 2018, 18:12

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(14 Aug 2018, 17:55)

Wir werden Brunson verurteilen, hiess es. Und danach erst ausliefern. Das wäre der korrekt mögliche Ablauf. Das Gesetz muss schon gelten.

Wessen Gesetz? Das der Autokraten? Oder das der Geiselnehmer?
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon King Kong 2006 » Mi 15. Aug 2018, 23:42

Katar hat die Spendierhosen an. Immerhin hat man einen gemeinsamen Gegner. Die Saudis.

Währungskrise

Türkei soll 15 Milliarden Dollar Unterstützung von Katar erhalten

Die türkische Wirtschaft droht zu kollabieren. Beistand könnte das Land nun von Katar bekommen. Das Golfemirat sagte Erdogan Investitionen von 15 Milliarden Dollar zu, wie dessen Sprecher mitteilte.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/sozial ... 23375.html


Das kommt nicht von ungefähr. Katar hat die Unterstützung der Türkei im Konflikt mit Saudi-Arabiens und dessen Versuch die arabische Halbinsel zu dominieren. Die Türkei schickte Truppen nach Katar, ein Zeichen an Saudi-Arabien. 3000 türkische Militärangehörige sollen vor Ort sein, weitere 2000 können folgen.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Mi 15. Aug 2018, 23:57

King Kong 2006 hat geschrieben:(16 Aug 2018, 00:42)

Katar hat die Spendierhosen an. Immerhin hat man einen gemeinsamen Gegner. Die Saudis.



Das kommt nicht von ungefähr. Katar hat die Unterstützung der Türkei im Konflikt mit Saudi-Arabiens und dessen Versuch die arabische Halbinsel zu dominieren. Die Türkei schickte Truppen nach Katar, ein Zeichen an Saudi-Arabien. 3000 türkische Militärangehörige sollen vor Ort sein, weitere 2000 können folgen.

Übrigens auch so eine Sauerei, zu der man in unserer Politik wenig konkretes hört: Ohne Lieferungen der Türkei und des Iran hätten wir in Katar eine humanitäre Katastrophe.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon King Kong 2006 » So 19. Aug 2018, 12:29

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(16 Aug 2018, 00:57)

Übrigens auch so eine Sauerei, zu der man in unserer Politik wenig konkretes hört: Ohne Lieferungen der Türkei und des Iran hätten wir in Katar eine humanitäre Katastrophe.


Oman, das als fortschrittlichstes Land der arabischen Halbinsel gilt, ist in der Frage Katar ebenso auf der Linie der Türkei und Irans.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon H2O » Mo 20. Aug 2018, 07:33

King Kong 2006 hat geschrieben:(19 Aug 2018, 13:29)

Oman, das als fortschrittlichstes Land der arabischen Halbinsel gilt, ist in der Frage Katar ebenso auf der Linie der Türkei und Irans.


Wenn sich die Türkei als Glückbringer im Nahen Osten erweisen sollte, dann sollte man sie von allen unnötigen Verbindungen zur EU befreien. Denn in Europa ist die Türkei kein Glücksbringer, sondern eine Quelle immer wieder auflebenden Streites.

Seit den völlig unnötigen Schikanen der Türkei gegen die Bundeswehr, die sich zum Kampf gegen die Mörderbande IS auf türkischen Flughäfen befand, ist für mich der Staat Türkei vom Verbündeten zum Gegner geworden. Meine türkischen Freunde dürften auch nur noch unsichtbar den Kopf über dieses feindselige Gehabe der Türkei schütteln. Unsichtbar schon deshalb, um nicht gleich im Knast zu landen. Wertegemeinschaft und Suche nach Harmonie in den staatlichen Beziehungen zu Deutschland war einmal.

Im Nahen Osten stehen sich mindestens 5 Parteien wechselseitig unversöhnlich gegenüber, mit zeitweiser Duldung. Deutschland und die EU sollten sich nicht in diese schon uralten Streitigkeiten verwickeln lassen.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 20. Aug 2018, 08:19

H2O hat geschrieben:(20 Aug 2018, 08:33)

Wenn sich die Türkei als Glückbringer im Nahen Osten erweisen sollte, dann sollte man sie von allen unnötigen Verbindungen zur EU befreien. Denn in Europa ist die Türkei kein Glücksbringer, sondern eine Quelle immer wieder auflebenden Streites.

Seit den völlig unnötigen Schikanen der Türkei gegen die Bundeswehr, die sich zum Kampf gegen die Mörderbande IS auf türkischen Flughäfen befand, ist für mich der Staat Türkei vom Verbündeten zum Gegner geworden. Meine türkischen Freunde dürften auch nur noch unsichtbar den Kopf über dieses feindselige Gehabe der Türkei schütteln. Unsichtbar schon deshalb, um nicht gleich im Knast zu landen. Wertegemeinschaft und Suche nach Harmonie in den staatlichen Beziehungen zu Deutschland war einmal.

Im Nahen Osten stehen sich mindestens 5 Parteien wechselseitig unversöhnlich gegenüber, mit zeitweiser Duldung. Deutschland und die EU sollten sich nicht in diese schon uralten Streitigkeiten verwickeln lassen.


Gabriel warnt vor einer isolierten Türkei. Sie könne nach der Atombombe greifen, um sich wie andere Staaten "unangreifbar" zu machen.

Letztendlich sind manche Entwicklungen einfach nicht aufzuhalten. Zeiten ändern sich. Mit ihnen die Umstände und damit auch die Protagonisten. Wir haben keinen Kalten Krieg mehr. Keine Sowjetunion und eine sich in Bewegung befindende Region Vorderasien.

Die Türkei ist nunmal ein asiatisches Land. Es ist logisch, das diese Region massgebliches Element in der Politik der Türkei ist. Eine EU-Mitgliedschaft war immer unrealistisch und hatte seine Idee aus dem Kalten Krieg.
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon H2O » Mo 20. Aug 2018, 08:38

King Kong 2006 hat geschrieben:(20 Aug 2018, 09:19)

Gabriel warnt vor einer isolierten Türkei. Sie könne nach der Atombombe greifen, um sich wie andere Staaten "unangreifbar" zu machen.

Letztendlich sind manche Entwicklungen einfach nicht aufzuhalten. Zeiten ändern sich. Mit ihnen die Umstände und damit auch die Protagonisten. Wir haben keinen Kalten Krieg mehr. Keine Sowjetunion und eine sich in Bewegung befindende Region Vorderasien.

Die Türkei ist nunmal ein asiatisches Land. Es ist logisch, das diese Region massgebliches Element in der Politik der Türkei ist. Eine EU-Mitgliedschaft war immer unrealistisch und hatte seine Idee aus dem Kalten Krieg.


Herr Gabriel hat kein gefestigtes Bild seiner Umwelt. Die gestaltet er nach Gefühl und Wellenschlag. Einfach weghören!

Weder Iran noch Türkei sind in Ihrem Sinne asiatisch. In beiden Ländern gibt es Menschen, die vor diesem Menschenbild fliehen... aus Iran seit fast 5 Jahrzehnten, aus der Türkei politisch bedingt seit 5 Jahren. Die verschärfte Islamisierung hat diese Länder vom Westen entfremdet.

Wir sehen ja, wie wir uns im eigenen Lande damit auseinander setzen müssen. Islamismus ist nicht asiatisch, sondern eine menschenfeindliche Ideologie. So wie Nazitum keine westliche Eigenart ist. Mit beidem sollte Europa sich in aller Härte auseinander setzen, sie im eigenen Saft schmoren lassen. Es gibt bessere Regionen, mit denen sich der Austausch unter dem Strich lohnt... auch in Asien!
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 20. Aug 2018, 12:23

H2O hat geschrieben:(20 Aug 2018, 09:38)

Herr Gabriel hat kein gefestigtes Bild seiner Umwelt. Die gestaltet er nach Gefühl und Wellenschlag. Einfach weghören!

Weder Iran noch Türkei sind in Ihrem Sinne asiatisch. In beiden Ländern gibt es Menschen, die vor diesem Menschenbild fliehen... aus Iran seit fast 5 Jahrzehnten, aus der Türkei politisch bedingt seit 5 Jahren. Die verschärfte Islamisierung hat diese Länder vom Westen entfremdet.

Wir sehen ja, wie wir uns im eigenen Lande damit auseinander setzen müssen. Islamismus ist nicht asiatisch, sondern eine menschenfeindliche Ideologie. So wie Nazitum keine westliche Eigenart ist. Mit beidem sollte Europa sich in aller Härte auseinander setzen, sie im eigenen Saft schmoren lassen. Es gibt bessere Regionen, mit denen sich der Austausch unter dem Strich lohnt... auch in Asien!


Mir liegt es fern mit dem Vokabular "asiatisch" oder "europäisch" eine Wertvorstellung zu verknüpfen. Es ist schon richtig, sonst müßte man ja auch Genozide und unentwegte Kriege irgendwie dem europäischen Menschenbild dazugehörend sehen. Das ist natürlich Quatsch.

Dennoch ist die Türkei geografisch nunmal eher in Asien angesiedelt. Der größte Teil der Bevölkerung, Türkei-Türken, Kurden usw. sind asiatische Völker, mit asiatischer Geschichte. Das muß nicht im Widerspruch dazu stehen, daß die Türkei natürlich auch mit Afrika Kontakte unterhält, mit den USA oder eben mit Europa. Das war ja schon vor Jahrhunderten so. Auch sind die Auswanderer, ebenso wie im Falle Irans, in großer Zahl in Europa oder den USA. D.h. es gibt Kontakte und Verschmelzungen. Aber die Türkei ist eben kein Land Mitteleuropas, Nordeuropas, Westeuropas, Südeuropas oder Osteuropas. Und man sieht schon an Staaten wie Ungarn und Co. wie schwierig das ist. Aus Sicht Europas, der EU ist eine weitere Vergrößerung kein Zugewinn. Auch die Türkei wird viele Ambitionen als Großmacht begraben müssen, wenn sie der EU beigetreten wäre. Ob das gut oder schlecht wäre und für wen ist eine andere Frage.

Ganz ohne Wertung ist die Türkei viel eher ein asiatisches Land, denn ein europäisches. Das wird bei all dem Gehuddel um den EU-Beitritt und der großen türkischen Gemeinde in Deutschland einfach vergessen. Das steht nicht im Widerspruch zu Hochhäusern und englischsprachigen Menschen in der Türkei. Das macht die Türkei und auch den Iran, oder auch China oder Indien nicht zu einem europäischen Land. Ganz ohne Wertung dabei.

Die Musik spielt meist direkt neben einem. Für die Türkei ist es wichtiger, was Russland, Iran, oder Syrien und Irak machen als was in Dänemark oder Irland passiert. Beides kann natürlich parallel geschehen. Handel, Diplomatie. Aber man hat offenbar völlig vergessen, wo die Türkei liegt. Eben nicht in Mitteleuropa. Vielleicht hat man sich von der großen türkischen Gemeinde in Deutschland irgendwie irritieren lassen. Also, die Türkei wäre ein Land Mitteleuropas. Aber das sind Auswanderer und Deutsche in der 3. oder 4. Generation. Und selbst die sind nicht alle angekommen. Das ist nicht mehr "die Türkei".
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon H2O » Mo 20. Aug 2018, 13:24

Ich habe europäisch und asiatisch überhaupt nicht als Wertung verstanden, sondern als Zuordnung bestimmter Handlungsweisen. Das ist jetzt ja geklärt.

Nein, nicht allein die Anwesenheit von Türken in Europa würde aus der Türkei ein europäisches Land machen. Dahinter steht schon erheblich mehr. Es gab eine Zeit, in der türkische Herrschaft rund um das Schwarze Meer bis an die Grenzen des HRR sagte, was zu tun war. Eine Strategie dabei: Eine Herrschaftsklasse einheimischer zum Islam übergetretener Eliten mit der Verwaltung der eroberten Gebiete betrauen. Nachdem das Osmanische Reich ab zu bröckeln begann, sind diese Eliten mitsamt Gefolge in die Türkei abgewandert. Heute ist also ein ganz erheblicher Teil der Türken kein Wandervolk, das im 10. Jahrhundert "aus der Tiefe Asiens" kommend das Byzantinische Reich beerbt hat. Eine weitere Strategie der Osmanen bestand in der sogenannten Knabenlese. Familien in den eroberten Gebieten mußten den Osmanen einen noch kleinen Sohn übergeben, der von türkischen Eltern aus dem Osmanischen Heer liebevoll aufgezogen wurde. Daraus entstanden Eliteeinheiten der osmanischen Armee, die sogenannten Janitscharen... die zu hohen Ehren gelangen konnten, Töchter aus hoch angesehenen türkischen Familien heirateten.

Was sagt uns das denn? Die lange osmanische Herrschaft hat zu einer systematischen Zufuhr europäischen Blutes in das türkische Volk geführt. Und wenn Sie heute in der westlichen Türkei reisen, dann fällt das auch ins Auge wie unterschiedlich die Menschentypen dort sind. Der legendäre Atatürk wurde in Saloniki geboren, als der Norden des heutigen Griechenlands noch türkisch war. Das war der Mann, der die bis dahin arabische Schrift der Türken durch lateinische Buchstaben darstellen ließ, und der systematisch "mehr Westen" verordnet hatte.

In Diskussionen über den geplanten EU-Beitritt der Türkei wurde auch gern gesagt, daß doch nur die westliche Provinz um Edirne herum europäisch sei. Und dann beginne Asien. Das ist aber eine geographische Festlegung, die nichts mit den Menschen zu tun hat, die dort leben. Dort sind die Verhältnisse viel verzwickter, wie ich Ihnen hoffentlich näher bringen konnte.

Ich habe mit sehr gebildeten Türken zusammen gearbeitet, war Gast in ihren Familien. Ich kann Ihnen versichern, daß die völlig europäisch funktionierten: Die Frau des Hauses hielt den Daumen auf der Kasse und erzog die Kinder, achtete auf deren Leistungen in der Schule. Und "wir Männer" waren auch für jeden Blödsinn zu haben.

Das alles ändert natürlich nichts daran, daß sich unser Land von einem türkischen Flegel im höchsten Staatsamt nicht beschimpfen lassen muß, daß unsere Soldaten zuletzt böswilligen Schikanen ausgesetzt waren. Im Leben sieht man sich mehrfach, und nun ist das wohl so weit. Da ist ein Preis zu zahlen...
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Re: Die Türkei nach dem Ende des Kalten Krieges - Vorderasien statt EU?

Beitragvon King Kong 2006 » Mo 20. Aug 2018, 13:52

H2O hat geschrieben:(20 Aug 2018, 14:24)

Ich habe europäisch und asiatisch überhaupt nicht als Wertung verstanden, sondern als Zuordnung bestimmter Handlungsweisen. Das ist jetzt ja geklärt.

Nein, nicht allein die Anwesenheit von Türken in Europa würde aus der Türkei ein europäisches Land machen. Dahinter steht schon erheblich mehr. Es gab eine Zeit, in der türkische Herrschaft rund um das Schwarze Meer bis an die Grenzen des HRR sagte, was zu tun war. Eine Strategie dabei: Eine Herrschaftsklasse einheimischer zum Islam übergetretener Eliten mit der Verwaltung der eroberten Gebiete betrauen. Nachdem das Osmanische Reich ab zu bröckeln begann, sind diese Eliten mitsamt Gefolge in die Türkei abgewandert. Heute ist also ein ganz erheblicher Teil der Türken kein Wandervolk, das im 10. Jahrhundert "aus der Tiefe Asiens" kommend das Byzantinische Reich beerbt hat. Eine weitere Strategie der Osmanen bestand in der sogenannten Knabenlese. Familien in den eroberten Gebieten mußten den Osmanen einen noch kleinen Sohn übergeben, der von türkischen Eltern aus dem Osmanischen Heer liebevoll aufgezogen wurde. Daraus entstanden Eliteeinheiten der osmanischen Armee, die sogenannten Janitscharen... die zu hohen Ehren gelangen konnten, Töchter aus hoch angesehenen türkischen Familien heirateten.

Was sagt uns das denn? Die lange osmanische Herrschaft hat zu einer systematischen Zufuhr europäischen Blutes in das türkische Volk geführt. Und wenn Sie heute in der westlichen Türkei reisen, dann fällt das auch ins Auge wie unterschiedlich die Menschentypen dort sind. Der legendäre Atatürk wurde in Saloniki geboren, als der Norden des heutigen Griechenlands noch türkisch war. Das war der Mann, der die bis dahin arabische Schrift der Türken durch lateinische Buchstaben darstellen ließ, und der systematisch "mehr Westen" verordnet hatte.

In Diskussionen über den geplanten EU-Beitritt der Türkei wurde auch gern gesagt, daß doch nur die westliche Provinz um Edirne herum europäisch sei. Und dann beginne Asien. Das ist aber eine geographische Festlegung, die nichts mit den Menschen zu tun hat, die dort leben. Dort sind die Verhältnisse viel verzwickter, wie ich Ihnen hoffentlich näher bringen konnte.

Ich habe mit sehr gebildeten Türken zusammen gearbeitet, war Gast in ihren Familien. Ich kann Ihnen versichern, daß die völlig europäisch funktionierten: Die Frau des Hauses hielt den Daumen auf der Kasse und erzog die Kinder, achtete auf deren Leistungen in der Schule. Und "wir Männer" waren auch für jeden Blödsinn zu haben.

Das alles ändert natürlich nichts daran, daß sich unser Land von einem türkischen Flegel im höchsten Staatsamt nicht beschimpfen lassen muß, daß unsere Soldaten zuletzt böswilligen Schikanen ausgesetzt waren. Im Leben sieht man sich mehrfach, und nun ist das wohl so weit. Da ist ein Preis zu zahlen...


Natürlich ist die Türkei ein Schmelztiegel. Man braucht sich nur Zentralasiaten anzusehen und die Türken in der Türkei. Da gibt es schon Unterschiede im Äußeren. Das hat natürlich mit der Verschmelzung der Völker in Anatolien zu tun. Das sieht man ja schon rein optisch.

Dennoch sehe ich die Feststellung, daß die Türkei (sagen wir mal zu 95 %) in Asien liegt, nicht nur als geografische Feststellung an. Auch, wenn mal ein großer Teil des Balkans in der Geschichte des Osmanischen Reiches dazugehörte. Das gilt übrigens auch für Afrika. Deshalb macht es die Türkei auch nicht zu einem afrikanischen Land. ;)

Die Türkei muß eben damit arbeiten, daß sie in Asien liegt. Mit seinen Nachbarn, mit dem Kaukasus und Russland, das nur das Schwarze Meer trennt. Das bedingt automatisch ein kulturelles, wirtschaftliches und politisches Befinden, Arbeiten und Leben, das eine ganz andere Qualität und Bedürfnisse hat als mit anderen Kontinenten. Auch hier, ganz wertfrei.

Im Rahmen der Verlagerung von politischen und wirtschaftlichen Zentren (z.B. Fernost China u. Co.) gehört es auch dazu, das die Türkei sich neu orientiert. D.h. nicht, das dies auf Kosten der Kontakte zu Europa sein muß! Nur das Schlagwort Globalisierung darf nicht darüber hinwegtäuschen, das es wichtig bleibt, wo man sich befindet.

Europäisch "tickenden" Familien findet man auch im Iran. Oder Südkorea. Aber das kann doch nicht die Umstände (siehe oben) aufheben? Und warum muß das konträr dazustehen? Ich glaube, wir reden etwas aneinander vorbei. Ich meine primär, das das politische Handeln natürlich darauf ausgerichtet ist, wo man beheimatet ist. Nicht kulturell, sondern in diesem Fall geografisch. Selbst, wenn in der Türkei vieles europäisch tickt oder ticken würde. Kulturell. Dann wird die Türkei weiterhin ihre Politik gegenüber Syrien, Libanon, Irak, Iran, Russland, Kaukasus, Persischer Golf, Afrika usw. ausrichten. Und nachdem der EU-Beitritt eh praktisch vom Tisch ist, immer stärker!

Der Threadtitel bedeutet für mich nicht "europäische Werte", wenn man es so formulieren möchte, kontra "asiatische Werte". Ich meine eher das politische Gebilde EU wird für die Türkei immer weniger "betretbar". Die großen politischen Umwälzung im Vorderen Orient zwingen die Türkei den Fokus darauf zu richten. Und bieten auch Expansions- und Gestaltungsraum für die Türkei. Ganz losgelöst von kulturellen oder "blutsmäßigen" Befindlichkeiten.
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