Wofür brennen?

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schokoschendrezki
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Wofür brennen?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 15. Mai 2018, 13:35

... fragen sich eine ganze Reihe insbesondere junger Autoren. Allen voran der heftig umstrittene Sohn des bekannten Schriftstellers Botho Strauß. Der inzwischen ebenso bekannte Simon Strauß. "Wer soll euch denn noch entzünden" heißt bezeichnenderweise eines seiner Artikel. Es geht zentral um den Mangel an Emotion, Hingabe, Aufopferungswillen, Dramatik, großen Gefühlen etc. in der modernen durchtechnisierten und rationalisierten Welt. Und, um es vorweg zu nehmen, grundsätzlich halte ich diese Fragestellung für sehr sehr berechtigt und angebracht.

Nur: Für die Suchenden nach einer solchen Lebensherausforderung erweist es sich in Deutschland als fatal, dass sich beinahe unabweisbar eine Vorlage dafür in den Blick rückt: Das sogenannte "Augusterlebnis". Die unglaublich euphorische und patriotische Kriegsbegeisterung der Deutschen beim Beginn der Ersten Weltkriegs. Das und die in diesem Sinne entstandenen Bücher, allen voran Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" werden zumindest dem Geiste nach begierig aufgegriffen. Männlichkeit, Tapferkeit, Kampfesmut und ähnlich pathetische Vokabeln erleben eine Renaissance. Und dies öfter auch gepaart mit sozialer Abgehobenheit und Dandytum. Berühmt geworden ist ein (zumindest angeblich) geführtes Gespräch zwischen Popliteraten bei einem Kaminabend im todschicken Adlon-Hotel, bei dem, nach Gesprächen "um Klamotten, Promis und Flusskrebssülze" der Satz gefallen sein soll:
"Wäre das hier Cambridge und nicht Berlin und wäre es jetzt der Herbst des Jahres 1914 und nicht der Frühling des Jahres 1999, wären wir die ersten, die sich freiwillig meldeten."

Egal ob das nun tatsächlich so ablief oder nicht: Es macht deutlich, worum es geht. Neuentdeckung von Volk und Nation. Hass auf Linksliberalismus im Namen einer Sehnsucht nach "echter" Hingabe.


Gibt es andere, positive, antimilitaristische Ansätze? Die sogenannten antikolonialen "Befreiungsbewegungen" der 60, 70 er Jahre sind allesamt, ohne Ausnahme "verbrannt". Die ehemals marxistische angolanische "Befreiungsbewegung" MPLA und ihr Chef Dos Santos ist zu einem Klub schwerreicher korrupter Millionäre verkommen. Und kaum anders siehts in Südafrika, Nikaragua, Gaza/Westjordan, Simbabwe usw. usf. aus. Von einem Befreiungspathos ist absolut nirgendwo in der Welt etwas außer Gewalt, Brutalität, Habgier und Verbrechen übrig geblieben.

Also: Wofür brennen?

Lesetipp und Anlass für diesen Thread: http://www.deutschlandfunk.de/herd-heim ... _id=412525
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon immernoch_ratlos » Mi 16. Mai 2018, 09:48

Auch wenn es womöglich lächerlich auf einige wirken mag - man kann auch für die Sicherung des Überlebens künftiger Generationen "brennen". Was kann es erstrebenswerteres geben, als sich für Ziele wie Erhalt einer lebenswerten Umwelt einzusetzen ?

Ein Großteil der heute stattfindenden weltweiten Auseinandersetzungen hat seine Wurzeln in der Unvereinbarkeit von Übernutzung bei gleichzeitiger fortschreitender Überbevölkerung.

Die "Waffen" sind der Gebrauch von Logik und Verstand - Erkennen von Fehlentwicklungen - alternative Lösungen. Der Versuch dies über Ideologie und deren Geschwister - Religionen zu bewirken, kann mindestens als gescheitert angesehen werden.

Die Gegner in einem solchen "Kampf" sind zahlreich. Die "Waffen" - also nicht mehr, aber auch nicht weniger, als der klare unvoreingenommenen Verstand - sind verhältnismäßig schwach im Angesicht zahlreicher widersprüchlicher Interessen.

Es ist wohl kein Zufall, das eine solche Einstellung, im Lager von Extremisten jeglicher Couleur, zu allem entschlossene Feinde findet.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 16. Mai 2018, 10:03

immernoch_ratlos hat geschrieben:(16 May 2018, 10:48)

Auch wenn es womöglich lächerlich auf einige wirken mag - man kann auch für die Sicherung des Überlebens künftiger Generationen "brennen". Was kann es erstrebenswerteres geben, als sich für Ziele wie Erhalt einer lebenswerten Umwelt einzusetzen ?

Ein Großteil der heute stattfindenden weltweiten Auseinandersetzungen hat seine Wurzeln in der Unvereinbarkeit von Übernutzung bei gleichzeitiger fortschreitender Überbevölkerung.

Die "Waffen" sind der Gebrauch von Logik und Verstand - Erkennen von Fehlentwicklungen - alternative Lösungen. Der Versuch dies über Ideologie und deren Geschwister - Religionen zu bewirken, kann mindestens als gescheitert angesehen werden.

Die Gegner in einem solchen "Kampf" sind zahlreich. Die "Waffen" - also nicht mehr, aber auch nicht weniger, als der klare unvoreingenommenen Verstand - sind verhältnismäßig schwach im Angesicht zahlreicher widersprüchlicher Interessen.

Es ist wohl kein Zufall, das eine solche Einstellung, im Lager von Extremisten jeglicher Couleur, zu allem entschlossene Feinde findet.

Logik und Verstand oder genauer die Beschränkung darauf sind womöglich gerade das Problem. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Sowohl aus Sicht von Verstand, Logik, Aufklärung wie auch aus einer darauf und einem humanistischen Weltbild aufbauenden Moral, ist der Einsatz für den Erhalt (oder eigentlich eher die Wiederherstellung) einer lebenswerten Umwelt absolut berechtigt. Es scheint aber ein gewaltiges Defizit an all jenem zu geben, was neben Verstand und Logik eben auch den Menschen auszeichnet. Die weltweite Renaissance der Religionen wie auch ein Phänomen wie Simon Strauß in Deutschland sprechen dafür.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon Uffzach » Mi 16. Mai 2018, 16:08

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 May 2018, 14:35)
Also: Wofür brennen?


Ich empfehle: Für nichts. Und ich empfehle stattdessen: kühle Vernunft und kühlen Verstand. Das Gute an Letzterem ist, dass es sich dafür nicht brennen lässt, weil man raus ist, wenn man "brennt". :cool:
Für die Freiheit des sprachlichen Ausdrucks !
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon watisdatdenn? » Do 17. Mai 2018, 03:29

"Für etwas brennen" lässt sich mit "hoher Dopaminwert" übersetzen.

Wer für nichts brennt (oder zumindest "glimmt") hat zu niedrige Dopaminwerte und ist folglich antriebslos.

Wer zu viel für etwas brennt kann in Manie/Sucht verfallen.

Ich persönlich brenne für viele Dinge.
Ja das hat auch schon mal manische Züge bei mir.


Zur eigentliche frage wofür man brennen soll:
Muss jeder für sich wissen.
Ich persönlich versuche in erster Linie für Dinge zu brennen die mir und meinem Umfeld weiterhelfen.
Weiter logisch gedacht versuchte ich für Dinge zu brennen die meiner Stadt, meinen Land und der ganzen Menschheit weiterhelfen (in der Reihenfolge).

Optimalerweise sind das Dinge die in allen Bereichen (ich, direktes Umfeld, Stadt, Land, Welt) hilfreich sind.
Z.b. Erneuerbare Energien. Autonomes fahren. Digitale Demokratie. Robotik. Künstliche Intelligenz. Aufklärung usw..

Es gibt auch Dinge für die ich brenne die nur maximal bis zum Level "Land" Sinn machen, aber der Welt nicht schaden:
Runen. Heidentum. Barbarazweige! Kultur. Maibaum. Lokale Geschichte. Usw..
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon Bielefeld09 » Do 17. Mai 2018, 03:41

watisdatdenn? hat geschrieben:(17 May 2018, 04:29)

"Für etwas brennen" lässt sich mit "hoher Dopaminwert" übersetzen.

Wer für nichts brennt (oder zumindest "glimmt") hat zu niedrige Dopaminwerte und ist folglich antriebslos.

Wer zu viel für etwas brennt kann in Manie/Sucht verfallen.

Ich persönlich brenne für viele Dinge.
Ja das hat auch schon mal manische Züge bei mir.


Zur eigentliche frage wofür man brennen soll:
Muss jeder für sich wissen.
Ich persönlich versuche in erster Linie für Dinge zu brennen die mir und meinem Umfeld weiterhelfen.
Weiter logisch gedacht versuchte ich für Dinge zu brennen die meiner Stadt, meinen Land und der ganzen Menschheit weiterhelfen (in der Reihenfolge).

Optimalerweise sind das Dinge die in allen Bereichen (ich, direktes Umfeld, Stadt, Land, Welt) hilfreich sind.
Z.b. Erneuerbare Energien. Autonomes fahren. Digitale Demokratie. Robotik. Künstliche Intelligenz. Aufklärung usw..

Es gibt auch Dinge für die ich brenne die nur maximal bis zum Level "Land" Sinn machen, aber der Welt nicht schaden:
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Ich brenne für Menschen,
was gibt es wichtigeres?
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon odiug » Do 17. Mai 2018, 05:37

schokoschendrezki hat geschrieben:(16 May 2018, 11:03)

Logik und Verstand oder genauer die Beschränkung darauf sind womöglich gerade das Problem. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Sowohl aus Sicht von Verstand, Logik, Aufklärung wie auch aus einer darauf und einem humanistischen Weltbild aufbauenden Moral, ist der Einsatz für den Erhalt (oder eigentlich eher die Wiederherstellung) einer lebenswerten Umwelt absolut berechtigt. Es scheint aber ein gewaltiges Defizit an all jenem zu geben, was neben Verstand und Logik eben auch den Menschen auszeichnet. Die weltweite Renaissance der Religionen wie auch ein Phänomen wie Simon Strauß in Deutschland sprechen dafür.

Weder aus dem Verstand noch aus der Logik lassen sich Moral oder ein humanistisches Weltbild ableiten.
Gerade das hat ja die Aufklärung gezeigt.
Du brauchst dafür ... nennen wir das mal eine "übergeordnete Instanz" ... die Vernunft.
Nur sie kann entgegen dem Verstand und der Logik so was wie Moral rechtfertigen.
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Aber wir sind edel und gut, gerecht und unbestechlich und sorgen uns innig um das Wohlergehen unsrer Foristen.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon odiug » Do 17. Mai 2018, 05:48

Zum Thema:
Ich liebe langweilige Politiker ohne Profilneurose.
Es lebt sich als Ottonormalverbraucher einfach angenehmer und länger mit diesen, als mit den von Pathos und der Sehnsucht nach "echter Hingabe" zerfressenen Staatenlenkern,die nach "ihrem" Platz in den Geschichtsbüchern streben.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Do 17. Mai 2018, 06:43

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 May 2018, 14:35)
Gibt es andere, positive, antimilitaristische Ansätze? Die sogenannten antikolonialen "Befreiungsbewegungen" der 60, 70 er Jahre sind allesamt, ohne Ausnahme "verbrannt". Die ehemals marxistische angolanische "Befreiungsbewegung" MPLA und ihr Chef Dos Santos ist zu einem Klub schwerreicher korrupter Millionäre verkommen. Und kaum anders siehts in Südafrika, Nikaragua, Gaza/Westjordan, Simbabwe usw. usf. aus. Von einem Befreiungspathos ist absolut nirgendwo in der Welt etwas außer Gewalt, Brutalität, Habgier und Verbrechen übrig geblieben.

Also: Wofür brennen?

Dass national orientiertes Befreiungsgedöns kein guter Bezugspunkt für Außenstehende ist, dürfte jedem klar sein. Wozu sollte man sich so einer Geschichte anschließen? Es gibt doch interessantere Ziele im Leben als den Austausch von Obrigkeiten.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 17. Mai 2018, 07:50

odiug hat geschrieben:(17 May 2018, 06:37)

Weder aus dem Verstand noch aus der Logik lassen sich Moral oder ein humanistisches Weltbild ableiten.
Gerade das hat ja die Aufklärung gezeigt.
Du brauchst dafür ... nennen wir das mal eine "übergeordnete Instanz" ... die Vernunft.
Nur sie kann entgegen dem Verstand und der Logik so was wie Moral rechtfertigen.

Kant, "Metaphysik der Sitten", "kategorischer Imperativ" usw. ... das ist natürlich (wie alle philosophischen Fragen) interessant. Ich habe das Thema vielleicht auch etwas unscharf benannt.

Deshalb nochmal ein Zitat aus dem oben verwiesenen Feature:
Brennender Durst nach Intensität und Identität. Sehnsucht nach - ja was? Reibung? Dahinter lauert panische Angst vor Langeweile, Festanstellung, Routine, Ehe. ... Der einzige Kampf, der jetzt lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herzen, zu viel Gelände ist verloren gegangen an den Zynismus, der seine kalten Finger um alles legt. ... Die Jugend leidet an Mut- und Wutlosigkeit ...


Ist das wirklich so? Ich selbst und persönlich sehe es weit eher so wie es in den meisten Beiträgen hier dargelegt wird: Aufklärung, Verstand, Wissen anstelle von "Brennen". Aber ich will wissen: Spricht Simon Strauß tasächlich für seine Generation der ab Mitte 80 geborenen? Artikuliert er verbreitete oder nur persönliche Sehnsüchte?

Und dann natürlich: Sind diese Sehnsüchte in ein politisches Links-Rechts-Schema einzuordnen? (Darüber wird ja in zahlreichen Feuilleton-Artikeln eine heftige Auseinandersetzung geführt).
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon odiug » Do 17. Mai 2018, 08:02

schokoschendrezki hat geschrieben:(17 May 2018, 08:50)

Kant, "Metaphysik der Sitten", "kategorischer Imperativ" usw. ... das ist natürlich (wie alle philosophischen Fragen) interessant. Ich habe das Thema vielleicht auch etwas unscharf benannt.

Deshalb nochmal ein Zitat aus dem oben verwiesenen Feature:


Ist das wirklich so? Ich selbst und persönlich sehe es weit eher so wie es in den meisten Beiträgen hier dargelegt wird: Aufklärung, Verstand, Wissen anstelle von "Brennen". Aber ich will wissen: Spricht Simon Strauß tasächlich für seine Generation der ab Mitte 80 geborenen? Artikuliert er verbreitete oder nur persönliche Sehnsüchte?

Und dann natürlich: Sind diese Sehnsüchte in ein politisches Links-Rechts-Schema einzuordnen? (Darüber wird ja in zahlreichen Feuilleton-Artikeln eine heftige Auseinandersetzung geführt).

Wir diskutieren darüber, also scheint es ein Thema für einige zu sein.
Ich spreche jetzt nur mal für mich ... ich mag langweilige Zeiten.
Kein Krieg, keine Eroberungen, kein auswendig-lernen von Schlachten, ihren Orten und Jahren.
Das finde ich schön ... sowohl für all die Menschen, die nicht hingeschlachtet werden, sowie auch für all die zukünftigen Schüler, die dann nicht "lernen" müssen, was wir so alles gerade verbocken.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Do 17. Mai 2018, 09:33

schokoschendrezki hat geschrieben:(17 May 2018, 08:50)

Kant, "Metaphysik der Sitten", "kategorischer Imperativ" usw. ... das ist natürlich (wie alle philosophischen Fragen) interessant. Ich habe das Thema vielleicht auch etwas unscharf benannt.

Deshalb nochmal ein Zitat aus dem oben verwiesenen Feature:


Ist das wirklich so? Ich selbst und persönlich sehe es weit eher so wie es in den meisten Beiträgen hier dargelegt wird: Aufklärung, Verstand, Wissen anstelle von "Brennen". Aber ich will wissen: Spricht Simon Strauß tasächlich für seine Generation der ab Mitte 80 geborenen? Artikuliert er verbreitete oder nur persönliche Sehnsüchte?

Und dann natürlich: Sind diese Sehnsüchte in ein politisches Links-Rechts-Schema einzuordnen? (Darüber wird ja in zahlreichen Feuilleton-Artikeln eine heftige Auseinandersetzung geführt).

Das sind so Fragen. Sowohl rechts, links, mitte kennen den Drang nach Distinktion als auch den Drang nach Identität. Also erst die Haare färben und allen von seinem Fetisch erzählen, dann mit 100 anderen gemeinsam den Fanschal anziehen und ins Stadion laufen. In der Gruppe (Identität) und mit auffälligen Schuhen, die nicht jeder hat (Distinktion).

Dafür braucht es weder Krieg noch Nation. Mancher trägt seinen Buddhismus oder Judentum zu Distinktionszwecken mit sich rum, andere gehen der Identität mit dem Kollektiv halber gern an Weihnachten in die Kirche.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 18. Mai 2018, 10:13

odiug hat geschrieben:(17 May 2018, 09:02)

Wir diskutieren darüber, also scheint es ein Thema für einige zu sein.
Ich spreche jetzt nur mal für mich ... ich mag langweilige Zeiten.

:p Dem könnte man entgegensetzen, dass die Zeiten ganz so langweilig nicht sind, in denen jemand offen sein Bekenntnis zu Langweiligkeit ausspricht ...

Gestern sah ich in einer TV-Sendung - wie auch schon mehrfach im Real Life ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "Treue kennt keinen Verrat" und drumherum das Wort "Bruderschaft". Und musste feststellen, dass diese Sorte tatsächlich auch vielfach online zum Kauf angeboten wird. Das geht ja schon ein wenig in die Richtung Simon Strauß. Ich stell mich zu blöd an, den Hintergrund ausfindig zu machen. Worauf konkret wird da angespielt? Kann nur mutmaßen. Ein computer game? Kenne mich da null aus.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon ThorsHamar » Fr 18. Mai 2018, 10:17

Uffzach hat geschrieben:(16 May 2018, 17:08)

Ich empfehle: Für nichts. Und ich empfehle stattdessen: kühle Vernunft und kühlen Verstand. Das Gute an Letzterem ist, dass es sich dafür nicht brennen lässt, weil man raus ist, wenn man "brennt". :cool:


...ah, eine Empfehlung zu KI .... läuft doch ... :cool:
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon JJazzGold » Fr 18. Mai 2018, 11:43

schokoschendrezki hat geschrieben:(18 May 2018, 11:13)

:p Dem könnte man entgegensetzen, dass die Zeiten ganz so langweilig nicht sind, in denen jemand offen sein Bekenntnis zu Langweiligkeit ausspricht ...

Gestern sah ich in einer TV-Sendung - wie auch schon mehrfach im Real Life ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift "Treue kennt keinen Verrat" und drumherum das Wort "Bruderschaft". Und musste feststellen, dass diese Sorte tatsächlich auch vielfach online zum Kauf angeboten wird. Das geht ja schon ein wenig in die Richtung Simon Strauß. Ich stell mich zu blöd an, den Hintergrund ausfindig zu machen. Worauf konkret wird da angespielt? Kann nur mutmaßen. Ein computer game? Kenne mich da null aus.


Das ist ein Bikerclub. ;) Wofür das steht, weiß ich auch nicht.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon BlueMonday » Fr 18. Mai 2018, 12:41

schokoschendrezki hat geschrieben:(15 May 2018, 14:35)

Das und die in diesem Sinne entstandenen Bücher, allen voran Ernst Jüngers "In Stahlgewittern" werden zumindest dem Geiste nach begierig aufgegriffen. Männlichkeit, Tapferkeit, Kampfesmut und ähnlich pathetische Vokabeln erleben eine Renaissance.


Ich glaube, das verkennt Ernst Jünger ziemlich. Nun war "In Stahlgewittern" sein Erstlingswerk, aber auch dort ist schon eine gewisse Nüchternheit angelegt, also gerade nicht das kopflose, opfervolle Brennen "für etwas".
Auch nicht das Bewerten, Aburteilen, Verurteilen, saure Moralisieren...

Am besten mal zum Spätwerk "Eumeswil" greifen, wo er die Figur des "Anarchen" herausarbeitet. Das ist im Grunde Jüngers (zeitloses) Motto: sich gerade nicht mitreißen, sich nicht beherrschen zu lassen, sondern seine "eigenen Kriege" zu führen.
Man kann in "Reih und Glied marschieren", eine Uniform tragen und all das. Das sind nur Äußerlichkeiten für Jünger. Worum es geht, ist der Abstand zum Äußeren, den man in seinem Inneren pflegt, seine innere Freiheit.
Freiheit im Sinne von Losgelösheit und Selbstbesitz. Das Gegenteil von Besessenheit.

Also wofür überhaupt brennen? Vor allem für die eigene Sache doch, solange etwas im eigenen Interesse liegt. Ich glaube, das ist auch eine recht zeitgemäße, ja zeitlose Sicht, die schon bei Jünger angelegt war.
Und diesen Weg gehen ja nun auch einige jüngere Menschen, gründen ihre Unternehmen, werden Kreative, Schöpfer, Selbstverwirklicher. Dafür wird man brennen müssen, denn es verlangt viel Brennstoff.
Das Ideal ist der Entrepreneur. Der Unternehmer, der etwas unternimmt, der entscheidet, durchsetzt, der die vorgefundene Umwelt in seinem Sinne behandelt...

Sicherlich gibt es im Gegensatz dazu viel Phlegma in dieser Gesellschaft. Dieses Abwarten, dieses Warten auf andere, auf Wunder, die vom Himmel fallen, auf "die Politik", die Zuwendung, Zuteilung von außen.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 18. Mai 2018, 13:48

Jünger hat sich - wenn auch sehr sehr spät von Büchern wie "In Stahlgewittern" distanziert. Ich habe - gar nicht lange her - eine längere Sendung zu Jünger gehört. https://www.swr.de/swr2/programm/sendun ... index.html Sein ausgeprägter Individualismus vertrug sich natürlich auch nicht mit der Naziideologie. Aber auch bei den in der Sendung zitierten späten Texten meine ich, eher so etwas wie "Rittertum", den "einsamen Ritter" wahrzunehmen als "Individualismus" und eigenständiges Denken im modernen Sinn. Und (wahrscheinlich unfreiwilligerweise) damit auch so etwas wie Don-Quichoterie. Ich schwanke da zwischen Bewunderung und Skepsis. Sich nicht mit Tagespolitik und Internet zu befassen und stattdessen mit einer riesigen Käfersammlung ... das hat schon was.
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Re: Wofür brennen?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 18. Mai 2018, 13:52

Ein anderes interessantes (in dem Fall literarisches) Phänomen ist das der "Ultraromantik". Wiederum ist es ein kleiner Kreis von Autoren, der dafür steht. Aus ihrem "Manifest":
„Wahrheit kann nicht gefunden werden, indem man einen Stift nimmt und versucht, ehrlich zu sein. Wahrheit entsteht durch Fiktionen.“

Das Eindrückliste an dieser Idee: Der nicht totzukriegende Wunsch an und in ihr, dass das Pathos wiederbelebt werden soll. Dass Affekte wieder zählen sollen und nicht ironisiert werden müssen. Das ist der emotionale Kern der Ultraromantik.

https://wortedeswiderstands.org/2017/07/18/ultraromantik-ein-manifest-von-leonhard-hieronymi/
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