Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon frems » Sa 29. Apr 2017, 16:30

Ich greif mal diesen Strang auf, auch wenn er schon etwas älter ist. Ein neuer erschien mir aber auch nicht sinnvoll.

Zuletzt mündete der Streit zwischen Ungarn und der EU-Kommission rund um das umstrittene Hochschulgesetz in einem Vertragsverletzungsverfahren, doch das könnte nun vom Tisch sein. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat zugesagt, alle Auflagen der EU-Kommission erfüllen und Restriktionen insbesondere der Wissenschaftsfreiheit zurücknehmen zu wollen. Das sagte ein Sprecher der konservativen Europäischen Volkspartei (EVP) am Samstag in Brüssel.

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/un ... 45448.html
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unity in diversity
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon unity in diversity » Sa 29. Apr 2017, 16:42

frems hat geschrieben:(29 Apr 2017, 17:30)

Ich greif mal diesen Strang auf, auch wenn er schon etwas älter ist. Ein neuer erschien mir aber auch nicht sinnvoll.


http://www.spiegel.de/lebenundlernen/un ... 45448.html

Die umstrittene "Hochschule" gehört zum Dunstkreis des US-Milliardärs George Soros.
Sowas kann geschlossen werden, ohne daß die Gesellschaft ab Morgen früh 7.00 Uhr barfuß betteln gehen muß.
Oder damit sie nicht...
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schokoschendrezki
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Beitragvon schokoschendrezki » Mo 1. Mai 2017, 09:29

unity in diversity hat geschrieben:(29 Apr 2017, 17:42)
Die umstrittene "Hochschule" gehört zum Dunstkreis des US-Milliardärs George Soros.

Der bekanntermaßen ungarische Wurzeln hat. Und paradoxerweise war Orbán selbst mal Soros-Stipendiat. Es ist verworren. Nachdem es noch vor kurzem hieß, es habe eine Einigung mit der EU gegeben und die Soros-Hochschule könne weiterarbeiten, hat Orbán dies inzwischen dementiert. Und in der ungarischen Presse wird spekuliert, ob nicht letztendlich Orbán Rückenwind aus Richtung Donald Trump in dieser Frage hat. Es gibt wohl kaum zwei verfeindetere Personen im öffentlichen Leben der USA als Trump und Soros. Soros hat angeblich einen großen Teil seines Privatvermögens gegen Trump "verwettet" ( auf den Kurssturz von Anlagen nämlich, die als Nutznießer der Trump-Politik gelten).

Das neue ungarische Hochschulgesetz untersagt übrigens keineswegs generell den Betrieb ausländischer Universitäten in Ungarn. Sie müssen nur im Herkunftsland ebenfallls eine Hochschule betreiben. Die CEU wäre damit die einzige von 28 ausländischen Universitäten in Ungarn, die davon betroffen ist.

Sowohl politische Berichterstattung als auch Kommentierung und Diskussion sind meiner Ansicht nach von Ungenauigkeiten und Lagerdenken geprägt. Das zeigt sich gerade auch am Fall Ungarn.

Da werden häufig Orbáns Fidesz und die rechtsextreme Jobbik mehr oder weniger in einen Topf geworfen oder zumindest derselben Richtung zugeordnet. Dabei hängen in Ungarn aktuell überall Riesenplakate im Auftrag von Jobbik mit einem fratzenhaft gezeichneten Orbán-Gesicht und der Aufschrift "Ti dolgoztak. Ők lopnak." ("Ihr arbeitet. Sie stehlen.") https://444.hu/2017/04/01/ti-dolgoztok-ok-lopnak-oriasi-plakatkampanyba-kezdett-a-jobbik.

Putin etwa wird mir nichts dir nichts auch in seriösen Blättern wie "ZEIT" als - wörtlich - "Vorbild Orbáns" dargestellt. Orbán hat jedoch - wie nicht zuletzt der Wechsel vom Soros-Stipendiaten zum Soros-Rausschmeißer zeigt - grundsätzlich keine Vorbilder. Auißer vielleicht sich selbst. Er ist ein totaler Opportunist.

Oder die ständig wiederholte Rede von den "EU-Fördertöpfen", an denen Länder wie Ungarn angeblich hängen. Und dass Ungarn die Kunst betreibe, sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb der EU zu befinden. Der beachtliche wirtschaftliche Aufschwung von Regionen wie etwa Nordwestungarn hat überhaupt nix mit EU-Fördergeldern zu tun. Aus denen werden vielleicht gerade mal die Radwege um den Neusiedler See bezahlt. Er resultiert vor allem aus der Ansiedlung großer Industriebetriebe durch internationale Konzerne wie VW oder Mercedes. Aus deren Sicht liegt Ungarn gleichzeitig innerhalb und außerhalb der EU: Innerhalb wegen eines vergelchsweise guten staatlichen Bildungswesen, intakter Infrastruktur und einfach auch geographischer Nähe. Außerhalb wegen der vergleichsweise wesentlich geringeren Durchschnittsgehälter. Was soll ein Ingenieur bei Audi Motor Györ denken, wenn er ständig mit dem Gerede von den "Fördertöpfen" konfrontiert wird. Implizit steckt dahinter die Vorstellung von den Ungarn als einer Art Schmarotzervolk. Das ist letztendlich eine strukturell dem Antisemitismus entlehnte Denkweise. Und da braucht man sich über die Fidesz-Popularität auch und gerade bei Gebildeteren wirklich nicht zu wundern.
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Re:

Beitragvon H2O » Mo 1. Mai 2017, 18:35

schokoschendrezki hat geschrieben:(01 May 2017, 10:29)

Der bekanntermaßen ungarische Wurzeln hat. Und paradoxerweise war Orbán selbst mal Soros-Stipendiat. Es ist verworren. Nachdem es noch vor kurzem hieß, es habe eine Einigung mit der EU gegeben und die Soros-Hochschule könne weiterarbeiten, hat Orbán dies inzwischen dementiert. Und in der ungarischen Presse wird spekuliert, ob nicht letztendlich Orbán Rückenwind aus Richtung Donald Trump in dieser Frage hat. Es gibt wohl kaum zwei verfeindetere Personen im öffentlichen Leben der USA als Trump und Soros. Soros hat angeblich einen großen Teil seines Privatvermögens gegen Trump "verwettet" ( auf den Kurssturz von Anlagen nämlich, die als Nutznießer der Trump-Politik gelten).

Das neue ungarische Hochschulgesetz untersagt übrigens keineswegs generell den Betrieb ausländischer Universitäten in Ungarn. Sie müssen nur im Herkunftsland ebenfallls eine Hochschule betreiben. Die CEU wäre damit die einzige von 28 ausländischen Universitäten in Ungarn, die davon betroffen ist.

Sowohl politische Berichterstattung als auch Kommentierung und Diskussion sind meiner Ansicht nach von Ungenauigkeiten und Lagerdenken geprägt. Das zeigt sich gerade auch am Fall Ungarn.

Da werden häufig Orbáns Fidesz und die rechtsextreme Jobbik mehr oder weniger in einen Topf geworfen oder zumindest derselben Richtung zugeordnet. Dabei hängen in Ungarn aktuell überall Riesenplakate im Auftrag von Jobbik mit einem fratzenhaft gezeichneten Orbán-Gesicht und der Aufschrift "Ti dolgoztak. Ők lopnak." ("Ihr arbeitet. Sie stehlen.") https://444.hu/2017/04/01/ti-dolgoztok-ok-lopnak-oriasi-plakatkampanyba-kezdett-a-jobbik.

Putin etwa wird mir nichts dir nichts auch in seriösen Blättern wie "ZEIT" als - wörtlich - "Vorbild Orbáns" dargestellt. Orbán hat jedoch - wie nicht zuletzt der Wechsel vom Soros-Stipendiaten zum Soros-Rausschmeißer zeigt - grundsätzlich keine Vorbilder. Auißer vielleicht sich selbst. Er ist ein totaler Opportunist.

Oder die ständig wiederholte Rede von den "EU-Fördertöpfen", an denen Länder wie Ungarn angeblich hängen. Und dass Ungarn die Kunst betreibe, sich gleichzeitig innerhalb und außerhalb der EU zu befinden. Der beachtliche wirtschaftliche Aufschwung von Regionen wie etwa Nordwestungarn hat überhaupt nix mit EU-Fördergeldern zu tun. Aus denen werden vielleicht gerade mal die Radwege um den Neusiedler See bezahlt. Er resultiert vor allem aus der Ansiedlung großer Industriebetriebe durch internationale Konzerne wie VW oder Mercedes. Aus deren Sicht liegt Ungarn gleichzeitig innerhalb und außerhalb der EU: Innerhalb wegen eines vergelchsweise guten staatlichen Bildungswesen, intakter Infrastruktur und einfach auch geographischer Nähe. Außerhalb wegen der vergleichsweise wesentlich geringeren Durchschnittsgehälter. Was soll ein Ingenieur bei Audi Motor Györ denken, wenn er ständig mit dem Gerede von den "Fördertöpfen" konfrontiert wird. Implizit steckt dahinter die Vorstellung von den Ungarn als einer Art Schmarotzervolk. Das ist letztendlich eine strukturell dem Antisemitismus entlehnte Denkweise. Und da braucht man sich über die Fidesz-Popularität auch und gerade bei Gebildeteren wirklich nicht zu wundern.


Könnte Deutschland die CEU nicht einladen, ihren Betrieb in Deutschland fort zu setzen? Hier
gibt es notleidende private Universitäten, die gern einen wohlwollenden Mitfinanzier aufnehmen würden. So etwa die Jacobs-Universität in Bremen.

Über die Zuwendungen der EU zum ungarischen Staatshaushalt muß man nicht reden. Diese Zahlungen sind bekannt.
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Re: Re:

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 1. Mai 2017, 19:14

H2O hat geschrieben:(01 May 2017, 19:35)

Könnte Deutschland die CEU nicht einladen, ihren Betrieb in Deutschland fort zu setzen? Hier
gibt es notleidende private Universitäten, die gern einen wohlwollenden Mitfinanzier aufnehmen würden. So etwa die Jacobs-Universität in Bremen.

Daraus wird wohl nix werden. Soros hat - als EU-Begeisterter - erst kürzlich genau Deutschland und kein anderes Land ganz konkret und unmissverständlich als eigentllch Verantwortlichen für den Zerfall Europas benannt. Ich glaub', da läuft gar nix. -> http://www.huffingtonpost.de/2017/01/25/george-soros-deutschland-eu_n_14382206.html
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Re: Re:

Beitragvon frems » Mo 1. Mai 2017, 19:17

H2O hat geschrieben:(01 May 2017, 19:35)

Könnte Deutschland die CEU nicht einladen, ihren Betrieb in Deutschland fort zu setzen? Hier
gibt es notleidende private Universitäten, die gern einen wohlwollenden Mitfinanzier aufnehmen würden. So etwa die Jacobs-Universität in Bremen.

Das wird ja schon überlegt:

Das erste Ziel für die CEU sei es selbstverständlich, den Lehrbetrieb in Budapest aufrechtzuerhalten. „Sollte das nicht möglich sein, müssen wir über Alternativen nachdenken – und da bietet sich die FU mit ihrer freiheitlichen Tradition an“, sagte Alt. Die Zahl von rund 1600 Studierenden und 300 Mitarbeitern der CEU schreckt den FU-Präsidenten nicht. Ein denkbarer Standort wäre das leerstehende Gebäude des ehemaligen Bundesgesundheitsamts Unter den Eichen.

http://www.tagesspiegel.de/wissen/centr ... 34876.html

Über die Zuwendungen der EU zum ungarischen Staatshaushalt muß man nicht reden. Diese Zahlungen sind bekannt.

Wobei nur ein kleiner Teil direkt im Staatshaushalt landet. Andersrum müsste man natürlich auch sagen, dass diverse geförderte Projekte nicht kämen oder über Abstriche an anderer Stelle finanziert werden müssten. Und Peanuts sind das ja nicht. Rund 4,4% des ungarischen BIP sind EU-Mittel bzw. 4,6 Mrd. EUR (respektive 470 EUR pro Kopf). Vor wenigen Jahren waren es teilweise 7-8%. Neben anderen Hilfen (z.B. http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/u ... n-1.533719), versteht sich. Das ist nicht Ohne. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass ja auch die Westeuropäer etwas davon haben, wenn die Verkehrswege für das produzierende Gewerbe im Osten in Schuss sind und auch Schulen, Universitäten etc. einen guten Zustand haben.
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Re:Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon H2O » Mo 1. Mai 2017, 19:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(01 May 2017, 20:14)

Daraus wird wohl nix werden. Soros hat - als EU-Begeisterter - erst kürzlich genau Deutschland und kein anderes Land ganz konkret und unmissverständlich als eigentllch Verantwortlichen für den Zerfall Europas benannt. Ich glaub', da läuft gar nix. -> http://www.huffingtonpost.de/2017/01/25/george-soros-deutschland-eu_n_14382206.html


Ja, wenn das so ist, dann ordnen wir eben unsere Reihen und treten an zum Gefecht... der Gute hat einen Tick unter seinem Pony, oder unter seiner Glatze!
Zuletzt geändert von H2O am Mo 1. Mai 2017, 19:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon H2O » Mo 1. Mai 2017, 19:24

frems hat geschrieben:(01 May 2017, 20:17)

Das wird ja schon überlegt:


http://www.tagesspiegel.de/wissen/centr ... 34876.html


Wobei nur ein kleiner Teil direkt im Staatshaushalt landet. Andersrum müsste man natürlich auch sagen, dass diverse geförderte Projekte nicht kämen oder über Abstriche an anderer Stelle finanziert werden müssten. Und Peanuts sind das ja nicht. Rund 4,4% des ungarischen BIP sind EU-Mittel bzw. 4,6 Mrd. EUR (respektive 470 EUR pro Kopf). Vor wenigen Jahren waren es teilweise 7-8%. Neben anderen Hilfen (z.B. http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/u ... n-1.533719), versteht sich. Das ist nicht Ohne. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass ja auch die Westeuropäer etwas davon haben, wenn die Verkehrswege für das produzierende Gewerbe im Osten in Schuss sind und auch Schulen, Universitäten etc. einen guten Zustand haben.


Darüber hat bisher niemand geklagt. Die Infrastukturen wären aber auch verzichtbar, wenn es diese westlichen Investitionen nicht gäbe. Ungarische Fachkräfte sind in Deutschland auch willkommen... wetten, daß?

Was sollen eigentlich diese entarteten Streitereien? Spinnen diese Leute?
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Re: Re:

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 1. Mai 2017, 20:08

frems hat geschrieben:(01 May 2017, 20:17)
Wobei nur ein kleiner Teil direkt im Staatshaushalt landet. Andersrum müsste man natürlich auch sagen, dass diverse geförderte Projekte nicht kämen oder über Abstriche an anderer Stelle finanziert werden müssten. Und Peanuts sind das ja nicht. Rund 4,4% des ungarischen BIP sind EU-Mittel bzw. 4,6 Mrd. EUR (respektive 470 EUR pro Kopf). Vor wenigen Jahren waren es teilweise 7-8%. Neben anderen Hilfen (z.B. http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/u ... n-1.533719), versteht sich. Das ist nicht Ohne. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass ja auch die Westeuropäer etwas davon haben, wenn die Verkehrswege für das produzierende Gewerbe im Osten in Schuss sind und auch Schulen, Universitäten etc. einen guten Zustand haben.

Natürlich ist das nicht ohne. Aber die aktuell kursierende Erzählung lautet, dass nur mit EU-Mitteln quasi das ganze Land am Laufen gehalten wird. Man muss nicht mal Volkswirtschaft studiert haben, um sich mit einer einfachen Überschlagsrechnung klar zu machen, dass das vollkommener Blödsinn ist. Und: als wenn es nicht auch EU-Förderprojekte in Deutschland gäbe.

Dass EU-Fördermittel lokale Korruption befördern, ist auch keine sonderliche Überraschung. Öffentlich bezahlte Infrastrukturprojekte sind in aller Welt das bevorzugte Terrain für Korruption. In Ungarn macht man den EU-geförderten Radweg eben ein Viertel schmaler und der lokale Bürgermeister und sein Gesellen stecken sich das gesparte Geld in die eigene Tasche. Oder sie lassen sich für die Vergabe des Bauauftrags von der entsprechenden Firma schmieren. Das sind sehr ernste, aber ganz andere Probleme als die idiiotische, infantile Legende von der Aufrechterhaltung einer ganzen Volkswirtschaft durch EU-Mittel. Damit soll einfach ein Empörungslevel aufrechterhalten werden nach dem Motto: So. Und das auch noch mit "unserem" Geld? Es reicht!

Der Radwege-Ausbau ist ziemlich genau das Exempel für eine Veranschaulichung der quantitativen Bedeutung von EU-Förderung. Und bei den 470 Euro pro Kopf und Jahr wird - wie üblich - weder Brutto und Netto unterschieden noch eine pro-Kopf-Relation zu den anderen EU-Ländern hergestellt. Übrig bleibt immer nur: "Wir" finanzieren auch noch die Schmarotzer mit "unserem" Geld, Struktureller Antisemitismus in Reinform.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 2. Mai 2017, 09:31

Und mindestens ebenso perfide und an antisemitische Muster erinnernd ist die Denunziation der sehr hohen polnischen und ungarischen EU-Befürwortung in der Bevölkerung als eine Art "Kreisen um die Fördertöpfe". Es zeugt von Ahnungslosigkeit. Gestern erst gabs eine große Demonstration in Budapest gegen die Orbán-Politik und für die EU, die von einer sehr optimistisch stimmenden neuen linksliberalen Bewegung namens "Momentum" initiiert wurde. "Momentum" wird sich auch als Partei fomieren und stellt - zum Beispiel laut österreichischer "Presse" (http://diepresse.com/home/ausland/aussenpolitik/5171588/Ungarn_Eine-neue-politische-Kraft-gegen-Orban) eine potenziell tatsächlich ernst zu nehmende Konkurrenz für Orbán und Fidesz dar. Politische Strömungen dieser Art sind aus den EU-Ländern zu begrüßen und nicht zu denunzieren. Eines der Momentum-Projekte war, die Ausrichtung von Orbáns Prestige-Projekt Olympia 2024 in Budapest durch eine Unterschriften-Sammlung zu kippen. Und sie haben es gekippt. Für mich eine der großartigsten politischen Erfolge der letzten Jahre weltweit.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon Orbiter1 » Sa 10. Mär 2018, 12:50

In Ungarn stehen ja demnächst Parlamentswahlen an. Wie schrecklich es den Ungarn ergehen könnte, wenn nicht die migrationsfeindliche Fidesz-Partei von Premierminister Orban gewählt wird zeigt der Kanzleramtsminister Janos Lazar am Beispiel von Wien (und einem Video) auf.

"Zu Bildern aus der neblig-grauen Fussgängerzone mit einzelnen kopftuchtragenden Frauen erklärte Lazar, dass sich das Stadtbild dramatisch geändert habe in den letzten zwanzig Jahren. Die weissen, christlichen Österreicher seien weggezogen, und die Migranten hätten die Kontrolle über das Viertel (Hinweis: gemeint ist Favoriten) übernommen. Es sei schmutzig und gefährlich; die verbliebenen Wiener lebten in Angst. So werde es dereinst auch in Budapest aussehen, wenn die Opposition die Macht übernehme. ...

In Wien ist man stolz darauf, dass die Stadt seit Jahren als die lebenswerteste weltweit gilt. Von der Stadtregierung hiess es deshalb, man könne ungarischen Städten nur wünschen, wie Wien zu werden. Die FPÖ, die sonst die Zuwanderung stets geisselt, kritisierte die Darstellung ebenfalls. Sogar die rechtsextreme ungarische Partei Jobbik verurteilte das Video. Derweil begaben sich ungarische Journalisten nach Favoriten zum Faktencheck. Sie waren erstaunt über die Sauberkeit, und die Einwohner bestätigten Lazars Sicht nicht. Sie fanden auch heraus, dass die meisten Ungarn in Wien in diesem Viertel leben." https://www.nzz.ch/international/budape ... ld.1364747

Es gibt noch Hoffnung. Nicht jeder lässt sich von Orban und seinen Speichelleckern für blöd verkaufen.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon Senexx » Mo 9. Apr 2018, 00:34

In Ungarn hat Orban wieder die absolute Mehrheit, vielleicht sogar die Zwei-Drittel-Mehrheit gewonnen. Die Ungarn haben sich damit eindrucksvoll gegen die Politik der Zwangsislamierer in Brüssel und Berlin gestemmt.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon Orbiter1 » Mo 9. Apr 2018, 04:48

Senexx hat geschrieben:(09 Apr 2018, 01:34)

Die Ungarn haben sich damit eindrucksvoll gegen die Politik der Zwangsislamierer in Brüssel und Berlin gestemmt.

Die Ungarn sind auf schwachsinnige, durch staatlich kontrollierte Medien verbreitete Verschwörungstheorien hereingefallen und dürfen sich auf ein zunehmend autokratisches System freuen bei dem sich der Orbán-Clan und seine Freunde noch hemmungsloser die Taschen vollstopfen werden. In der EU hat so ein Land, das nur Nehmen kennt, nichts verloren.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon Senexx » Mo 9. Apr 2018, 05:03

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Weil solche "Europäer" wie Merkel die Werte Europas mit Füßen treten, wenden sich die Osteuropäer nationalistischen Parteien zu. In Osteuropa hat man nicht gegen die Unterdrückung durch Moskau gekämpft, um nun von Merkel & Co wieder unterdrückt zu werden.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon Orbiter1 » Mo 9. Apr 2018, 05:33

Senexx hat geschrieben:(09 Apr 2018, 06:03)

Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Weil solche "Europäer" wie Merkel die Werte Europas mit Füßen treten, wenden sich die Osteuropäer nationalistischen Parteien zu.

Bevor sie so einen Unsinn absondern sollten sie sich einmal über die Werte der EU informieren. Die stehen in Artikel 2 des EU-Vertrages.

„Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte einschließlich der Rechte der Personen, die Minderheiten angehören. Diese Werte sind allen Mitgliedstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Nichtdiskriminierung, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und die Gleichheit von Frauen und Männern auszeichnet.“

Mit diesen Werten hat Orbán massive Probleme. Deswegen bekommt er es auch immer wieder mit EU-Verfahren zu tun.
In Osteuropa hat man nicht gegen die Unterdrückung durch Moskau gekämpft, um nun von Merkel & Co wieder unterdrückt zu werden.

Die EU-Osteuropastaaten haben gemeinsame EU-Beschlüsse umzusetzen, ansonsten können sie sich verpissen. Geld wird es von der EU ab dem nächsten EU-Haushalt nur noch geben wenn die EU-Werte eingehalten werden.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon Senexx » Mo 9. Apr 2018, 05:42

Die Werte Europas sind vor allem die Achtung und der Respekt vor anderen Meinungen und deren eigener Kultur. Nur weil ein linker Mainstream meint, stromlinienförmiges Denken und Handeln sei legitim und erzwingbar, haben wir die jetzigen Probleme. Osteuropa leistet Widerstand. Und das ist gut so.
Hinweis aus gegebenen Anlass: Ich verwende niemals "copy paste". Jede Zeile ist selbst verfasst.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon Orbiter1 » Mo 9. Apr 2018, 05:59

Senexx hat geschrieben:(09 Apr 2018, 06:42)

Die Werte Europas sind vor allem die Achtung und der Respekt vor anderen Meinungen und deren eigener Kultur.
Wenn sie Probleme haben die Werte der EU im Artikel 2 des EU-Vertrages (s.o.) zu verstehen, klopfen sie doch einfach bei ihrer Nachbarschaft. Da gibt es bestimmt jemanden der ihnen die Werte vorliest und sie ihnen erklärt.
Nur weil ein linker Mainstream meint, stromlinienförmiges Denken und Handeln sei legitim und erzwingbar, haben wir die jetzigen Probleme. Osteuropa leistet Widerstand. Und das ist gut so.
Die Schmarotzer-EU-Osteuropastaaten die die Werte und Beschlüsse der EU mißachten muß man aus der EU rausschmeißen.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon Senexx » Mo 9. Apr 2018, 06:09

Tja, das Rausschmeißen ist ein bisschen schwierig. Und die Osteuropäer haben Sitz und Stimme.

Ihr Furor belustigt mich und hilft Ihrer Argumentation nicht.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon JJazzGold » Mo 9. Apr 2018, 06:34

schokoschendrezki hat geschrieben:(02 May 2017, 10:31)

Und mindestens ebenso perfide und an antisemitische Muster erinnernd ist die Denunziation der sehr hohen polnischen und ungarischen EU-Befürwortung in der Bevölkerung als eine Art "Kreisen um die Fördertöpfe". Es zeugt von Ahnungslosigkeit. Gestern erst gabs eine große Demonstration in Budapest gegen die Orbán-Politik und für die EU, die von einer sehr optimistisch stimmenden neuen linksliberalen Bewegung namens "Momentum" initiiert wurde. "Momentum" wird sich auch als Partei fomieren und stellt - zum Beispiel laut österreichischer "Presse" (http://diepresse.com/home/ausland/aussenpolitik/5171588/Ungarn_Eine-neue-politische-Kraft-gegen-Orban) eine potenziell tatsächlich ernst zu nehmende Konkurrenz für Orbán und Fidesz dar. Politische Strömungen dieser Art sind aus den EU-Ländern zu begrüßen und nicht zu denunzieren. Eines der Momentum-Projekte war, die Ausrichtung von Orbáns Prestige-Projekt Olympia 2024 in Budapest durch eine Unterschriften-Sammlung zu kippen. Und sie haben es gekippt. Für mich eine der großartigsten politischen Erfolge der letzten Jahre weltweit.


Vielleicht in ein paar Jahren, bei dieser Wahl konnte sich Momentum nicht profilieren. Wenn in ein paar Jahren Oppositionsparteien wie Momentum überhaupt noch zugelassen sind.
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Re: Ungarn: Ein EU-Land auf dem Weg zur Diktatur?

Beitragvon JJazzGold » Mo 9. Apr 2018, 06:47

Senexx hat geschrieben:(09 Apr 2018, 06:42)

Die Werte Europas sind vor allem die Achtung und der Respekt vor anderen Meinungen und deren eigener Kultur. Nur weil ein linker Mainstream meint, stromlinienförmiges Denken und Handeln sei legitim und erzwingbar, haben wir die jetzigen Probleme. Osteuropa leistet Widerstand. Und das ist gut so.


Wenn Orban Brüssel als den Feind Ungarns ausgemacht hat und seine Wahl als Schlacht begreift, dann zeugt das weder von Achtung, noch Respekt.
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