Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

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schokoschendrezki
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 11:16

Zunder hat geschrieben:(05 Dec 2017, 10:48)

Und?

Es geht nicht darum, dem Satz von Böckenförde eine tiefere Bedeutung beizumessen, sondern darum, daß diese Binsenweisheit ausreicht, um dein Geschwätz von der als absolut zu betrachtenden Rechtsordnung als Unsinn kenntlich zu machen.

Das "Geschwätz" besteht lediglich in der ebenfalls ziemlich trivialen und eigentlich von niemandem ernsthaft in Zweifel gezogenen Aussage (schon einmal zitiert) zum Kern des Liberalismus als politischer Philosophie:
In einem engeren Sinne liberalistischer Positionen beschränkt sich die Rolle des Staates auf den konkreten Schutz der Freiheit der Individuen und der die Freiheit garantierenden Rechtsordnung.

https://de.wikipedia.org/wiki/Liberalismus
Und in dieser Aussage ist von einem Böckenfördischem zusätzlichen Garantieschutz des Staats keine Rede.

Ja. Die Bezeichnung "absolut" war falsch. Schon insofern als dass sie der ständigen Neujustierung durch die Legislative untersteht. Und indem der Staat durch die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung dem Bürger Freiheit garantiert, entledigt er ihn ja gerade von der Notwendigkeit, sich irgendeiner Absolutheit unterzuordnen. Ich brauche gewissermaßen nur kurz gegenzuchecken und kann ansonsten meinen kreativen Kräften freien Lauf lassen.

"Unabhängig" wäre wohl das passendere Attribut.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Di 5. Dez 2017, 11:43, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 11:18

Sextus Ironicus hat geschrieben:(05 Dec 2017, 11:07)

Hol dir lieber die Leseprobe beim Suhrkampverlag statt der Rezension:

http://www.suhrkamp.de/buecher/die_gesellschaft_der_singularitaeten-andreas_reckwitz_58706.html


Ich glaub, ich hol' mir gleich das ganze Buch bei Amazon. Gute Empfehlung!
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 11:52

Und Dinge wie "Verfassungspatriotismus", "Soziale Marktwirtschaft", "Gemeinwohlorientiertheit" usw., die einem einfallen könnten, wenns um Gemeinsamkeits-Richtlinien geht ... sie gehören zur alten Bundesrepublik der 60er, 70er Jahre. Einer Welt, die es - so jedenfalls - nicht mehr gibt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Di 5. Dez 2017, 12:46

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Dec 2017, 09:22)

Um es kurz zu machen: Es geht (mir jedenfalls) auch nicht um Religionsfreiheit in einem sich selbst als islamisch oder gar islamistisch verstehenden Gemeinwesen sondern um die in der verfassungsmäßig als liberal festgeschriebenen Bundesrepublik Deutschland.

Ja - genau darum geht es mir auch!
72% der in Deutschland lebenden Muslime waren bereits 2012(!) der Meinung, der Islam sei die einzig wahre Religion, 25% der in Deutschland lebenden Muslime empfinden Atheisten als minderwertige Menschen (ebenfalls 2012) - das ist weder mit der, im Grundgesetz garantierten, Religionsfreiheit vereinbar noch mit deiner liberalen Gesellschaft.

45% der in Deutschland lebenden Salafisten verlangen (2012) Koranverteilungsaktionen in Fußgängerzonen, von den 15 bis 29jährigen sind es sogar 63%.
Auch das ist weder mit dem Grundgesetz noch mit einer liberalen Gesellschaft vereinbar.

Fast 60 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollten; 75 Prozent meinen, dass nur eine Auslegung des Korans möglich ist, an die sich alle Muslime halten sollten; und 65 Prozent sagen, dass ihnen religiöse Regeln wichtiger sind als die Gesetze des Landes, in dem sie leben
(Studie Koopmans von 2013)

Wenn 65% der in Deutschland lebenden Muslime, die Einhaltung religiöser Regeln [des Koran] für wichtiger halten als die Gesetze des Landes in dem sie leben, dann erkennen diese 65% das Rechtssystem der Aucfnahmegesellschaft NICHT an, erkennen das GG NICHT an.
Und auch das ist weder mit dem rechtsstaatlichen System in Deutschland noch mit einer liberalen Gesellschaft vereinbar.

Merkst du eigentlich überhaupt noch, welchen realitätsfernen Unsinn die von dir gibst?
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 12:58

Dark Angel hat geschrieben:(05 Dec 2017, 12:46)

Ja - genau darum geht es mir auch!
72% der in Deutschland lebenden Muslime waren bereits 2012(!) der Meinung, der Islam sei die einzig wahre Religion, 25% der in Deutschland lebenden Muslime empfinden Atheisten als minderwertige Menschen (ebenfalls 2012) - das ist weder mit der, im Grundgesetz garantierten, Religionsfreiheit vereinbar noch mit deiner liberalen Gesellschaft.

45% der in Deutschland lebenden Salafisten verlangen (2012) Koranverteilungsaktionen in Fußgängerzonen, von den 15 bis 29jährigen sind es sogar 63%.
Auch das ist weder mit dem Grundgesetz noch mit einer liberalen Gesellschaft vereinbar.

Fast 60 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln des Islam zurückkehren sollten; 75 Prozent meinen, dass nur eine Auslegung des Korans möglich ist, an die sich alle Muslime halten sollten; und 65 Prozent sagen, dass ihnen religiöse Regeln wichtiger sind als die Gesetze des Landes, in dem sie leben
(Studie Koopmans von 2013)

Wenn 65% der in Deutschland lebenden Muslime, die Einhaltung religiöser Regeln [des Koran] für wichtiger halten als die Gesetze des Landes in dem sie leben, dann erkennen diese 65% das Rechtssystem der Aucfnahmegesellschaft NICHT an, erkennen das GG NICHT an.
Und auch das ist weder mit dem rechtsstaatlichen System in Deutschland noch mit einer liberalen Gesellschaft vereinbar.



Ist es schon. Es liegt im Wesenskern einer Rechtsordnung, dass sie auch für die gilt, die sie nicht anerkennen.

Kein Zweifel besteht darin, dass es auch über demokratische Wege zu einer Entdemokratisierung kommen kann. Die aktuellen (europäischen) Musterbeispiele dafür sind jedoch eben gerade nicht heterogene Gesellschaften sondern eben gerade forciert homogene Gesellschaften wie Ungarn oder Polen. Und es betrifft ganz zentrale Prinzipien wie Pressefreiheit oder Unabhängigkeit der Justiz.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 13:13

Sextus Ironicus hat geschrieben:(05 Dec 2017, 10:36)

Gesellschaft der Singularitäten nennt Andreas Reckwitz das in seiner sehr exakt herausgearbeiteten Theorie. Das ist der bessere Begriff, da Parallelwelten immer jeweils geschlossene Gesellschaften sind, die Singularitäten, die sich auf Personen, Gruppen, Objekte, Ereignisse, Orte, Wissen etc. beziehen können, entstehen dagegen im Rahmen von traditionsunabhängigen Valorisierungen und weisen über sich hinaus keine Gesamtverbindung mehr aus. Es ist, nach Reckwitz, die Aufhebung des Allgemeinen zugunsten des Besonderen. Damit werden dann meine Idiosynkrasien im Zweifelsfall praktisch auch geadelt :D (Bin noch nicht durch mit dem Buch, aber so treffend beschrieben die Dinge sind, so sehr spiegeln sie das nur noch menschen- und eventmittelbare Einzelwesen wider, das nur noch netzwerk- aber nicht mehr gemeinschaftsfähig ist. Was immer man dann davon halten mag, was wiederum vom Menschenbild abhängig ist.


Wenn man irgendwie inhaltlich in der Diskussion um das sehr interessante Strangthema weiterkommen (und nicht einfach nur persönliche Antipathien ausleben) will, ist es wichtig, erstmal festzuhalten - so wie offenbar in diesem Buch dargestellt - dass es einen systemischen Wandel in den (mindestens) europäischen Nachkriegsgesellschaften überhaupt gegeben hat. Und nicht nur einen Wandel sondern eine wesentliche Transformation. Unabhängig von Ost und West. Und auch unabhängig von aktuellen Phänomenen wie der sogenannten "Flüchtlingskrise" oder überhaupt von Migrationsbewegungen. Globalisierung, "Kulturalisierung der Ökonomie" und die Innovationsschübe der digitalen Technologie werden in der Rezension als Hauptursachen für diese Transformation genannt. Das ist erstmal der faktische Befund. Und ich denke, dass auch Phänomene wie die Auflösung der traditionellen Parteienbindungen oder die vielfach wahrgenommene Linksverscheibung der CDU nicht Auslöser für irgendwas sondern selbst eine der Folgen dieser Transformationen ist.

Der Dissenz entsteht in der Frage des Umgangs damit. Sollen traditionelle Wertesysteme wie etwa Nation, Religion, soziale Klassen oder auch dieser spezifisch bundesrepublikanische "Verfassungspatriotismus" diese Bindungsauflösungen kompensieren? Sollen oder müssen die Bindungsauflösungen überhaupt kompensiert werden? Sollen neue Wertesysteme an die Stelle der alten treten?
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Di 5. Dez 2017, 13:25

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Dec 2017, 13:13)

Wenn man irgendwie inhaltlich in der Diskussion um das sehr interessante Strangthema weiterkommen (und nicht einfach nur persönliche Antipathien ausleben) will, ist es wichtig, erstmal festzuhalten - so wie offenbar in diesem Buch dargestellt - dass es einen systemischen Wandel in den (mindestens) europäischen Nachkriegsgesellschaften überhaupt gegeben hat. Und nicht nur einen Wandel sondern eine wesentliche Transformation. Unabhängig von Ost und West. Und auch unabhängig von aktuellen Phänomenen wie der sogenannten "Flüchtlingskrise" oder überhaupt von Migrationsbewegungen. Globalisierung, "Kulturalisierung der Ökonomie" und die Innovationsschübe der digitalen Technologie werden in der Rezension als Hauptursachen für diese Transformation genannt. Das ist erstmal der faktische Befund. Und ich denke, dass auch Phänomene wie die Auflösung der traditionellen Parteienbindungen oder die vielfach wahrgenommene Linksverscheibung der CDU nicht Auslöser für irgendwas sondern selbst eine der Folgen dieser Transformationen ist.

Der Dissenz entsteht in der Frage des Umgangs damit. Sollen traditionelle Wertesysteme wie etwa Nation, Religion, soziale Klassen oder auch dieser spezifisch bundesrepublikanische "Verfassungspatriotismus" diese Bindungsauflösungen kompensieren? Sollen oder müssen die Bindungsauflösungen überhaupt kompensiert werden? Sollen neue Wertesysteme an die Stelle der alten treten?


Ich mache mal einen Vorschlag: Den Reckwitz diskutieren wir im Einzelnen nochmal, wenn ich durch bin. Denn ich weiß noch nicht, wie er das behandelt, was ich noch vermisse, und mir ist noch nicht klar, ob er seine "Valorisierung" einfach als zu akzeptierendes Faktum darstellt, was ich fast vermute. Und ich muss noch einmal über Werte nachdenken, und über jene "Kultur ohne Zentrum" (Rorty) und über den anthropologischen Aspekt der Sache. Denn hier, das weiß ich schon jetzt anhand seiner Literaturliste, hat Reckwitz leider überhaupt nichts zu bieten. Was das Buch trotzdem nicht weniger interessant macht.
… habe ich mich sorgsam bemüht, menschliche Tätigkeiten nicht zu verlachen, nicht zu beklagen und auch nicht zu verdammen, sondern zu begreifen. (Spinoza)
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Selina » Di 5. Dez 2017, 14:25

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Dec 2017, 13:13)

Wenn man irgendwie inhaltlich in der Diskussion um das sehr interessante Strangthema weiterkommen (und nicht einfach nur persönliche Antipathien ausleben) will, ist es wichtig, erstmal festzuhalten - so wie offenbar in diesem Buch dargestellt - dass es einen systemischen Wandel in den (mindestens) europäischen Nachkriegsgesellschaften überhaupt gegeben hat. Und nicht nur einen Wandel sondern eine wesentliche Transformation. Unabhängig von Ost und West. Und auch unabhängig von aktuellen Phänomenen wie der sogenannten "Flüchtlingskrise" oder überhaupt von Migrationsbewegungen. Globalisierung, "Kulturalisierung der Ökonomie" und die Innovationsschübe der digitalen Technologie werden in der Rezension als Hauptursachen für diese Transformation genannt. Das ist erstmal der faktische Befund. Und ich denke, dass auch Phänomene wie die Auflösung der traditionellen Parteienbindungen oder die vielfach wahrgenommene Linksverscheibung der CDU nicht Auslöser für irgendwas sondern selbst eine der Folgen dieser Transformationen ist.

Der Dissenz entsteht in der Frage des Umgangs damit. Sollen traditionelle Wertesysteme wie etwa Nation, Religion, soziale Klassen oder auch dieser spezifisch bundesrepublikanische "Verfassungspatriotismus" diese Bindungsauflösungen kompensieren? Sollen oder müssen die Bindungsauflösungen überhaupt kompensiert werden? Sollen neue Wertesysteme an die Stelle der alten treten?


Ich denke einfach, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhanges jegliches soziales Feigenblatt des Westens ebenfalls entfallen ist, weil es ja nicht mehr erforderlich ist, angesichts des gescheiterten, mangelhaften, undemokratischen, aber doch sozial gerechten Sozialismus ebenfalls zu zeigen, dass man doch recht sozial sein kann. Ein "Schaufenster des Westens" ist objektiv nicht mehr nötig, es hat seine Funktion verloren. Die soziale Markwirtschaft der 70er, 80er und 90er gibt es nicht mehr, was zu erheblichen Verwerfungen führt, die besonders in den Staaten des früheren sozialistischen Lagers deutlich und schmerzhaft zu spüren sind. Dort prallen die Gegensätze brachial aufeinander, gibt es plötzlich eine unheimliche Kluft zwischen Reich und Arm, gibt es ein "Prekariat", das sich abstrampeln kann noch und nöcher und einfach nichts abbekommt vom großen Kuchen...

All das (und viel mehr) führt dazu, dass man sich zurückziehen will ins Nationale, in die "eigene Kultur" und dass man für "Eindringlinge" von außen schon gar nichts übrig hat, wo man doch selbst nur so wenig besitzt. Diese Kluft zwischen Oben und Unten, zwischen Arm und Reich hats im Westen schon immer gegeben (wenn auch nicht so intensiv zu spüren wie heute im Osten); man hat dort quasi gelernt, damit umzugehen. Im Ex-Sozialismus dagegen trifft es die Abgehängten oder die, die sich von Existenzverlust und anderen sozialen Ängsten bedroht fühlen, halt noch mal viel härter, weil die Ausgangslage ja eine ungleich andere als im Westen war. Und auf diesem Boden gedeihen Nationalismus und Kulturalismus nun einmal hervorragend. Ich weiß, dass diese Analyse nicht so recht zu den philosophischen Betrachtungen passt, die hier gerade angestellt werden, wollte es aber trotzdem mal erwähnen. Auch, weil es hier nirgends einen passenden Thread für solche Aspekte gibt. Sorry dafür.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Bleibtreu » Di 5. Dez 2017, 14:43

"Sozial gerechter Sozialismus" - was eine Realsatire und abstossende OstalgieBeschoenigung Angsichts dessen, was in den sozialistischen Staaten Realitaet war und ist - ekelhaft! :dead:
• This right is the natural right of the Jewish people to be masters of their own fate, like all other nations, in their own sovereign State [Ben-Gurion]

https://www.shabak.gov.il/english/Pages/index.html#=2
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 14:49

Sextus Ironicus hat geschrieben:(05 Dec 2017, 13:25)

Ich mache mal einen Vorschlag: Den Reckwitz diskutieren wir im Einzelnen nochmal, wenn ich durch bin. Denn ich weiß noch nicht, wie er das behandelt, was ich noch vermisse, und mir ist noch nicht klar, ob er seine "Valorisierung" einfach als zu akzeptierendes Faktum darstellt, was ich fast vermute. Und ich muss noch einmal über Werte nachdenken, und über jene "Kultur ohne Zentrum" (Rorty) und über den anthropologischen Aspekt der Sache. Denn hier, das weiß ich schon jetzt anhand seiner Literaturliste, hat Reckwitz leider überhaupt nichts zu bieten. Was das Buch trotzdem nicht weniger interessant macht.

Guter Vorschlag. Nachdem ich einige weitere Rezensionen und einen Probeausschnitt gelesen habe, glaube ich schon, dass es da aus soziologischer Sicht wirklich um eine fundierte Analyse geht. Gerade weil der Autor auf der einen Seite das Negative der aktuellen Entwicklungen, nämlich den Rückzug auf Nation, Werte, Tradition, Identität, "Kultur" usw. klar benennt, auf der anderen Seite aber nach Alternativen fragt und auch die negativen Seiten der "Singularisierung" klar benennt. Habs grad' bestellt und werd's demnächst (vermutlich) in wenigen Zügen durchgelesen haben.

Dass das Buch in allen möglichen Buchranglisten aktuell ganz ganz oben liegt, ist aber natürlich schon mal ein gewisser Widerspruch in sich ...
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 14:54

Ich würde eher von einem "gleichmacherischen und kollektivistischen Sozialismus mit einer hauchdünnen Schicht völlig ungerecht Privilegierter" sprechen aber als Mensch mit Kultur bezeichne ich eine argumentative Position nicht als "ekelhaft" nur, weil sie nicht meine eigene ist.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon pikant » Di 5. Dez 2017, 14:55

Selina hat geschrieben:(05 Dec 2017, 14:25)

Ich denke einfach, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhanges jegliches soziales Feigenblatt des Westens ebenfalls entfallen ist, weil es ja nicht mehr erforderlich ist, angesichts des gescheiterten, mangelhaften, undemokratischen, aber doch sozial gerechten Sozialismus ebenfalls zu zeigen, dass man doch recht sozial sein kann..


Sozialismus muss eben mehr sein, als sozial gerecht!
im sozial, gerechten Sozialismus - herrliches Wort - darf auch die demokratische Komponente und Wohlstand, nein Reichtum fuer moeglichst alle nicht zu kurz kommen.

soziales Feigenballt war der Westen aber nicht, denn auch schon vor 1989 war das soziale Netz im Kapitalismus gut.
das soziale Netz ist ja nach 1989 weiter ausgebaut worden mit foerdern, aber auch ein wenig fordern.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Di 5. Dez 2017, 15:08

pikant hat geschrieben:(05 Dec 2017, 14:55)

Sozialismus muss eben mehr sein, als sozial gerecht!
im sozial, gerechten Sozialismus - herrliches Wort - darf auch die demokratische Komponente und Wohlstand, nein Reichtum fuer moeglichst alle nicht zu kurz kommen.

soziales Feigenballt war der Westen aber nicht, denn auch schon vor 1989 war das soziale Netz im Kapitalismus gut.
das soziale Netz ist ja nach 1989 weiter ausgebaut worden mit foerdern, aber auch ein wenig fordern.


Die soziale Frage oder die Frage sozialer Gerechtigkeit führt nun schon ein wenig vom Thema weg. Alle Analysen zur letzten Bundestagswahl kommen zu dem Schluss, dass soziale Fragen eine eher untergeordnete Rolle spielten. Und das eigentliche Thema "Kultur" im weitesten Sinne war. Ich muss auch, was die Staaten des ehemaligen Ostblocks angeht, einwenden, dass auch hier (wie gesagt mit krassen Ausnahmen wie Moldawien und vielleicht auch Kosovo oder auch Teile Bulgariens und Rumäniens) eigentlich kein "Kampf um den großen Kuchen" im Sinne existenzieller Lebensprobleme mehr stattfindet. Natürlich findet man Bettler und Obdachlose vor dem Budapester Keleti-Behnhof. Aber die sehe ich auch tagtäglich am Bahnhof Berlin-Schöneweide. Der Punkt in dieser Hinsicht ist ein anderer: Die beiden Länder mit den ärgsten Demokratiedefinziten innerhalb der EU derzeit sind auch ausgerechnet die beiden Länder, die sich am vehementesten gegen den Zuzug von Muslimen wehren. Wohl mehr als ein seltsamer Zufall, oder?
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Selina » Di 5. Dez 2017, 17:01

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“

Max Horkheimer
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Ammianus » Di 5. Dez 2017, 17:10

Selina hat geschrieben:(05 Dec 2017, 17:01)

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“

Max Horkheimer


Und weil ihrgend ein Max das meint, ist das nun ein wahnsinnig wichtiges Argument? Du hast ja auch schon mal was von einem Thomas gebracht zum Thema Antikommunismus ohne den, so sagt es irgendein Ammianus, jeglicher Antifaschismus unglaubhaft daherkommt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon think twice » Di 5. Dez 2017, 17:49

Ammianus hat geschrieben:(05 Dec 2017, 17:10)

Und weil ihrgend ein Max das meint, ist das nun ein wahnsinnig wichtiges Argument? Du hast ja auch schon mal was von einem Thomas gebracht zum Thema Antikommunismus ohne den, so sagt es irgendein Ammianus, jeglicher Antifaschismus unglaubhaft daherkommt.

Wenn deine Freunde mit irgendeinem unbekannten, amerikanischen Professor, der irgendwo ein Dossier geschrieben hat, möglichst noch in englischer Sprache, rumwedeln, welches sie aus den Untiefen des Internets gesaugt haben, hast du ja auch nichts dagegen.
Sei nie zu den Bescheidenen überheblich und zu den Überheblichen bescheiden.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Ammianus » Di 5. Dez 2017, 19:00

welche Freunde, welcher Professor, welches Amerika, welches Dossier, wer wedelt was womit ...
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Zunder » Di 5. Dez 2017, 23:14

schokoschendrezki hat geschrieben:(05 Dec 2017, 11:16)

Das "Geschwätz" besteht lediglich in der ebenfalls ziemlich trivialen und eigentlich von niemandem ernsthaft in Zweifel gezogenen Aussage (schon einmal zitiert) zum Kern des Liberalismus als politischer Philosophie:

https://de.wikipedia.org/wiki/Liberalismus
Und in dieser Aussage ist von einem Böckenfördischem zusätzlichen Garantieschutz des Staats keine Rede.

Ja. Die Bezeichnung "absolut" war falsch. Schon insofern als dass sie der ständigen Neujustierung durch die Legislative untersteht. Und indem der Staat durch die Aufrechterhaltung der Rechtsordnung dem Bürger Freiheit garantiert, entledigt er ihn ja gerade von der Notwendigkeit, sich irgendeiner Absolutheit unterzuordnen. Ich brauche gewissermaßen nur kurz gegenzuchecken und kann ansonsten meinen kreativen Kräften freien Lauf lassen.

"Unabhängig" wäre wohl das passendere Attribut.

Abgesehen vom Legitimationsproblem, das sich auch und vor allem einer liberalen Rechtsordnung stellt, läßt sich die Frage nach dem freiheitlichen Charakter einzelner Gesetze und der Rechtsordnung als Ganzes nur mit außerrechtlichen Maßstäben beantworten.

Im Rahmen der nationalsozialistischen Ordnung sind die Nürnberger Gesetze geltendes Recht. Unter humanistischen Gesichtspunkten sind sie schreiendes Unrecht.

Du kommst um den Wertebezug nicht herum. Schon gar nicht als Liberaler, sofern du denn einer bist.

Im NS-Staat gab es einen organisierten sozialistischen Widerstand, einen organisierten kommunistischen Widerstand, einen organisierten christlichen Widerstand.
Einen organisierten liberalen Widerstand gab es nicht.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon unity in diversity » Mi 6. Dez 2017, 02:42

Selina hat geschrieben:(05 Dec 2017, 17:01)

„Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen“

Max Horkheimer

Den „Kapitalismus“
Kann man danach für alles verantwortlich machen, was irgendwie aus dem Ruder läuft.
Kim Jong Un ist ein Abschottungsversuch.
Der Islamismus verkauft sich als Kulturkampf gegen den Kapitalismus und der IS soll die Speerspitze sein.
Die Grünen wollen das Neutralitätsgebot abschaffen und alle Schüler, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft und ihres weltanschaulichen Hintergrundes, mit Kopftuchlehrerinnen zwangsbespaßen.
Damit fördert man keine Inclusion, sondern desintegrative Schulformen.
Das führt zu einer weiteren Spaltung der Gesellschaft bis ins Mark, die keiner mehr aussitzen kann.
Weil die Grünen völlig falsche, einseitige und unemanzipatorische Vorstellungen von Freiheit haben.
Auch ein Auswuchs des „Kapitalismus“, oder essen die zu viel Kokosnüsse, Bananen usw.?
Mancher glaubt, er könne sich dem globalen Finanzkapitalismus entziehen, indem er immer länger werdende kryptische Bit+Byte-Codes kauft.
Das nützt chinesischen Betreibern von Kohlekraftwerken.
Für alles gibt es einen Markt, man muß ihn nur erschließen.
So komisch kann Kultur sein, oder tragisch?
"Für jedes Problem gibt es 2 Lösungsansätze.
Den Falschen und den Unsrigen."
(Aus den Divided States of America)
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 6. Dez 2017, 09:37

Zunder hat geschrieben:(05 Dec 2017, 23:14)

Abgesehen vom Legitimationsproblem, das sich auch und vor allem einer liberalen Rechtsordnung stellt, läßt sich die Frage nach dem freiheitlichen Charakter einzelner Gesetze und der Rechtsordnung als Ganzes nur mit außerrechtlichen Maßstäben beantworten.

Im Rahmen der nationalsozialistischen Ordnung sind die Nürnberger Gesetze geltendes Recht. Unter humanistischen Gesichtspunkten sind sie schreiendes Unrecht.

Du kommst um den Wertebezug nicht herum. Schon gar nicht als Liberaler, sofern du denn einer bist.

Im NS-Staat gab es einen organisierten sozialistischen Widerstand, einen organisierten kommunistischen Widerstand, einen organisierten christlichen Widerstand.
Einen organisierten liberalen Widerstand gab es nicht.

Der Wertebezug stellt sich in der Phase, in der eine liberale Rechtsordnung entsteht. Das ganze Böckenförde-Diktum hat als Hintergrund die Entstehung des bürgerlichen Staats als Ergebnis der Säkularisierung. Schon im Titel und ganz explizit in dem bekannten Satz. Er, Böckenförde selbst, charakterisiert diese als "„Ablösung der politischen Ordnung als solcher von ihrer geistlich-religiösen Bestimmung und Durchformung“. Die Besonderheit in Deutschland besteht darin, dass diese Entstehung ganz wesentlich nach Kriegsende durch die Anwesenheit der Alliierten geprägt wurde.

Dass es keinen nennenswerten organisierten liberalen Widerstand gegen das NS-Regime gab, ist schon richtig. Das lag aber vermutlich daran, dass das NS-Regime in einer Zeit bestand, als soziale Gruppen-Bindungen völlig selbstverständlich und auch überlebensnotwendig waren. Man gehörte irgendwo hin und musste auch irgendwohin gehören.

Das bringt uns aber beim Verständnis der gegenwärtigen Transformationsprozesse nicht weiter. Unabhängig davon, ob man diese Prozesse als "Entwurzelung" oder auch als "Befreiung" ansieht ... man muss sie erstmal zur Kennntnis nehmen.

Ausgehend von dieser Diagnose, untersucht Andreas Reckwitz den Prozess der Singularisierung, wie er sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Ökonomie, Arbeitswelt, digitaler Technologie, Lebensstilen und Politik abspielt. Mit dem Anspruch einer Theorie der Moderne zeigt er, wie eng dieser Prozess mit der Kulturalisierung des Sozialen verwoben ist, welch widersprüchliche Dynamik er aufweist und worin seine Kehrseite besteht. Die Gesellschaft der Singularitäten kennt nämlich nicht nur strahlende Sieger. Sie produziert auch ihre ganz eigenen Ungleichheiten, Paradoxien und Verlierer. Ein wegweisendes Buch.


Es ist ausdrücklich von "Beginn des 21. Jahrhunderts" die Rede. Nicht etwa von irgendwie die letzten 30, 40 Jahre. Es geht um wirklich ganz aktuelle Veränderungen. Ich würde es sehr spannend finden, sich dieser ganzen Thematik in der Diskussion zuzuwenden.
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