Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

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ryu1850
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon ryu1850 » Sa 2. Dez 2017, 22:12

Sextus Ironicus hat geschrieben:(02 Dec 2017, 21:49)

Am einfachsten geht das, wenn du dir überlegst, was dich mit den dreien verbindet.


Ich finde bei mir nichts.
Was ist denn bei dir? Du sagst die Kultur sind mehr als die Gesetze die wir achten. Was verbindet dich denn mit den 3en?
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schokoschendrezki
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » So 3. Dez 2017, 01:30

Sextus Ironicus hat geschrieben:(02 Dec 2017, 21:04)

Über den Liberalismus gibt's vielleicht mal einen eigenen Thread. Für ihn zieht die Abendröte auf, er wird nach dem kurzen aber heftigen Leben des Faschismus und dem an Altersschwäche dahingeschiedenen Kommunismus als letzter der drei ungleichen und doch aufeinander bezogenen Brüder sein Leben aushauchen, wenn er sich weiterhin auf den Staat als seinen Hauptfeind konzentriert.

Wie kann er das. Wenn er die Rechtsordnung als Basis und Garant für persönliche Freiheit ansieht. Wie schon geschrieben: Von Grundgesetz und Demokratieprinzip bis hinunter zu Straßenverkehrsordnung und Schulpflicht. Er weiß doch, dass er dafür Verfassungsgericht, Justiz, Polizei, Bildungssystem usw. braucht. Und dass das auch eine Stange Geld kostet. Wer das nicht akzeptiert, kann doch eigentlich kein Liberaler im eigentlichen SInne sein. Mal so ganz naiv gesagt.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 3. Dez 2017, 09:38

ryu1850 hat geschrieben:(02 Dec 2017, 22:12)

Ich finde bei mir nichts.
Was ist denn bei dir? Du sagst die Kultur sind mehr als die Gesetze die wir achten. Was verbindet dich denn mit den 3en?


Ja, dann ist das so bei dir. Wenn du als Flüchtling ohne Mittel und Kontake irgendwo in Südostasien landen würdest und kein Weg nach Europa, nach Deutschland zurückführte, meinst du es würde dir reichen, wenn du dort die Gesetze einhältst, um ein Mitglied der Gesellschaft zu werden? Und wenn dir dann die drei als Mitflüchtlinge begegnen, glaubst du, es würde dich dann mit ihnen auch nur das Einhalten verbinden?

Ich bin immer wieder erstaunt, wie a-historisch, wie völlig anti-anthropologisch, a-sozial, anti-(entwicklungs)psychologisch Menschen an solche Themen rangehen. Ich kenne das eigentlich sonst nur von tief religiösen Menschen aus dem Unterricht, die Evolution ablehnen und behaupten, Gott habe sie genau als derjenige gemeint, der sie sind und der sie unter allen Bedingungen geworden wären. So ähnlich, wenn auch säkular ist das, was du sagst, auch.

Du sagst: Ich finde nichts bei mir. Also gibt es das nicht? In Südostasien würden sie sich, falls sie es verstehen könnten, halbtot lachen. Was euch dort, falls ihr alle vier zu diesem Ergebnis dort kämt, verbände, wäre euer Paria-Dasein. Denn da ihr eure Kultur nicht verstehen könnt und euch aufs Gesetzeeinhalten beschränken würdet, würdet ihr dort einfach durchfallen.

Was ich mit denen teile, hatte ich schon oben mal an einem Beispiel erläutert. Ich teile, falls du hier aufgewachsen sein solltest, mit dir zum Beispiel die Tatsache, dass wir beide unter bestimmten Sozialisierungsbedingungen aufgewachsen bin. Die uns zu dem gemacht haben, was und wer wir sind.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 3. Dez 2017, 09:59

schokoschendrezki hat geschrieben:(03 Dec 2017, 01:30)

Wie kann er das. Wenn er die Rechtsordnung als Basis und Garant für persönliche Freiheit ansieht. Wie schon geschrieben: Von Grundgesetz und Demokratieprinzip bis hinunter zu Straßenverkehrsordnung und Schulpflicht. Er weiß doch, dass er dafür Verfassungsgericht, Justiz, Polizei, Bildungssystem usw. braucht. Und dass das auch eine Stange Geld kostet. Wer das nicht akzeptiert, kann doch eigentlich kein Liberaler im eigentlichen SInne sein. Mal so ganz naiv gesagt.


Zur Erinnerung:



„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“

– Ernst-Wolfgang Böckenförde: Staat, Gesellschaft, Freiheit. 1976, S. 60.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 3. Dez 2017, 10:43

Sextus Ironicus hat geschrieben:(03 Dec 2017, 09:38)

Ja, dann ist das so bei dir. Wenn du als Flüchtling ohne Mittel und Kontake irgendwo in Südostasien landen würdest und kein Weg nach Europa, nach Deutschland zurückführte, meinst du es würde dir reichen, wenn du dort die Gesetze einhältst, um ein Mitglied der Gesellschaft zu werden? Und wenn dir dann die drei als Mitflüchtlinge begegnen, glaubst du, es würde dich dann mit ihnen auch nur das Einhalten verbinden?

Ich bin immer wieder erstaunt, wie a-historisch, wie völlig anti-anthropologisch, a-sozial, anti-(entwicklungs)psychologisch Menschen an solche Themen rangehen. Ich kenne das eigentlich sonst nur von tief religiösen Menschen aus dem Unterricht, die Evolution ablehnen und behaupten, Gott habe sie genau als derjenige gemeint, der sie sind und der sie unter allen Bedingungen geworden wären. So ähnlich, wenn auch säkular ist das, was du sagst, auch.

Du sagst: Ich finde nichts bei mir. Also gibt es das nicht? In Südostasien würden sie sich, falls sie es verstehen könnten, halbtot lachen. Was euch dort, falls ihr alle vier zu diesem Ergebnis dort kämt, verbände, wäre euer Paria-Dasein. Denn da ihr eure Kultur nicht verstehen könnt und euch aufs Gesetzeeinhalten beschränken würdet, würdet ihr dort einfach durchfallen.

Was ich mit denen teile, hatte ich schon oben mal an einem Beispiel erläutert. Ich teile, falls du hier aufgewachsen sein solltest, mit dir zum Beispiel die Tatsache, dass wir beide unter bestimmten Sozialisierungsbedingungen aufgewachsen bin. Die uns zu dem gemacht haben, was und wer wir sind.


Den Gedanken dahinter kann man übrigens auch in theoretisch auf den Pubkt bringen: Von der Tatsache, dass das Verbindende aufgrund seiner alltäglichen Selbstverständlichkeit nicht ständig ins Bewusstsein dringt, kann nicht darauf geschlossen werden, es gäbe dieses Verbindende nicht. So, wie Glück erst nach einem plötzlichen Negativereignis nach seinem Ende als etwas, das gewesen ist, ins Bewusstsein dringt, so ist das mit dem Verbindenden in meinem Gedankenspiel Flucht nach Südostasien auch. Spätestens dort würde einem klar, was einen mit dem Hausmeister, dem Lehrer und dem Aufsichtsratvorsitzenden verbindet.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon ryu1850 » So 3. Dez 2017, 12:54

Sextus Ironicus hat geschrieben:(03 Dec 2017, 09:38)
Ich teile, falls du hier aufgewachsen sein solltest, mit dir zum Beispiel die Tatsache, dass wir beide unter bestimmten Sozialisierungsbedingungen aufgewachsen bin. Die uns zu dem gemacht haben, was und wer wir sind.


Zu was außer zu Menschen die sich an Gesetze halten wurden wir denn sozialisiert?
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » So 3. Dez 2017, 13:24

ryu1850 hat geschrieben:(03 Dec 2017, 12:54)

Zu was außer zu Menschen die sich an Gesetze halten wurden wir denn sozialisiert?


Ich mach keine Stöckchenspiele :D
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon ryu1850 » So 3. Dez 2017, 13:29

Sextus Ironicus hat geschrieben:(03 Dec 2017, 13:24)

Ich mach keine Stöckchenspiele :D


Das beantwortet meine Frage nicht. Was haben wir beide gemeinsam, außer den Gesetzen an die wir uns halten?
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 09:39

Kürzlich in der S-Bahn: Eine Gruppe von Menschen in drei Generationen (Großeltern, Eltern, Enkel vermutlich) über und über in irgendwelchen Fantrachten für (vemutlich) irgendeinen Fußball- oder Eishockey-Club. Ich habe auch nicht die allerleisteste Ahnung, worum es bei solchen kulturellen Ritualen eigentlich geht. Was eigentlich hinter einem Begriff wie "Fankultur" steht. Was sich in einem Bereich, den man mir mit "Fankurve" bezeichnet, eigentlich abspielt. Ebensogut hätten Marsmenschen neben mir sitzen können.

Noch die 60er, 70er waren in Europa doch noch sehr von gemeinschaftlich ausgeübten kulturellen Ritualen geprägt. Vorabendserie, Abendbrot, Tagesschau usw. Die von allen verstanden wurden. Es gehört nicht sehr viel Prophetie dazu, vorherzusagen, dass wir uns, insbesondere durch die Entwicklung digitaler Medien, schon kurzrfristig in einer Realität völlig disparater Lebenswelten auch innerhalb geographisch lokaler Räume befinden werden.

Für mich besteht zwischen einer Ansammlung von 40, 50 Frauen mit Kopftuch und Kindern in Neukölln und eine Gruppe von EHC-Fans in der S-Bahn kein wesentlicheri Unterschied. In beiden Fällen ist es eine Konfrontation mit einer Lebenswelt, die mir vollkommen fremd ist.

Zu dieser gesellschaftlichen Fragmentierung kommt es so oder so. Oder ist es schon gekommen. Ob mit oder ohne Flüchtlingsphänomen. Wie damit anders umgehen, als sich auf die Gültigkeit einer Rechtsordnung als letztes, verbleibendes Regularium zu berufen.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Zunder » Mo 4. Dez 2017, 09:52

Sextus Ironicus hat geschrieben:(03 Dec 2017, 09:59)

Zur Erinnerung:

Böckenförde hat mit der "Homogenität der Gesellschaft" allerdings keine ethnische Homogenität gemeint, sondern die breite gesellschaftliche Anerkennung der Werte, die der freiheitlichen Rechtsordnung zu Grunde liegen.

Für die Freiheit ist die Gesellschaft verantwortlich, nicht der Staat.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 10:08

Sextus Ironicus hat geschrieben:(03 Dec 2017, 09:38)
Du sagst: Ich finde nichts bei mir. Also gibt es das nicht? In Südostasien würden sie sich, falls sie es verstehen könnten, halbtot lachen. Was euch dort, falls ihr alle vier zu diesem Ergebnis dort kämt, verbände, wäre euer Paria-Dasein. Denn da ihr eure Kultur nicht verstehen könnt und euch aufs Gesetzeeinhalten beschränken würdet, würdet ihr dort einfach durchfallen.

Du darfst die "Berufung auf eine Rechtsordnung" nicht einfach auf "Gesetzeeinhalten" verkürzen. Nur als ein Beispiel: Die KZ-Gedenkstätten in Deutschland werden im wesentlichen durch Stiftungen getragen. Für die es entsprechende rechtliche Grundlagen gibt. Und auf der anderen Seite gibt es gesetzlich festgelegte Bildungsrichtlinien. Zum Beispiel die landesbezogenen Schulgesetze. Im ersten Satz des ersten Paragrpahen des ersten Teils des Berliner Schulgetzes heißt es dazu:
Auftrag der Schule ist es, alle wertvollen Anlagen der Schülerinnen und Schüler zur vollen Entfaltung zu bringen und ihnen ein Höchstmaß an Urteilskraft, gründliches Wissen und Können zu vermitteln. Ziel muss die Heranbildung von Persönlichkeiten sein, welche fähig sind, der Ideologie des Nationalsozialismus und allen anderen zur Gewaltherrschaft strebenden politischen Lehren entschieden entgegenzutreten sowie das staatliche und gesellschaftliche Leben auf der Grundlage der Demokratie, des Friedens, der Freiheit, der Menschenwürde, der Gleichstellung der Geschlechter und im Einklang mit Natur und Umwelt zu gestalten.

Anders gesagt: Das, was in diesem Strang schon einigemale als "Erinnerungskultur" erwähnt wurde, ist voll und ganz notwendige Folge unserer "Rechtsordnung". Dabei ist aber nicht das Herumreiten auf formalen Paragrafen wichtig, sondern genau umgekehrt: Die Absicherung, dass es jenseits dieser festgeschriebenen Regeln keinerlei Beschränkungen, keinerlei Vorgaben gibt. Dass der Mensch vollkommen frei machen kann, wie er will.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 4. Dez 2017, 10:09

Zunder hat geschrieben:(04 Dec 2017, 09:52)

Böckenförde hat mit der "Homogenität der Gesellschaft" allerdings keine ethnische Homogenität gemeint, sondern die breite gesellschaftliche Anerkennung der Werte, die der freiheitlichen Rechtsordnung zu Grunde liegen.


Schon klar, dass es bei einigen da falsch klingelt. Aber das ist nicht mein Problem, wenn dieser oder jener versteht, was er verstehen will :D

Zunder hat geschrieben:(04 Dec 2017, 09:52)
Für die Freiheit ist die Gesellschaft verantwortlich, nicht der Staat.


Eben. Und mit dem Verlust der Homogenität, d.h. mit dem Übergang vom "Wert" des Allgemeinen auf die multiplen "Werte" des Besonderen verliert sich ein Grundkonsens, und diese Werte müssen immer stärker gegeneinander durchgesetzt bzw. zwangsweise gleichgesetzt werden. Das kann die Gesellschaft der Singularitäten nicht mehr leisten, sondern muss die Dinge mit den "Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen". Das ist ja der Grundgedanke hinter Konzepten wie identity politics bzw. das sind ihre Folgen. Und das ist die Variante, bei der sich der Liberalismus von innen her selbst auffrisst, wenn sie erfolgreich ist. Die Alternative besteht darin, eine Gegenbewegung auf den Plan zu rufen, die dann das Allgemeine mit Zwang durchsetzt. Anti-liberale Nomokratien sind beide, nur auf andere Art.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 10:13

Wir leben in einer Gesellschaft, die vorschreibt, was zu tun ist und was zu lassen ist. Und die eben nicht vorschreibt, wie man zu sein hat.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 10:15

Zunder hat geschrieben:(04 Dec 2017, 09:52)
Für die Freiheit ist die Gesellschaft verantwortlich, nicht der Staat.

Grundverkehrt. Für die Freiheit ist jedes Individuum selbst verantwortlich. Indem es sie entweder wahrnimmt oder eben nicht.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 11:18

Zunder hat geschrieben:(04 Dec 2017, 09:52)

Böckenförde hat mit der "Homogenität der Gesellschaft" allerdings keine ethnische Homogenität gemeint, sondern die breite gesellschaftliche Anerkennung der Werte, die der freiheitlichen Rechtsordnung zu Grunde liegen.

Dieses mittlerweile fast totzitierte Böckenförde-Diktum ist vor allem im Zusammenhang mit der Säkularisierung des Staats entstanden. Der Staat schafft aber etwa mit Bildungssystem und Bemühung um sozialen Ausgleich durchaus auf freiheitliche Art Voraussetzungen, mit denen er die eigene freiheitliche Fortexistenz - wenn vielleicht nicht garantieren - aber weitgehend absichern kann. Eine Art "Zivilreligion" wie Böckenförde sie fordert ist nicht nötig.

Das ganze ist aber auch einfach aus der Zeit gefallen.
Heute darf der Satz vom Garantieausschluss nicht fehlen, wo Kardinäle, Bundespräsidenten oder Feuilletonisten zur Lage der Verfassungsnation sprechen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/der-unsinn-der-zivilreligion-1550342.html
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Selina » Mo 4. Dez 2017, 11:28

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 11:18)

Dieses mittlerweile fast totzitierte Böckenförde-Diktum ist vor allem im Zusammenhang mit der Säkularisierung des Staats entstanden. Der Staat schafft aber etwa mit Bildungssystem und Bemühung um sozialen Ausgleich durchaus auf freiheitliche Art Voraussetzungen, mit denen er die eigene freiheitliche Fortexistenz - wenn vielleicht nicht garantieren - aber weitgehend absichern kann. Eine Art "Zivilreligion" wie Böckenförde sie fordert ist nicht nötig.

Das ganze ist aber auch einfach aus der Zeit gefallen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/der-unsinn-der-zivilreligion-1550342.html


Interessant im Zusammenhang mit Böckenförde finde ich auch das (sorry für OT):

Zitat:

Im Jahr 2009 publizierte Böckenförde vor dem Hintergrund der globalen Wirtschaftskrise seit 2007 den kapitalismuskritischen Text "Woran der Kapitalismus krankt", in dem er den modernen Kapitalismus im Anschluss an Hans Freyers Theorie des gegenwärtigen Zeitalters als sekundäres System beschreibt, vom „inhumanen Charakter“ des Kapitalismus spricht und dafür plädiert, die Katholische Soziallehre „aus ihrem Dornröschenschlaf auf(zu)wecken“.

https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst-Wol ... f%C3%B6rde
Drüben im Walde kängt ein Guruh - Warte nur balde kängurst auch du. Joachim Ringelnatz
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Sextus Ironicus » Mo 4. Dez 2017, 12:47

schokoschendrezki hat geschrieben:(04 Dec 2017, 11:18)

Dieses mittlerweile fast totzitierte Böckenförde-Diktum ist vor allem im Zusammenhang mit der Säkularisierung des Staats entstanden. Der Staat schafft aber etwa mit Bildungssystem und Bemühung um sozialen Ausgleich durchaus auf freiheitliche Art Voraussetzungen, mit denen er die eigene freiheitliche Fortexistenz - wenn vielleicht nicht garantieren - aber weitgehend absichern kann. Eine Art "Zivilreligion" wie Böckenförde sie fordert ist nicht nötig.

Das ganze ist aber auch einfach aus der Zeit gefallen.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/der-unsinn-der-zivilreligion-1550342.html


Es war nie so aktuell wie jetzt. Du hast hier oder im Nachbarthread die Entwicklung des Zerfalls (Achtung: ich sage ZERfall und nicht VERfall) in der modernen Gesellschaft beschrieben. Unter fluiden Identitäten, die sich je nach der ebenso fluiden Wertewelt richten, wobei Werte jederzeit wieder entwertet werden können, in dieser allen allgemeinen Beindungen entzogenen Welt der Einzelnen gibt es über ein immer dichter geknüpftes Netz rechtlicher Vorschriften für den Umgang keine gesamtgesellschaftliches Bindeglied mehr. Was sich bisher aus dem Inneren der Gesellschaft entwickelt hat, was immer ein langsamer Prozess ist, wird nun immer stärker dekretiert werden müssen, weil die multiplen, fluiden Grüppchen ihre jeweiligen Ansprüche und Bedürfnisse ja nur auf dem Rechtsweg und nicht mehr auf dem Weg gesellschaftlicher Prozesse durchsetzen können. Denn wie oben gesagt wurde: Es verbindet nur die Einhaltung der Gesetze, also müssen die entsprechenden Gesetze auch her, um die multiplen Identitäten und Werte und ihre möglichen und unmöglichen Beziehungen abzubilden.

Dass das ein Ideal ist, sehe ich schon. Dass das tragfähig sein könnte, nicht. Es ist ein Sprungbrett fürs Totalitäre. Bestenfalls eine Nomokratie, aber etwas Liberales hält sich dort nicht mehr. Denn welchen Sinn sollte ein Staat überhaupt noch haben in so einem Modell? Wer würde ihn ggf. gegen Druck von außen wie verteidigen?
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon Dark Angel » Mo 4. Dez 2017, 13:37

Sextus Ironicus hat geschrieben:(04 Dec 2017, 12:47)

Es war nie so aktuell wie jetzt. Du hast hier oder im Nachbarthread die Entwicklung des Zerfalls (Achtung: ich sage ZERfall und nicht VERfall) in der modernen Gesellschaft beschrieben. Unter fluiden Identitäten, die sich je nach der ebenso fluiden Wertewelt richten, wobei Werte jederzeit wieder entwertet werden können, in dieser allen allgemeinen Beindungen entzogenen Welt der Einzelnen gibt es über ein immer dichter geknüpftes Netz rechtlicher Vorschriften für den Umgang keine gesamtgesellschaftliches Bindeglied mehr. Was sich bisher aus dem Inneren der Gesellschaft entwickelt hat, was immer ein langsamer Prozess ist, wird nun immer stärker dekretiert werden müssen, weil die multiplen, fluiden Grüppchen ihre jeweiligen Ansprüche und Bedürfnisse ja nur auf dem Rechtsweg und nicht mehr auf dem Weg gesellschaftlicher Prozesse durchsetzen können. Denn wie oben gesagt wurde: Es verbindet nur die Einhaltung der Gesetze, also müssen die entsprechenden Gesetze auch her, um die multiplen Identitäten und Werte und ihre möglichen und unmöglichen Beziehungen abzubilden.

Dass das ein Ideal ist, sehe ich schon. Dass das tragfähig sein könnte, nicht. Es ist ein Sprungbrett fürs Totalitäre. Bestenfalls eine Nomokratie, aber etwas Liberales hält sich dort nicht mehr. Denn welchen Sinn sollte ein Staat überhaupt noch haben in so einem Modell? Wer würde ihn ggf. gegen Druck von außen wie verteidigen?

Was bei diesem "Ideal" aber gerne übersehen wird, dass eben diese "Vereinzelten", mit ihren fluiden Identitäten, ohne jegliche allgemeine Bindung und ohne gesamtgesellschaftliches Bindeglied, ganz wunderbar manipulierbar, indoktrinierbar und damit auch instrumentalisierbar sind. Menschliche Roboter!
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 13:54

Sextus Ironicus hat geschrieben:(04 Dec 2017, 12:47)

Es war nie so aktuell wie jetzt. Du hast hier oder im Nachbarthread die Entwicklung des Zerfalls (Achtung: ich sage ZERfall und nicht VERfall) in der modernen Gesellschaft beschrieben. Unter fluiden Identitäten, die sich je nach der ebenso fluiden Wertewelt richten, wobei Werte jederzeit wieder entwertet werden können, in dieser allen allgemeinen Beindungen entzogenen Welt der Einzelnen gibt es über ein immer dichter geknüpftes Netz rechtlicher Vorschriften für den Umgang keine gesamtgesellschaftliches Bindeglied mehr. Was sich bisher aus dem Inneren der Gesellschaft entwickelt hat, was immer ein langsamer Prozess ist, wird nun immer stärker dekretiert werden müssen, weil die multiplen, fluiden Grüppchen ihre jeweiligen Ansprüche und Bedürfnisse ja nur auf dem Rechtsweg und nicht mehr auf dem Weg gesellschaftlicher Prozesse durchsetzen können. Denn wie oben gesagt wurde: Es verbindet nur die Einhaltung der Gesetze, also müssen die entsprechenden Gesetze auch her, um die multiplen Identitäten und Werte und ihre möglichen und unmöglichen Beziehungen abzubilden.

Dass das ein Ideal ist, sehe ich schon. Dass das tragfähig sein könnte, nicht. Es ist ein Sprungbrett fürs Totalitäre. Bestenfalls eine Nomokratie, aber etwas Liberales hält sich dort nicht mehr. Denn welchen Sinn sollte ein Staat überhaupt noch haben in so einem Modell? Wer würde ihn ggf. gegen Druck von außen wie verteidigen?


Im Augenblick zumindest in Europa oder zumindest in der EU ist der demokratische Staat dort am stärksten bedroht, wo es in einem demokratischen System auf demokratischem Weg zu forcierten Homogenisierungen der Gesellschaft gekommen ist: In Polen und Ungarn. Sollte einem das nicht zu denken geben?

Das Böckenförde-Diktum ist vor allem eines: Eine Tautologie. Kein Ding der Welt kann die Voraussetzungen herbeiführen, unter denen es einmal neu entstanden ist.
Die Voraussetzungen, von denen etwas lebt, sind nicht die, unter denen es das erste Mal in die Welt trat.

Sehr empfehlenswert ein Artikel in der FR, in der das Böckenförde-Diktum als Böckenförde-Dilemma herausgestellt wird. http://www.fr.de/kultur/staatswesen-das-boeckenfoerde-dilemma-a-355086. Das Böckenförde-Diktum ist einfach eine Binsenweisheit. Wenn ich meine Existenz als Mensch garantieren wollte, müsste ich zu jederzeit meine eigene Zeugung und nachfolgende Geburt reproduzierbar machen können. Sehr kurioser Gedanke.

Das Problem ist nur, dass dieses Diktum quasi als Universalbrechstange benutzt wird, um allen möglichen Scheiß als Forderung in die Gesellschaft hineinzutragen. Es ist, wie zigfach richtig festgestellt wurde, ein Sonntagsreden-Argument. Es hat dieses Potenzial zu dieser "Genau. So ist es. Der sagt es"-Beipflichtung.
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Re: Gibt es eine verbindende Deutsche Kultur?

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 4. Dez 2017, 13:58

Dark Angel hat geschrieben:(04 Dec 2017, 13:37)

Was bei diesem "Ideal" aber gerne übersehen wird, dass eben diese "Vereinzelten", mit ihren fluiden Identitäten, ohne jegliche allgemeine Bindung und ohne gesamtgesellschaftliches Bindeglied, ganz wunderbar manipulierbar, indoktrinierbar und damit auch instrumentalisierbar sind. Menschliche Roboter!

Nur weil Du nicht weißt, welchen Bindungen sich Individuen verpflichtet fühlen, die solche Bindungen als Privatsache ansehen, heißt das noch lange nicht, dass es solche Bindungen nicht gibt.
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