20 Jahre Leitkultur

Moderator: Moderatoren Forum 8

Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 14047
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 10:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Billie Holiday » Mi 10. Mai 2017, 23:09

hafenwirt hat geschrieben:(10 May 2017, 23:52)

Bitte den Beitrag nochmal lesen. Ich habe geschrieben, dass man es von mir aus machen kann, aber ich bezweifele, dass dies die Einstellung eines Menschen verändert. Da hilft auch kein vorwurfsvoller Zynismus, Billie. Außerdem wird das ja wohl immernoch nicht der Kernpunkt einer Leitkultur-Debatte sein, oder? All diese Fragen hast du leider ignoriert. Mit Zynismus zu antworten, scheint Teil einer Leitkultur zu sein, denn du bist nicht der einzige alte Mensch, der das hier so handhabt.


Dass wir gleichwertig sind, ist nicht zynisch, das ist wahr. ;)
Und es ist zumutbar, es wenigstens mal gesagt zu bekommen, wenn man hier leben will und zwar eine Weile auch von den weiblichen Steuerzahlerinnen. ;)

Ansonsten kann ich wenig mit Leitkultur anfangen.
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski
Benutzeravatar
hafenwirt
Beiträge: 7760
Registriert: Mo 16. Mär 2009, 07:21

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon hafenwirt » Mi 10. Mai 2017, 23:26

Billie Holiday hat geschrieben:(11 May 2017, 00:09)
Dass wir gleichwertig sind, ist nicht zynisch, das ist wahr. ;)

Ich meinte damit eher deinen vorwurfsvolles "sag den Neuzugängen, sie können hier machen, was sie wollen. Ob es zu ihrem Vorteil ist, bezweifle ich." was auch noch sachlich falsch ist, da ich betont habe, dass man es von mir aus ruhig machen kann.
Billie Holiday hat geschrieben:(11 May 2017, 00:09)
Und es ist zumutbar, es wenigstens mal gesagt zu bekommen, wenn man hier leben will und zwar eine Weile auch von den weiblichen Steuerzahlerinnen. ;)


Es geht nicht um Zumutbarkeit. Mein Argument ist die Sinnhaftigkeit. Ich finde, Maßnahmen jeglicher Art sollten sinnvoll sein und etwas bewirken. Und ich bezweifele das sich die Einstellung eines Menschen dadurch ändert, indem man ihm ein Papier vors Gesicht hält und sagt "Hier Leitkultur Deutschland, durchlesen, morgen aufsagen und fertich". Viel eher denke ich, dass sich sowas im Alltag ergibt. Gerade auch, weil es ja unterschiedlich ist, je nach sozialer Gruppe auf die du triffst.
CaptainJack

Re: Leitkultur in Deutschland

Beitragvon CaptainJack » Mi 10. Mai 2017, 23:36

Kibuka hat geschrieben:(10 May 2017, 23:49)

Richtig. Vorallem führt die Debatte zu rein gar nichts. Für De Maizières 10 Punkte-Plan interessiert sich weder ein Türke, noch ein Refugee.
Das wissen die auch!
Wie hier schon angedeutet, das ist der Wahlkampf-running gag, um noch ein paar Stimmen von denen einzufangen, die noch etwas patriotischer sind, als der Rest.
Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 14047
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 10:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Billie Holiday » Mi 10. Mai 2017, 23:42

hafenwirt hat geschrieben:(11 May 2017, 00:26)

Ich meinte damit eher deinen vorwurfsvolles "sag den Neuzugängen, sie können hier machen, was sie wollen. Ob es zu ihrem Vorteil ist, bezweifle ich." was auch noch sachlich falsch ist, da ich betont habe, dass man es von mir aus ruhig machen kann.


Es geht nicht um Zumutbarkeit. Mein Argument ist die Sinnhaftigkeit. Ich finde, Maßnahmen jeglicher Art sollten sinnvoll sein und etwas bewirken. Und ich bezweifele das sich die Einstellung eines Menschen dadurch ändert, indem man ihm ein Papier vors Gesicht hält und sagt "Hier Leitkultur Deutschland, durchlesen, morgen aufsagen und fertich". Viel eher denke ich, dass sich sowas im Alltag ergibt. Gerade auch, weil es ja unterschiedlich ist, je nach sozialer Gruppe auf die du triffst.


Es gibt aber Dinge, die müssen akzeptiert werden, auch wenn keine Sinnhaftigkeit erkannt wird. Es ist weißgott nicht viel, aber diesen einen Punkt finde ich sehr wichtig.
Es gibt Dinge, die werden angenommen oder nicht, ganz freiwillig.
Und es gibt so ein paar wenige Dinge, die hat jemand gefälligst anzuerkennen, und wenn ihm das nicht gefällt, soll er sich verpissen dorthin, woher er gekommen ist. ;)
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski
Benutzeravatar
Progressiver
Beiträge: 1803
Registriert: Sa 31. Mär 2012, 23:37
Wohnort: Baden-Württemberg

Re: Leitkultur in Deutschland

Beitragvon Progressiver » Do 11. Mai 2017, 00:45

Eine deutsche Leitkultur? Was soll das sein? Traditionell fragen sich die Deutschen schon seit hunderten von Jahren, was denn "typisch deutsch" sei. Typisch deutsch ist dabei allerdings vor allem das Sich-Selbst-Hinterfragen.

Und wenn man dann tatsächlich ernst macht mit der deutschen Leitkultur, dann jault doch wieder die CSU auf, weil sie darin ihr Bayerntum bedroht sieht, wenn man mal das Beherrschen und Sprechen der hochdeutschen Sprache einfordert. Und selbst hier bei uns im Südwesten gab es mal einen Leitspruch: "Wir können alles. Außer Hochdeutsch." Die Sprache fällt also mal weg.

Was soll also sonst als typisch deutsche Leitkultur gelten? Pünktlichkeit wie ein Schweizer? Wenn man die Religion dazu zählt, dann fällt einem sicher auf, dass die Deutschen in Massen den Kirchen den Rücken kehren. Sollte also eine säkulare Leitkultur entwickelt werden, dann wird es ganz schön ungemütlich für die deutschen Christen. Entschiedene Gegner wären auch in diesem Falle die Unionsparteien. Und auch die AfD wird sich dagegen stemmen.
"Skepsis ist der erste Schritt auf dem Weg zur Philosophie." (Denis Diderot)
Benutzeravatar
Hyde
Beiträge: 1223
Registriert: Di 14. Jun 2016, 17:15

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Hyde » Do 11. Mai 2017, 00:49

hafenwirt hat geschrieben:(10 May 2017, 21:49)

Das stimmt ja soweit alles und ich gehe mit dir da konform.

Aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre nun ein Frauenhasser, der zuhause seine Frau schlägt, die auch nicht rausdarf. Was hilft da die Leitkultur und wer soll sie initiieren? Heißt Leitkultur-Debatte etwa nur, dass die Menschen miteinander reden sollen und öffentlich sagen sollen, dass sie das nicht gut finden, wenn da jemand seine Frau schlägt? Der Staat kann natürlich sagen, dass er das nicht gut findet, aber was bringts?


Wenn jemand seine Frau schlägt, ist das ja zunächst mal ein Straftatbestand, der gesetzlich geregelt ist.
Die Leitkultur kommt dann zum Tragen, wenn z.B. jemand Frauen hasst, ohne jedoch gegen Gesetze zu verstoßen. Dann wird derjenige zwar nicht gesetzlich bestraft, jedoch von der Leitkultur sanktioniert und zwar insofern, als dass er mit sozialer Ächtung und Ausgrenzung durch die Gesellschaft rechnen muss.

Eine gute Leitkultur lässt den Menschen dort Freiraum, wo Individualität und Einzigartigkeit keinen Schaden anrichtet, sondern im Gegenteil Bereicherung für die Gesellschaft ist (was auf die allermeisten Bereiche zutrifft) und engt dort ein, sanktioniert dort, wo Andersartigkeit bösartig und schädlich ist (z.B. Rassisten, Mysogynisten, Homophobe, Schmarotzer, etc). Diese Gruppen müssen die wehrhaften Pranken unserer Leitkultur zu spüren bekommen, und die Leitkultur ist dann wehrhaft, wenn wir unsere (westlichen) Werte offensiv und einfordernd vertreten. Diese Aufgabe kann nicht der Staat und nicht die Politik leisten (sie kann höchstens durch Debatten die Sinne dafür schärfen), sondern das ist Aufgabe von jedem Einzelnen von uns.

Gerade diejenigen, die sich gegen den Leitkulturbegriff am meisten wehren (also vor allem das linksgrüne Spektrum), sind paradoxerweise meist die, die unsere Leitkultur am vorbildlichsten im Alltag leben und verteidigen - indem sie sich beispielsweise gegen Diskriminierungen (von Frauen, Schwulen, Migranten usw) einsetzen und für aufklärerische Ideale einstehen, und sie diejenigen bekämpfen, welche diese Ideale nicht teilen, sprich diejenigen bekämpfen welche die westliche Leitkultur gefährden.

Eine Leitkultur ist natürlich auch nicht statisch, sondern stetigen Veränderungen unterworfen. Vor 100 Jahren etwa gehörte die Toleranz gegenüber Homosexuellen noch nicht zur westlichen Leitkultur, heute aber auf jeden Fall.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11653
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Do 11. Mai 2017, 06:42

Laertes hat geschrieben:(10 May 2017, 19:29)

Jetzt habe ich mir den Essay durchgelesen und bin ziemlich verstört:

Grundrechte? Universelle Menschenrechte? Folter? Todesstrafe? Terror als Mittel zur Erreichung politischer Ziele? Sollte man besser mal ergebnisoffen diskutieren:

Kotz.

Der Titel des sowohl mehrfach preisgekrönten wie auch heftig umstrittenen Buchs von Urs Sommer lautet genau: "Werte: Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt". Unter allen Umständen ist eine kritische Auseinenandersetzung mit der immer rigider werdenden Wertedebatte nötig. Und der Titel besagt bereits klar, dass der Autor Werte wie Menschenrechte keineswegs grundätzlich ablehnt.

Es ist in jedem Fall völlig unerträglich, dass beispielsweise die Art, wie ich jemanden begrüße, also etwas, was absolut und uneingeschränkt meine Privatangelegenheit ist, plötzlich die ganze Gesellschaft oder gar die Regierung etwas angeht. Sollte das um sich greifen, sollte also, mit anderen Worten, die Mentalität der DDR-Gesellschaft zurückkehren, werde ich zum Terroristen.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11653
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Do 11. Mai 2017, 06:53

Hyde hat geschrieben:(11 May 2017, 01:49)

Wenn jemand seine Frau schlägt, ist das ja zunächst mal ein Straftatbestand, der gesetzlich geregelt ist.
Die Leitkultur kommt dann zum Tragen, wenn z.B. jemand Frauen hasst, ohne jedoch gegen Gesetze zu verstoßen. Dann wird derjenige zwar nicht gesetzlich bestraft, jedoch von der Leitkultur sanktioniert und zwar insofern, als dass er mit sozialer Ächtung und Ausgrenzung durch die Gesellschaft rechnen muss.

Es ist ein gutes Recht jedes Menschen, jemanden zu verachten, der Frauen hasst. Ebenso wie es das Recht ist, sofern er oder sie nicht gegen Gesetze verstößt, Frauen zu hassen. Es kann dafür psychologisch erklärbare Gründe geben. Ebenso wie Männer zu hassen. Wir sind mit dieser Debatte schon mitten auf dem Weg zurück zu Eugenik-Forderungen wie sie nicht etwa nur in Hitler-Deutschland sondern in vermeintlich hochzivilisierten und humanen Gesellschaften wie der Schwedens von Anfang des 20. Jahrhunderts bis weit in die siebziger Jahre oder auch in der Schweiz praktiziert wurden: Merzt die danebenstehenden aus, indem sie zwangssterilisiert werden.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
hafenwirt
Beiträge: 7760
Registriert: Mo 16. Mär 2009, 07:21

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon hafenwirt » Do 11. Mai 2017, 07:06

Billie Holiday hat geschrieben:(11 May 2017, 00:42)

Es gibt aber Dinge, die müssen akzeptiert werden, auch wenn keine Sinnhaftigkeit erkannt wird. Es ist weißgott nicht viel, aber diesen einen Punkt finde ich sehr wichtig.


Es geht nicht um den Inhalt einer Maßnahme, dessen Sinnhaftigkeit ich bezweifele, sondern die Umsetzung der Methode, dessen Sinnhaftigkeit ich anzweifele, da dass Ergebnis überschätzt wird. Ich denke eben nicht, dass jemand, der vorher den Mann gegenüber der Frau als höherwertiger sieht, plötzlich seine jahrelange Einstellung umkehrt, weil auf einem Papier geschrieben steht, dass das in Deutschland so ist.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11653
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Do 11. Mai 2017, 07:06

Billie Holiday hat geschrieben:(10 May 2017, 23:01)
Kein Mensch zwingt dich, dich mit Kartoffeln abzugeben. Interessiert niemanden. Trotzdem ist die Aussage korrekt, dass es hier im allgemeinen üblich ist, sich zur Begrüßung die Hand zu geben. Kann man tagtäglich beobachten. Das ist nichts schlimmes, tut nicht weh, man muß auch niemanden heiraten, dem man die Hand gibt. Es ist normal, hier sowohl Männlein als auch Weiblein die Hand zu geben. Der einzelne wird nicht dazu gezwungen, wenn es ihm solche Qualen bereitet.

Das wird im Kontext "Leitkultur" aber nicht einfach als Beobachtung und empirisches Ergebnis vermittelt. Natürlich nicht. Sonst würde man nicht das vorangestellte Bindeglied "Leit-" verwenden. Ist euch denn nicht klar, wo wir hingekommen sind, wenn Privatangelenheiten einem, wenn auch informellen, Normativierungsanspruch unterstellt werden? Nichts weniger als der Grundkonsens einer liberalen, auf Individualität und persönlicher Freiheit ausgerichteten Gesellschaft steht in Frage.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
hafenwirt
Beiträge: 7760
Registriert: Mo 16. Mär 2009, 07:21

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon hafenwirt » Do 11. Mai 2017, 07:23

Hyde hat geschrieben:(11 May 2017, 01:49)
Dann wird derjenige zwar nicht gesetzlich bestraft, jedoch von der Leitkultur sanktioniert und zwar insofern, als dass er mit sozialer Ächtung und Ausgrenzung durch die Gesellschaft rechnen muss.


Richtig. Die Frage ist doch, weshalb es dann eine Debatte benötigt. Entweder ist man sich in Deutschland also unsicher darüber, ob dieser Wert, dass mit sozialer Ächtung bei Hass auf Frauen zu rechnen ist, noch besteht - dann wäre er keine Leitkultur, sondern wünschenswerte Leitkultur. Oder der Wert an sich, dass man Frauen als gleichberechtigt sieht besteht, dann benötigt es doch aber keine Debatte darüber. Die Mechanismen, welche zu sozialer Ächtung und Ausgrenzung führen, sind doch aus der Gesellschaft heraus entstanden, aus den Interaktionen der Individuen untereinander.

Hyde hat geschrieben:(11 May 2017, 01:49)Diese Aufgabe kann nicht der Staat und nicht die Politik leisten (sie kann höchstens durch Debatten die Sinne dafür schärfen), sondern das ist Aufgabe von jedem Einzelnen von uns.


Richtig, der Meinung bin ich doch auch. Aber genau das wird doch tagtäglich in den Interaktionen der Menschen getan. Dazu braucht es keine Leitkultur-Debatte, angezettelt vom Innenminister. Eine Leitkultur existiert, wenn man so will, auch wenn ich den Begriff dafür nicht verwenden würde, weil in meinen Augen der Wortteil Leit- mit den von Selina angeführten Begriffen verbunden wird, wie Leitfaden und es nicht passend ist. Denn ein Leitfaden schreibt eine Expertengruppe zusammen und sagt: So sollte man etwas verwenden, so wird das gehandhabt. Bei der Kultur hat aber niemand sich zusammen gesetzt und gesagt "So sind wir als westliche Gesellschaft und so machen wir das" sondern die Gesamtkultur der Gesellschaft ergibt sich aus den einzelnen Interaktionen in der Gesellschaft ist wandelbar. Die kulturellen Einstellungen zum Geschlechterverhältnis zwischen Mann und Frau haben sich verändert, weil durch Feministinnen in den 60/70 Jahren darauf aufmerksam gemacht wurde und in den Interaktionen, Gesprächen zwischen den Menschen erkannt wurde, dass es vernünftiger ist im Alltag Mann und Frau gleichberechtigt zu sehen. Und nicht, weil sich ein Politiker in den 70er Jahren hinstellte und sagte "Wir brauchen eine Leitkultur-Debatte über Mann und Frau und fortan sagt die Leitkultur, dass man und Frau gleichberechtigt sind, setzt das um, liebes Volk!"

Hyde hat geschrieben:(11 May 2017, 01:49)
Gerade diejenigen, die sich gegen den Leitkulturbegriff am meisten wehren (also vor allem das linksgrüne Spektrum), sind paradoxerweise meist die, die unsere Leitkultur am vorbildlichsten im Alltag leben und verteidigen - indem sie sich beispielsweise gegen Diskriminierungen (von Frauen, Schwulen, Migranten usw) einsetzen und für aufklärerische Ideale einstehen, und sie diejenigen bekämpfen, welche diese Ideale nicht teilen, sprich diejenigen bekämpfen welche die westliche Leitkultur gefährden.


Siehe oben. Meines Erachtens - oder ich kann da nur für mich sprechen - wehrt man sich
a) gegen den Begriff an sich, weil er nicht passend ist - passender wäre sowas wie "zusammengefasste kulturelle Einstellungen der west. Gesellschaft"
b) Konservative und andere Mitte-Mitte Bürger es immer wieder in Zusammenhang bringen mit "so soll in Deutschland gelebt werden nach unseren Vorstellungen", wodurch es einen autoritären Charakter erhält
c) es so wirkt, als solle es (dazu empfehle ich die Beiträge von schokoschendrezki) staatlich vorgegeben sein. Ich habe Einwände gegen staatlich vorgegebene Leitkultur.

Am sinnvollsten sind also Maßnahmen - meinetwegen staatlich - die ein Bewusstsein fördern, sich an den Werten des GG zu orientieren. Durch Vorträge, Informationsveranstaltungen, Reihen, usw, wie eben am Beispiel der Erkämpfung der Frauenrechte. Und nicht durch "In Deutschland gibt man sich die Hände, wer das nicht tut ist nicht Teil der Leitkultur"
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11653
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Do 11. Mai 2017, 07:24

Soldmann hat geschrieben:(10 May 2017, 18:16)

Ein Euphemismus für "nationale Identität", da man das bei uns nicht sagen darf. Vielleicht auch ein Surrogat. So in etwa hatte ich das auch aufgefasst. Allerdings nur Chiffre für reaktionäres Denken, weil National bei uns als reaktionär gilt, nicht per se.


Der Unterschied liegt in der wertenden Betrachtung. In der Ukraine - als Beispiel - wird der Nationenbegriff überwiegend positiv und fortschrittlich, nämlich als Abgrenzung zu Russland aufgefasst. Objektiv und ohne Wertung gesehen, spiegelt die Aufwertung der Nationen einfach eine aktuelle soziologische Grundtendenz überall in der Welt wieder: Einen Orientierungswunsch angesichts des Endes von Ideologien wie Kommunismus und angesichts des Endes einer bipolaren Welt. Ähnlich siehts mit der Renaissance der Religionen aus.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 14047
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 10:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Billie Holiday » Do 11. Mai 2017, 09:21

hafenwirt hat geschrieben:(11 May 2017, 08:06)

Es geht nicht um den Inhalt einer Maßnahme, dessen Sinnhaftigkeit ich bezweifele, sondern die Umsetzung der Methode, dessen Sinnhaftigkeit ich anzweifele, da dass Ergebnis überschätzt wird. Ich denke eben nicht, dass jemand, der vorher den Mann gegenüber der Frau als höherwertiger sieht, plötzlich seine jahrelange Einstellung umkehrt, weil auf einem Papier geschrieben steht, dass das in Deutschland so ist.


Du zweifelst also den Sinn an, Neuzugängen von vorn herein mitzuteilen, dass in diesem Land Gleichberechtigung herrscht und die Geschlechter gleichwertig sind. Ok, so kann man es auch sehen.
Unwissenheit und Desinteresse gegenüber diesem Fakt dienen aber nicht dem sozialen Frieden und einem guten Zusammenleben.
Viele Frauen, die im übrigen diese Im Mittelalter verbliebenen Männer nicht eingeladen haben, werden ihre Schlüsse aus abwertendem Verhalten ziehen. Sind nicht alle so tolerant oder mit sowenig Selbstwertgefühl ausgestattet.

Ich finde es fair, Neuzugängen wenigstens ganz wichtige Aspekte unseres Zusammenlebens mitzuteilen. Sie haben die Freiheit, diese zu beachten oder es zu lassen....mit allen Konsequenzen. Und jetzt hänge dich bitte nicht wieder am Händedruck auf, das ist so ein trotziges Verhalten.
Zuletzt geändert von Billie Holiday am Do 11. Mai 2017, 09:32, insgesamt 1-mal geändert.
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski
Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 14047
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 10:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Billie Holiday » Do 11. Mai 2017, 09:23

schokoschendrezki hat geschrieben:(11 May 2017, 08:06)

Das wird im Kontext "Leitkultur" aber nicht einfach als Beobachtung und empirisches Ergebnis vermittelt. Natürlich nicht. Sonst würde man nicht das vorangestellte Bindeglied "Leit-" verwenden. Ist euch denn nicht klar, wo wir hingekommen sind, wenn Privatangelenheiten einem, wenn auch informellen, Normativierungsanspruch unterstellt werden? Nichts weniger als der Grundkonsens einer liberalen, auf Individualität und persönlicher Freiheit ausgerichteten Gesellschaft steht in Frage.


Ich betrachte Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Geschlechter nicht als reine Privatsache.
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski
Benutzeravatar
Unité 1
Beiträge: 3628
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 20:18
Benutzertitel: fsociety

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Unité 1 » Do 11. Mai 2017, 09:38

Billie Holiday hat geschrieben:(11 May 2017, 10:21)

Du zweifelst also den Sinn an, Neuzugängen von vorn herein mitzuteilen, dass in diesem Land Gleichberechtigung herrscht und die Geschlechter gleichwertig sind. Ok, so kann man es auch sehen.
.

Was versprichst du dir davon, Hafenwirt absichtlich misszuverstehen?
"Everyday we change the world. But to change the world in a way that means anything, that takes more time than most people have."
Benutzeravatar
Billie Holiday
Beiträge: 14047
Registriert: Mi 11. Jun 2008, 10:45
Benutzertitel: Mein Glas ist halbvoll.
Wohnort: Schleswig-Holstein, meerumschlungen

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Billie Holiday » Do 11. Mai 2017, 09:44

Unité 1 hat geschrieben:(11 May 2017, 10:38)

Was versprichst du dir davon, Hafenwirt absichtlich misszuverstehen?


Ich verspreche mir rein gar nichts aus Diskussionen in einem Forum.
Er bezweifelt die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen und Umsetzung. Vermutlich liegt er ganz richtig in seiner Einschätzung.
Wer mich beleidigt, bestimme ich.
K. Kinski
Benutzeravatar
hafenwirt
Beiträge: 7760
Registriert: Mo 16. Mär 2009, 07:21

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon hafenwirt » Do 11. Mai 2017, 10:06

Billie Holiday hat geschrieben:(11 May 2017, 10:21)
Unwissenheit und Desinteresse gegenüber diesem Fakt dienen aber nicht dem sozialen Frieden und einem guten Zusammenleben.


Symbolpolitik auch nicht. Inwiefern ändert es denn etwas an den langjährigen Einstellungen eines Menschen, wenn ihm ein Blatt Papier in die Hand gedrückt wird?

Viele Frauen, die im übrigen diese Im Mittelalter verbliebenen Männer nicht eingeladen haben, werden ihre Schlüsse aus abwertendem Verhalten ziehen. Sind nicht alle so tolerant oder mit sowenig Selbstwertgefühl ausgestattet.

Und jetzt hänge dich bitte nicht wieder am Händedruck auf, das ist so ein trotziges Verhalten.


Der Kernpunkt meines Beitrages:
Ich denke eben nicht, dass jemand plötzlich seine jahrelange kulturelle Einstellung umkehrt, weil auf einem Papier geschrieben steht, dass (etwas) in Deutschland so ist.

ist auf so ziemlich jede Art von Verhaltensweise anwendbar. Ob Händedruck, ob Kleidungsstil, ob Tisch-Manieren, ...das gilt nicht nur für den Ausländer, sondern auch für jemanden aus einem Arbeitslosen-Haushalt, welcher nach Ausbildung unter Managern ist und sich nicht direkt zurechtfindet, weil er am Wochenende zum Fußball geht steht zum Golfen, oder beim Essen nicht Gabel und Messer in korrekter Anordnung (über Kreuz, oder was die Bedeutung war) legt, sondern neben den Teller.
Benutzeravatar
hafenwirt
Beiträge: 7760
Registriert: Mo 16. Mär 2009, 07:21

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon hafenwirt » Do 11. Mai 2017, 10:07

Unité 1 hat geschrieben:(11 May 2017, 10:38)

Was versprichst du dir davon, Hafenwirt absichtlich misszuverstehen?


Danke. Manchmal frage ich ich, ob bei mir die Prägnanz in der Ausdrucksweise fehlt, oder ob es das Gegenüber ist.
Benutzeravatar
Keoma
Beiträge: 12142
Registriert: Mi 25. Jun 2008, 12:27
Benutzertitel: Drum Legend
Wohnort: Österreich

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Keoma » Do 11. Mai 2017, 10:08

hafenwirt hat geschrieben:(11 May 2017, 11:06)

Symbolpolitik auch nicht. Inwiefern ändert es denn etwas an den langjährigen Einstellungen eines Menschen, wenn ihm ein Blatt Papier in die Hand gedrückt wird?

Viele Frauen, die im übrigen diese Im Mittelalter verbliebenen Männer nicht eingeladen haben, werden ihre Schlüsse aus abwertendem Verhalten ziehen. Sind nicht alle so tolerant oder mit sowenig Selbstwertgefühl ausgestattet.



Der Kernpunkt meines Beitrages:

ist auf so ziemlich jede Art von Verhaltensweise anwendbar. Ob Händedruck, ob Kleidungsstil, ob Tisch-Manieren, ...das gilt nicht nur für den Ausländer, sondern auch für jemanden aus einem Arbeitslosen-Haushalt, welcher nach Ausbildung unter Managern ist und sich nicht direkt zurechtfindet, weil er am Wochenende zum Fußball geht steht zum Golfen, oder beim Essen nicht Gabel und Messer in korrekter Anordnung (über Kreuz, oder was die Bedeutung war) legt, sondern neben den Teller.


Aber immerhin weiß er, dass man nicht mit den Fingern isst.
Moralische Entrüstung ist Eifersucht mit einem Heiligenschein.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11653
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Do 11. Mai 2017, 10:32

Billie Holiday hat geschrieben:(11 May 2017, 10:23)

Ich betrachte Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Geschlechter nicht als reine Privatsache.

Artikel 3 des Grundgesetzes im Wortlaut:
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Noch was?

Ich behaupte keineswegs, dass ich persönlich irgendwas gegen die Gleichwertigkeit der Geschlechter habe. Und das Grundgesetz weist die Gleichwertigkeit als Staatsziel aus. Dennoch gibt es ein Recht darauf, eine andere Gesinnung zu haben, als sie diesem Staatsziel entspricht. Und das ist absolut essentiell. Das ist eines der zentralen Elemente und Grundvereinbarungen unserer Gesellschaft.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt

Zurück zu „80. Integration“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast