20 Jahre Leitkultur

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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon hafenwirt » Di 9. Mai 2017, 10:35

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 May 2017, 11:03)

Aber bitteschön. Das soll er/sie getrost tun. Es gibt etliche gesellschaftliche Mechanismen, die ein aosziales, diskriminierendes Verhalten auf Dauer gesehen unterbinden. Gerade heute früh konnte ich beobachten, wie man einen betrunkenen, schlecht gelaunten und agressiven Bürger daran hinderte, andere Leute tätlich anzugreifen. Ich kann nicht glauben, dass man tatsächlich wollen kann, dass der Staat von oben, Verhaltensweisen diktiert. Nochmal: Das ist eine Wiederkehr von DDR-Verhältnissen.


Es ist doch auch fraglich, ob sich die Leute dann daran halten. Nur mal so als Beispiel aus dem Alltag, was jedem bekannt sein dürfte: Teile unserer Gesellschaft gehen an Bettlern vorbei, andere Teile werfen Geld hinein oder geben gar ein Brötchen ab. Man stelle sich nun vor, der Staat führt nach erfolgreicher Debatte die Leitkultur ein und sagt: In dieser unserer Gesellschaft, in der wir leben, ist es Leitkultur, die Armen mit genauso großem Respekt zu begegnen und ihnen zu helfen, egal ob sie es verdient haben oder nicht. Ich würde bezweifeln, ob da dann mehr Menschen den Bettlern bedingungslos helfen und Geld hinwerfen. Allein, weil sie es vielleicht nicht als Hilfe ansehen. Natürlich könnte man es unter Strafe stellen und Menschen verhaften, die an Bettlern vorbeigehen und respektlos den Kopf schütteln. Für Dinge, die in Gesetz gegoßen werden sollen, braucht es wiederum keine Leitkultur.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Di 9. Mai 2017, 10:51

Die Tatsache, dass selbst ein bekannter CDU-Mitgenosse des Innenministers, Ruprecht Polenz nämlich, sich vehement gegen seinen Leitkultur-Ansatz ausspricht, kann man durchaus als Symptom für die - vorsichtig formuliert - Berechtigtkeit von kritischer Distanz zu dieser Strategie werten. Es gibt einfach keine rechtliche Grundlage. Es widerspricht den Grundsätzen unserer Verfassung. Jeder dämliche Idiot kann das Kopftuch- und Burka-Ächtungsgebot der "Leitkultur" so auslegen, dass auch HipHop-Kapuzenpullover damit geächtet sind. Es läuft, nochmal, auf die WIederkehr einmal der normativ ausgelegten DDR-Gesellschaft und zum anderen auf die Wiederkehr einer Blockwart-Mentalitätt hinaus: So wie der Blockwart darauf zu achten hatte, dass zur richtigen Zeit die richtigen Flaggen rausgehängt werden und die richtigen Sender gehört werden, so soll nun ein gegenseitiges Beäugen eingeführt werden, ob die Menschen sich korrekt begrüßen und korrekt kleiden.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Provokateur » Di 9. Mai 2017, 11:10

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 May 2017, 11:51)
Jeder dämliche Idiot kann das Kopftuch- und Burka-Ächtungsgebot der "Leitkultur" so auslegen, dass auch HipHop-Kapuzenpullover damit geächtet sind.



Man kann eine Burka auch über ein Verhüllungsverbot verbieten. Das Kopftuch ist unverbietbar. Finde ich aber auch okay. Ich bin halt, wie die Mehrheit der Gesellschaft, damit aufgewachsen, dass jemand, der Mund und Nase verbirgt, Übles im Schilde führt - sei es nun der Bandit, der sich das Halstuch vor dem Überfall hochzieht, sei es der Ninja, der den edlen Samurai heimtückisch ermordet, sei es der schwarze Ritter, der vor dem Kampf das Visier nicht öffnet.

Diese Dinge wirken nach und sind kulturell bei uns verankert.

Ist das deswegen Leitkultur? Ich weiß es nicht, es sind vor allem meine persönlichen Befindlichkeiten.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Unité 1 » Di 9. Mai 2017, 11:18

hafenwirt hat geschrieben:(09 May 2017, 11:35)

Es ist doch auch fraglich, ob sich die Leute dann daran halten. Nur mal so als Beispiel aus dem Alltag, was jedem bekannt sein dürfte: Teile unserer Gesellschaft gehen an Bettlern vorbei, andere Teile werfen Geld hinein oder geben gar ein Brötchen ab. Man stelle sich nun vor, der Staat führt nach erfolgreicher Debatte die Leitkultur ein und sagt: In dieser unserer Gesellschaft, in der wir leben, ist es Leitkultur, die Armen mit genauso großem Respekt zu begegnen und ihnen zu helfen, egal ob sie es verdient haben oder nicht. Ich würde bezweifeln, ob da dann mehr Menschen den Bettlern bedingungslos helfen und Geld hinwerfen. Allein, weil sie es vielleicht nicht als Hilfe ansehen. Natürlich könnte man es unter Strafe stellen und Menschen verhaften, die an Bettlern vorbeigehen und respektlos den Kopf schütteln. Für Dinge, die in Gesetz gegoßen werden sollen, braucht es wiederum keine Leitkultur.

Dein Beispiel verdeutlicht ganz gut, warum die Formulierung einer Leitkultur eine zum Missbrauch einladende Sache ist, sofern sie sich nicht auf Selbstverständlichkeiten beschränkt. Dann wiederum wäre sie nutzlos.
Es lädt zum Missbrauch ein, weil die "Autoren" einer "Leitkultur" ihren persönlichen Ansichten einen allgemeinen Anstrich geben (können). Nach de Maizières Vorstellungen beispielsweise sollten dem Bettler eher nichts gegeben werden, denn wir sind Leistungsgesellschaft.
Als wirkungslos würde ich es aber nicht betrachten - auch wenn es keinen unmittelbaren Effekt aufweist, so wird es über Zeit wirken. Einstellungen sind nicht festgemeißelt, sondern wandlungsfähig. Zudem diente eine "Leitkultur" als Multiplikator für gesellschaftliche wirkende Kräfte, sie können für ihre Zwecke darauf verweisen und so ihren Ansichten mehr Gewicht verleihen.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Laertes » Di 9. Mai 2017, 14:41

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 May 2017, 11:03)
Aber bitteschön. Das soll er/sie getrost tun. Es gibt etliche gesellschaftliche Mechanismen, die ein aosziales, diskriminierendes Verhalten auf Dauer gesehen unterbinden. (...) Ich kann nicht glauben, dass man tatsächlich wollen kann, dass der Staat von oben, Verhaltensweisen diktiert.


hafenwirt hat geschrieben:(09 May 2017, 11:35)
Man stelle sich nun vor, der Staat führt nach erfolgreicher Debatte die Leitkultur ein und sagt (...)


Ich bin ehrlich gesagt noch gar nicht auf die Idee gekommen, das irgendjemand ernsthaft Leitkultur verordnen oder diktieren wollen würde. Ich hätte gedacht die könne man allenfalls aus einem breiten gesellschaftlichen Konsens konstatieren. Weswegen Theo Sommer ja alternativ die Begriffe Mehrheitskultur oder Rahmenkultur anführt.

Das Leiten in Leitkultur bezog sich nach meinem Verständnis immer auf die Funktion als Orientierungspunkt, um sich aus einer anderen Kultur stammend hierzulande integrieren zu können.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon odiug » Di 9. Mai 2017, 15:52

watisdatdenn? hat geschrieben:(09 May 2017, 10:25)

Ach das stand so in ihrem Arbeitsvertrag?

Das ist eine faule Ausrede und darum gibt es diese Aussage weder in ihrem Arbeitsvertrag noch gesetzlich verankert.

So lief es in Wirklichkeit ab:
Sie hat an exponierter stellte gesagt, dass deutsche mehr Kinder haben sollten und das hausfrauenmodell nicht so schlecht ist.
Darum wurde sie nach einer medialen Hetzjagd (inklusive Rausschmiss aus einer Talkrunde) gefeuert.

Das "Hausfrauenmodell" besagt aber auch, dass die Frau in der Oeffentlichkeit gefaelligst die Klappe zu halten hat.
Insofern war der Rausschmiss von Frau Hermann nur konsequent :p
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon odiug » Di 9. Mai 2017, 15:58

Provokateur hat geschrieben:(09 May 2017, 12:10)

Man kann eine Burka auch über ein Verhüllungsverbot verbieten. Das Kopftuch ist unverbietbar. Finde ich aber auch okay. Ich bin halt, wie die Mehrheit der Gesellschaft, damit aufgewachsen, dass jemand, der Mund und Nase verbirgt, Übles im Schilde führt - sei es nun der Bandit, der sich das Halstuch vor dem Überfall hochzieht, sei es der Ninja, der den edlen Samurai heimtückisch ermordet, sei es der schwarze Ritter, der vor dem Kampf das Visier nicht öffnet.

Diese Dinge wirken nach und sind kulturell bei uns verankert.

Ist das deswegen Leitkultur? Ich weiß es nicht, es sind vor allem meine persönlichen Befindlichkeiten.

Also den schwarzen Ritter kenne ich nur aus Ivenhoe Verfilmungen mit Robert Taylor.
Ansonsten ist mir noch nie auf der Strasse ein Ritter in Ruestung begegnet.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Selina » Di 9. Mai 2017, 17:05

Provokateur hat geschrieben:(09 May 2017, 08:27)

Gerade deswegen finde ich den Begriff auch weniger "belastet", als er heute wahrgenommen wird. Bassam Tibi ist Immigrant und hat einen einwandfreien Leumund. Wenn so jemand sagt, dass Europa und Deutschland eine Leitkultur brauchen, dann muss niemand mit Nazi, Käfig und Freiheitseinschränkung kommen.


Bassam Tibi wird auch gerne von der AfD und sehr weit rechts stehenden Blättern zitiert. Er trug auf seine Weise dazu bei, dass Flüchtlinge unter Generalverdacht gestellt wurden, eine "Kultur der Gewalt" nach Deutschland gebracht zu haben. Unter dem Aspekt eines imaginären "Kampfes der Kulturen" plädiert er selbstverständlich auch gerne für eine "deutsche Leitkultur".

"Im Rahmen seines umfänglichen publizistischen Schaffens hat Tibi mehrere Begriffe geprägt oder mitgeprägt, darunter Leitkultur, Parallelgesellschaft, Euro-Islam und ,Scharia-Islam'."

https://de.wikipedia.org/wiki/Bassam_Tibi

Sehr bedenklich, wie er sich generalisierend über Flüchtlinge in Göttingen äußert:

http://www.taz.de/!5317021/
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 10. Mai 2017, 10:08

Ich empfehle zum Thema diesen Radioessay: http://www.deutschlandfunk.de/lebensges ... _id=377146
Der Kultur- und Theaterwissenschaftler Daniel Hornuff lässt darin überhaupt keinen Zweifel zum Begriff "Leitkultur" offen:
nichts weiter als eine Chiffre reaktionären Denkens

Klipp und klar und ohne wenn und aber.

Der innere Widerspruch der ganzen Leitkultur-Debatte besteht mindestens darin, dass eine ziemliche Menge von Leuten genau so darüber denkt. Oder anders gesagt: Die Kultur einer nicht unbeträchtlichen Mehrheit besteht darin, sich auf keine Mehrheitskultur einlassen zu wollen.
Zuletzt geändert von schokoschendrezki am Mi 10. Mai 2017, 10:12, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Provokateur » Mi 10. Mai 2017, 10:11

schokoschendrezki hat geschrieben:(10 May 2017, 11:08)

Ich empfehle zum Thema diesen Radioessay: http://www.deutschlandfunk.de/lebensges ... _id=377146
Der Kultur- und Theaterwissenschaftler Daniel Hornuff lässt darin überhaupt keinen Zweifel zum Begriff "Leitkultur" offen:

Klipp und klar und ohne wenn und aber.


Das ist aber auch nur eine Einzelmeinung.
Harry riss sich die Augen aus dem Kopf und warf sie tief in den Wald. Voldemort schaute überrascht zu Harry, der nun nichts mehr sehen konnte.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 10. Mai 2017, 10:14

Provokateur hat geschrieben:(10 May 2017, 11:11)

Das ist aber auch nur eine Einzelmeinung.


Nee. Das ist beileibe keine Einzelmeinung. Ein großer Teil des urban ausgerichteten Volks empfindet den Begriff "Leitkultur" genau so: Eine Chiffre reaktionären Denkens. Ich habe das in Dutzenden Gesprächen mit anderen Leuten genau und exakt so bestätigt bekommen.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Keoma » Mi 10. Mai 2017, 10:17

schokoschendrezki hat geschrieben:(10 May 2017, 11:14)

Nee. Das ist beileibe keine Einzelmeinung. Ein großer Teil des urban ausgerichteten Volks empfindet den Begriff "Leitkultur" genau so: Eine Chiffre reaktionären Denkens. Ich habe das in Dutzenden Gesprächen mit anderen Leuten genau und exakt so bestätigt bekommen.


Ja, das kenne ich.
Wenn man sich nur mit den Bobos im sechzehnten unterhält, kommt man auf so was.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Provokateur » Mi 10. Mai 2017, 10:18

schokoschendrezki hat geschrieben:(10 May 2017, 11:14)

Nee. Das ist beileibe keine Einzelmeinung. Ein großer Teil des urban ausgerichteten Volks empfindet den Begriff "Leitkultur" genau so: Eine Chiffre reaktionären Denkens. Ich habe das in Dutzenden Gesprächen mit anderen Leuten genau und exakt so bestätigt bekommen.


Andere hingegen sehen das anders. Umfrage zum Thema (kam früher schon mal): Klick hier.

Jeder zweite Deutsche ist einer Umfrage zufolge von der Notwendigkeit einer Leitkultur überzeugt. In einer Insa-Umfrage für das Magazin „Focus“ stimmten 52,5 Prozent der 1000 Befragten der Aussage zu, dass Deutschland eine Leitkultur brauche. Jeder Vierte (25,3 Prozent) sprach sich dagegen aus.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Unité 1 » Mi 10. Mai 2017, 10:35

Wenn es viele Einzelmeinungen zu einer Leitkultur gibt, sollte doch offensichtlich sein, dass das Konzept keinen Sinn ergibt.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon schokoschendrezki » Mi 10. Mai 2017, 10:57

Provokateur hat geschrieben:(10 May 2017, 11:18)

Andere hingegen sehen das anders. Umfrage zum Thema (kam früher schon mal): Klick hier.

Ja. Und diese Umfrage besagt: Etwa 52 Prozent der Befragten sprechen sich für
.. die deutsche Sprache, das Bekenntnis zum Grundgesetz, die Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie die Ablehnung radikaler, der demokratischen Grundordnung widersprechender Positionen.

und halten das für "Leitkultur" . Und etwa 25 Prozent sind der Meinung, dass die Formulierung dieser Richtlinien unter dem extra-Begriff "Leitkultur" vor allem redundant ist. Deutsch ist bereits Amtssprache. Und Demokratie und Gleichberechtigung sind grundgesetzlich festgelegte Prinzipien. Und 25 Prozent sind zwar rechnerisch eine Minderheit aber zahlenmäßig eine dennoch so relevante Bevölkerungsgruppe, dass das, was mit "Leitkultur" eigentlich und angeblich bewirkt werden soll, einen inneren gesellschaftlichen Zusammenhalt herzustellen .. genau ins Gegenteil verkehrt wird. Die Gesellschaft wird in mehr oder weniger unversöhnliche Gruppen gespalten.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Hyde » Mi 10. Mai 2017, 11:19

Die Aussage, dass jede Gesellschaft eine Leitkultur hat und braucht, ist korrekt. Der Fehler in dieser ganzen Debatte war in meinen Augen, dass man den unglücklichen Begriff "deutsche Leitkultur" in die Diskussion eingeführt hat. Dieser Begriff führt zum Einen bei linken Kräften automatisch zu Abwehrreflexen und verhindert somit seriöse Diskussionen in der Sache, zum Anderen ist er auch sachlich falsch.
Es gibt keine spezifische deutsche Leitkultur, genauso wie es keine belgische Leitkultur, keine spanische Leitkultur und keine australische Leitkultur gibt. Was soll das bitte sein? Man kann nicht von allen Deutschen erwarten, dass sie Beethoven mögen oder von allen Holländern erwarten, dass sie gerne Käse essen. Was es aber gibt, ist eine allgemeine westliche Leitkultur, die historisch aus der aufklärerischen europäischen Geschichte erwachsen ist und die unsere westlichen Länder durchdringt und sich im alltäglichen Verhalten der Menschen, in den Normen unserer Gesellschaft zeigt. Zur Integration ist es notwendig, diese westliche Leitkultur zu verinnerlichen.
Ebenfalls gibt es eine arabische Leitkultur, eine ostasiatische Leitkultur, eine afrikanische Leitkultur und eine indische Leitkultur, die in den entsprechenden Erdteilen vorherrscht und dort notwendig ist, wenn dort entsprechende Integration gelingen soll.
Zuletzt geändert von Hyde am Mi 10. Mai 2017, 11:27, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Dark Angel » Mi 10. Mai 2017, 11:22

schokoschendrezki hat geschrieben:(10 May 2017, 11:57)

Ja. Und diese Umfrage besagt: Etwa 52 Prozent der Befragten sprechen sich für

und halten das für "Leitkultur" . Und etwa 25 Prozent sind der Meinung, dass die Formulierung dieser Richtlinien unter dem extra-Begriff "Leitkultur" vor allem redundant ist. Deutsch ist bereits Amtssprache. Und Demokratie und Gleichberechtigung sind grundgesetzlich festgelegte Prinzipien. Und 25 Prozent sind zwar rechnerisch eine Minderheit aber zahlenmäßig eine dennoch so relevante Bevölkerungsgruppe, dass das, was mit "Leitkultur" eigentlich und angeblich bewirkt werden soll, einen inneren gesellschaftlichen Zusammenhalt herzustellen .. genau ins Gegenteil verkehrt wird. Die Gesellschaft wird in mehr oder weniger unversöhnliche Gruppen gespalten.

Und eben diese, im Grundgesetz verankerten Werte haben etwas mit Leitkulur zu tun, deren Anerkennung von Migranten erwartet und verlangt werden kann. Genauso gehört unser Rechtssystem zur Leitkultur, das anzuerkennen von Migranten erwartet und verlangt werden kann. Die zunehmende Etablierung der Scharia als Paralleljustiz zeigt ja gerade, wie aktuell und auch notwendig, die Forderung nach einer Leitkulur ist, weil dies die Ablehnung unserer Werte beweist.
Die Spaltung erfolgt bereits duch die Missachtung unserer Werte durch die Migranten.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Dark Angel » Mi 10. Mai 2017, 11:28

Hyde hat geschrieben:(10 May 2017, 12:19)

Die Aussage, dass jede Gesellschaft eine Leitkultur hat und braucht, ist korrekt. Der Fehler in dieser ganzen Debatte war in meinen Augen, dass man den unglücklichen Begriff "deutsche Leitkultur" in die Diskussion eingeführt hat. Dieser Begriff führt zum Einen bei linken Kräften automatisch zu Abwehrreflexen und verhindert somit seriöse Diskussionen in der Sache, zum Anderen ist er auch sachlich falsch.
Es gibt keine spezifische deutsche Leitkultur, genauso wie es keine belgische Leitkultur, keine spanische Leitkultur und keine australische Leitkultur gibt. Was soll das bitte sein? Man kann nicht von allen Deutschen erwarten, dass sie Beethoven mögen oder von allen Holländern erwarten, dass sie gerne Käse essen. Was es aber gibt, ist eine allgemeine westliche Leitkultur, die historisch aus der aufklärerischen europäischen Geschichte erwachsen ist und die unsere westlichen Länder durchdringt und sich im alltäglichen Verhalten der Menschen, in den Normen unserer Gesellschaft zeigt. Zur Integration ist es notwendig, diese Leitkultur zu verinnerlichen.
Ebenfalls gibt es eine arabische Leitkultur, eine ostasiatische Leitkultur, eine afrikanische Leitkultur und eine indische Leitkultur, die in den entsprechenden Erdteilen vorherrscht und dort notwendig ist, wenn dort entsprechende Integration gelingen soll.

Das versuche ich schon seit längerem zu erklären - ohne jeden Erfolg. Das ist wie ein pawlowscher Reflex - da wird "unsere Kultur/Leitkultur" gelesen und schon wird dieser Begriff mit "deutscher Kultur/Leitkultur" gleichgesetzt und das ist ganz phöse, ganz nationalistisch, ganz räächts und dagegen muss man sich mit Händen und Füßen zur Wehr setzen.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Hyde » Mi 10. Mai 2017, 12:16

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 May 2017, 11:51)

Die Tatsache, dass selbst ein bekannter CDU-Mitgenosse des Innenministers, Ruprecht Polenz nämlich, sich vehement gegen seinen Leitkultur-Ansatz ausspricht, kann man durchaus als Symptom für die - vorsichtig formuliert - Berechtigtkeit von kritischer Distanz zu dieser Strategie werten. Es gibt einfach keine rechtliche Grundlage. Es widerspricht den Grundsätzen unserer Verfassung.


Meiner Meinung nach geht es bei dieser Leitkulturdebatte nicht um irgendwelche rechtlichen Grundlagen oder um gesetzliche Sanktionen.
Denn natürlich kann und darf man nicht gegen "Verstöße" der Leitkultur gesetzlich vorgehen. Zur westlichen Leitkultur zählt meines Erachtens beispielsweise auch die sexuelle Liberalität (Sex vor der Ehe), die nach wie vor eigentlich ein Alleinstellungsmerkmal der westlichen Welt ist. Wenn nun jemand daherkommt und die Ansicht vertritt, dass Sex vor der Ehe teuflisch ist und daher abgelehnt werden muss, oder noch besser die Ansicht vertritt, dass lediglich Frauen keinen Sex vor der Ehe haben sollten: dann verstößt diese Person gegen unsere Leitkultur, aber natürlich kann ich diese Person für seine Ansicht dann nicht gesetzlich sanktionieren, und das wäre auch völlig falsch. Klar ist aber, dass sich solche Personen selbst ausgrenzen und ihre Integration erschweren, weil sie sich mit dem Rest der Gesellschaft nicht auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner bewegen. Das gleiche gilt, wenn ich z.B. Frauen nicht die Hand schüttle: natürlich kann und darf ich dafür nicht gesetzlich sanktioniert werden, natürlich kann und darf ich nicht dazu gezwungen werden - aber klar ist, dass ich meine Integration in die Gesellschaft (welche zwangsläufig immer unter einem Dach gemeinsamer Grundwerte und Grundnormen zusammenlebt) mit meinem derartigen Verhalten enorm erschwere.
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Re: 20 Jahre Leitkultur

Beitragvon Keoma » Mi 10. Mai 2017, 12:31

Hyde hat geschrieben:(10 May 2017, 13:16)

Meiner Meinung nach geht es bei dieser Leitkulturdebatte nicht um irgendwelche rechtlichen Grundlagen oder um gesetzliche Sanktionen.
Denn natürlich kann und darf man nicht gegen "Verstöße" der Leitkultur gesetzlich vorgehen. Zur westlichen Leitkultur zählt meines Erachtens beispielsweise auch die sexuelle Liberalität (Sex vor der Ehe), die nach wie vor eigentlich ein Alleinstellungsmerkmal der westlichen Welt ist. Wenn nun jemand daherkommt und die Ansicht vertritt, dass Sex vor der Ehe teuflisch ist und daher abgelehnt werden muss, oder noch besser die Ansicht vertritt, dass lediglich Frauen keinen Sex vor der Ehe haben sollten: dann verstößt diese Person gegen unsere Leitkultur, aber natürlich kann ich diese Person für seine Ansicht dann nicht gesetzlich sanktionieren, und das wäre auch völlig falsch. Klar ist aber, dass sich solche Personen selbst ausgrenzen und ihre Integration erschweren, weil sie sich mit dem Rest der Gesellschaft nicht auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner bewegen. Das gleiche gilt, wenn ich z.B. Frauen nicht die Hand schüttle: natürlich kann und darf ich dafür nicht gesetzlich sanktioniert werden, natürlich kann und darf ich nicht dazu gezwungen werden - aber klar ist, dass ich meine Integration in die Gesellschaft (welche zwangsläufig immer unter einem Dach gemeinsamer Grundwerte und Grundnormen zusammenlebt) mit meinem derartigen Verhalten enorm erschwere.


Ich hab's ja schon geschrieben, die Leitkultur wird hauptsächlich von ungeschriebenen Gesetzen geprägt, ist früher eher strenger gewesen, unter dem Motto "so was tut man nicht".
Trotzdem existieren Konventionen, auch wenn sie einem Wandel unterworfen sind.
Das Abstreiten einer Leitkultur beseitigt sie nicht.
An Regeln - das müssen ja keine Gesetze sein - orientiert man sich im Zusammenleben.
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