Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » So 18. Dez 2016, 23:26

H2O hat geschrieben:(18 Dec 2016, 23:12)

Na, diese Entwicklung kann ich ganz gut verstehen, wenn ich mich an viele Diskussionen am Arbeitsplatz über Ing. grad und Dipl.Ing erinnere. Wenn der höhere Abschluß mit vertretbarem Aufwand zu erreichen ist... was soll da die "amtliche Begrenzung" auf den Bachelor? Dann müßten die Mühen bis zum Master schon so hoch liegen, der Zeitaufwand so groß sein, daß eben die 2/3 sich mit dem Bachelor zufrieden geben.

Wichtig ist doch, daß der Arbeitsmarkt mit spielt. Letztendlich, Wissenschaften hin oder her, entscheidet doch der Arbeitsmarkt darüber, mit welchen Abschlüssen die jungen Leute sich ins Getümmel wagen. Nach 10 Jahren engagierter Arbeit im Beruf sind viele Anfangsunterschiede längst eingeebnet.

Stimmt. Wenn ich mich recht entsinne, studierte man an Ingenieurschulen drei Jahre für den Ing., wovon viele später zum Dipl.-Ing. (FH) nachdiplomiert wurden, da aus diesen Schulen viele Fachhochschulen gemacht wurden. Der Abschluss war aber weiterhin unter dem Dipl.-Ing. der Unis und berechtigte bspw. nicht zur Promotion.

Gefährliches Halbwissen: die Begrenzung war ein Kompromiss. Einige Länder wollten komplett feste Zeiträume, da dies einen Hochschulwechsel erleichtert und mehr Transparenz bietet. Andere Länder bevorzugten wiederum mehr Autonomie, da sie der Meinung waren, dass man nicht so pauschal sagen könne, dass Studiendauer X für alle Fächer die optimale Zeit wäre. Also einigte man sich auf 6-8 Semester für den ersten Abschluss und insgesamt 10 bis zum zweiten. Das sind, wie gesagt, nur die Regelzeiten. Wie lange ein Student dann tatsächlich benötigt, steht auf einem anderen Blatt.

Aber ja, man könnte die Ansprüche nochmal drastisch hochsetzen. Ob das irgendwem nützt, würde ich aber bezweifeln.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon H2O » So 18. Dez 2016, 23:35

frems hat geschrieben:(18 Dec 2016, 23:26)
...
... man könnte die Ansprüche nochmal drastisch hochsetzen. Ob das irgendwem nützt, würde ich aber bezweifeln.


Damit ist niemandem gedient, wenn die heran gebildeten jungen Leute die Erwartungen des Arbeitsmarkts erfüllen. Schlimm wäre die Sache nur, wenn deutsche Personalchefs massenweise Fachleute vom Internationalen Markt "einkauften", weil diese Qualifikationen hier nicht ausgebildet werden. Dann hätten aber etliche Leute in politischer Verantwortung sehr hartnäckig geschlafen!
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » So 18. Dez 2016, 23:52

H2O hat geschrieben:(18 Dec 2016, 23:35)

Damit ist niemandem gedient, wenn die heran gebildeten jungen Leute die Erwartungen des Arbeitsmarkts erfüllen. Schlimm wäre die Sache nur, wenn deutsche Personalchefs massenweise Fachleute vom Internationalen Markt "einkauften", weil diese Qualifikationen hier nicht ausgebildet werden. Dann hätten aber etliche Leute in politischer Verantwortung sehr hartnäckig geschlafen!

Wenn wir die Zahl künstlich verknappen, um das Ziel 33% zu erreichen, wird das jedenfalls nicht zu mehr Masterabsolventen führen. Bei den absoluten Spitzenkräften schaut man hingegen eh global. Und so schlecht scheinen die deutschen Absolventen nicht anzukommen, wenn man auf die Gehälter schaut. In Bayern gab's mal eine Umfrage unter Absolventen:

Mehr als 90 Prozent der Bachelorabsolventen in Betriebswirtschaftslehre, Informatik und den Ingenieurwissenschaften finden demnach nach ihrem Abschluss zügig eine erste Stelle. Dabei verdienen Bachelorabsolventen beim Berufseinstieg fast ebenso viel wie Diplomabsolventen – und Masterabsolventen verdienen zu Beginn sogar teilweise deutlich mehr. [...]

Heubisch räumte aber ein, dass es dennoch "Entwicklungspotenzial" gebe – etwa wenn es darum gehe, wie der Bachelor von den Studenten selbst gesehen werde. "Wir müssen die Wahrnehmung des Bachelor als ersten berufsqualifizierenden Abschluss weiter stärken und Vorurteilen entgegentreten", sagte er.

https://www.welt.de/regionales/muenchen ... anden.html

Bei den Geisteswissenschaften sei es schwieriger, aber das kam nicht erst mit den neuen Abschlüssen.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Sa 15. Apr 2017, 16:43

Nochmal etwas zum Thema:

Liebling der Wirtschaft
Welche Chancen haben Bachelor-Absolventen auf dem Jobmarkt? Unternehmen und Wirtschaftsverbände loben den Abschluss, die Studierenden aber sind misstrauisch.

http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-04/b ... ettansicht
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon Kael » Do 20. Apr 2017, 10:48

Der einzige Grund warum ich mein Master Studium mache ist, weil ich das Wort Bachelor ekelhaft finde
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Do 20. Apr 2017, 19:12

Kael hat geschrieben:(20 Apr 2017, 11:48)

Der einzige Grund warum ich mein Master Studium mache ist, weil ich das Wort Bachelor ekelhaft finde

Danke, den Grund kannte ich noch nicht und habe ihn in den Umfragen auch noch nie gelesen. Da nennen die Studenten normalerweise Gehaltsaussichten, Vertiefung des Faches, Erweiterung der Bildung (teils nicht-konsekutiv), Hochschulwechsel (inkl. Auslandserfahrung), Unsicherheit beim Berufseinstieg usw. als Grund. Wünsche Dir aber viel Erfolg.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon Merkel_Unser » Do 20. Apr 2017, 19:21

frems hat geschrieben:(20 Apr 2017, 20:12)

Danke, den Grund kannte ich noch nicht und habe ihn in den Umfragen auch noch nie gelesen. Da nennen die Studenten normalerweise Gehaltsaussichten, Vertiefung des Faches, Erweiterung der Bildung (teils nicht-konsekutiv), Hochschulwechsel (inkl. Auslandserfahrung), Unsicherheit beim Berufseinstieg usw. als Grund. Wünsche Dir aber viel Erfolg.


Sind m.M.n alles zweitrangige Gründe. Der Hauptgrund ist ganz einfach die Hoffnung, sich mit einem höheren Abschluss der Konkurrenz am Arbeitsmarkt zu entledigen. So kommt es nicht von ungefähr, dass in Biologie oder Physik sich viele schon zur Promovotion genötigt sehen, während man in Ingenieurstudiengängen oder in Informatik durchaus auch mit einem Bachelor als Abschluss zufrieden ist.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Do 20. Apr 2017, 19:26

Merkel_Unser hat geschrieben:(20 Apr 2017, 20:21)

Sind m.M.n alles zweitrangige Gründe. Der Hauptgrund ist ganz einfach die Hoffnung, sich mit einem höheren Abschluss der Konkurrenz am Arbeitsmarkt zu entledigen. So kommt es nicht von ungefähr, dass in Biologie oder Physik sich viele schon zur Promovotion genötigt sehen, während man in Ingenieurstudiengängen oder in Informatik durchaus auch mit einem Bachelor als Abschluss zufrieden ist.

Na, die Gründe "Unsicherheit beim Berufseinstieg (mit Bachelor)" und Gehaltsaussichten sind doch unmittelbar mit der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verbunden. :?: Ein Problem, einen Job zu finden, scheinen die Bachelors ja laut Statistiken nicht zu haben. Frage ist natürlich, was für ein Job das ist. Will man in die Forschung, wird es auch als Ingenieur mit Bachelorabschluss etwas schwierig. Aber das Ziel hat ja nicht jeder.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon Merkel_Unser » Do 20. Apr 2017, 19:35

frems hat geschrieben:(20 Apr 2017, 20:26)

Na, die Gründe "Unsicherheit beim Berufseinstieg (mit Bachelor)" und Gehaltsaussichten sind doch unmittelbar mit der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verbunden. :?: Ein Problem, einen Job zu finden, scheinen die Bachelors ja laut Statistiken nicht zu haben. Frage ist natürlich, was für ein Job das ist. Will man in die Forschung, wird es auch als Ingenieur mit Bachelorabschluss etwas schwierig. Aber das Ziel hat ja nicht jeder.


Hab diese Statistik nicht gesehen, aber in manchen Fächern ist es definitiv schwer bis unmöglich einen Job als Bachelor zu bekommen, eben weil die Konkurrenz allesamt höhere Abschlüsse hat, natürlich um sich abzuheben. Dadurch entsteht ja auch der Praktika-, Auslandsjahr, und sonstige Lebenslauf-Optimierungswahn - zumindest in den genannten Bereichen.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon Kael » Do 20. Apr 2017, 22:45

An der FH bekommt man genug Praxis, da man auch mit Firmen direkt zusammen arbeitet. (zumindest da wo ich bin).
Bachelor ist das Ziel, Master ist 'nice to have' - Wenn ich nach dem Bachelor keinen guten Job habe, mach ich meinen Master - Auch um die Bezeichnung "Bachelor" loszuwerden.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Fr 21. Apr 2017, 13:02

Merkel_Unser hat geschrieben:(20 Apr 2017, 20:35)

Hab diese Statistik nicht gesehen, aber in manchen Fächern ist es definitiv schwer bis unmöglich einen Job als Bachelor zu bekommen, eben weil die Konkurrenz allesamt höhere Abschlüsse hat, natürlich um sich abzuheben. Dadurch entsteht ja auch der Praktika-, Auslandsjahr, und sonstige Lebenslauf-Optimierungswahn - zumindest in den genannten Bereichen.

In welchen Fächern soll das denn sein? Ich kenn auch Naturwissenschaftler, die nur einen Bachelorabschluss machten, obwohl eine Mehrheit in ihrem Bereich sogar promoviert. In der Forschung ist niemand gelandet, aber das war auch nicht ihr Ziel. Jobs gefunden haben sie alle, auch wenn es bei einigen mal zwei, drei Monate gedauert hat.

Kael hat geschrieben:An der FH bekommt man genug Praxis, da man auch mit Firmen direkt zusammen arbeitet. (zumindest da wo ich bin).
Bachelor ist das Ziel, Master ist 'nice to have' - Wenn ich nach dem Bachelor keinen guten Job habe, mach ich meinen Master - Auch um die Bezeichnung "Bachelor" loszuwerden.

Also geht's doch vor allem um die berufliche Karriere. Macht's da denn so einen großen Unterschied? Immerhin belassen es an FH deutlich mehr Absolventen beim Bachelor als an Universitäten.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon Kael » Fr 21. Apr 2017, 13:46

Ja, weil die Uni im normalfall nicht 'Praxisnah' unterrichtet.
Da wo ich studiere haben wir 2 Unis. Einmal die FH und einmal eine TH.
Die Uniabsolventen haben viiiiel mehr Theorie als wir und in einem direkten Vergleich, bei Praxisnähe, schnitt unsere FH besser ab. Allerdings bei wissenschaftlicher theoretischer Arbeit hat uns die Uni abgehängt.
Es kommt eben ganz drauf an.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Fr 21. Apr 2017, 17:08

Kael hat geschrieben:(21 Apr 2017, 14:46)

Ja, weil die Uni im normalfall nicht 'Praxisnah' unterrichtet.
Da wo ich studiere haben wir 2 Unis. Einmal die FH und einmal eine TH.
Die Uniabsolventen haben viiiiel mehr Theorie als wir und in einem direkten Vergleich, bei Praxisnähe, schnitt unsere FH besser ab. Allerdings bei wissenschaftlicher theoretischer Arbeit hat uns die Uni abgehängt.
Es kommt eben ganz drauf an.

Aachen? Ist zumindest die einzige mir bekannte Uni, die sich noch TH nennt. Alle anderen "TH", die in den letzten Jahren aufgeploppt sind, sind umbenannte FH. Deren Absolventen kommen in der Wirtschaft eigentlich ganz gut unter und steht auch international in Rankings ganz gut: https://i.imgur.com/hVU47eq.png

Hab nur leider nicht gefunden, wie viele Absolventen dort einen M.Sc. dranhängen. Wäre aber mal interessant. Weißt Du da was?
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Fr 15. Sep 2017, 13:06

Hab nur leider nicht gefunden, wie viele Absolventen dort einen M.Sc. dranhängen. Wäre aber mal interessant.

Ein halbes Jahr später weiß man nun zumindest, wie viele es an allen Universitäten ist. Und dort ist der Anteil bei Ingenieuren noch höher als (s. Eingangsbeitrag) über alle Fachdisziplinen an Universitäten hinweg (80%).

Die meisten Studenten entscheiden sich für den Master, nur wenige machen nach dem Bachelor eine längere Pause. Das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) hat untersucht, wie viele Studenten spätestens eineinhalb Jahre nach dem Bachelor ein Masterstudium aufgenommen haben. Das Ergebnis: Bei Ingenieuren von der Uni entscheiden sich neun von zehn dafür, unter den Absolventen von Fachhochschulen rund die Hälfte.

http://www.zeit.de/campus/2017/s2/ingen ... -erfahrung
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Sa 16. Sep 2017, 11:08

Merkel_Unser hat geschrieben:(20 Apr 2017, 20:35)

Hab diese Statistik nicht gesehen, aber in manchen Fächern ist es definitiv schwer bis unmöglich einen Job als Bachelor zu bekommen, eben weil die Konkurrenz allesamt höhere Abschlüsse hat, natürlich um sich abzuheben. Dadurch entsteht ja auch der Praktika-, Auslandsjahr, und sonstige Lebenslauf-Optimierungswahn - zumindest in den genannten Bereichen.

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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Sa 16. Sep 2017, 14:47

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(16 Sep 2017, 12:08)

Chemie.

Da war schon früher die Promotion die Regel. 2005:

Ohne Doktortitel geht fast gar nichts bei angehenden Chemikern. "Die Industrie-, vor allem die Großindustrie, erwartet die Promotion", sagt Manfred Heuschmann, Chemiker und Studiendekan an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Mehr als 90 Prozent der Chemiker schließen an ihr Diplom darum eine Doktorarbeit an.

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/jo ... 38263.html
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon H2O » Sa 16. Sep 2017, 14:57

frems hat geschrieben:(16 Sep 2017, 15:47)

Da war schon früher die Promotion die Regel. 2005:


http://www.spiegel.de/lebenundlernen/jo ... 38263.html


Das war aber auch schon in den 1960er Jahren nicht grundlegend anders. Studiendauer 18 bis 20 Semester, und danach etliche Promotionssemester als wissenschaftliche Mitarbeiter. Ähnlich bei Physikern und Biologen. Der Doktorgrad gehört dort fast zum Studienabschluß.

Vielleicht eine Überlegung zum Bachelor und Master:

Wenn man ein Master-Studium im MINT-Bereich erst nach einigen Jahren mit einschlägiger Berufserfahrung vorsähe, dann könnte man sehr wahrscheinlich zwei gute Nebenwirkungen erzielen: Der Studierende ist sehr selbständig und arbeitet gezielt auf eine ihn interessierende Fächerauswahl hin, um wissenschaftlich das zu vertiefen, was ihm in der Praxis am reizvollsten erschienen war. Höchstwahrscheinlich käme es so auch zu mehr Promotionen zu spannenden Fragen der Wissenschaften. Diese Akademiker hätten dann auch wieder leichteren Zugang zur Arbeitswelt, weil sie schon Betriebserfahrung haben... womöglich sogar in ihren "alten" Betrieb zurück kehren.

Weiterhin würden Arbeitgeber wohl doch sehr behutsam mit den Bachelors umspringen, damit eingearbeitete Fachkräfte möglichst dem Betrieb erhalten bleiben... und vielleicht sogar auf ein Masterstudium pfeifen.

Der Nachteil ist natürlich, daß der festgelegte Ausbildungsgang dann bis in die Zeit zur Familiengründung hinein ragt. Dadurch dürfte die Zahl von Master-Studierenden schrumpfen.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Sa 16. Sep 2017, 16:09

H2O hat geschrieben:(16 Sep 2017, 15:57)

Das war aber auch schon in den 1960er Jahren nicht grundlegend anders. Studiendauer 18 bis 20 Semester, und danach etliche Promotionssemester als wissenschaftliche Mitarbeiter. Ähnlich bei Physikern und Biologen. Der Doktorgrad gehört dort fast zum Studienabschluß.

Ja. Deshalb ist die Kritik der AfD auch etwas hanebüchen, da es -- wie gesagt -- früher nicht anders war und niemand sagt, man müsse nach dem Bachelor mit dem Studieren aufhören und es nicht bei "sechs oder sieben Semester Physik" bleiben müsse.

"Wir glauben, dass der Bachelor auf dem Arbeitsmarkt als nicht etabliert gilt. Wir können auch feststellen, dass ein Bachelor ungefähr die Zeitdauer einer Berufsausbildung hat. Und wir haben nach wie vor das Problem mit der Verschulung. Ich selber bin nicht betroffen, weil ich Rechtswissenschaften als Staatsexamen studiere. Aber ich merke das im Kontakt mit Freunden, die erzählen: wenn ich sechs oder sieben Semester Physik studiere, dann werde ich mit einem Bachelor in Physik nicht als echter Physiker anerkannt. Und ich glaube, dass man hier mit dem Diplom und Magister etwas aufgegeben hat, das sich einfach bewährt hat. Und darum wäre es wahrscheinlich auch wünschenswert, wenn man dahin wieder zurückkehrt."

http://www.deutschlandfunk.de/bundestag ... _id=395170

Vielleicht eine Überlegung zum Bachelor und Master:

Wenn man ein Master-Studium im MINT-Bereich erst nach einigen Jahren mit einschlägiger Berufserfahrung vorsähe, dann könnte man sehr wahrscheinlich zwei gute Nebenwirkungen erzielen: Der Studierende ist sehr selbständig und arbeitet gezielt auf eine ihn interessierende Fächerauswahl hin, um wissenschaftlich das zu vertiefen, was ihm in der Praxis am reizvollsten erschienen war. Höchstwahrscheinlich käme es so auch zu mehr Promotionen zu spannenden Fragen der Wissenschaften. Diese Akademiker hätten dann auch wieder leichteren Zugang zur Arbeitswelt, weil sie schon Betriebserfahrung haben... womöglich sogar in ihren "alten" Betrieb zurück kehren.

Weiterhin würden Arbeitgeber wohl doch sehr behutsam mit den Bachelors umspringen, damit eingearbeitete Fachkräfte möglichst dem Betrieb erhalten bleiben... und vielleicht sogar auf ein Masterstudium pfeifen.

Der Nachteil ist natürlich, daß der festgelegte Ausbildungsgang dann bis in die Zeit zur Familiengründung hinein ragt. Dadurch dürfte die Zahl von Master-Studierenden schrumpfen.

So ein "gap year" wird auch teilweise beworben, aber für die Masse scheint das nicht attraktiv zu sein, wenn an Universitäten 90% der Studenten nach ihrem Bachelor direkt ins Masterstudium übergehen. Und bei den restlichen 10% wissen wir auch nicht, was sie machen. Vielleicht gehen sie in die Wirtschaft und bleiben dort, vielleicht machen sie eine Weltreise, ein paar längere Praktika oder stellen fest, dass das Fach letztendlich nicht das war, was sie sich erhofften, weshalb sie ein anderes grundständiges Studium anschließen.

Persönlich finde ich schon interessant, dass die Politik Änderungswünsche (aus Kostengründen) hat, aber die Hochschulen und Studenten dem nicht folgen, sondern weitestgehend in bisherigen Mustern (Regelstudienzeit) bleiben. Es war vielleicht nicht alles schlecht.
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon H2O » Sa 16. Sep 2017, 17:51

frems hat geschrieben:(16 Sep 2017, 17:09)
...

... die Hochschulen und Studenten dem nicht folgen, sondern weitestgehend in bisherigen Mustern (Regelstudienzeit) bleiben. Es war vielleicht nicht alles schlecht.


Davon gehe ich auch aus; aber ich könnte mir schon vorstellen, daß es für einen künftigen Wissenschaftler doch sehr vernünftig wäre, sich als Bachelor in der Berufswelt seiner Disziplin um zu sehen und sich auch zu bewähren. Möglicherweise bleibt dann doch die größere Zahl im Beruf, und nur eine Minderheit mit wissenschaftlichem Ehrgeiz setzt das wissenschaftliche Studium fort. Völlig klar: Ohne diese Voraussetzung macht das wohl nur selten jemand. Da ist Geschwindigkeit keine Hexerei, und je höher der akademische Abschluß, desto besser bei der Gehaltsverhandlung zu Beginn des Arbeitslebens..

Wirklich besser ist aber geworden, daß zumindest staatlicherseits der Bachelor schon einmal als Berufseinstieg zugelassen ist. Wenn die Wirtschaft das nicht so übernimmt, dann hat sie offenbar genügend viele kostengünstige Bewerber mit dem Masterabschluß. Dabei sind junge Leute meist besser in die beruflichen Hierarchie ein zu bauen und durch gezielte Weiterbildung formbar für die Aufgaben in der Arbeitswelt.

Auch halte ich als Diplomierter den Schritt vom alten Diplom zum Master für unerheblich. Vor vielen Jahrzehnten haben wir uns auch bis zum Diplom in die Riemen legen müssen, nicht selten in Nachtschicht und an 365 Tagen im Jahr, um die Studienziele mit guten Ergebnissen zu erreichen. Und das soll jetzt in kürzerer Zeit zu vergleichsweise höher bewerteten Masterabschlüssen führen?
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Re: Politik-Ziel "Bachelor als Regelabschluss" komplett verfehlt

Beitragvon frems » Sa 16. Sep 2017, 18:02

H2O hat geschrieben:(16 Sep 2017, 18:51)

Davon gehe ich auch aus; aber ich könnte mir schon vorstellen, daß es für einen künftigen Wissenschaftler doch sehr vernünftig wäre, sich als Bachelor in der Berufswelt seiner Disziplin um zu sehen und sich auch zu bewähren. Möglicherweise bleibt dann doch die größere Zahl im Beruf, und nur eine Minderheit mit wissenschaftlichem Ehrgeiz setzt das wissenschaftliche Studium fort. Völlig klar: Ohne diese Voraussetzung macht das wohl nur selten jemand. Da ist Geschwindigkeit keine Hexerei, und je höher der akademische Abschluß, desto besser bei der Gehaltsverhandlung zu Beginn des Arbeitslebens..

Na, das ist doch heute auch völlig normal. In vielen Studiengängen sind Pflichtpraktika die Regel und die Mehrheit der Studenten arbeitet nebenbei in fachnahen Einrichtungen. Ob man dann noch ein Urlaubssemester einlegt oder zwischen zwei Studiengängen eine "Pause" fürs Arbeiten einlegt, nimmt sich doch nicht so viel.

Wirklich besser ist aber geworden, daß zumindest staatlicherseits der Bachelor schon einmal als Berufseinstieg zugelassen ist. Wenn die Wirtschaft das nicht so übernimmt, dann hat sie offenbar genügend viele kostengünstige Bewerber mit dem Masterabschluß. Dabei sind junge Leute meist besser in die beruflichen Hierarchie ein zu bauen und durch gezielte Weiterbildung formbar für die Aufgaben in der Arbeitswelt.

Schaut man sich die Einstiegsgehälter an, ist der Masterabsolvent keineswegs günstiger, sondern eine gute Stange teurer; aber ist ja auch logisch, weil er eine höhere Qualifikation hat, genau wie ein Dr.-Ing. früher schon ein höheres Einstiegsgehalter erwarten konnte als der Dipl.-Ing. Das ist mit B.Sc., M.Sc. und PhD nicht auf einmal anders. Ebenso verdiente ein Uni-Ing. meist mehr als ein FH-Ing., und letzterer wiederum mehr als ein Absolvent einer Ingenieurschule ohne akademischen Grad.

Und schlecht angenommen werden sie ja nicht. Die Bachelorabsoventen kommen in großer Mehrheit problemlos in der Wirtschaft unter, selbst wenn der erste Job vielleicht nicht das ist, was sie sich fürs gesamte Berufsleben erhofft haben. Eher klagen die Betriebe, dass sie gerne Bachelor einstellen würden, aber insb. die talentiertesten Absolventen lieber gleich an der Uni bleiben und noch mind. den Master dranhängen. Wie im vorigen Link steht, tun dies ja 90% der Jungingenieure. Und die Promotion ist im Ingenieurwesen -- anders als in einigen Naturwissenschaften und der Medizin -- eher selten anzutreffen.

Auch halte ich als Diplomierter den Schritt vom alten Diplom zum Master für unerheblich. Vor vielen Jahrzehnten haben wir uns auch bis zum Diplom in die Riemen legen müssen, nicht selten in Nachtschicht und an 365 Tagen im Jahr, um die Studienziele mit guten Ergebnissen zu erreichen. Und das soll jetzt in kürzerer Zeit zu vergleichsweise höher bewerteten Masterabschlüssen führen?

Es hat sich ja nicht so viel geändert wie manch einer glaubt. Oder anders: viele Reformen haben mit dem Bologna-Prozess gar nichts zu tun. Und der Masterabschluss ist doch nicht schneller zu erreichen als das Diplom; eher im Gegenteil. Da sollte man schon einen Blick auf die Regelstudienzeit werfen. Und die liegt bis zum Master bei zehn Semestern. Das galt fürs Diplom als Maximum. Teilweise erhielt man es auch nach acht bis neun Semestern an Universitäten, wenn man mal davon absieht, dass es in der Nachkriegszeit sogar schon mal nach drei Jahren ein Diplom gab. Jeweils in der Regelstudienzeit, versteht sich. In der Praxis haben Studenten im Schnitt schon immer länger gebraucht. Zudem wird der Master ja nicht als höher bewertet als das Uni-Diplom. Beim Qualifizierungsrahmen sind die Abschlüsse auf der selben Stufe, sind jeweils die Eintrittskarte zum Höheren Dienst sowie zur Promotion. Dass Masterabsolventen in der Praxis etwas höhere Einstiegsgehälter in der Privatwirtschaft erzielen, hat andere Gründe und so groß ist der Unterschied nicht.
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