Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Moderator: Moderatoren Forum 5

Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 5251
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 14:00

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Zunder » Do 9. Feb 2017, 16:21

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Feb 2017, 15:41)

Erst einmal ist es eine ziemliche Binsenweisheit, dass es mehrere und auch recht unterschiedliche Freiheitsbegriffe, Aspekte, Dimensionen des Begriffs "Freiheit" gibt. Auch wenn sie einiges gemeinsam haben. Die Sartresche Freiheit, von der ich sprach, ist insofern absolut, als es die Art Freiheit ist, die der Mensch nicht erlangt oder die ihm gewährt wird, sondern die, zu der er verurteilt ist und die insofern sehr wohl absolut ist. Über diese Freiheit verfügt in vollem ungeingeschränkten Maße auch jemand, der in der Todeszelle sitzt. Es ist nicht die Abwesenheit von äußerem Zwang sondern eine innere Entscheidungsmöglichkeit, der man nicht entgeht.

Die Freiheit Sartres, zu der der Mensch verurteilt ist, ist die"Freiheit", sich entscheiden zu müssen. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von einer absoluten Freiheit.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 9. Feb 2017, 16:32

Zunder hat geschrieben:(09 Feb 2017, 16:21)

Die Freiheit Sartres, zu der der Mensch verurteilt ist, ist die"Freiheit", sich entscheiden zu müssen. Das ist ziemlich genau das Gegenteil von einer absoluten Freiheit.

Meiner Ansicht nach ist das Gegenteil von einer absoluten Freiheit die populäre Auffassung, der Mensch sei zu freien Entscheidungen gar nicht in der Lage. Die bewusste Entscheidung, die Hand zu heben käme lange lange nach dem eigentlich steuernden unbewussten Signal. Glücklicherweise haben meines Wissens selbst die Schöpfer und Hauptvertreter dieser Ansicht dies zumindest in Teilen revidiert. Sartre übrigens rechnet auch die Entscheidung, sich "für nichts" zu entscheiden für eine freie Entscheidung.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Dark Angel » Do 9. Feb 2017, 16:36

Unité 1 hat geschrieben:(09 Feb 2017, 15:03)

Wenn sie das nicht leisten können, und sie können das nicht - haben sie überhaupt den Anspruch darauf? -, warum sollte es dann eine Rückbesinnung geben? Wenn die globalisierte Kommunikation keinen Ersatz für zwischenmenschliche Kommunikation darstellt, und "Traditionen" als Instrument sozialer Komptenz gelte, ist überhaupt nicht ersichtlich, warum es nicht bei einer gleichmäßigen Traditionspflege geblieben ist, stattdessen eine Rückbesinnung nötig sei. Folglich ist deine Gegenüberstellung Quatsch, globalisierte im Sinne von entgrenzter Kommunikation stellt kein Gegenstück zur zwischenmenschlichen dar.
Zweitens existieren zwischenmenschliche Beziehungen auf vielen Ebenen. Das implizit einer "Rückbesinnung auf Traditionen" zuschreiben zu wollen, verwischt das Eigentliche: "Rückbesinnung auf Traditionen" sind eine Möglichkeit für die Befriedigung des Bedürfnisses nach zwischenmenschlicher Kommunikation wie jeder andere Vereinsmeierei auch. Daran ist nichts besonderes.

Ich schrieb zwischenmenschliche Beziehung und nicht zwischenmenschliche Kommunikation - eine Beziehung ist "geringfügig" mehr als nur Kommunikation, weil zwischenmenschliche Beziehungen genau das schaffen, was Kommunikation allein nicht kann, nämlich soziale Kompetenz(en) entwickeln.
Wenn eine Rükbesinnung auf Tradition - egal welche und was man darunter auch verstehen will - zwischenmenschliche Beziehungen fördern kann, dann fördert das auch die Entwicklung sozialer Kompetenz(en).
Die Wiederentdeckung und Weitergabe traditioneller Handarbeitstechniken/Handwerkstechniken firmiert auch unter "Rückbesinnung auf Traditionen". Und da die vielfach in Vergessenheit geraten sind, IST Rückbesinnung notwendig.

Unité 1 hat geschrieben:(09 Feb 2017, 15:03)]Was zur Frage führt, warum denn nun eine "Rückbesinnung auf Traditionen" so wertvoll sein soll:

Nennt sich Pflege des kulturllen Erbes und ist u.a. ein Hauptanliegen der UNESCO ==> Deklaration von 1954 und Pariser Vertrag von 1972.

Unité 1 hat geschrieben:(09 Feb 2017, 15:03)Man kommt gar nicht umhin, allerwenigstens die Möglichkeit einer Identitätsstiftung, eines Trends zu identitärer Neuformulierung zu betrachten. Vereinsmeierei ist banal - kollektive selbstkonstituierende Identitäten, die ziemlich häufig ihre Wurzeln in vermeintlich wertebehafteten Traditionen haben, sind es nicht.

Nein natürlich kommt man nicht umhin, wenn man gewöhnt ist, alles durch die ideologische Brille zu betrachten und Tradition(en) oder z.B. ethisch-moralische Werte als "überflüssigen Ballast" betrachtet, dessen man sich schnellstens entledigen sollte. Dann ist das natürlich seehhr hilfreich, wenn man das in einem ganz bestimmten politischen Spektrum verorten kann.
Jaaa natürlich - "Vereinsmeierei" - was schließen sich Menschen überhaupt in Vereinen zusammen, wenn nicht als "kollektive selbstkonstituierende Identitäten"?
Schon mal auf die Idee gekommen, dass die gemeinsame Interessen, ein gemeinsames Hobby verbindet, welches sich nur in einem Verein betreiben lässt? Nicht?
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 5251
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 14:00

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Zunder » Do 9. Feb 2017, 16:39

Die Freiheit Sartres ist situationsbezogen, steht also grundsätzlich in einem gesellschaftlichen Kontext, bzw. in einem Verhältnis zur Umwelt. Das hat nichts mit Determinismus zu tun.
Zuletzt geändert von Zunder am Do 9. Feb 2017, 16:49, insgesamt 1-mal geändert.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 9. Feb 2017, 16:42

Und vielleicht muss man an dieser Stelle mit einem Missverständnis aufräumen: Eine Philosophie der "Gemeinschaft jenseits von Identität" ist im Gegensatz zu einer psychologischen oder soziologischen Analyse eben nicht nur Analyse sondern auch Synthese im Sinne einer Handlungsethik. Sie ist keine Ideologie (wie hier häufig behauptet) denn sie ist eben auch eine (zumindest gedankliche) Analyse. Der Mangel an "empirischen Daten" ist dann kein Mangel, wenn das Gedankengebäude logisch und konsistent ist. Ähnlich wie etwa die Stringtheorie, die auch nicht (direkt) auf empirischen Daten basiert, sagt sie gewissermaßen auch, welche Experimente (Handlungen) zu machen sind, um ihre Richtigkeit zu bestätigen.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 5251
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 14:00

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Zunder » Do 9. Feb 2017, 16:52

Wenn man anerkennt, daß eine Existenz jenseits von Identität gar nicht möglich ist, erledigt sich der Rest von selbst.
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Dark Angel » Do 9. Feb 2017, 16:56

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Feb 2017, 15:52)

So. Darf sie nicht. Das verwiesene Buch von Juliane Spitta ist auch keine Soziologie- oder Psychologie- sondern eine Philosophie-Dissertation. Wusstest Du, dass Dave Brubeck, einer der genialsten Pianisten der Jazz-Geschichte nicht mal Noten lesen konnte? Seine Aufnahmen sind sozusagen hilfloses Laien-, bestenfalls Amateur-Geklimper. :p

Vergleichst du mal wieder Äppel mit Birnen?
Schon mal was vom "absoluten Gehör" gehört? Soll durchaus Menschen geben, die darüber verfügen und jeden Ton richtig treffen, ohne Noten lesen zu können.
Ich weiß, dass Spitta eine Philosophie-Dissertation geschrieben hat und gerade deshalb kann sie mit ihrer Arbeit keinen Anspruch erheben, irgendwelche relevanten Ergebnisse und/oder praxistaugliche Lösungen vorzuweisen. Genau darum ist ihre Arbeit eine rein weltanschauliche Sichtweise. So what!
Und nochwas: ich habe nirgends etwas von "hilflos" geschrieben, noch habe ich abgewertet. Es ist schlicht und ergreifend eine Tatsache, dass ein Laie oder Amateur nicht über das gleiche Fachwissen verfügt, wie der jeweilige Fachwissenschaftler.
Ich habe Arhäologie studiert und dennoch bin ich Laie, was Klassische Archäologie, Ägyptologie oder Orientalistik angeht. Hat was mit fortschreitender Spezialisierung in den einzelnen Fachrichtungen zu tun.
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 5251
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 14:00

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Zunder » Do 9. Feb 2017, 17:17

Jimi Hendrix konnte übrigens auch keine Noten lesen und die Beatles haben sogar äolische Kadenzen komponiert, ohne zu wissen, was das ist.
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Dark Angel » Do 9. Feb 2017, 19:33

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Feb 2017, 16:42)

Und vielleicht muss man an dieser Stelle mit einem Missverständnis aufräumen: Eine Philosophie der "Gemeinschaft jenseits von Identität" ist im Gegensatz zu einer psychologischen oder soziologischen Analyse eben nicht nur Analyse sondern auch Synthese im Sinne einer Handlungsethik. Sie ist keine Ideologie (wie hier häufig behauptet) denn sie ist eben auch eine (zumindest gedankliche) Analyse. Der Mangel an "empirischen Daten" ist dann kein Mangel, wenn das Gedankengebäude logisch und konsistent ist. Ähnlich wie etwa die Stringtheorie, die auch nicht (direkt) auf empirischen Daten basiert, sagt sie gewissermaßen auch, welche Experimente (Handlungen) zu machen sind, um ihre Richtigkeit zu bestätigen.

Das "Gedankengebäude" ist eben nicht logisch und in sich konsistent - es weist Mängel auf und diese Mängel sind weltanschaulich-ideologischer Natur.
Der Hauptmangel besteht darin, dass Spitta alles dekonstruiert - angefangen von nationalen Gesetzen, über Staat und Nation bis hin zur individuellen und kollektiven Identität. Sie lehnt jede Vorstellung von Gemeinschaft, ja sogar die Vorstellung individueller Indentität ab und meint so zu einem neuen Politikbegriff zu gelangen.
An diesem Punkt befindet sie sich in der Tradition Derridas und Marx', wobei sie Derridas Vorstellungen einer Politik folgt, die an konkreten Vorhaben orientierten losen Zusammenschlüssen realisierbar wird. Dabei folgt sie den Vorstellungen des Marxismus, dass es keinen substantiellen Grund zur Bildung von Gemeinschaften gibt und eine Identifikation nur über das zu erfolgen habe, was Menschen sachlich miteinader verbindet - und nichts anders. Mit der von Spitta favorisierten Form der "Identifikation" als lose Organisation politisch gemeinsam Handelnder bezieht sie sich auf Rosa Luxemburgs Begriff der "revolutionären Realpolitik", wobei sie Luxemburg gründlich missversteht, die ja gerade eine Gemeinschaft propagiert, die die politische Macht erringen soll - das Proletariat.
Und an dieser Stelle tritt der entscheidende Mangel in Spittas Arbeit zutage - einerseits will sie die "marxistisch-revolutionären" Vorstellungen bewahren, andererseits will sie keine andere individuelle Identifikation, als die von ihr bevorzugte temporäre, lokale projektgebundene.
Wenn das nicht ideologisch ist, was dann?
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Beitragvon schokoschendrezki » Do 9. Feb 2017, 22:12

Dark Angel hat geschrieben:(09 Feb 2017, 16:56)

Vergleichst du mal wieder Äppel mit Birnen?
Schon mal was vom "absoluten Gehör" gehört? Soll durchaus Menschen geben, die darüber verfügen und jeden Ton richtig treffen, ohne Noten lesen zu können.
Ich weiß, dass Spitta eine Philosophie-Dissertation geschrieben hat und gerade deshalb kann sie mit ihrer Arbeit keinen Anspruch erheben, irgendwelche relevanten Ergebnisse und/oder praxistaugliche Lösungen vorzuweisen. Genau darum ist ihre Arbeit eine rein weltanschauliche Sichtweise. So what!
Und nochwas: ich habe nirgends etwas von "hilflos" geschrieben, noch habe ich abgewertet. Es ist schlicht und ergreifend eine Tatsache, dass ein Laie oder Amateur nicht über das gleiche Fachwissen verfügt, wie der jeweilige Fachwissenschaftler.
Ich habe Arhäologie studiert und dennoch bin ich Laie, was Klassische Archäologie, Ägyptologie oder Orientalistik angeht. Hat was mit fortschreitender Spezialisierung in den einzelnen Fachrichtungen zu tun.

Schon o.k. Ich habe das Buch von Spitta ganz sicher nicht gekauft und gelesen, um "praxistaugliche Lösungen" für irgendwas darin zu finden. Wenn ich für die Planung von Kindergärten und Grundschulen in einem Bundesland verantwortlich wäre, bräuchte ich soziologische und mit empirischen Daten zuverlässig abgesicherte Analysen etwa über die zukünftige demographische Bevölkerungsentwicklung. Ein vernünftiges Verhältnis zu einer sich radikal ändernden Welt zu finden ist aber ein Problem grundsätzlich anderer Art. Der eine jüngere Ansatz, der mich momentan begeistert ist der: Eine Angst "zweiter Ordnung" zu entwickeln. Eine Angst vor einer Gesellschaft, in der zunnehmend nur noch Angst thematisiert und politisch instrumentalisiert wird. Den anderen jüngeren Ansatz, nämlich ein vernünfitges Verhältnis zu einer "Gemeinschaft jenseits von Identität" zu finden, habe ich paradoxerweise nirgends so genau und präzise formuliert vorgefunden wie ausgerechnet in dem von Dir reingestellten Keupp-Artikel. Also nochmal (in einer etwas ausführlicheren Variante):
Gesellschaftliche Prozesse, die mit Begriffen wie Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung angesprochen sind, haben das Selbstverständnis der klassischen Moderne grundlegend in Frage gestellt. Der dafür stehende Diskurs der Postmoderne hat auch die Identitätstheorie erreicht. In ihm wird ein radikaler Bruch mit allen Vorstellungen von der Möglichkeit einer stabilen und gesicherten Identität vollzogen. Es wird unterstellt, «daß jede gesicherte oder essentialistische Konzeption der Identität, die seit der Aufklärung den Kern oder das Wesen unseres Seins zu definieren und zu begründen hatte, der Vergangenheit angehört»

Hält man sich wirklich nur streng an den Text, so sind folgende DInge unzweifelhaft zu entnehmen: 1. Es gibt eine Diskontiniutät, eben einen historischen Bruch. Was früher mal mit "Identität" verbunden war, ist heute jedenfalls etwas ganz grundsätzlich anderes. 2. Es gibt aktuell einen Dissenz zumindest in Teilaspekten zum Identitätsbegriff. Es ist nicht, keineswegs "klar", wie darüber zu urteilen ist, 3. In einem Punkt sind sich aktuelle verschiedene Überlegungen und Ansätze jedoch einig: Die Vorstellung einer einheitlchen, stabilen, gesicherten Identiät auf der Basis einer Kultur ist nicht mehr haltbar. Es ist völlig o.k. zu behaupten, jedes Individuum lebe in einer Kultur. Es ist dann nur eben eine Meinung außerhalb des aktuellen kanonischen akademischen Wissenstands.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon schokoschendrezki » Do 9. Feb 2017, 22:19

Zunder hat geschrieben:(09 Feb 2017, 16:52)

Wenn man anerkennt, daß eine Existenz jenseits von Identität gar nicht möglich ist, erledigt sich der Rest von selbst.

Eine "Existenz jenseits von Identität" ist nix, das man "anerkennt" oder überhaupt anzuerkennen hätte, sondern etwas, das man schlicht und einfach lebt.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 5251
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 14:00

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Zunder » Fr 10. Feb 2017, 01:17

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Feb 2017, 22:19)

Eine "Existenz jenseits von Identität" ist nix, das man "anerkennt" oder überhaupt anzuerkennen hätte, sondern etwas, das man schlicht und einfach lebt.

Die Anerkennung bezieht sich auf die Tatsache, daß eine Existenz jenseits von Identität nicht möglich ist.
Die Illusion, eine solche Existenz leben zu können, bleibt davon unberührt.
Das Finanzamt wird sich von der erfundenen Nicht-Identität vermutlich genauso wenig beeindrucken lassen wie von der erfundenen Reichsbürgerschaft.
Mit dem Leben in der Nicht-Identität könnte es besonders dann ziemlich eng werden, wenn z.B. der IS in die Lage versetzt ist, die Identität als Ungläubiger zu bestimmen.
Benutzeravatar
schokoschendrezki
Beiträge: 11474
Registriert: Mi 15. Sep 2010, 15:17
Benutzertitel: wurzelloser Kosmopolit
Wohnort: Berlin
Kontaktdaten:

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon schokoschendrezki » Fr 10. Feb 2017, 09:03

Zunder hat geschrieben:(10 Feb 2017, 01:17)

Die Anerkennung bezieht sich auf die Tatsache, daß eine Existenz jenseits von Identität nicht möglich ist.
Die Illusion, eine solche Existenz leben zu können, bleibt davon unberührt.
Das Finanzamt wird sich von der erfundenen Nicht-Identität vermutlich genauso wenig beeindrucken lassen wie von der erfundenen Reichsbürgerschaft.
Mit dem Leben in der Nicht-Identität könnte es besonders dann ziemlich eng werden, wenn z.B. der IS in die Lage versetzt ist, die Identität als Ungläubiger zu bestimmen.

Naja ... also dass der Begriff "Identität" mindestens ebenso facettenreich und mehrdimensional ist wie "Freiheit" ist doch selbstverständlich. Gemeint ist natürlich eine festgelegte, eindeutige, benennbare Identität in einer festgelegten, eindeutigen, benennbaren Kultur.

Ich beziehe mich noch einmal auf den von Keupp dargelegten "Bruch mit allen Vorstellungen von der Möglichkeit einer stabilen und gesicherten Identität": Eine Traditionsrückbesinnung (um auch noch mal beim Thema zu bleiben) ist doch auch nicht nur die Feststellung eines real vorhandenen Trends sondern mindestens ebenso eine Handlungsstrategie, um eben diesen historischen Bruch zu "heilen". Und parallel bzw. entgegengesetzt dazu ist das Konzept einer "Gemeinschaft jenseits von Identität" eine Handlungsstrategie, um die Tatsache dieses Bruchs ins Positive zu wenden, ihn als Befreieung von traditionellen Bindungskräften zu feiern und den real fortschreitenden Prozess der kulturellen (!) Entwurzelung des Individuums noch tatkräftig anzufeuern. Nicht zuletzt, indem man eine stärkere soziale (!) Verwurzelung dagegensetzt.
"Ich kann keine Nation lieben, ich kann keinen Staat lieben, ich kann nur meine Freunde lieben." Hannah Arendt
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re:

Beitragvon Dark Angel » Fr 10. Feb 2017, 11:19

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Feb 2017, 22:12)
Hält man sich wirklich nur streng an den Text, so sind folgende DInge unzweifelhaft zu entnehmen: 1. Es gibt eine Diskontiniutät, eben einen historischen Bruch.

Gibt es den tatsächlich oder wird der nur behauptet?

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Feb 2017, 22:12)Was früher mal mit "Identität" verbunden war, ist heute jedenfalls etwas ganz grundsätzlich anderes.

Grundsätzlich bedeutet mehrheitlich. Aber genau dieses "mehrheitlich" trifft in der Realität eben nicht zu.

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Feb 2017, 22:12)2. Es gibt aktuell einen Dissenz zumindest in Teilaspekten zum Identitätsbegriff. Es ist nicht, keineswegs "klar", wie darüber zu urteilen ist, 3. In einem Punkt sind sich aktuelle verschiedene Überlegungen und Ansätze jedoch einig: Die Vorstellung einer einheitlchen, stabilen, gesicherten Identiät auf der Basis [b]einer Kultur ist nicht mehr haltbar.[/b] Es ist völlig o.k. zu behaupten, jedes Individuum lebe in einer Kultur. Es ist dann nur eben eine Meinung außerhalb des aktuellen kanonischen akademischen Wissenstands.

Oh - nein, diese "Einigkeit" besteht keinesfalls. Diese "Einigkeit" betrifft nur einne relativ kleinen Teil der Gesamtbevölkerung und dieser kann nicht - auch wenn er das gerne tut - die Deutungshoheit für sich beanspruchen, was denn zur Identitätsbildung beiträgt.
Es handelt sich lediglich um eine Behauptung - für die jeder Beleg fehlt - dass Identitätsbildung nicht an die von der (einen) Kultur maßgeblich beeinflusst ist, in der Mensch lebt, in die er hinein geboren ist.
Es gibt auch keinen "aktuellen kanonischen Wissensstand", weil es eben nicht eine allgemein anerkannte Identitätstheorie gibt, sondern viele verschiedene.
Und nur weil eine, von einem Teil der Bevölkerung - präferiert wird, handelt es sich noch lange nicht um "aktuellen kanonischen Wissensstand".
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Dark Angel » Fr 10. Feb 2017, 11:34

schokoschendrezki hat geschrieben:(10 Feb 2017, 09:03)

Naja ... also dass der Begriff "Identität" mindestens ebenso facettenreich und mehrdimensional ist wie "Freiheit" ist doch selbstverständlich. Gemeint ist natürlich eine festgelegte, eindeutige, benennbare Identität in einer festgelegten, eindeutigen, benennbaren Kultur.

Ich beziehe mich noch einmal auf den von Keupp dargelegten "Bruch mit allen Vorstellungen von der Möglichkeit einer stabilen und gesicherten Identität": Eine Traditionsrückbesinnung (um auch noch mal beim Thema zu bleiben) ist doch auch nicht nur die Feststellung eines real vorhandenen Trends sondern mindestens ebenso eine Handlungsstrategie, um eben diesen historischen Bruch zu "heilen". Und parallel bzw. entgegengesetzt dazu ist das Konzept einer "Gemeinschaft jenseits von Identität" eine Handlungsstrategie, um die Tatsache dieses Bruchs ins Positive zu wenden, ihn als Befreieung von traditionellen Bindungskräften zu feiern und den real fortschreitenden Prozess der kulturellen (!) Entwurzelung des Individuums noch tatkräftig anzufeuern. Nicht zuletzt, indem man eine stärkere soziale (!) Verwurzelung dagegensetzt.

Und genau hier ist der entscheidende Denkfehler! Zäsuren sind und bleiben Zäsuren, die können weder geheilt nich ins positive gewendet werden.
Genauso wenig können Kultur und Sozialsystem/Sozialstrukturen auseinander dividiert werden. Sie sind integraler Bestandteil jeder Kultur.
Eine kulturelle Entwurzelung ist immer auch eine soziale Entwurzelung.
Und die "traditionellen Bindungskräfte" von denen du (alle) Menschen befreit sehen und deren Befreiung du feiern willst, sind in erster Linie emotionale Bindungen.
Wenn du Menschen von ihren "traditionellen Bindungskräften" befreien willst, was bleibt dann noch vom Menschen übrig?
Das ist doch genau das, was immer wieder kritisiert wird - das ist die Ideologie, die einen "neuen Menschen" schaffen will. Eine Ideologie die "grandios" gescheitert ist - die Ideologie des Marxismus, die trotz allem weiter verfolgt wird, wenn auch in etwas "anderem Gewand".
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 5251
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 14:00

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Zunder » Fr 10. Feb 2017, 14:59

schokoschendrezki hat geschrieben:(10 Feb 2017, 09:03)
......Befreieung von traditionellen Bindungskräften zu feiern und den real fortschreitenden Prozess der kulturellen (!) Entwurzelung des Individuums noch tatkräftig anzufeuern. Nicht zuletzt, indem man eine stärkere soziale (!) Verwurzelung dagegensetzt.

Ich hab's gerne konkret. Und wenn man solche unverbindlichen Allgemeinplätzchen auf ihren Realitätsgehalt untersucht, wird man feststellen, daß eine "kulturelle Entwurzelung des Individuums" in Deutschland letztmals 1933 ff stattfand.
Eine vernunftorientierte Kultur zeichnet sich gerade dadurch aus, daß sie sich verändert, ohne ihre Grundlagen zu zerstören.
Soziale Verwurzelung ist übrigens nicht Gegenteil, sondern Bestandteil von kultureller Verwurzelung, wobei ich den Begriff "Verwurzelung" ohnehin für ein bißchen problematisch halte. Er zielt auf ein organisch-naturbehaftetes Verhältnis, das dem eigentlichen Verständnis von Kultur widerspricht.

Der für mich plausibelste Gegenentwurf zur Gemeinschaft, die auf sozialer, völkischer oder religiöser Homogenität beruht, ist nach wie vor die bürgerliche Gesellschaft, die die Beziehungen freier Individuen zueinander und zum Staat, resp. dem Gemeinwesen als Ganzes, durch ein gesichertes Rechtsverhältnis bestimmt. Diese Gesellschaft, zweifellos eine Errungenschaft der abendländischen Kultur, gilt es zu verteidigen.
Benutzeravatar
Dark Angel
Moderator
Beiträge: 14175
Registriert: Fr 7. Aug 2009, 07:08
Benutzertitel: From Hell

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Dark Angel » Fr 10. Feb 2017, 15:55

schokoschendrezki hat geschrieben:(10 Feb 2017, 09:03)

Naja ... also dass der Begriff "Identität" mindestens ebenso facettenreich und mehrdimensional ist wie "Freiheit" ist doch selbstverständlich. Gemeint ist natürlich eine festgelegte, eindeutige, benennbare Identität in einer festgelegten, eindeutigen, benennbaren Kultur.

Ich beziehe mich noch einmal auf den von Keupp dargelegten "Bruch mit allen Vorstellungen von der Möglichkeit einer stabilen und gesicherten Identität": Eine Traditionsrückbesinnung (um auch noch mal beim Thema zu bleiben) ist doch auch nicht nur die Feststellung eines real vorhandenen Trends sondern mindestens ebenso eine Handlungsstrategie, um eben diesen historischen Bruch zu "heilen". Und parallel bzw. entgegengesetzt dazu ist das Konzept einer "Gemeinschaft jenseits von Identität" eine Handlungsstrategie, um die Tatsache dieses Bruchs ins Positive zu wenden, ihn als Befreieung von traditionellen Bindungskräften zu feiern und den real fortschreitenden Prozess der kulturellen (!) [b]Entwurzelung des Individuums noch tatkräftig anzufeuern. Nicht zuletzt, indem man eine stärkere soziale (!) Verwurzelung dagegensetzt.[/b]

Aber natürlich "feiern" Linke die Zerstörung der Identifikationsgrundlage bzw Entwurzelung aus ihrer Indentifikationsgrundlage als "Befreiung". Schließlich lassen sich, in ihrer Identität verunsicherte, entwurzelte Individuen sehr viel besser ideologisch manipulieren und indoktrinieren, als Individuen, die eine gesicherte Indentifikationsgrundlage haben, sich nicht nur lose über das identifzieren bzw organisieren, was sie "sachlich miteinader verbindet - und nichts anderes".
Gegen die menschliche Dummheit sind selbst die Götter machtlos.

Moralische Entrüstung ist der Heiligenschein der Scheinheiligen
Benutzeravatar
Kael
Beiträge: 1415
Registriert: Mo 24. Dez 2012, 17:59

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Kael » Fr 10. Feb 2017, 19:16

Wo wurde denn das Individuum 1933 entwurzelt? Es wurde eher verwurzelt.
Benutzeravatar
Zunder
Beiträge: 5251
Registriert: Mi 4. Jun 2008, 14:00

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Zunder » Fr 10. Feb 2017, 20:01

Kael hat geschrieben:(10 Feb 2017, 19:16)

Wo wurde denn das Individuum 1933 entwurzelt? Es wurde eher verwurzelt.

Es ging um die "kulturelle Entwurzelung".
Die Kultur der Weimarer Republik war unter anderem geprägt von der Freiheit der Lehre, der Freiheit der Kunst, Meinungsfreiheit und so Zeugs.
Eine Liste mit den Namen bekannter Emigranten findest du auf Wiki:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_bek ... %80%931945)
Ich glaube, das muß nicht wirklich ausgeführt werden.
Benutzeravatar
Fuerst_48
Beiträge: 4290
Registriert: Mi 22. Jan 2014, 20:09
Benutzertitel: Cogito, ergo sum

Re: Besinnung vieler auf alte Traditionen?

Beitragvon Fuerst_48 » Fr 10. Feb 2017, 20:16

Zunder hat geschrieben:(10 Feb 2017, 20:01)

Es ging um die "kulturelle Entwurzelung".
Die Kultur der Weimarer Republik war unter anderem geprägt von der Freiheit der Lehre, der Freiheit der Kunst, Meinungsfreiheit und so Zeugs.
Eine Liste mit den Namen bekannter Emigranten findest du auf Wiki:
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_bek ... %80%931945)
Ich glaube, das muß nicht wirklich ausgeführt werden.

Kulturelle Verlustliste ist treffend. Aber auch die für die Wissenschaften ist beträchtlich.

Zurück zu „5. Bildung - Kultur - Medien“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste