Wie weiter mit Syrien ?

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schelm
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon schelm » Fr 9. Okt 2015, 00:00

Platon » Mi 7. Okt 2015, 11:09 hat geschrieben:Deswegen ist das Gerede von Terroristen immer ziemlich relativ. Assad hat seine Gegner schon als Terroristen bezeichnet, da waren es noch säkulare 18jährige die Plakate hochhielten. Ich sehe alle Beteiligten in erster Linie als Teilnehmer eines Bürgerkrieges mit verschiedenen Ideologien und politischen Zielen. Wobei ich bei Assad keine echte Ideologie sehe sondern nur den Willen zur Macht, während die Islamisten beider Lager (sunnitische diverser Ausprägung und schiitische) auch ideologische Projekte verwirklichen wollen.

Ich las neulich von 40 (!) verschiedenen Rebellengruppen die da kämpfen, 39 x Islamisten, 1x freie syrische Armee. Einigkeit herrscht wohl nur darin Assad zu entsorgen. Gibt es Allianzen, oder kämpft man außer gegen Assad ansonsten noch jeder gegen jeden ?
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Platon
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Platon » Fr 9. Okt 2015, 08:00

Analyse über die Situation in Aleppo und die Rolle der YPG im Bürgerkrieg, am besten gefällt mir wie die Loyalitäten in dieser Region im Bürgerkrieg dargestellt werden. Die arme Landbevölkerung, die teilweise in die Städte migriert ist und dort in Armenviertel hausen, proben seit 2011 den Aufstand und unterstützen die Rebellen, welche eben ihre ländlichen Gebiete und Armenviertel Stück für Stück erobert haben und die Assad seit Beginn des Krieges konstant bombardiert. Die Mitteklassenstadtbevölkerung wiederum neigt eher Assad zu, weswegen sich Assad in Aleppo auch halten konnte, wenngleich seine Nachschublinien immer gefärdet sind durch Angriffe des IS im Osten und der Rebellen im Westen. Allerdings wäre eine dauerhafte Unterbrechung der Nachschublinien und entsprechend ein erzwungener langsamer Rückzug aus Aleppo für Assad eine Katastrophe.
THE COMPLICATED ALEPPO BATTLEFIELD

Aleppo is a city divided along sectarian and social lines. When the war began, more than two-thirds of its 2.5 million residents were Sunni Arabs, followed by Kurds (20-25%, many of them Arabized) and Christians (10%, about half of them Armenian). The city also had a small Turkmen community hailing from the Azaz area, as well as tens of thousands of Alawites -- mainly civil servants and military personnel from the coastal region.

But the main cleavage in Aleppo is social, not sectarian -- between the urban and rural population, which partly means between the rich and the poor. Western districts have been populated by urban dwellers for several generations, while the eastern neighborhoods and the Kurdish area are informal settlements hosting rural dwellers. The original urban residents despise the rural people who have come to settle there, accusing them of attempting to ruralize (inrifyeh) the city, which in their view would effectively destroy Aleppo.

As for the rural camp, clan solidarity in the eastern and northern districts remains as strong as it was in the countryside. Local authorities have also delegated police power to clans that suffered heavy losses when the rebels besieged Aleppo in July 2012 (e.g., the Berri clan). Meanwhile, rebels from the countryside have found a good home in the informal eastern district settlements, but they have clashed with Kurdish militias in Sheikh Maqsoud and met with hostility from the formal, wealthy districts that supported the Syrian army against the rural invasion.

Outside Aleppo, the main division in rural northwestern Syria is between Arabs and Kurds. Religious minorities were virtually absent from this area before the war, and today there are only four Shiite localities (al-Fua, Kefraya, Zahra, and Nubl, all surrounded by rebels), a small Druze community in Jabal al-Summaq (which is keeping a low profile), and a Christian village, Yacoubiyah (now abandoned). Afrin and Kobane districts are fully Kurdish, and there are numerous Kurdish villages between these two strongholds (though most of them were given Arabic names during the Baathist epoch of Arabization, like the Turkish villages around Azaz).

In the first months of the uprising, the regime lost control of most of the northwest, and the population remains hostile to Assad with the exception of the Shiite and Christian enclaves. Regime forces managed to keep some strategic towns (Idlib, Jisr al-Shughour, and Ariha) until spring 2015 thanks to heavy troop concentrations, as well as fissures within the opposition. But once various rebel factions unified into the "Army of Conquest" (Jaish al-Fatah), Assad was no longer able to control cities in Idlib province, and Aleppo is now almost completely surrounded.

A KURDISH ALLIANCE?

Given the hostile environment in the northwest, Assad has chosen the scorched-earth option to overcome the insurgency. Shelling rebel districts in Aleppo is designed to scare civilians into isolating the fighters, so that they can be removed as in Homs. Over time, the population in the city's eastern districts has declined from more than one million to tens of thousands. Yet this counterinsurgency strategy based on shelling and expulsions has failed because the rebels have captured all the surrounding small towns of Idlib province and now pose a serious threat to the Syrian army in Aleppo.[...]

http://www.washingtoninstitute.org/poli ... and-russia

Die Frage die der Artikel weiterhin stellt ist ob die Kurden ihre Interessen nicht besser durch eine Allianz mit Assad und Russland schützen, statt mit den USA. Dabei geht es vor allem um die Eroberung weiterer Gebiete an der türkischen Grenze um auch die Gebiete zum dritten kurdischen Kanton zu verbinden.
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Platon
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Platon » Fr 9. Okt 2015, 11:44

Die Situation, dass die größte Opposition gegen Assad von den ländlichen Gebieten Syriens und einigen Armutsvierteln der großen Städte ausgeht, bewahrheitet sich wenn man mal einen strategischen Überblick im Bürgerkrieg zwischen Rebellen und Assad wagt (und dabei den IS komplett ausklammert).

Karten:
http://www.agathocledesyracuse.com/archives/473
https://malcolmxtreme.files.wordpress.c ... 2-2015.jpg
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... il_war.png
https://en.wikipedia.org/wiki/Template: ... tailed_map

Assad weiß spätestens seit 2012, dass er kaum eine Chance hat sich in den ländlichen sunnitischen Gebieten zu halten, wo ihn die Bevölkerung hasst und die Mühe gar nicht lohnt. Stattdessen versucht er mit der Hilfe seiner diversen (pro-)iranischen Verbündeten und diverser lokaler Millizen, seine Kräfte auf seine Kerngebiete (Die Achse: Damaskus, Homs, Hama, Lattakia) zu konzentrieren. Die Eroberung von Qusayr und die erfolgreiche Belagerung und Vertreibung der Rebellen aus Homs waren entscheidend die Kerngebiete Assads zu sichern.

In diesen können Rebellen sich lediglich in einigen Enklaven halten, welche Assad belagert und beständig mit Fassbomben und Artillerie bombardiert. In eher ländlichen Gebieten, gerade auch um Damaskus herum gibt es eine ganze Reihe von diesen Gebieten in denen sich Rebellen trotz des Drucks durch Assad halten können. Die bedeutenste befindet sich nördöstlich von Damaskus in "Eastern Ghouta" wo mit Jaysh al Islam auch eine der größten Rebellengruppen beheimatet ist. (Militärparade der Gruppe) Neben al Nusra und Ahrar al Sham die prominenteste Jihadisten-Gruppe in Syrien. Von dort gibt es dann auch Berichte über Assads Kriegsverbrechen, wenn er die Bevölkerung bombardiert um sie mürbe zu machen. Wie es ja in Homs auch funktioniert hatte. Andere Enklaven rund um Damaskus sind das pal. Flüchtlingslager Yarmouk, in dem eine IS-Gruppe aktiv ist, und Daraya. Dazu nördlich Homs bei Rastan, wo die russischen Luftangriffe auch waren und ein paar Gebiete an der Grenze zum Libanon.

Eine Enklave wo die Rebellen de facto besiegt wurden, ist im Grenzgebiet zum Libanon, wo die Hisbollah in der Qalamoun offensive (May–June 2015) sehr erfolgreich war. In der Stadt Zabadani haben die Rebellen sogar eine vollständige Niederlage erlitten und es wurde ein Waffenstillstand geschlossen durch den die Rebellenkämpfer das Gebiet verlassen können.

Eine weitere Enklave ist Wadi Barada südlich von Zabadani, zwischen Damaskus und dem Libanon.


In den etwas abgelegeneren Gebieten wiederum bemüht sich Assad darum die Provinzhauptstädte, wo er eventuell noch Unterstützung eines Teils der urbanen Bevölkerung hat und die Versorgungswege dorthin zu halten. Diese sind weitgehend von den Rebellen eingekreist die versuchen die Verbindungswege zu kappen und schließlich auch die Provinzhauptstadt zu erobern bzw. umgekehrt die Assad-Truppen zum Rückzug aus der Hauptstadt entlang des Versorgungskorridors zu zwingen. Erfolge hier würde es den Rebellen ermöglichen in die Kerngebiete Assads vorzurücken und den Krieg mittefristig für sich zu entscheiden. Es gibt vor allem drei Fälle, bei denen man diese Situation sehen kann.

1. Idlib
Hier sind die Rebellen traditionell am stärksten und es gelang ihnen in einer gut koordinierten Offensive Assad aus der gesamten Provinz zu vertreiben und sogar angrenzende Kerngebiete Assads anzugreifen, was wiederum die russische Militärintervention und die aktuelle Gegenoffensive der pro-Assadkräfte provoziert hat, die ja aktuell läuft und versucht die Rebellen entlang der Verbindungsstraßen nach Idlib und Jisr al Shugur in Richtung Norden zurückzudrängen. Hier kämpfen al Nusra und andere Jihadisten mehr oder weniger problemlos zusammen mit moderateren Kräften die sich der FSA zurechnen.
2015 Northwestern Syria offensive
Russian military intervention in the Syrian Civil War
2015 Hama Offensive




2. Aleppo
Nachdem man bereits früh in der Rebellion in den umliegenden ländlichen Gebieten Erfolge hatte bzw. diese Gebiete gehören zu den Kerngebieten des Aufstands entschloss man sich auch die Stadt selbst anzugreifen, wo es in den ersten Monaten eher ruhig geblieben war. Die Rebellen schlossen sich zusammen und begannen im Juli 2012 einen Großangriff auf Aleppo. Nach diversen Offensiven, Gegenoffensive, dem beständigen Versuch sich gegenseitig zu umzingeln, hat sich zuletzt nicht mehr viel getan. Beide Seiten haben sich eingegraben und Assad bombardiert regelmäßig die Rebellengebiete aus der Luft. Assad hält das Zentrum und den Westen, die Rebellen den Osten der Stadt, siehe auch meinen Beitrag oben. Anders als in Idlib gehen die Rebellen hier mittlerweile nicht mehr vereint vor sondern es gibt einen "Operation Room" mit Namen Ansar al Sharia in dem al Nusra und andere radikale Jihadisten ihre Aktionen koordinieren und es gibt einen für die Moderaten und Salafistisch Nationalistischen Kräfte: Fatah Halab. In der Stadt selber passiert hier wenig, weil es im Häuserkampf wirklich nur um 100 Meter zurück, 100 Meter nach vorne geht. Entscheidend wird eher sein, ob es einer Seite gelingt die andere so einzukreisen, dass man die Versorgungswege unterbrechen kann. Dazu rückt der IS von weiter östlich der Stadt aus vor und greift die Versorgungswege von Assad als auch der Rebellen an und könnte irgendwann einmal in der Position sein, Aleppo selbst anzugreifen bzw. wird dies tun, wenn Assad irgendwann einmal gezwungen sein sollte abzuziehen. Der wird dies aber nur tun, wenn es nicht anders geht, weil die Aufgabe von Aleppo, der zweitgrößten Stadt des Landes, würde auch ein Ende des Anspruchs bedeuten zumindest theoretisch Präsident von ganz Syrien zu sein.
Battle of Aleppo (2012–present)




3. Daraa

Daraa ist die Stadt in dem die Rebellion gegen Assad seinen Ausgang nahm. Im Februar/März 2011 kam es zu Demonstrationen und ersten bewaffneten Auseinandersetzungen die zu den großen Demonstrationen in anderen syrischen Städten was im weiteren Verlauf bis Ende 2011/Anfang 2012 zum Bürgerkrieg führte. Sie hat daher eine große ideologische Bedeutung, sie ist dazu strategisch wichtig, weil die große Überlandstraße von Daraa direkt nach Damaskus führt, eine Niederlage Assads dort also mittelfristig zu einer neuen Offensive gegen Damaskus selbst führen wird.

Auf der Karte hier kann man die strategische Situation im Süden Syriens erkennen:
http://www.agathocledesyracuse.com/wp-c ... e-2015.jpg

Daraa wird teilweise von den Rebellen, teilweise von Assad gehalten, dazu gibt es die lange Verbindungsstraße nach Norden, welche von Assad verteidigt wird. Im Osten liegt Suwayda, eine mehrheitlich von Drusen besiedeltes Gebiet, die sich von Assad bewaffnet gegen die Rebellen verteidigen, aber nur sich selbst schützen wollen, und daher nicht Kriegsentscheidend sein werden. Im Westen liegen die von Israel besetzten Golanhöhen. Hier kämpfen Rebellen (inklusive al Nusra) gegen Assad um die Kontrolle des angrenzenden Gebiets, mit bisher dem besseren Ausgang für die Rebellen. Diese konnten ein Großteil, inklusive der wichtigen Stadt Quneintra erobern. Israel bombardiert die syrische Armee, wenn es zu Kreuzfeuer auf israelisches Territorium kommt und behandelt syrische Rebellen wenn sie verletzt zur Grenze kommen, ohne zu fragen welcher Gruppe sie angehören. (Islamist Militants on Israel's Doorstep: The War Next Door (Full Length))

Die Rebellen im Süden des Landes unterscheiden sich von denen im Norden vor allem dadurch, dass die moderateren FSA-Rebellen nicht durch die radikaleren Jihadisten dominiert werden. (siehe: Southern Front of the Free Syrian Army) Sie erhalten auch seit jeher von Jordanien aus mehr Unterstützung durch die USA. Allerdings sind auch dort Ahrar al Shams und al Nusra präsent, während die USA versuchen vor allem al Nusra zu isolieren. Nach Erfolgen Ende letzten Jahres, wie vor allem die Eroberung von Quneitra und umliegender Gebiete war eine große Offensive zur Eroberung Daraa zuletzt kläglich gescheitert.
Daraa offensive (June–July 2015)

Syria's Southern Front prepares to drive Assad's forces out of Daraa City

Cutting the Regime's Supply Line (Extra Scene from 'The Battle for Syria's South')


Langfristig muss man nun sehen inwieweit es den mit russischer Luftunterstützung gestärkten Bodenoffensiven Assads gelingt seine Kerngebiete zu sichern oder ob nicht doch irgendwann Daraa fällt oder Aleppo von IS und Rebellen eingekreist wird oder die Rebellen weiter nach Hama und Lattakia vorrücken. Denn auch in den Kerngebieten Assad gibt es Unterstützer der Rebellen und eine Wiederholung der Situation, dass die Rebellen die ländlichen sunnitischen Gebiete und Armutsvierel erobern und es dann zu Offensiven und Gegenoffensiven in den Städten kommt ist durchaus denkbar. Selbst in Lattakia selbst gibt es Potenzial für einen Angriff der Rebellen: Latakia Is Assad's Achilles Heel, da dort Alawiten gegenüber den Sunniten in ländlichen Gebieten und in der Stadt selbst in den letzten Jahrzehnten bevorzugt wurden.
Zuletzt geändert von Platon am Sa 10. Okt 2015, 07:56, insgesamt 3-mal geändert.
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Platon » Fr 9. Okt 2015, 11:59

Diese mittlerweile hauptsächlich ländlich-sunnitische Identität ist auch die Ursache dafür, dass das ideologische Spektrum des Aufstandes vor allem aus diversen "Sunna Supremacy"-Varianten besteht, von gemäßigten Muslimbrüder bis hin zu al Qaida und IS. Selbst mutmaßlich säkulare Gruppen können in diesem Umfeld kaum umhin ebenfalls erkennbar pro-sunnitisch und damit auch sunnitisch-islamistisch zu sein.

Und wenn man sich die Gruppen anschaut, erkennt man einen klar erkennbaren Hang wenn nicht Dominanz zu Salafistischen Gruppen, seien sie eher nationalistisch wie Jaysh al Islam und Ahrar al Shams oder Global Jihad-ausgerichtet wie al Nusra. Was natürlich auch sehr viel damit zu tun hat, dass die Saudis viel Geld in den Aufstand stecken und lieber Salafisten als Muslimbrüder unterstützen. Den Türken ist es ja offenbar egal, welche Ideologie die Rebellen vertreten.

Die Frage ist nun ob das verstärkte Engagement der USA tatsächlich dazu führt, dass gemäßigtere und salafistisch-nationalistische Gruppen zu einem Übergewicht gegenüber den Global Jihad-Gruppen kommen und letztere de facto ausgegrenzt werden.
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Platon » Fr 9. Okt 2015, 14:16

Die USA beenden ihr Programm zur Ausbildung für Rebellen. Es hatte ja sowieso nicht funktioniert:
http://www.nytimes.com/2015/10/10/world ... share&_r=0
Perry

Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Perry » Fr 9. Okt 2015, 14:41

Platon » Fr 9. Okt 2015, 12:44 hat geschrieben:Die Situation, dass die größte Opposition gegen Assad von den ländlichen Gebieten Syriens und einigen Armutsvierteln der großen Städte ausgeht, bewahrheitet sich wenn man mal einen strategischen Überblick im Bürgerkrieg zwischen Rebellen und Assad wagt (und dabei den IS komplett ausklammert).

Karten:
http://www.agathocledesyracuse.com/archives/473
https://malcolmxtreme.files.wordpress.c ... 2-2015.jpg
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/ ... il_war.png
https://en.wikipedia.org/wiki/Template: ... tailed_map

Assad weiß spätestens seit 2012, dass er kaum eine Chance hat sich in den ländlichen sunnitischen Gebieten zu halten, wo ihn die Bevölkerung hasst und die Mühe gar nicht lohnt. Stattdessen versucht er mit der Hilfe seiner diversen (pro-)iranischen Verbündeten und diverser lokaler Millizen, seine Kräfte auf seine Kerngebiete (Die Achse: Damaskus, Homs, Hama, Lattakia) zu konzentrieren. Die Eroberung von Qusayr und die erfolgreiche Belagerung und Vertreibung der Rebellen aus Homs waren entscheidend die Kerngebiete Assads zu sichern.

In diesen können Rebellen sich lediglich in einigen Enklaven halten, welche Assad belagert und beständig mit Fassbomben und Artillerie bombardiert. In eher ländlichen Gebieten, gerade auch um Damaskus herum gibt es eine ganze Reihe von diesen Gebieten in denen sich Rebellen trotz des Drucks durch Assad halten können. Die bedeutenste befindet sich nördöstlich von Damaskus in "Eastern Ghouta" wo mit Jaysh al Islam auch eine der größten Rebellengruppen beheimatet ist. (Militärparade der Gruppe) Neben al Nusra und Ahrar al Sham die prominenteste Jihadisten-Gruppe in Syrien. Von dort gibt es dann auch Berichte über Assads Kriegsverbrechen, wenn er die Bevölkerung bombardiert um sie mürbe zu machen. Wie es ja in Homs auch funktioniert hatte. Andere Enklaven rund um Damaskus sind das pal. Flüchtlingslager Yarmouk, in dem eine IS-Gruppe aktiv ist, und Daraya. Dazu nördlich Homs bei Rastan, wo die russischen Luftangriffe auch waren und ein paar Gebiete an der Grenze zum Libanon.

Eine Enklave wo die Rebellen de facto besiegt wurden, ist im Grenzgebiet zum Libanon, wo die Hisbollah in der Qalamoun offensive (May–June 2015) sehr erfolgreich war. In der Stadt Zabadani haben die Rebellen sogar eine vollständige Niederlage erlitten und es wurde ein Waffenstillstand geschlossen durch den die Rebellenkämpfer das Gebiet verlassen können.

Eine weitere Enklave ist Wadi Barada südlich von Zabadani, zwischen Damaskus und dem Libanon.


In den etwas abgelegeneren Gebieten wiederum bemüht sich Assad darum die Provinzhauptstädte, wo er eventuell noch Unterstützung eines Teils der urbanen Bevölkerung hat und die Versorgungswege dorthin zu halten. Diese sind weitgehend von den Rebellen eingekreist die versuchen die Verbindungswege zu kappen und schließlich auch die Provinzhauptstadt zu erobern bzw. umgekehrt die Assad-Truppen zum Rückzug aus der Hauptstadt entlang des Versorgungskorridors zu zwingen. Erfolge hier würde es den Rebellen ermöglichen in die Kerngebiete Assads vorzurücken und den Krieg mittefristig für sich zu entscheiden. Es gibt vor allem drei Fälle, bei denen man diese Situation sehen kann.

1. Idlib
Hier sind die Rebellen traditionell am stärksten und es gelang ihnen in einer gut koordinierten Offensive Assad aus der gesamten Provinz zu vertreiben und sogar angrenzende Kerngebiete Assads anzugreifen, was wiederum die russische Militärintervention und die aktuelle Gegenoffensive der pro-Assadkräfte provoziert hat, die ja aktuell läuft und versucht die Rebellen entlang der Verbindungsstraßen von Idlib/Jisr al Shugur in Richtung Hama zurückzudrängen. Hier kämpfen al Nusra und andere Jihadisten mehr oder weniger problemlos mit moderateren Kräften die sich der FSA zurechnen.
2015 Northwestern Syria offensive
Russian military intervention in the Syrian Civil War
2015 Hama Offensive




2. Aleppo
Nachdem man bereits früh in der Rebellion in den umliegenden ländlichen Gebieten Erfolge hatte bzw. diese Gebiete gehören zu den Kerngebieten des Aufstands entschloss man sich auch die Stadt selbst anzugreifen, wo es in den ersten Monaten eher ruhig geblieben war. Die Rebellen schlossen sich zusammen und begannen im Juli 2012 einen Großangriff auf Aleppo. Nach diversen Offensiven, Gegenoffensive, dem beständigen Versuch sich gegenseitig zu umzingeln, hat sich zuletzt nicht mehr viel getan. Beide Seiten haben sich eingegraben und Assad bombardiert regelmäßig die Rebellengebiete aus der Luft. Assad hält das Zentrum und den Westen, die Rebellen den Osten der Stadt, siehe auch meinen Beitrag oben. Anders als in Idlib gehen die Rebellen hier mittlerweile nicht mehr vereint vor sondern es gibt einen "Operation Room" mit Namen Ansar al Sharia in dem al Nusra und andere radikale Jihadisten ihre Aktionen koordinieren und es gibt einen für die Moderaten und Salafistisch Nationalistischen Kräfte: Fatah Halab. In der Stadt selber passiert hier wenig, weil es im Häuserkampf wirklich nur um 100 Meter zurück, 100 Meter nach vorne geht. Entscheidend wird eher sein, ob es einer Seite gelingt die andere so einzukreisen, dass man die Versorgungswege unterbrechen kann. Dazu rückt der IS von weiter östlich der Stadt aus vor und greift die Versorgungswege von Assad als auch der Rebellen an und könnte irgendwann einmal in der Position sein, Aleppo selbst anzugreifen bzw. wird dies tun, wenn Assad irgendwann einmal gezwungen sein sollte abzuziehen. Der wird dies aber nur tun, wenn es nicht anders geht, weil die Aufgabe von Aleppo, der zweitgrößten Stadt des Landes, würde auch ein Ende des Anspruchs bedeuten zumindest theoretisch Präsident von ganz Syrien zu sein.
Battle of Aleppo (2012–present)




3. Daraa

Daraa ist die Stadt in dem die Rebellion gegen Assad seinen Ausgang nahm. Im Februar/März 2011 kam es zu Demonstrationen und ersten bewaffneten Auseinandersetzungen die zu den großen Demonstrationen in anderen syrischen Städten was im weiteren Verlauf bis Ende 2011/Anfang 2012 zum Bürgerkrieg führte. Sie hat daher eine große ideologische Bedeutung, sie ist dazu strategisch wichtig, weil die große Überlandstraße von Daraa direkt nach Damaskus führt, eine Niederlage Assads dort also mittelfristig zu einer neuen Offensive gegen Damaskus selbst führen wird.

Auf der Karte hier kann man die strategische Situation im Süden Syriens erkennen:
http://www.agathocledesyracuse.com/wp-c ... e-2015.jpg

Daraa wird teilweise von den Rebellen, teilweise von Assad gehalten, dazu gibt es die lange Verbindungsstraße nach Norden, welche von Assad verteidigt wird. Im Osten liegt Suwayda, eine mehrheitlich von Drusen besiedeltes Gebiet, die sich von Assad bewaffnet gegen die Rebellen verteidigen, aber nur sich selbst schützen wollen und daher nicht Kriegsentscheidend sein werden. Im Westen liegen die von Israel besetzten Golanhöhen. Hier kämpfen Rebellen (inklusive al Nusra) gegen Assad um die Kontrolle, mit bisher dem besseren Ausgang für die Rebellen. Diese konnten ein Großteil des Gebietes, inklusive der wichtigen Stadt Quneintra erobern. Israel bombardiert die syrische Armee, wenn es zu Kreuzfeuer auf israelisches Territorium kommt und behandelt syrische Rebellen wenn sie verletzt zur Grenze kommen, ohne zu fragen welcher Gruppe sie angehören. (Islamist Militants on Israel's Doorstep: The War Next Door (Full Length))

Die Rebellen im Süden des Landes unterscheiden sich von denen im Norden vor allem dadurch, dass die moderateren FSA-Rebellen nicht durch die radikaleren Jihadisten dominiert werden. (siehe: Southern Front of the Free Syrian Army) Sie erhalten auch seit jeher von Jordanien aus mehr Unterstützung durch die USA. Allerdings sind auch dort Ahrar al Shams und al Nusra präsent, während die USA versuchen vor allem al Nusra zu isolieren. Nach Erfolgen Ende letzten Jahres, wie vor allem die Eroberung von Quneitra und umliegender Gebiete war eine große Offensive zur Eroberung Daraa zuletzt kläglich gescheitert.
Daraa offensive (June–July 2015)

Syria's Southern Front prepares to drive Assad's forces out of Daraa City

Cutting the Regime's Supply Line (Extra Scene from 'The Battle for Syria's South')


Langfristig muss man nun sehen inwieweit es den mit russischer Luftunterstützung gestärkten Bodenoffensiven Assads gelingt seine Kerngebiete zu sichern oder ob nicht doch irgendwann Daraa fällt oder Aleppo von IS und Rebellen eingekreist wird oder die Rebellen weiter nach Hama und Lattakia vorrücken. Denn auch in den Kerngebieten Assad gibt es Unterstützer der Rebellen und eine Wiederholung der Situation, dass die Rebellen die ländlichen sunnitischen Gebiete und Armutsvierel erobern und es dann zu Offensiven und Gegenoffensiven in den Städten kommt ist durchaus denkbar. Selbst in Lattakia selbst gibt es Potenzial für einen Angriff der Rebellen: Latakia Is Assad's Achilles Heel, da dort Alawiten gegenüber den Sunniten in ländlichen Gebieten und in der Stadt selbst in den letzten Jahrzehnten bevorzugt wurden.


Danke.

Sag mal. - Beschäftigst Du Dich ganztags mit dem Konflikt? - Ich staune....
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Ultra-tifosi » Fr 9. Okt 2015, 15:09

sehr gut zusammengefasst. Das sollte man jedem unter die Nase halten, der was von moderaten Rebellen faselt.

Es gibt wie gesagt nur mit der Southern Front eine ernstzunehmende säkuläre arabische Rebellengruppe. Und selbst in deren Gebieten tummeln sich Al Quaida Ableger Dschabhat al Nusra, Ahrar ash Sham und auch der IS.

Im Norden müssen Gruppen wie Division 13 entweder mit den Islamisten mitschwimmen, damit sie nicht untergehen (wie bsp. Hazzm Movement, SRF, u.a.) oder begeben sich unter den Schutz der Kurden und kämpfen dort mit (Jaysh al Thuwar).

Wenn die arabisch-sunnitisch dominierten Islamistischen Rebellen aus der Region Ildib von Alawiten, Christen, Schiiten & Assadtreuen Sunnitischen Araber bewohnten Küstenprovinzen Latakia und Tartus einfallen, wird es ein Blutbad geben, der dem Völkermord in Ruanda ähneln wird.
HugoBettauer

Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon HugoBettauer » Fr 9. Okt 2015, 17:55

Darauf spekulieren ja einige.
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Kardux » Fr 9. Okt 2015, 20:10

Platon hat geschrieben:Die Frage die der Artikel weiterhin stellt ist ob die Kurden ihre Interessen nicht besser durch eine Allianz mit Assad und Russland schützen, statt mit den USA. Dabei geht es vor allem um die Eroberung weiterer Gebiete an der türkischen Grenze um auch die Gebiete zum dritten kurdischen Kanton zu verbinden.


Vor einigen Tagen noch hatten Sie die momentane Rolle der Kurden in Syrien sehr marginalisiert, ich fande das schon sehr befremdlich, denn wer sich intensiv mit dem Syrienkonflikt befasst (und das tun Sie) sollte in der Hinsicht schon differenzierter gewisse Gruppen betrachten.

Der von Ihnen verlinkte Artikel, erstellt von einer sehr einflussreichen amerikanischen Denkfabrik, schreibt zurecht:

Accordingly, the United States and its partners face a decision: maintain the ban on Kurdish expansion or support the PYD's bid to join Afrin with Kobane. The latter course would help weaken ISIS by cutting off its access to Turkey. Moreover, the Kurds are the only force on the ground that will back Western efforts against the Daesh, so keeping them in the U.S. camp would seem to be crucial.


Der Westen (und allen voran Europa) muss sich entscheiden ob sie dieses Spiel weiter mitmachen wollen. Es scheint kein Ende der Flüchtlingskrise in Sicht zu sein und bis heute haben weder der Westen noch Russland ein wirkliches Konzept für Syrien, und den ganzen Nahen Osten (denn der Konflikt betrifft alle !) ausgearbeitet um nachhaltig Frieden zu ermöglichen. Was man hier in diesem Forum größtenteils lesen muss ist mehr als nur einseitig. Oft wird die Entmachtung Assads als die einzige Lösung betrachtet ohne sich auch nur eine Sekunde den Kopf zu zerbrechen was das für Konsequenzen haben könnte.

Was in der Schlussbemerkung in diesem Artikel angesprochen wird sollte wirklich sehr zu denken geben, ich persönlich versuche schon seit knapp einem Jahr die Userschaft darüber zu informieren. Es geht um die Rolle der Türkei in diesem nicht enden- wollenden Konflikt. Das man den Sturz Assads voran trieb ist nicht so sehr das Problem, aber das man überhaupt keine Bedenken hat den politischen Islam in der Region so sehr zu stärken ist ein Indiz dafür das die derzeitige AKP- Regierung kaum eine moralische Grenze kennt. Das sich die USA entschieden den Vormarsch der YPG zu stoppen, nur um den türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik verwenden zu dürfen ist aus meiner Sicht eine der interessantesten Handlungen in diesem Konflikt. Auf der einen Hand will man den IS "besser und effizienter" aus der Luft angreifen, und auf der anderen Hand stoppt man die einzigen Bodentruppen in der Region die vor hatten gen Raqqa (der IS- Hauptstadt) zu marschieren und die einzig verbliebene Nachschubroute für den IS und alle anderen islamischen Terrorgruppen zu kappen (das Gebiet zwischen Azzaz und Jarablus). Das ist aus meiner Sicht paradox und stellt die Ambitionen der USA in kein gutes Licht. Die USA machen aus dem Luftwaffenstützpunkt Incirlik eine sehr große Sache und wollen nicht begreifen das die Türken zu emanzipiert sind in ihrer Rolle als eine regionale Möchtegernhegemonialmacht. Schon nach dem 3. Golfkrieg als die Türkei sich weigerten den Stützpunkt den USA zu überlassen hätte ein radikales Umdenken stattfinden müssen. Militärische Stützpunkte kann man aufbauen und in der Region finden sich gewiss abhängigere und zuverlässigere Partner als die Türkei. Das die USA die Nachschubroute der Jihadisten jedoch weiter offen lässt ist ein Indiz dafür das in Syrien noch nicht alle Karten ausgespielt worden sind.

Es ist an der Zeit das die Russen und die USA sich an den Tisch setzen und einen Kompromiss erreichen. Die Menschen in Syrien haben genug gelitten.

Ultra-tifosi hat geschrieben:Wenn die arabisch-sunnitisch dominierten Islamistischen Rebellen aus der Region Ildib von Alawiten, Christen, Schiiten & Assadtreuen Sunnitischen Araber bewohnten Küstenprovinzen Latakia und Tartus einfallen, wird es ein Blutbad geben, der dem Völkermord in Ruanda ähneln wird.


Ja, in der Tat. Abgesehen davon würde dann wohl eine neue Flüchtlingswelle ausbrechen welche die jetzige bei weitem übertrifft.

Ich vermisse in der derzeitigen anti-russischen Grundhaltung des Westens auch die rigorose Abneigung gegenüber dem islamischen Extremismus. Da werden Gruppen wie Ahrar al Sham oder andere salafistische Gruppen als halbwegs moderat hingestellt damit die als mögliche Partner durchgehen, ja manchmal wird sogar sehr vorsichtig und schon fast abtastend der Al- Qaida- Ableger, Jabhat al Nusra als eine Art Alternative zum IS herbei geredet oder als weniger brutal hingestellt. Das ist wirklich lächerlich!
Make Kurdistan Free Again...
HugoBettauer

Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon HugoBettauer » Fr 9. Okt 2015, 20:22

Kardux » Fr 9. Okt 2015, 20:10 hat geschrieben:
Vor einigen Tagen noch hatten Sie die momentane Rolle der Kurden in Syrien sehr marginalisiert, ich fande das schon sehr befremdlich, denn wer sich intensiv mit dem Syrienkonflikt befasst (und das tun Sie) sollte in der Hinsicht schon differenzierter gewisse Gruppen betrachten.

Der von Ihnen verlinkte Artikel, erstellt von einer sehr einflussreichen amerikanischen Denkfabrik, schreibt zurecht:



Was man hier in diesem Forum größtenteils lesen muss ist mehr als nur einseitig. Oft wird die Entmachtung Assads als die einzige Lösung betrachtet ohne sich auch nur eine Sekunde den Kopf zu zerbrechen was das für Konsequenzen haben könnte.


Es ist an der Zeit das die Russen und die USA sich an den Tisch setzen und einen Kompromiss erreichen. Die Menschen in Syrien haben genug gelitten.

Die Menschen haben genug gelitten aber mit Leid allein stehen und fallen die Pläne der Großmächte nicht. Das sieht man auch in Irak. Es wäre gut, wenn Russen und USA zumindest ein gemeinsames Ziel aufzeigen würden. Wenn jede Kriegspartei nur immer mehr Waffen bekommt, das hilft nicht. Was die Islamisten angeht, diese Sorge habe ich schon einige Jahre. Die Regierung war aber bisher unfähig, Nichtislamisten zu offenen Gesprächen zu laden.
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Kardux » Fr 9. Okt 2015, 20:47

HugoBettauer hat geschrieben:Die Regierung war aber bisher unfähig, Nichtislamisten zu offenen Gesprächen zu laden.


Vielleicht wäre es angebracht die Frage zu stellen, seit wann die islamistischen Assad- Gegner gegenüber der säkularen Assad- Gegnern die Oberhand gewonnen haben und was der Grund dafür ist.

Eines kann ich Ihnen aus Erfahrung versichern, die sunnitischen Syrier haben keinen kollektiven Hang zum politischen Islam. Die syrischen Muslimbrüder haben zwar eine längere Geschichte in Syrien und organisierten auch die ersten großen Aufstände in den 80er Jahren, aber wer die syrische Gesellschaft vor diesem Konflikt kennen lernen durfte weiß genau das der Großteil der Syrier (und damit meine ich auch die Sunniten) eher liberal und moderat gegenüber der Religion eingestellt sind.
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Ultra-tifosi » Fr 9. Okt 2015, 21:03

https://pbs.twimg.com/media/CQ3goVUVEAATPIz.png

IS übernimmt das Rebellengebiet östlich von Aleppo und steht kurz vor dem Industriekomplex der Stadt.

Dass der IS sich auch zunehmend in den Konflikt in Aleppo einmischen wird, war schon seit einem halben Jahr absehbar. Nun stehen sie direkt davor...
HugoBettauer

Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon HugoBettauer » Fr 9. Okt 2015, 21:38

Kardux » Fr 9. Okt 2015, 20:47 hat geschrieben:
Vielleicht wäre es angebracht die Frage zu stellen, seit wann die islamistischen Assad- Gegner gegenüber der säkularen Assad- Gegnern die Oberhand gewonnen haben und was der Grund dafür ist.

Eines kann ich Ihnen aus Erfahrung versichern, die sunnitischen Syrier haben keinen kollektiven Hang zum politischen Islam. Die syrischen Muslimbrüder haben zwar eine längere Geschichte in Syrien und organisierten auch die ersten großen Aufstände in den 80er Jahren, aber wer die syrische Gesellschaft vor diesem Konflikt kennen lernen durfte weiß genau das der Großteil der Syrier (und damit meine ich auch die Sunniten) eher liberal und moderat gegenüber der Religion eingestellt sind.

Anders hätte Syrien vorher nicht funktioniert. Offenbar haben mehr oder minder religiös motivierte Gruppen aber mehr Zulauf als die angeblich so westorientierte Variante, mit der vor Jahren geworben wurde. Warnungen gab es damals schon. Ob sich also viel oder wenig geändert hat, wer weiß? Es sind ja auch viele Menschen gestorben und einige zugereist.
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Perry » Fr 9. Okt 2015, 22:57

Kardux » Fr 9. Okt 2015, 21:47 hat geschrieben:
Vielleicht wäre es angebracht die Frage zu stellen, seit wann die islamistischen Assad- Gegner gegenüber der säkularen Assad- Gegnern die Oberhand gewonnen haben und was der Grund dafür ist.

Eines kann ich Ihnen aus Erfahrung versichern, die sunnitischen Syrier haben keinen kollektiven Hang zum politischen Islam. Die syrischen Muslimbrüder haben zwar eine längere Geschichte in Syrien und organisierten auch die ersten großen Aufstände in den 80er Jahren, aber wer die syrische Gesellschaft vor diesem Konflikt kennen lernen durfte weiß genau das der Großteil der Syrier (und damit meine ich auch die Sunniten) eher liberal und moderat gegenüber der Religion eingestellt sind.


der Grund für diese Radikalisierung hat erst einmal nichts mit Religion zu tun, sondern mit dem dreijährigem verzweifelten Überlebenskampf des Widerstandes.

Hier ein guter Überblick:

https://de.qantara.de/inhalt/buergerkri ... hadistisch
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Progressiver » Sa 10. Okt 2015, 00:20

Die linksliberale Wochenzeitung "der FREITAG", die auch mit dem englischen "GUARDIAN" kooperiert, kommt in ihrer Printausgabe zu einem anderen Schluss: Assad selbst habe die Opposition dazu gebracht, sich zu radikalisieren, indem er gefährliche Dschihadisten aus den Gefängnissen frei gelassen habe, damit sie sich seinen Feinden anschlössen. Wenn es nur bei den andauernden säkularen Demonstrationen geblieben wäre, hätte er sich schon nach ein paar Wochen aus dem Amt verabschieden müssen, da das ganze Land gegen ihn gewesen wäre. So aber kann er wenigstens in der Hälfte des Landes herrschen, während die andere Hälfte aus gefährlichen Islamisten bzw. IS-Terroristen besteht, die mindestens genau so grausam sind wie er selbst.
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon bakunicus » Sa 10. Okt 2015, 00:29

Progressiver » Sa 10. Okt 2015, 01:20 hat geschrieben:Die linksliberale Wochenzeitung "der FREITAG", die auch mit dem englischen "GUARDIAN" kooperiert, kommt in ihrer Printausgabe zu einem anderen Schluss: Assad selbst habe die Opposition dazu gebracht, sich zu radikalisieren, indem er gefährliche Dschihadisten aus den Gefängnissen frei gelassen habe, damit sie sich seinen Feinden anschlössen. Wenn es nur bei den andauernden säkularen Demonstrationen geblieben wäre, hätte er sich schon nach ein paar Wochen aus dem Amt verabschieden müssen, da das ganze Land gegen ihn gewesen wäre. So aber kann er wenigstens in der Hälfte des Landes herrschen, während die andere Hälfte aus gefährlichen Islamisten bzw. IS-Terroristen besteht, die mindestens genau so grausam sind wie er selbst.


"der freitag" ist in vieler hinsicht ein merkwürdiges blatt ...
und auch die "freitag-community" versteift sich in einer fragwürdigen links-intellektuellen haltung ...
ich weiß wovon ich da rede ...

aber diese position ist nicht allein.
es gibt so einige stimmen, die sagen, dass assad an der destabilisierung des irak zum eigenen machterhalt beigetragen hat ...
Calvin

Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Calvin » Sa 10. Okt 2015, 10:32

bakunicus » Sa 10. Okt 2015, 01:29 hat geschrieben:
es gibt so einige stimmen, die sagen, dass assad an der destabilisierung des irak zum eigenen machterhalt beigetragen hat ...

das sind doch wohl Tatsachen , denn beide waren doch befeindet
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Ultra-tifosi » Sa 10. Okt 2015, 11:18

Perry » Fr 9. Okt 2015, 23:57 hat geschrieben:
der Grund für diese Radikalisierung hat erst einmal nichts mit Religion zu tun, sondern mit dem dreijährigem verzweifelten Überlebenskampf des Widerstandes.

Hier ein guter Überblick:

https://de.qantara.de/inhalt/buergerkri ... hadistisch


So viele Fehler im Text...oh man...

). FSA-Einheiten dominieren den Kampf in der nordwestlichen Provinz Idlib, wo der Nachschub über die Türkei läuft, sie kämpfen in und um Aleppo, im Süden des Landes nahe der Stadt Daraa und im Großraum Damaskus.


Die FSA hat in der Provinz Ildib sowie in Aleppo überhaupt nichts zu melden. Federführend in Idlib ist der offizielle Ableger der Al Quaida für Syrien "Dschabhat Al Nusra" sowie die Islamistisch-salafistisch geprägte Gruppe "Ahrar ash Sham".
In Aleppo das Islamistenbündnis "Ansar al Sharia" sowie das islamistisch-gemäßigte Bündnis Fatah Halab.

East Ghouta in der Region Damaskus wird hauptsächlich von der islamistisch-salafistischen Gruppe Jaysh al Sham kontrolliert.
In Yarmouk ist eine IS-Gruppe aktiv.

Das islamische Mittelfeld führt die Islamische Front (IF) an, das mächtigste Rebellenbündnis in Syrien. Ihre Mitglieder bedienen sich alle einer religiösen Rhetorik, allerdings erkennen manche Brigaden demokratische Prinzipien, Frauen- und Minderheitenrechte an, während andere radikalere salafistische Positionen vertreten. Ursprünglich sieben Verbände gründeten die IF im November 2013, darunter Ahrar al-Sham (Nordsyrien), Liwa al-Tawhid (Aleppo), Suqour al-Sham (Idlib) und Dscheisch al-Islam (Damaskus). Landesweit gehören ihr schätzungsweise 50.000 Kämpfer an. Der Anschlag auf die Führung von Ahrar al-Sham Anfang September, bei dem mit Hassan Aboud nicht nur der politische Kopf der IF und einer der wichtigsten Rebellenführer des Landes, sondern auch die gesamte Führungsriege von Ahrar al-Sham starb, könnte die Islamische Front schwächen. Entscheidend für die Entwicklungen der nächsten Monate wird sein, ob Kämpfer von Ahrar al-Sham (insgesamt etwa 20.000) eher zur FSA oder zu den Radikalen abwandern, womöglich auch zum Islamischen Staat.


Die Islamische Front (IF) existiert nur dem Namen nach noch. Im Grunde sind mit Ausnahme von Dscheisch al Islam alle anderen zur Ahrar ash Sham gegangen, die jetzt wieder unter eigenem Kommando bzw. unter der Rebellenkoalition mit Dschabhat al Nusra und ein paar anderen in der Army of Conquest kämpfen.

Minderheitenrechte? Ahrar ash Sham will einen Gottesstaat aus Syrien machen und einen Vorgeschmack was sie mit ihnen unbequemen Minderheiten vorhaben gibt das hier: http://www.spiegel.de/politik/ausland/syrien-dschihadisten-toeten-alawiten-in-latakia-a-927164.html

Der Rest des Artikels kann man so stehen lassen...
Calvin

Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Calvin » Sa 10. Okt 2015, 11:23

Perry » Fr 9. Okt 2015, 23:57 hat geschrieben:
der Grund für diese Radikalisierung hat erst einmal nichts mit Religion zu tun, sondern mit dem dreijährigem verzweifelten Überlebenskampf des Widerstandes.

absoluter Schwachsinn , du solltest mal erst die Geschichte lernen
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Re: Wie weiter mit Syrien ?

Beitragvon Platon » Sa 10. Okt 2015, 11:25

Der qantara-Artikel ist vom 15.09.2014, damals hatte Ahrar al Shams gerade seine komplette Führung durch einen Selbstmordanschlag verloren. Darum ist der Artikel in einigen Punkten nicht aktuell.

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