Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Sa 21. Okt 2017, 21:03

8 Prozent kscm, 10 Prozent SPD. Fast wie bei uns.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Dieter Winter » Sa 21. Okt 2017, 21:11

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(21 Oct 2017, 22:03)

8 Prozent kscm, 10 Prozent SPD. Fast wie bei uns.



Die SPD hat in der CR aber eine etwas andere Ausrichtung...
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Europa2050 » Sa 21. Okt 2017, 21:12

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(21 Oct 2017, 22:03)

8 Prozent kscm, 10 Prozent SPD. Fast wie bei uns.


Mit der selben Radikalität, mit der der ehemalige ComeCon alles, was mit Sozialismus zu tun hat, ausrottet, fallen die Menschen allen Typen von Nationalisten anheim.
Man hat den Eindruck, die Fähigkeit zum sorgsamen Abwägen von Pro und Contra und dem Eingehen von Kompromissen ist dort nach über 25 Jahren noch nicht so ganz entwickelt.
Wobei ich die Tschechen aufgrund ihrer positiven Geschichte bis 1938 für politisch vermünftiget eingeschätzt hätte.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Dieter Winter » Sa 21. Okt 2017, 21:20

Europa2050 hat geschrieben:(21 Oct 2017, 22:12)

Mit der selben Radikalität, mit der der ehemalige ComeCon alles, was mit Sozialismus zu tun hat, ausrottet, fallen die Menschen allen Typen von Nationalisten anheim.
Man hat den Eindruck, die Fähigkeit zum sorgsamen Abwägen von Pro und Contra und dem Eingehen von Kompromissen ist dort nach über 25 Jahren noch nicht so ganz entwickelt.
Wobei ich die Tschechen aufgrund ihrer positiven Geschichte bis 1938 für politisch vermünftiget eingeschätzt hätte.


Die tschechischen Wahlberechtigten von 1938 dürften in der Minderheit sein.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Sa 21. Okt 2017, 21:24

Dieter Winter hat geschrieben:(21 Oct 2017, 22:11)

Die SPD hat in der CR aber eine etwas andere Ausrichtung...

Als die AfD/NPD?
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Dieter Winter » Sa 21. Okt 2017, 21:25

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(21 Oct 2017, 22:24)

Als die AfD/NPD?


Als die SPD in D. :D
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Sa 21. Okt 2017, 21:29

Dieter Winter hat geschrieben:(21 Oct 2017, 22:25)

Als die SPD in D. :D

Das setze ich mal als gegeben voraus. Die FDP der Schweiz ist auch was anderes. Oder die CDU in Portugal. Oder die Republikaner in USA.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Europa2050 » Sa 21. Okt 2017, 21:30

Dieter Winter hat geschrieben:(21 Oct 2017, 22:20)

Die tschechischen Wahlberechtigten von 1938 dürften in der Minderheit sein.


Aber gewöhnlich halten sich demokratische Traditionen länger als Generationen. Und nach 1989 sahen viele Tschechen ihre Altvorderen, die einen der wohlhabendsten und demokratischsten Staat der Zwischenkriegszeit geschaffen hatten, eher als Vorbilder als Beneš und Co. Das würde mir in einigen Gesprächen damals so widergespiegelt.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Dieter Winter » Sa 21. Okt 2017, 22:18

Europa2050 hat geschrieben:(21 Oct 2017, 22:30)

Aber gewöhnlich halten sich demokratische Traditionen länger als Generationen. Und nach 1989 sahen viele Tschechen ihre Altvorderen, die einen der wohlhabendsten und demokratischsten Staat der Zwischenkriegszeit geschaffen hatten, eher als Vorbilder als Beneš und Co. Das würde mir in einigen Gesprächen damals so widergespiegelt.


Naja, besonders ausländerfreundlich sind die Tschechen i. A. nicht. Dass sie auf Deutsche und Russen nicht gut zu sprechen sind ist noch nachvollziehbar. Aber ich habe auch erlebt, dass sie über Polen, Roma, Serben usw. ebenfalls ganz schön herziehen.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Sole.survivor@web.de » Sa 21. Okt 2017, 22:23

Dieter Winter hat geschrieben:(21 Oct 2017, 23:18)

Naja, besonders ausländerfreundlich sind die Tschechen i. A. nicht. Dass sie auf Deutsche und Russen nicht gut zu sprechen sind ist noch nachvollziehbar. Aber ich habe auch erlebt, dass sie über Polen, Roma, Serben usw. ebenfalls ganz schön herziehen.

Ich habe bisher keine Probleme, eine Freundin macht grenzübertretend Musik. Auch sie hat keine Sorgen, allenfalls wird etwas zu rücksichtslos gebaggert.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Dieter Winter » Sa 21. Okt 2017, 22:32

Sole.survivor@web.de hat geschrieben:(21 Oct 2017, 23:23)

Ich habe bisher keine Probleme, eine Freundin macht grenzübertretend Musik. Auch sie hat keine Sorgen, allenfalls wird etwas zu rücksichtslos gebaggert.


Persönlich hatte ich auch noch nie Probleme mit Tschechen. Trotzdem haben mir schon welche gesagt, dass sie Deutsche i. A. nicht leiden können. Einer hat mich mal getestet. Wir saßen abends bei einigen Piva zusammen, da fing er an über Zigeuner zu schimpfen. Ich hielt mich da raus. Dann meinte er, dass Hitler schon gar nicht so verkehrt gewesen sei. Daraufhin habe ich das Gesicht verzogen und ihm einigermaßen heftig widersprochen. Daraufhin meinte er, wenn ich ihm zugestimmt hätte, dann hätte ich in die Fresse bekommen. Er hätte schon öfter erlebt, dass Deutsche bei dem Thema Beifall gezollt hätten.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Europa2050 » Sa 21. Okt 2017, 22:32

Dieter Winter hat geschrieben:(21 Oct 2017, 23:18)

Naja, besonders ausländerfreundlich sind die Tschechen i. A. nicht. Dass sie auf Deutsche und Russen nicht gut zu sprechen sind ist noch nachvollziehbar. Aber ich habe auch erlebt, dass sie über Polen, Roma, Serben usw. ebenfalls ganz schön herziehen.


Hat ich jetzt als Deutscher mit 1/8 tschechischem Migrationshintergrund bisher so noch nicht bemerkt (bemühe mich aber auch stets, meine rudimentären Tschechischkenntnisse anzuwenden.
Zudem treffe ich meist beim Eishockey auf Tschechen und gemeinsames Hobby verbindet eh.
Auch zu Russen haben die Tschechen prinzipiell kein schlechtes Verhältnis, außer diese treten zu großkotzig auf (in der Beziehung haben sie wohl sogar die Sachsen schon übertroffen).
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Dieter Winter » Sa 21. Okt 2017, 22:38

Europa2050 hat geschrieben:(21 Oct 2017, 23:32)

Hat ich jetzt als Deutscher mit 1/8 tschechischem Migrationshintergrund bisher so noch nicht bemerkt (bemühe mich aber auch stets, meine rudimentären Tschechischkenntnisse anzuwenden.
Zudem treffe ich meist beim Eishockey auf Tschechen und gemeinsames Hobby verbindet eh.


Ich bin dort Motorradrennen gefahren und habe Geschildertes so erlebt. Es bezog sich da auch weniger auf einzelne Personen, als auf allgemeine Einschätzungen. Im Fahrerlager gab es da nie irgendwelche Differenzen zwischen den Fahrern/Teams der verschiedenen Nationalitäten.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon H2O » Sa 21. Okt 2017, 23:11

    Wird wohl kein Politiker dort anstreben, weil die Tschechen mit großer Mehrheit proeuropäisch eingestellt sind und das Land in vielen Bereichen als Musterschüler galt. Deshalb sorgt man sich dort auch um ein "Kerneuropa" (http://www.focus.de/finanzen/news/wirts ... 41500.html), dem man möglicherweise nicht angehört und somit an Souveränität einbüßen würde, da man quasi ein Mitglied zweiter Klasse wäre und weniger die angestrebte Vertiefung der Integration mitgestalten könnte; und letzteres will Prag. Andrej Babis mag über Flüchtlinge verschnupft sein, aber da muss man hinzufügen, dass es die anderen Parteien auch sind.

Kommt mir als Darlegung an den Haaren herbeigezogen vor. Trotz starker Verflechtung mit den Großbetrieben der EU wehrt Tschechien sich gegen die Einführung der Gemeinschaftswährung, während die Slowakei diesen Schritt schon vor Jahren vollzogen hat... ohne erkennbare Nachteile. Etwa so: "Für uns ist die Gemeinschaftswährung kein Punkt für Streit, aber von allein machen wir das nicht!" Wäre das Land im Euro, dann würde es auch im Rahmen seiner Möglichkeit bei der Ausgestaltung der vertieften Zusammenarbeit beteiligt sein. Babis will ganz ausdrücklich nicht die vertiefte Zusammenarbeit. Na ja, mit den Flüchtlingen bocken ja nicht allein die Visegradskis; aber die sagen das auch klar und deutlich.

Ich meine, daß die Willigen jetzt die vertiefte Zusammenarbeit in Richtung einer Föderation voran treiben sollten und alle Partner einladen sollten, sich ab sofort oder später zu beteiligen; Voraussetzung: Gemeinschaftswährung, Rechtsstaatlichkeit. Und dann aber auch vorwärts mit voller Kraft und ohne Rücksicht auf politische Bremsmanöver.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon H2O » Sa 21. Okt 2017, 23:27

Dieter Winter hat geschrieben:(21 Oct 2017, 20:57)

So vielleicht nicht, aber dass es um die Rosinen, sprich Zuwendungen aus Brüssel geht, war an sich schon klar.


Ist doch auch in Ordnung; sich kasteien, damit endlich das vereinigte Europa entsteht, das tut in den Gründerstaaten der EU auch niemand. Auch Deutschland zöge sich zurück, wenn die EU im wesentlichen als Belastung empfunden werden würde. Aber durch den Marktzugang und die Investitionssicherheit macht Europa doch viel Freude. Ich vermute, daß die Visegradskis sich eher als Opfer sehen, weil sie an diesem "Monopoly" noch nicht in gleichem Maße mit kapitalstarken Unternehmen teilnehmen können.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon frems » Sa 21. Okt 2017, 23:34

H2O hat geschrieben:(22 Oct 2017, 00:11)
Kommt mir als Darlegung an den Haaren herbeigezogen vor. Trotz starker Verflechtung mit den Großbetrieben der EU wehrt Tschechien sich gegen die Einführung der Gemeinschaftswährung, während die Slowakei diesen Schritt schon vor Jahren vollzogen hat... ohne erkennbare Nachteile. Etwa so: "Für uns ist die Gemeinschaftswährung kein Punkt für Streit, aber von allein machen wir das nicht!" Wäre das Land im Euro, dann würde es auch im Rahmen seiner Möglichkeit bei der Ausgestaltung der vertieften Zusammenarbeit beteiligt sein. Babis will ganz ausdrücklich nicht die vertiefte Zusammenarbeit. Na ja, mit den Flüchtlingen bocken ja nicht allein die Visegradskis; aber die sagen das auch klar und deutlich.

Ich meine, daß die Willigen jetzt die vertiefte Zusammenarbeit in Richtung einer Föderation voran treiben sollten und alle Partner einladen sollten, sich ab sofort oder später zu beteiligen; Voraussetzung: Gemeinschaftswährung, Rechtsstaatlichkeit. Und dann aber auch vorwärts mit voller Kraft und ohne Rücksicht auf politische Bremsmanöver.

Naja, im Vergleich zu Ungarn und Polen erscheint mir die tschechische Integration doch recht gelungen. Das sollte man ja nicht nur an der Währung festmachen, sondern allgemein auf den Binnenmarkt. Ich kann auch viele Osteuropäer verstehen, die etwas verschnupft darüber sind, dass überall groß Werbung von deutschen Geschäften und Marken zu sehen ist, während die eigenen verschwinden. Gleichzeitig zog "der Westen" viele junge Arbeitskräfte ab. Als ich noch in Berlin arbeitete, hatten wir einige junge Ingenieure aus Tschechien. Tolle Kerle. Zurück würden einige gerne, aber tun's nicht, weil sie meinen, Rückkehrer würden gesellschaftlich als Verlierer angesehen werden; jene, die es nicht gewuppt haben, sich in Deutschland, Frankreich oder England durchzuschlagen, was andere hinbekamen. Gleichzeitig meckert man darüber, dass die Jugend zu großen Teilen abwandert und es fernab der Hauptstadt meist trist aussieht, wo früher noch Leben herrschte.

Und ja, man sollte damit voranschreiten. Die Tschechen müssen dann selbst überlegen, ob sie ihre Emotionen zur nationalen Währung für wichtiger halten als in der ersten Reihe Europas mitzuspielen. Sollen sie halt selbst entscheiden. Wenn sie sehen, dass z.B. die Gründungsmitglieder bei der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik ohne sie Fortschritte machen, sieht die Welt vielleicht auch wieder anders aus. Und genau in diesen beiden Bereichen genießt Europa ja hohen Zuspruch in den zentral- und osteuropäischen Staaten.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon H2O » Sa 21. Okt 2017, 23:55

frems hat geschrieben:(22 Oct 2017, 00:34)

Naja, im Vergleich zu Ungarn und Polen erscheint mir die tschechische Integration doch recht gelungen. Das sollte man ja nicht nur an der Währung festmachen, sondern allgemein auf den Binnenmarkt. Ich kann auch viele Osteuropäer verstehen, die etwas verschnupft darüber sind, dass überall groß Werbung von deutschen Geschäften und Marken zu sehen ist, während die eigenen verschwinden. Gleichzeitig zog "der Westen" viele junge Arbeitskräfte ab. Als ich noch in Berlin arbeitete, hatten wir einige junge Ingenieure aus Tschechien. Tolle Kerle. Zurück würden einige gerne, aber tun's nicht, weil sie meinen, Rückkehrer würden gesellschaftlich als Verlierer angesehen werden; jene, die es nicht gewuppt haben, sich in Deutschland, Frankreich oder England durchzuschlagen, was andere hinbekamen. Gleichzeitig meckert man darüber, dass die Jugend zu großen Teilen abwandert und es fernab der Hauptstadt meist trist aussieht, wo früher noch Leben herrschte.

Und ja, man sollte damit voranschreiten. Die Tschechen müssen dann selbst überlegen, ob sie ihre Emotionen zur nationalen Währung für wichtiger halten als in der ersten Reihe Europas mitzuspielen. Sollen sie halt selbst entscheiden. Wenn sie sehen, dass z.B. die Gründungsmitglieder bei der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik ohne sie Fortschritte machen, sieht die Welt vielleicht auch wieder anders aus. Und genau in diesen beiden Bereichen genießt Europa ja hohen Zuspruch in den zentral- und osteuropäischen Staaten.


Eine ähnliche Stimmungslage trifft man in Polen an. Da wird gemeckert, daß kapitalstarke westliche Unternehmen wie Lidl, Netto, Aldi, Intermarché die kleineren polnischen Handelsunternehmen wegputzen. Und schon wird wieder gemeckert, wenn die Packungen der "Westware" weniger enthält oder schlechtere Qualität anbietet, als im Westen. Na ja, Biedronka gibt es ja im Wettbewerb; die Kunden haben doch die Wahl, wohin sie ihre Schritte lenken. Die Polen bestehen offenbar auf ziemlich krausen Verpackungsgrößen... immer etwas kleiner als im Westen. Dann wird gemeckert, sicher mit voller Berechtigung, daß Jungärzte im Krankenhausdienst mit 500 € entlohnt werden. Über das Pflegepersonal will ich dann lieber gar nichts sagen. Daß dann die Menschen versuchen, sich über kleine Geschenke Vorteile zu verschaffen, das erinnert ein wenig an Griechenland. Gleich danach meckert man dann auch wieder, daß eine fast als Flucht zu bezeichnende Abwanderung der besten Fachkräfte nach Skandinavien und Westeuropa stattfindet.

Das alles läßt sich nur in geordnete Bahnen lenken, wenn Europa tatsächlich die vertiefte Gemeinschaft lebt und sich solidarisch entwickelt. Wir sehen ja, daß selbst in Deutschland die Folgen der deutschen Teilung bei Renten und Einkommen noch längst nicht abgeschliffen sind.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Sole.survivor@web.de » So 22. Okt 2017, 11:12

frems hat geschrieben:(22 Oct 2017, 00:34)

Naja, im Vergleich zu Ungarn und Polen erscheint mir die tschechische Integration doch recht gelungen. Das sollte man ja nicht nur an der Währung festmachen, sondern allgemein auf den Binnenmarkt. Ich kann auch viele Osteuropäer verstehen, die etwas verschnupft darüber sind, dass überall groß Werbung von deutschen Geschäften und Marken zu sehen ist, während die eigenen verschwinden. Gleichzeitig zog "der Westen" viele junge Arbeitskräfte ab. Als ich noch in Berlin arbeitete, hatten wir einige junge Ingenieure aus Tschechien. Tolle Kerle. Zurück würden einige gerne, aber tun's nicht, weil sie meinen, Rückkehrer würden gesellschaftlich als Verlierer angesehen werden; jene, die es nicht gewuppt haben, sich in Deutschland, Frankreich oder England durchzuschlagen, was andere hinbekamen. Gleichzeitig meckert man darüber, dass die Jugend zu großen Teilen abwandert und es fernab der Hauptstadt meist trist aussieht, wo früher noch Leben herrschte.

Und ja, man sollte damit voranschreiten. Die Tschechen müssen dann selbst überlegen, ob sie ihre Emotionen zur nationalen Währung für wichtiger halten als in der ersten Reihe Europas mitzuspielen. Sollen sie halt selbst entscheiden. Wenn sie sehen, dass z.B. die Gründungsmitglieder bei der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik ohne sie Fortschritte machen, sieht die Welt vielleicht auch wieder anders aus. Und genau in diesen beiden Bereichen genießt Europa ja hohen Zuspruch in den zentral- und osteuropäischen Staaten.

Ich würde das grundlegender sehen. CZ soll sich sichtbar um die Konvergenzkriterien bemühen und bei Erfolg den Euro beantragen. Wenn es nicht klappt, ok. Wenn sie es nicht ernsthaft versuchen, Mahnung der Kommission und nach angemessener Zeit Konsequenzen in harter Währung.
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon Gluck » So 22. Okt 2017, 13:03

Dieser Tomio Okamura ist wirklich ein eigenartiger Typ.

Prag. (klh) Hayato Okamura ist ein gläubiger Christ, der sich in der Flüchtlingshilfe engagiert. Und er warnt mittlerweile öffentlich vor seinem Bruder: Tomio Okamura sei ein Populist geworden, der viel zu weit gehe, sagt Hayato Okamura gegenüber tschechischen Medien.

Hayato und Tomio Okamura haben beide einen japanischen Vater und eine tschechische Mutter. Doch während Hayato ein Mitglied der Christdemokraten ist, ist Tomio Okamura Vorsitzender der Partei "Freiheit und direkte Demokratie" (SPD) und versucht, mit rechtsradikalen Parolen Wähler zu gewinnen: So hat er zum Boykott muslimischer Geschäfte aufgerufen - und überhaupt setzt er den Islam mit Terrorismus gleich. Zudem spricht sich Tomio Okamura für einen Austritt aus der EU aus. Und soziale Leistungen wolle man "keinen Parasiten" mehr geben, verkündet seine Partei. Die Hetzparolen scheinen zu verfangen: Bis zu zehn Prozent der Stimmen werden der Partei bei der Parlamentswahl, die diesen Freitag und Samstag stattfindet, vorausgesagt.

http://www.wienerzeitung.at/nachrichten ... rfolg.html
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Re: Tschechien wählt mehrheitlich Gegner der EU

Beitragvon King Kong 2006 » So 22. Okt 2017, 13:14

Danke Fr. Merkel. Für die epische Fehlentscheidung in der Flüchtlingsfrage. Das hat sicher mit dazu beigetragen, auch als Brandbeschleuniger, für Entwicklungen in Deutschland und für Europa. Mir ist bis heute schleierhaft, was Angela M., die ich sonst für gescheit halte, da geritten hat. Aber irren ist menschlich. Tragisch, wenn das jemanden in der Funktion eines Staatsführers (eines einflußreichen Landes) passiert.
Wenn man zuviel weiß, wird es immer schwieriger, einfache Entscheidungen zu treffen.
Wissen stellt eine Barriere dar, die einen daran hindert, etwas in Erfahrung zu bringen.
- Frank Herbert, Die Kinder des Wüstenplaneten

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