Neue, linke "Sammlungsbewegung".

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DarkLightbringer
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon DarkLightbringer » So 19. Aug 2018, 19:06

Selina hat geschrieben:(19 Aug 2018, 18:15)

Klingt fast so, als hättest du Mitleid :D Übrigens wollen ja paar liberale Wissenschaftler auch ne "Sammelbewegung" gründen. Wär vielleicht eher was für dich ;)

Wissenschaft hat immer etwas aufklärerisches.
Aber wegen mir könnte man Sahra schon aus den Talk-Shows nehmen.
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MäckIntaier
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon MäckIntaier » So 19. Aug 2018, 19:56

DarkLightbringer hat geschrieben:(19 Aug 2018, 20:06)

Wissenschaft hat immer etwas aufklärerisches.
Aber wegen mir könnte man Sahra schon aus den Talk-Shows nehmen.


Sie passt sicher nur schlecht in das Format und ist wohl für zu viele der übrigen Teinehmer und für die Zuschauer eine intellektuelle Überforderung. Daher wäre ein solcher Schritt nur konsequent, denn zu viel Niveau verdirbt nachweislich die Einschaltquoten, weil das den Altersschnitt zu sehr anhebt. Was die Wissenschaft und die Aufklärung betrifft, so ist das natürlich richtig, auch wenn der durchschnittliche Aufklärer manche der wissenschaftlichen Nebenwirkung nicht auf dem Beipackzettel hatte. Was aber ein anderes Thema wäre.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon DarkLightbringer » So 19. Aug 2018, 20:10

MäckIntaier hat geschrieben:(19 Aug 2018, 20:56)

Sie passt sicher nur schlecht in das Format und ist wohl für zu viele der übrigen Teinehmer und für die Zuschauer eine intellektuelle Überforderung. Daher wäre ein solcher Schritt nur konsequent, denn zu viel Niveau verdirbt nachweislich die Einschaltquoten, weil das den Altersschnitt zu sehr anhebt. Was die Wissenschaft und die Aufklärung betrifft, so ist das natürlich richtig, auch wenn der durchschnittliche Aufklärer manche der wissenschaftlichen Nebenwirkung nicht auf dem Beipackzettel hatte. Was aber ein anderes Thema wäre.

Sie sagt ja immer das gleiche, seit vielen Jahren, was sie auch tatsächlich gut kann. Aber nicht deswegen wird sie in den Talk-Shows herumgereicht, das könnte schließlich auch jeder Ministrant, sondern weil sie sich schmuck macht. Sie hat viele männliche Fans.
Die Linke weiß das auch, drückt es nur etwas geschmeidiger aus.

Man wird auch ungern auf sie verzichten, hätte sie aber gern auf den TV-Zuschnitt begrenzt gesehen.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon Misterfritz » So 19. Aug 2018, 20:59

MäckIntaier hat geschrieben:(19 Aug 2018, 20:56)

Sie passt sicher nur schlecht in das Format und ist wohl für zu viele der übrigen Teinehmer und für die Zuschauer eine intellektuelle Überforderung. Daher wäre ein solcher Schritt nur konsequent, denn zu viel Niveau verdirbt nachweislich die Einschaltquoten, weil das den Altersschnitt zu sehr anhebt. Was die Wissenschaft und die Aufklärung betrifft, so ist das natürlich richtig, auch wenn der durchschnittliche Aufklärer manche der wissenschaftlichen Nebenwirkung nicht auf dem Beipackzettel hatte. Was aber ein anderes Thema wäre.
Seit wann sind Talk Shows für Aufklärung da? Oder gar für Wissenschaft?
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon MäckIntaier » So 19. Aug 2018, 21:28

Misterfritz hat geschrieben:(19 Aug 2018, 21:59)

Seit wann sind Talk Shows für Aufklärung da? Oder gar für Wissenschaft?


Die Wissenschaftbemerkung ist getrennt vom Talkshow-Thema als Replik auf die Aussage, Wissenschaft habe immer etwas Aufklärerisches, zu lesen.

Würde jemand behaupten, es sei der Aufklärungsfaktor eines Dschungelcamps größer als der einer Talkshow, dürfte sich die Zahl der klugen Einreden in Grenzen halten.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon DarkLightbringer » So 19. Aug 2018, 21:49

MäckIntaier hat geschrieben:(19 Aug 2018, 22:28)

Die Wissenschaftbemerkung ist getrennt vom Talkshow-Thema als Replik auf die Aussage, Wissenschaft habe immer etwas Aufklärerisches, zu lesen.

Würde jemand behaupten, es sei der Aufklärungsfaktor eines Dschungelcamps größer als der einer Talkshow, dürfte sich die Zahl der klugen Einreden in Grenzen halten.

"Dschungelcamp" wäre das richtige Stichwort.
Der Vorhalt des Antiaufklärerischen kommt von links:
Benjamin Hoff, linker Kulturminister und Chef der Staatskanzlei in Thüringen, bezeichnete die Sammlungsbewegung als "antiaufklärerisch": "Wir gegen die Politik da oben - das ist ein Trend in der politischen Debatte. Auch die Sammlungsbewegung bedient das."
http://www.spiegel.de/politik/deutschla ... 23864.html

Aus meiner Sicht stellt sich jedenfalls die Frage, ob sich Wagenknecht halten kann. Das Gegenfeuer aus eigenen Reihen wird man nicht einfach so wegwischen können.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon Selina » So 19. Aug 2018, 22:12

DarkLightbringer hat geschrieben:(19 Aug 2018, 22:49)

Aus meiner Sicht stellt sich jedenfalls die Frage, ob sich Wagenknecht halten kann. Das Gegenfeuer aus eigenen Reihen wird man nicht einfach so wegwischen können.


Gib zu, du kannst es gar nicht erwarten, bis es endlich soweit ist :D
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon DarkLightbringer » So 19. Aug 2018, 22:23

Selina hat geschrieben:(19 Aug 2018, 23:12)

Gib zu, du kannst es gar nicht erwarten, bis es endlich soweit ist :D

Ja, dann bewegt sich mal was.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon MäckIntaier » Mo 20. Aug 2018, 07:12

DarkLightbringer hat geschrieben:(19 Aug 2018, 22:49)

"Dschungelcamp" wäre das richtige Stichwort.
Der Vorhalt des Antiaufklärerischen kommt von links:
http://www.spiegel.de/politik/deutschla ... 23864.html


Mehr als seine Autorität kraft Amtes scheint der Mann hierbei nicht in die Waagschale des Argumentativen zu legen haben. Vom Rechnen mit dem Schafscharakter der Untertanen scheint auch dejenige nicht frei, der sich selbst den Aufklärern zurechnet.

DarkLightbringer hat geschrieben:(19 Aug 2018, 22:49)

Aus meiner Sicht stellt sich jedenfalls die Frage, ob sich Wagenknecht halten kann. Das Gegenfeuer aus eigenen Reihen wird man nicht einfach so wegwischen können.


Vielleicht wäre es sinnvoll, die Frage nicht nur im Sinne des politischen Boulevards zu betrachten, sondern diesen Gründungsversuch einmal in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Der oben verlinkte Colin Crouch hat zumindest in einem Recht, dass nämlich den Parteien, und zwar nicht nur den Sozialdemokraten, im Zuge der Veränderung der Gesellschaft die klassische Klientel abhanden gekommen ist. Die deutsche Parteienlandschaft müsste in diesem Sinne noch einmal völlig neu geordnet werden, die Parteien müssten sich im Idealfall auflösen und entlang bestimmter grundsätzlicher Themen dann noch einmal neu zusammenschließen.Teile der Linken stehen den Grünen nahe, andere, insbesondere im Osten, der CDU viel näher als jeder anderen Partei, gerade im nicht-urbanen Bereich. Das gälte es, als Botschaft dieses Gründungsversuchs unter anderem herauszulesen.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon JJazzGold » Mo 20. Aug 2018, 07:52

MäckIntaier hat geschrieben:(20 Aug 2018, 08:12)

Mehr als seine Autorität kraft Amtes scheint der Mann hierbei nicht in die Waagschale des Argumentativen zu legen haben. Vom Rechnen mit dem Schafscharakter der Untertanen scheint auch dejenige nicht frei, der sich selbst den Aufklärern zurechnet.



Vielleicht wäre es sinnvoll, die Frage nicht nur im Sinne des politischen Boulevards zu betrachten, sondern diesen Gründungsversuch einmal in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Der oben verlinkte Colin Crouch hat zumindest in einem Recht, dass nämlich den Parteien, und zwar nicht nur den Sozialdemokraten, im Zuge der Veränderung der Gesellschaft die klassische Klientel abhanden gekommen ist. Die deutsche Parteienlandschaft müsste in diesem Sinne noch einmal völlig neu geordnet werden, die Parteien müssten sich im Idealfall auflösen und entlang bestimmter grundsätzlicher Themen dann noch einmal neu zusammenschließen.Teile der Linken stehen den Grünen nahe, andere, insbesondere im Osten, der CDU viel näher als jeder anderen Partei, gerade im nicht-urbanen Bereich. Das gälte es, als Botschaft dieses Gründungsversuchs unter anderem herauszulesen.


Liefe das so ab, wie Sie es sich vorstellen, dann hätten wir zwei zementierte Blöcke, analog zu den USA. Das entspricht nicht meiner Vorstellung. Liberale Komponenten können wir dann in die Tonne kloppen.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon MäckIntaier » Mo 20. Aug 2018, 08:12

JJazzGold hat geschrieben:(20 Aug 2018, 08:52)

Liefe das so ab, wie Sie es sich vorstellen, dann hätten wir zwei zementierte Blöcke, analog zu den USA. Das entspricht nicht meiner Vorstellung. Liberale Komponenten können wir dann in die Tonne kloppen.


Ihre Abneigung gegen die beiden Blöcke würde ich teilen, aber eine deutsche Neuordnung würde eher die doppelte Menge hervorbringen. Überflüssig sind ja erst die Sozialdemokraten, die sich auf die Linken, Grünen und die CDU aufteilen würden. Diese wiederum würde sich etwa in eine um den Großteil der AfD angereicherte konservative Partei und in eine aus Teilen der CSU und der SPD angereicherte Partei teilen, die Grünen erhileten einen Teil der Linken und der SPD, die Linken würden Teile der SPD und ein paar Grüne und etwas AfD (zurück)bekommen. Das sind dann vier Parteien plus evtl. eine kleine rechtsextreme, um die 5%-Hürde kämpfende Partei. Die Mehrheitsverhältnisse blieben schwierig, aber die Botschaften wären wieder unterscheidbar. Die FDP würde natürlich auch in den anderen aufgehen.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon imp » Mo 20. Aug 2018, 08:15

MäckIntaier hat geschrieben:(20 Aug 2018, 08:12)

Mehr als seine Autorität kraft Amtes scheint der Mann hierbei nicht in die Waagschale des Argumentativen zu legen haben. Vom Rechnen mit dem Schafscharakter der Untertanen scheint auch dejenige nicht frei, der sich selbst den Aufklärern zurechnet.

Weder Riexinger noch Bartsch wollen da ernsthaft reinpieksen. Die haben besseres zu tun, als diese Bewegung als vorrangig links schielend darzustellen. Mit Kipping kann sowieso niemand. Die ist inzwischen der von allen geduldete irrelevante Platzhalter auf dem Chefsessel, der die Parteibürokratie verwaltet und ansonsten verhindert, dass da die jeweilige Konkurrenz der verschiedenen Kreise sitzt. Der Parteivorsitzende der Linken ist traditionell eine schwache Figur, anders als teilweise die Landesvorsitzenden.

Vielleicht wäre es sinnvoll, die Frage nicht nur im Sinne des politischen Boulevards zu betrachten, sondern diesen Gründungsversuch einmal in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Der oben verlinkte Colin Crouch hat zumindest in einem Recht, dass nämlich den Parteien, und zwar nicht nur den Sozialdemokraten, im Zuge der Veränderung der Gesellschaft die klassische Klientel abhanden gekommen ist. Die deutsche Parteienlandschaft müsste in diesem Sinne noch einmal völlig neu geordnet werden, die Parteien müssten sich im Idealfall auflösen und entlang bestimmter grundsätzlicher Themen dann noch einmal neu zusammenschließen.Teile der Linken stehen den Grünen nahe, andere, insbesondere im Osten, der CDU viel näher als jeder anderen Partei, gerade im nicht-urbanen Bereich. Das gälte es, als Botschaft dieses Gründungsversuchs unter anderem herauszulesen.


Ich mach das jetzt mal ganz platt und ungerecht, damit auch keiner denkt, irgendwer käme zu gut weg:

Es gab aus der Linken oder PDS heraus immer mal wieder Versuche, das aufzulösen. Als die Kipping-Fraktion noch jung war, standen ihre Vertreter sinngemäß für "scheiß auf ossi, wir sind links" und hatten dabei vor allem einen Schwerpunkt bei Meinungsthemen - Rechtsextremismus, Drogen, Studiengebühren, Feminismus, "Demokratisierung der Demokratie", Kritik an Militarismus und Weltordnungsbemühungen, Abgrenzungsdebatten von der DDR oder den 68ern (wahlweise), so Israelzeug (überwiegend pro), lauter so Sachen, die irgendwie wichtig sind und traditionelle Rechts-Links-Scheidelinien darstellen. Dagegen gab es unter den "konservativen" Linke-Vertretern zwei andere Stoßrichtungen. Lafontaine, Wagenknecht, Brie/Klein/Brie, übrigens auch Bartsch standen über viele Jahre bei "Sozialstaat zuerst" - Dritter Arbeitsmarkt, Mindestlohn bzw Gewerkschaften, Kündigungsschutz, Kitas - Themen, wo die damaligen Jungen Wilden nicht unbedingt dagegen sprachen, die ihnen aber im Zweifel am Studenten-Arsch vorbei gingen. Allenfalls bei Bafög gab es da mal Schnittmengen. Der Konflikt dreht sich hier eher um die Ansprache der Wähler. Da sind sich die beiden Gruppen im Weg. Wer mit FDP und Grünen um orientierungslose junge Freiheitsliebende balgt, findet die Ansprache der Sozialwähler vieles "nicht links", "autoritär" oder wenn man bös sein will wahlweise DDR-nostalgisch oder rechtsoffen. Dabei ist das Thema DDR eigentlich bei einem anderen Flügel zuhause, den nenne ich mal CSU des Ostens. Die SED, PDS als (ehemals) dominierende Partei in 40 Jahren DDR hatte zahlreiche Mitglieder und Sympathisanten, die an der vorfindlichen Gesellschaft praktische gute Momente fanden, die ihren Platz hatten und im Sinne von Karriere und Lebensqualität an dieser DDR mitbastelten, ob nun als Kita-Angestellte, ehemalige Kulturbund-Mitarbeiter, Theaterdarsteller, Polizist, was auch immer. Die interessierten sich typischerweise nicht für Ideologie im engeren Sinne, sondern für praktische Fragen, waren in der Nachbarschaft und Stadtgesellschaft halbwegs wohlgelitten und wurden, so sie Mitglieder wurden oder blieben, nach 1990 reihenweise in Kommunalparlamente und Landtage gespült: Halbwegs vorzeigbare Leute von nebenan, die mit dem alten DDR-"Way of Life" arrangiert waren, der gerade für alle sichtbar zusammenbrach, die eben nicht aus der Kaderelite im engeren Sinne kamen, keine Predigten hielten und sich darum kümmerten, so viel wie möglich Liebgewonnenes durch Krise, Reorganisation und Delegitimation der alten Welt hindurchzuretten. Parteilich gesehen hat dieser Flügel bei den zweiten Wahlen 1994/5 und den Bundestagswahlen 1994/1998 das Rückgrat dieser Linkenpartei dargestellt, hat den immer noch desorganisierten Torso, der in Bayern oder Hessen lange nichts zu melden hatte, in die Parlamente gerettet. Diese Leute, die es auch in der SPD gab, haben dazu beigetragen, dass das relativ dichte Kita-Netz im Osten so lange überlebte, bis der Lauf der Zeit und die gesellschaftliche Veränderung den Aufbau von Ganztagsschulen und Kitas selbst in Bayern zum Normal machten. Die Koalition aus den Osttypen und den Sozialtypen war der Stoff, aus dem relative Mehrheiten Ost gemacht sind. Die Koalition aus Sozialstaatstypen und Linksfreiheitlichen war der vermittelbare Mix für die Westausdehnung, der solchen Regionalmehrheiten, Landrats- und Ministerpräsidententräumen im Weg stand.

Es ist dieser Teil der SED/PDS/Linke, der am Ehesten assoziiert werden kann mit einer nicht ideologischen, eher habituellen Bejahung von DDRismen, von einer verklärenden Sicht einer Generation auf ihre Jugend und diese "es war doch nicht alles schlecht"-Redeweise. Es ist eine Art Volkstümlichkeit, die politisch über die Zeit hinweg ein wenig beliebig aussieht, die vor allem für radikale Linke oder Liberale gleichermaßen und für viele Bundesdeutsche absolut unvermittelbar ist. So, wie die CSU in ihrer ganzen Machart vielen Nichtbayern unerträglich scheint, ohne dass man viel über konkrete Politik reden müsste. Die Vertreter dieses Flügels sind über die Jahre alt geworden, politisch besiegt oder abtrünnig geworden, sie sind teilweise sehr schräg in andere Parteien gewechselt (CDU, FDP) oder ganz einfach gestorben. Es gibt heute für eine spezifisch ostdeutsche Gemeinsamkeit, die nicht im engeren Sinne sächsisch oder brandenburgisch... ist auch keine große Nachfrage mehr. Dies und nicht etwa die Fusion mit der WASG und die inzwischen weitgehend passierte Westausdehnung hat diesen Flügel politisch besiegt. Das hat sich in Wahlen zunächst nicht weiter geäußert, weil die Linke zunächst das einzige echte Angebot an diese Wähler wurde.

Heute, etwa eine Generation Jahre später, versucht sich die AfD in einer Art nationalem Sozialismus, bedient neuere Ängste, die in den 90ern eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben. Während das Ostalgie-Klientel nicht mehr da ist (und auch keine Vertreter mehr da sind, die es brauchbar ansprechen könnten), ist dessen etwas autoritäre, partikularistische Nachfolge bei Ost-CDU und AfD halbwegs zuhause. Dort trifft es sich wieder mit Leuten, denen Sozialstaat wichtig ist und Modernität suspekt und deren Chiffre der Umgang mit dem muslimischen Zuwanderer ist. Das macht zusammen eine Schrumpfung der Ostlinken von fast 30 % auf eher 15-22%.

Wollen wir mal ganz bösartig die Karrieren von Leuten umschreiben, die in diesem Umfeld agierten, können wir sagen: Beim Sozial-zuerst-Flügel war früher der Herausgeber des rechtsradikalen Compact-Magazins Jürgen Elsässer sehr populär. Wie sehr die Sammlungsbewegung von Lafontaine und Wagenknecht diesen Spuren folgt oder tatsächlich links sein will im Sinne von Freiheit, Modernität, Minderheitenschutz, das wird sich zeigen.

Auch mancher einstige Anhänger des Kipping-Flügels ist über Jungle World längst bei der WELT gelandet und vertritt heute, dass man zum Schutz von Frauen, Juden und Schwulen am Besten alle Muslime so hart wie möglich drangsaliert und am Besten rauswirft bzw im Falle Israels zu möglichst robustem Vorgehen gegen Nachbarn und Autonomiegebiete aufruft. Für eine irgendwie seriöse Debatte um die Zukunft Deutschlands sind diese Typen längst verloren, die haben andere "Probleme".

Ja, die Parteienkonstellation der 90er hat ihre Wählerschaft verändert, weil die Gesellschaft eine andere geworden ist. Die Sammlungsbewegung versucht eine Art Antwort darauf zu bieten, während die neuere Parteiaristokratie zu vielen dieser Fragen sprachlos und stumm ist und allenfalls erklären kann, dass sie da eben nichts dran tun kann.

Exemplarisch Benjamin Hoff https://www.huffingtonpost.de/entry/thu ... 2d49af33c5
“Wir können uns als Linke nicht inhaltlich selbst entkernen, um eine Gruppe von Wählern zu halten, die unsere Grundwerte explizit nicht teilen”, sagte Hoff im Gespräch mit der HuffPost.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Aug 2018, 08:20

DarkLightbringer hat geschrieben:(19 Aug 2018, 21:10)

Sie sagt ja immer das gleiche, seit vielen Jahren, was sie auch tatsächlich gut kann. Aber nicht deswegen wird sie in den Talk-Shows herumgereicht, das könnte schließlich auch jeder Ministrant, sondern weil sie sich schmuck macht. Sie hat viele männliche Fans.
Die Linke weiß das auch, drückt es nur etwas geschmeidiger aus.

Man wird auch ungern auf sie verzichten, hätte sie aber gern auf den TV-Zuschnitt begrenzt gesehen.


Phänomene wie dieses sind einer der Gründe, weshalb ich für eine Privatisierung des Öffentlich-Rechtlichen TVs bin und auf der anderen Seite für eine Stärkung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks (der für mich zu bestimmt 95 Prozent die einzige Quelle für politische Informationen, Interviews, Gesprächsrunden ist.)
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon Selina » Mo 20. Aug 2018, 08:32

Bei dem starken Gegenwind zur Abwechslung wieder mal etwas Zuspruch:

Zitat:

Ex-Grünen-Chef - Volmer unterstützt Wagenknecht

Sahra Wagenknecht hat ihre linke Sammlungsbewegung gegen viel Widerstand gegründet. Nun sichert ihr ein ehemaliger Grünen-Chef Unterstützung zu.

Der ehemalige Grünen-Vorsitzende Ludger Volmer unterstützt die Sammlungsbewegung "Aufstehen", die Linksfraktionschefin Sahra Wagenknecht gegründet hat. "Wir arbeiten an einer linken Mehrheit", sagte Volmer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Es gehe um eine Stärkung der Linken insgesamt und ein gesellschaftliches Gegengewicht zu CSU und AfD. "Den Grünen heute geht es nicht mehr um die Bekämpfung struktureller Armut, sondern um die Verschönerung des bürgerlichen Lebens", so Volmer.


https://www.zdf.de/nachrichten/heute/ex ... t-100.html
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon MäckIntaier » Mo 20. Aug 2018, 08:37

schokoschendrezki hat geschrieben:(20 Aug 2018, 09:20)

Phänomene wie dieses sind einer der Gründe, weshalb ich für eine Privatisierung des Öffentlich-Rechtlichen TVs bin und auf der anderen Seite für eine Stärkung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks (der für mich zu bestimmt 95 Prozent die einzige Quelle für politische Informationen, Interviews, Gesprächsrunden ist.)


Ist das Radio heute noch eine Informationsquelle? Und wäre das nicht schon wieder ein Erziehungsversuch?

Zum menschlichen Verhalten in der Politik:

https://www.spektrum.de/kolumne/was-waere-wenn-uns-wahlprogramme-egal-waeren/1572288?utm_source=zon&utm_medium=teaser&utm_content=news&utm_campaign=ZON_KOOP
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon Betrachter » Mo 20. Aug 2018, 08:37

Sahra sammelt bewegte Bürger- doch wozu?

Dass sie VWL studiert hat, merkt man. Hätte sie mal lieber Marx gelesen.


Sahra Wagenknecht: "Es wird Zeit zu zeigen, wie man, wenn man die originären marktwirtschaftlichen Ideen zu Ende denkt, direkt in den Sozialismus gelangt..“
(„Freiheit statt Kapitalismus“)

In der Tat, der moderne Kapitalismus ist kein schöner Anblick.
Beste Gewinnlage, steigende Dividenden, immer mehr Millionäre auf der einen Seite; unsichere Arbeitsverhältnisse, Leiharbeit und befristete Jobs, die den Mann nicht ernähren und Aussichten auf eine solide Altersarmut eröffnen, und andere Schönheiten der Berufswelt mehr auf der anderen: Arbeit und Reichtum scheinen sich in diesem Wirtschaftssystem eigentümlich komplementär zu verteilen. Auch vom Bildungswesen hört man wenig Gutes; irgendwie trägt es das Seine dazu bei, dass die Ungebildeten nicht weniger werden. Usw. usf. Und? Warum ist das so?
Weil es, erfahren wir, eigentlich gar nicht sein müsste. Denn das soziale Elend, über das Wagenknecht stellvertretend für so viele Klage führt, ist dem Kapitalismus, der es schafft, im Grunde genommen ganz wesensfremd: „Der Kapitalismus versagt nicht nur sozial. Er versagt vor allem vor seinen eigenen Ansprüchen.“

https://de.gegenstandpunkt.com/artikel/ ... pitalismus
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon MäckIntaier » Mo 20. Aug 2018, 09:27

Betrachter hat geschrieben:(20 Aug 2018, 09:37)

Sahra sammelt bewegte Bürger- doch wozu?

Dass sie VWL studiert hat, merkt man. Hätte sie mal lieber Marx gelesen.



http://www.fr.de/politik/linke-frau-dr-sahra-wagenknecht-a-817618

Zitat hieraus:

Die Politikerin hat bereits ein abgeschlossenes Studium in Neuerer Deutscher Literatur und in Philosophie aufzuweisen, das sie unter anderem bei dem marxistischen Philosophen Hans Heinz Holz absolvierte. Ihre Diplomarbeit schrieb sie über die Hegelrezeption des jungen Marx.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon Betrachter » Mo 20. Aug 2018, 09:47



Du suchst auch nur das, was deinem Klischee entspricht..

"Nach eigenen Angaben begann sie 2005 ihre Dissertation zum Thema The Limits of Choice. Saving Decisions and Basic Needs in Developed Countries („Die Grenzen der Wahlfreiheit. Sparentscheidungen und Grundbedürfnisse in entwickelten Ländern“) im Fach Volkswirtschaftslehre."

(wiki)
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon Paperbackwriter » Mo 20. Aug 2018, 11:20

KarlRanseier hat geschrieben:(19 Aug 2018, 13:37)

Denen bleibt auch gar nichts anderes übrig, da die SPD auf absehbare Zeit völlig verdient in der politischen Bedeutungslosigkeit versinkt. Auch die FDP ist nicht stabil, weil deren Wohltaten für reiche Gammler und freundliche Parteispender eben nicht vom Himmel fallen, sondern von Systemunrelevanten zu finanzieren sind.

Ohne die Linken blieben der CDU also nur die Grünen als mögliche Koalitionspartner, was sie erpressbar macht.

Für den tiefen Fall der SPD gibt es nur einen Verantwortlichen, nämlich die SPD selbst. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.
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Re: Neue, linke "Sammlungsbewegung".

Beitragvon Selina » Mo 20. Aug 2018, 11:40

Dieser Kommentar in der Süddeutschen beschreibt meines Erachtens recht gut, worum es in der linken Sammlungsbewegung geht und was dabei die Probleme sind:

Zitat:

Das große Interesse an der Sammlungsbewegung der Linken-Politikerin zeigt, dass sich viele Menschen in diesem Land nach grundsätzlichen Antworten sehnen. Wagenknecht verleiht dem Bündnis Popularität - und ist ihm zugleich ein Hindernis.

Kommentar von Jens Schneider

Man stelle sich für einen Augenblick vor, was sich viele in der SPD, bei den Grünen und den Linken auf keinen Fall vorstellen wollen: Die von Sahra Wagenknecht angestoßene linke Bewegung "Aufstehen" wird ein Erfolg. Was würde sich in diesem Land ändern?

Es könnte etwas entstehen, das Deutschland fehlt. Dies ist ein reiches Land, in dem dennoch viele zu Recht das Gefühl haben, dass dringende Probleme nicht grundsätzlich angegangen werden: die Wohnungsnot, die Altersarmut, der Verkehrskollaps in vielen Kommunen, marode Schulen, aber auch der Klimawandel, der sich in diesem Sommer tief in das Bewusstsein der Menschen gebrannt hat. Umfragen zeigen, dass viele sich nach Antworten sehnen, die auf linke, solidarische und grüne Werte setzen. Nur fehlen Foren, um darüber nachzudenken, wie diese Antworten aussehen sollten, und um Kampagnen zu starten. Im Idealfall könnten die Sozialdemokraten, die Grünen oder die Linken diese Plattform sein. Doch sie sind jede auf ihre Art zu wenig Bewegung und zu viel Partei. Wagenknechts Idee einer Sammlungsbewegung folgt nun einer einfachen Analyse: Die Summe der Menschen, die Sympathien für linke Standpunkte haben und aktiv werden wollen, dürfte viel größer sein als die Zahl der Wähler, die diese Parteien auf sich vereinen.

Tatsächlich gibt es links eine Lücke. Besonders eklatant zeigt sich das im Internet. Dessen Möglichkeiten nutzen vor allem hyperaktive rechte Aktivisten, die einen riesigen Resonanzraum aufgebaut haben, ohne den die AfD nie ihre Stärke erreicht hätte. Sie trüben, obwohl in der Minderheit, das politische Klima.

Es ist ein Indiz für das Potenzial von "Aufstehen", dass sich schon Wochen vor dem Start auf der noch starren Webseite mit ihren plakativen Filmchen mehr als 60 000 Menschen registriert haben. Aber Registrieren geht leicht. Der Erfolg wird davon abhängen, ob aus der Idee mehr erwächst als ein virtueller Zusammenschluss von Leuten, die ihre Sahra lieben. Wagenknecht ist dabei auch ein Hindernis. Zwar wäre das Projekt ohne sie schwer vorstellbar, aber mit ihr funktioniert es vielleicht gar nicht.

Einerseits gibt es kaum andere Linke, Grüne oder Sozialdemokraten, die als Führungsfigur so viele Interessenten aus einem Spektrum erreichen, das über ihre Partei hinausreicht. Anderseits hat sie schon ihre Partei mit ihrer Selbstbezogenheit fast gespalten. Wagenknecht fehlte zu oft die nötige Debattenkultur, etwa im Streit über die Migration. Ihr müsste gelingen, was sie bisher nur selten schaffte: Platz zu lassen für neue Köpfe und Ideen.

Auch darum müsste es bei diesem Projekt gehen, dessen Ansatz ja zunächst absurd erscheint. Denn traditionell entstehen Bewegungen von unten, nicht durch den Aufruf einer Spitzenpolitikerin. Aber in Zeiten des Internets kann es, wie Vorbilder in Frankreich oder Großbritannien zeigen, anders funktionieren. Entscheidend wird nicht die Zahl der registrierten Anhänger und prominenten Mitstreiter sein, sondern die Kraft der Aktiven. Relevant wird die Bewegung, wenn sie Themen setzt und Debatten prägt. Erst dann würde sich zeigen, ob es bei Bundestagswahlen die linke Mehrheit geben kann, von der Wagenknecht träumt. Sollte das Projekt jedoch schnell scheitern, dürfte die Lücke links nicht allein für die Gründerin von Schaden sein.


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