Spatial Turn

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Spatial Turn

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 9. Jul 2018, 08:38

Als "Spatial Turn", topologische Wende oder auch raumkritische Wende wird ein sowohl in Natur- wie auch Geistes- und Sozialwissenschaften übergreifender Denk-Paradigmenwechsel der letzten Dekaden bezeichnet. Ich halte dieses Phänomen für ein Paradebeispiel dafür, dass Philosophie als eigenständige Geistesanstrengung noch lange nicht ausgedient hat.

Im 17./18. Jahrhundert setzte sich das Konzept des absoluten Raums von Newton gegenüber dem des Leibnizschen topologischen Raumkonzepts durch. Das nicht die Dinge in einen ruhenden unendlichen dreimdimensionalen Raum "hineinplaziert" sieht. Sondern umgekehrt: Der Raum selbst ergibt sich aus den Neben- und Übereinanderverhältnissen der Dinge. (So wie auch die Zeit nicht absolut existiert sondern Ausdruck eines Ereignis-Hintereinanders ist.) Interessant ist zum einen, dass entwicklungspsychologisch auch kleine Kinder den Raum zunächst einmal topologisch wahrnehmen: Da steht ein Stuhl, durch desssen Lehne man hindurchgreifen kann und dahinter eine Wand, durch die man nicht hindurchgreifen kann. Zum anderen hat mit der Relativitäts- und Quantentheorie das Leibnizsche Raumkonzept eigentlich einen späten Durchbruch erlebt. Längenkontraktion und Zeitdilatation sind eine durch das bewegte Objekt bewirkte Raumveränderung oder (durch Gravitation) eigentlich sogar überhaupt Raumerzeugung.

Und nun der große Sprung zu den Sozialwissenschaften: Der soziale Raum wird zum einen mehr und mehr topologisch wahrgenommen und ist es in modernen Gesellschaften mehr und mehr auch. Die soziale Wirklichkeit des Individuums ist zunehmend weniger eine "Erleidetheit" und zunehmend mehr eine "Bewirktheit". Die Beendigung einer Beziehung, einer Ehe zum Beispiel. War sie noch vor hundert Jahren in den meisten Fällen Schicksal so ist sie heute eher Gestaltung eines gelebten sozialen Raums. Das Internet ist mit einer beständigen Produktion von virtuellen sozialen Räumen verbunden und findet nicht einfach in einem gegebenem Raum statt.

Politisch kann dieser Spatial Turn aus meiner Sicht für die Erneuerung einer Kultur der Veränderbarkeit stehen.

Und last but not least: Diese topologische Wende setzte sich seit Ende der 80er durch obwohl der Raum-Begriff in Form des Spruch vom "Volk ohne Raum" eigentlich ideologisch sozusagen kontaminiert war und ist. Das war aber auch schon beim Schlagwort "biologisch" der Fall.


https://www.br.de/radio/bayern2/service/manuskripte/radiowissen/manuskriptradiowissen-1626.html
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Re: Spatial Turn

Beitragvon Maltrino » Sa 18. Aug 2018, 20:23

schokoschendrezki hat geschrieben:(09 Jul 2018, 09:38)

Als "Spatial Turn", topologische Wende oder auch raumkritische Wende wird ein sowohl in Natur- wie auch Geistes- und Sozialwissenschaften übergreifender Denk-Paradigmenwechsel der letzten Dekaden bezeichnet. Ich halte dieses Phänomen für ein Paradebeispiel dafür, dass Philosophie als eigenständige Geistesanstrengung noch lange nicht ausgedient hat....


Was diesen "Spatial Turn" angeht, sehe ich das ganze aber nicht so optimistisch wie du.

Ich habe als Student in einem Architektur- Kunsthochschul- Umfeld hautnah miterlebt was gut bezahlte (öffentlich bezahlte) Leute die sich dann "Kulturwissenschaftler" oder irgendso ähnlich nennen darauf machen. Der "Spatial Turn" ist für mich eher Paradebeispiel dafür wie vorschnell eine Diskussion abgewürgt wird.

Es ist sicherlich interessant und wichtig "räumliche" und "örtliche" Begebenheiten bei der Beurteilung von Geschichte hinzuzuziehen. Es ist sicher bereichernd wenn man sich karten anschaut und sieht, dass in der Sahara nur Sand ist und vielleicht deshalb dort kein Industriestaat liegt. Aber um Beispiel das was du über Leibniz und co. schreibst zeigt mir, dass da auch viel Halbwissen in diesen "Spatial Turn" reingeflossen ist.

Zwar war das "relativistische Raumverständnis", die Theorien von Mach zum Beispiel, Anstoß für die Relativitätstheorie, aber bestätigten sie nicht unbedingt. Die Vorstellung zum Beispiel, dass es Raum und Zeit nur als Beziehung der Objekte zueinander gibt, sehe ich nirgendwo, weder in der allgemeinen, noch in der speziellen Relativitätstheorie bestätigt.

Ich wills kurz machen: Ich sehe vielmehr, dass der "Spatial Turn" eher zu einer Überbetonung des (dreidimensionalen) Raumes, gegenüber der Zeit geführt hat. Wenn man sich etwas mehr Zeit genommen hätte um die Relativitätstheorien und besonders den Minkowskiraum, besser zu verstehen, hätte es sicher zu ganz anderen Ergebnissen geführt. Aber wie gesagt, es wurde vorschnell ein oberflächliches "Alles ist relativ und subjektiv" zur Grundlage genommen und irgendwie von "RAUM" fabuliert, ohne dass man den gigantischen Erkenntnisgewinn seid Einstein überhaupt halbwegs verarbeitet hatte. Bevor man die Relativitätstheorien für irgendwas kulturelles heranzieht sollte man sie erstmal begriffen und vielleicht auch künstlerisch aufgearbeitet haben. Und dann ist die Frage: Wie arbeitet man eine vierdimensionale Raumzeit künstlerisch auf? Bestimmt nicht über den dreidimensionalen Raum sondern eher über die Zeit, und guckt wie sich unterschiedliche Zeitlinien begegnen können usw. So wäre meine Herangehensweise. Aber das wurde ja alles abgewürgt, da ja irgendwelche 50 jährigen staatlich bezahlten Profs schon sofort wussten was "RAUM" ist. So bleibt der "Spatial Turn" leider nichts weiter als eine postmoderne Spielerei, wo irgendwie gesagt wird, dass etwas "relativ" ist und man Karten wieder benutzen soll und etwas angucken soll was, wie du korrekt sagst, auch ein Kind versteht, anstatt sich behutsam an ein wirklcih modernes Verständnis von Raum und Zeit heranzuwagen, was eben nicht mal eben so in einer Vorlesung oder in einem Zeitungsartikel abgehandelt werden kann.
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Re: Spatial Turn

Beitragvon schokoschendrezki » So 19. Aug 2018, 06:40

Der Physiker Feynman wars bekanntlich, der (sinngemäß) meinte, man könne die modernen Phsik nicht verstehen. Sondern nur nach Vorschriften Berechnungen vollziehen. Und damit könnte man eigentlich das Thema schon beenden. Aber einfach in der Feststellung der Überwindung des Bisherigen hat es dennoch einen Sinn, sich damit zu befassen. Die Vorstellung irgendeiner Art von Weltgefügtheit gerät ins Wanken. Die Newtonsche absolute Zeit, der absolute Raum, die Mechanik, Determiniertheit, Umkehrbarkeit, Beobachterunabhängigkeit wird hinterfragbar. Dieses ruhig am Nachthimmel sich vor sich hindrehende Universum erweist sich an beinahe jeder Stelle als nicht das, was es zu sein scheint. Aber es lebt sich dennoch darin. Künstlich geschaffene Bezugssysteme und vermeintliche Haltelinien und Koordinatensysteme wie Nationen, Religionen, "Kulturen" sind nicht nötig. So würde ich das persönlich formulieren. Was bleibt ist "Sprache".

Das häufigste Missverständnis bezüglich der Relativitätstheorien ist - glaube ich - eher, dass sie nicht nur Aussagen zu Raum, Zeit, Gravitation machen sondern, und sogar ganz wesentlich, zur Elektrodynamik.
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Re: Spatial Turn

Beitragvon Maltrino » So 19. Aug 2018, 21:04

schokoschendrezki hat geschrieben:(19 Aug 2018, 07:40)

Der Physiker Feynman wars bekanntlich, der (sinngemäß) meinte, man könne die modernen Phsik nicht verstehen. Sondern nur nach Vorschriften Berechnungen vollziehen. Und damit könnte man eigentlich das Thema schon beenden. Aber einfach in der Feststellung der Überwindung des Bisherigen hat es dennoch einen Sinn, sich damit zu befassen. Die Vorstellung irgendeiner Art von Weltgefügtheit gerät ins Wanken. Die Newtonsche absolute Zeit, der absolute Raum, die Mechanik, Determiniertheit, Umkehrbarkeit, Beobachterunabhängigkeit wird hinterfragbar. Dieses ruhig am Nachthimmel sich vor sich hindrehende Universum erweist sich an beinahe jeder Stelle als nicht das, was es zu sein scheint. Aber es lebt sich dennoch darin. Künstlich geschaffene Bezugssysteme und vermeintliche Haltelinien und Koordinatensysteme wie Nationen, Religionen, "Kulturen" sind nicht nötig. So würde ich das persönlich formulieren. Was bleibt ist "Sprache".

Das häufigste Missverständnis bezüglich der Relativitätstheorien ist - glaube ich - eher, dass sie nicht nur Aussagen zu Raum, Zeit, Gravitation machen sondern, und sogar ganz wesentlich, zur Elektrodynamik.


Und das häufigste Problem bezüglich der Relativitätstheorien und der Kunst und Kultur sehe ich, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse in unserer Zeit so sind, dass junge Künstler oder Tüftler die sich an diese Themen heranwagen gar nicht die Möglichkeiten haben sich Gehör zu verschaffen.

Der Newtonsche Raum, der dreidimensionale Raum, die scheinbar eindimensionale Zeit, wird durch die spezielle Relativitätstheorie meiner Meinung nicht unbedingt "hinterfragt", wer sich zum Beispiel die Formeln zum Minkowskiraum ansieht, der sieht, dass der dreidimensionale Raum dort nur deshalb "relativiert" wird, da er ein Teil der vierdimensionalen Raumzeit ist. Ach sorry, macht keinen SInn, ich merke grad, dass ich mit 40 Jahren eigentlich schon zu alt bin um sowas vernünftig zu erklären. Als ich 30 war, da war ich noch leistungsfähig genug um das zu schaffen. Aber wie kommen 30 jährige in die Position, dass sie anderen etwas erklären? Gar nicht. Vielleicht ist es sogar so, dass es da gar ichts groß zu diskutieren gibt. Vielleicht ist es sogar so, dass sich weltweit vielleicht gerade mal eine Handvoll Menschen für dieses Thema hier interessieren und dazu was ausarbeiten. Wenn es aber so ist, dass von dieser Handvoll Menschen nur ein paar die Möglichkeiten haben Gehör zu finden, dann setzen die sich halt durch, die anderen nicht. Nicht weil sie besser waren sondern weil die anderen keine Möglichkeit hatten Gehör zu finden. Es geht wahrscheinlich leider auch hier um Deutungshoheit.
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Re: Spatial Turn

Beitragvon schokoschendrezki » Mo 20. Aug 2018, 08:11

Maltrino hat geschrieben:(19 Aug 2018, 22:04)

Und das häufigste Problem bezüglich der Relativitätstheorien und der Kunst und Kultur sehe ich, dass die wirtschaftlichen Verhältnisse in unserer Zeit so sind, dass junge Künstler oder Tüftler die sich an diese Themen heranwagen gar nicht die Möglichkeiten haben sich Gehör zu verschaffen.

Der Newtonsche Raum, der dreidimensionale Raum, die scheinbar eindimensionale Zeit, wird durch die spezielle Relativitätstheorie meiner Meinung nicht unbedingt "hinterfragt", wer sich zum Beispiel die Formeln zum Minkowskiraum ansieht, der sieht, dass der dreidimensionale Raum dort nur deshalb "relativiert" wird, da er ein Teil der vierdimensionalen Raumzeit ist.

Das sehe ich nicht so oder besser gesagt: Das habe ich anders verstanden. Die Spezielle Relativitätstheorie löst im Kern das Problem, dass die Maxwellschen Gleichungen, die den Elektromagnetismus beschreiben mit der Newtonschen Mechanik und der Vorstellung einer absoluten Raumzeit inkompatibel sind und nur mit der RT wieder "richtig" werden.


Das interessante, wenn man verschiedene Artikel zum Thema liest, ist, dass der Begriff "Spatial Turn" oftmals als "Raumkritische Wende" und vor allem auch als topologische Wende bezeichnet wird. Und alle dieser Begriffe etwas durchaus verschiedenes meinen.

Als Mathematiker habe ich nur ungefähre Vorstellungen von den physikalischen Gegebenheiten aber mit den formalen Apparaten eher wenig Probleme. Und da ist der Begriff "Topologie" bzw. topologischer Raum exakt definiert. Der Newtonsche absolute Raum kann als dreidimensionaler Vektorraum aufgefasst werden. Spezialfall eines euklidischen Raums (mit Skalarprodukt). Dies wiederum Spezialfall eines normierten Raums (mit einer Norm). Und dies wiederum ist der Spzeialfall eines metrischen Raums (mit einer Metrik, die absrakte Abstände diefiniert). Und dies wiederum ist der Spezialfall eines topologischen Raums mit einer Topologie. In einem topologischen Raum bleiben vereinfacht gesagt Strukturen unter stetigen Verformungen erhalten. Elemente eines topologischen Raums haben nicht zwangsläufig absolute Koordinaten sondern stehen in einem Daneben, Darunter, Nacheinander in Beziehung. Und genau da setzte ein längerer philosophischer Essay zum Begriff Spatial Turn ein: Dass es zum einen historisch die Position von Leibnitz gab, der ebenfalls den Raum nicht absolut sah sondern als ein neben- und nacheinander, als durch Objektbeziehungen und nicht durch Positionen definiert. Und eben Newton mit seiner unendlichen und homogenen Raumzeit. Die lange lange Zeit beherrschend war. Dass es nun aber, in der Gegenwart, eine Art späte Bestätigung für diese Sicht von Leibnitz gäbe. Ab etwa Einstein und Planck.

Lassen wir mal die Relativitätstheorie. Und nehmen die Genetik her. (Auch da muss ich mich natürlich ein ganzes Stück weit aus dem Fenster lehnen). Wir alle haben in der Schule beigebracht bekommen, dass das DNS-Molekül die Form einer Doppelhelix habe. Diese räumliche Vorstellung spielt aber bei Themen aus der Genetik kaum eine Rolle. Meist geht es um die Entschlüsselung des Genoms. Um die Sequenz der Bestandteile, um das Nacheinander und nicht die absolute räumliche Position. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts war ein Telefongespräch für die Menschen letztendlich eine Drahtverbindung von Ort A nach Ort B. Eventuell durch eine Vermittllungsstelle. Absolut und räumlich. Heute haben wir keine Ahnung, wo ein SocialMedia-Beitrag physikalisch eigentlich zwischengespeichert wird. Auf irgendwelchen Server-Farmen irgendwo in der Welt vermutlich. Interessant ist nur, dass Beitrag A auf Beitrag B folgt. Der Physiker Feynman berichtete, dass er seine Studenten regelmäßig daran erinnern musste, dass Teilchenwechselwirkungen tatsächlich stattfinden und dass Feynman-Diagramme Modelle sind und nicht die eigentlich real stattfindenden Prozesse.

Es finden vermutlich zwei scheinbar gegenläufige Prozesse statt. Spatial Turn meinte ursprünglich eigentlich die Wiedergewinnung vor allem geographischer Raumvorstellungen nachdem dieser "Raum"-Begriff von den Nazis als völkischer Lebensraum verunglimpft war. Und gleichzeitig eine raumkritische, topologische Wende insofern, als dass wir zwar wissen, dass irgendwo Vögel und Insekten durch die Luft fliegen, dass die DNS eine bestimmte räumliche Struktur hat und dass binäre Informationen auf irgendeinem Speichermedium irgendwo an einem konkreten Ort gespeichert sind - wir aber diese Räume eher nach Leibbnitzscher Art als ein Nacheinander, Nebeneinander, Übereinander, Hintereinander, kurz als einen topologischen Raum wahrnehmen.

Und dass am Ende die Sprache bleibt ... damit meine ich natürlich nicht nur die natürlichen Sprachen sondern auch alle möglichen Kodierungen. Zum Beispiel "ATG CGC AAT GCG ATA TAC ..." (Genetik). In Brehms Tierleben wird ein Affe oder ein Elefant noch mit Bild und Beschreibung äußerer Merkmale dargestellt. Und gleichzeitig und gleichwertig gibt es natürlich auch die entsprechende Gegenreaktion. Das Ideal ganzjährig freilaufender Graurinder in Biosphärenreservaten zum Beispiel.

Die Bedeutung eines realen Urlaubs nimmt im Verhältnis zu Erzählungen über diesen Urlaub eher ab, oder? AUch wenn der reale Urlaub in der Relevanz natürlich noch immer überwiegt. Und Erzählungen sind, da in Sprache (oder Fotoabfolgen oder Videos) formuliert, logischerweise ein Nacheinander.
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Re: Spatial Turn

Beitragvon Maltrino » Di 21. Aug 2018, 00:21

schokoschendrezki hat geschrieben:...nehmen die Genetik her. (Auch da muss ich mich natürlich ein ganzes Stück weit aus dem Fenster lehnen). Wir alle haben in der Schule beigebracht bekommen, dass das DNS-Molekül die Form einer Doppelhelix habe. Diese räumliche Vorstellung spielt aber bei Themen aus der Genetik kaum eine Rolle. Meist geht es um die Entschlüsselung des Genoms. Um die Sequenz der Bestandteile, um das Nacheinander und nicht die absolute räumliche Position. ...


Ich weiß jetzt nicht ob die Darstellungen von der DNA Doppelhelix im Internet die Realität zeigen, aber ich frag mich dann: Hat die räumliche Position irgendwas zur Folge? Ist sie interessant? Oder ist die DNA nur deshalb so "aufgerollt" weil es platzsparend und stabiler ist, aber die Abfolge ändert es nichts?

Ich will es mal kürzer fassen als du und will oder kann grad gar nicht so kompliziert denken:

Ich habe subjektiv den Eindruck, dass sich im Zuge dieses "Spatial Turns" zwei Dinge abspielten: Einerseits gab es Leute (wie diesen Typen auf Arte), die sich Landkarten anschauten und mit deren Hilfe Geschichte erklärten, was wie gesagt, auch sehr interessant ist, auch wenn es natürlich nicht das Ende der Geschichte sein kann. Aber ich befinde dies durchaus als Bereicherung. Wenn ich zum Beispiel daran denke wie uns im ersten Semester die Kunsthistorie nahegebracht wurde und da ein strenges Nacheinander vom Jahre Null bis in die heutige Zeit folgte, also eine Geschichte der christlich beeinflussten Kunst, da kriegte man schon einen sehr beengten Eindruck davon was geschah. Wenn man sich das ganze Geschehen auf Karten anguckt, wenn man sieht wo das Christentum sich "ausbreitete" und so, dann vervollständigt das schon einiges.

Daneben habe ich aber immer diese Tendenz wahrgenommen dass einige Dozenten und Professoren uns "dummen Studenten", die ja per Se "nur zweidimensional" denken den dreidimensionalen Raum nahe bringen wollten. Einerseits die Architektur-nahen, meist älteren Professoren, aber auch so "mittelalte Kulturmenschen", die eher von Kunst und Film kommen. Beide haben diese Wörter auch seltsam euphorisch ausgesprochen. Aus "dreidimensional" wurde dann ein wallendes "drydimänsionahl"... oder wenn es um den "Raum" ging, dann wurde uns gesagt wir sollten den "Raum" nicht als "Raum" also als Zimmer denken sondern den "Ruauhmmmm" gestalten... Oder sowas wie "Linien durch den Ruauhm" oder "Bewegung im Ruauhm"... Das alles hat aber noch rein gar nichts mit Relativitätstheorie oder Raumzeit zu tun. Die "Linien im Ruauhm" von denen gesprochen wurde, waren natürlich nichts anderes als Linien die eine messbare Länge haben und die in den Koordinaten x,z,y ortbar waren. Man bewegte sich also schlicht im dreidimensionalen Raum.

So.

Und der Schritt zu einer wie auch immer gearteten "Raumzeit" wurde nirgendwo getan. Vielleicht am ehesten in der durch Karten bereicherten Geschichtsbetrachtung, wo man immerhin dann eine Zeitangabe durch Ortsangaben ergänzte, aber Zeit und "Raum" existieren hier merkwürdig nebeneinander als zwei Aspekte.

Es wurde also nie gefragt wie denn "Linien durch die Raumzeit" aussehen. Und hier hat, ich wiederhole mich vielleicht, die spezielle Relativitätstheorie, aber vor allem ihre Interpretation durch Minkowski https://de.wikipedia.org/wiki/Minkowski-Raum gezeigt, dass das was wir als "Zeit" erleben und abmessen können, dass das eigentlich die Linien durch die vierdimensionale Raumzeit sind, ich betone Linien, nicht eine Linie. Es gibt also einen vierdimensionalen Raum durch den unendlich viele Zeitlinien verlaufen. Und Minkowski beschrieb wie er mathemathisch funktioniert und warum deshalb auf großen Maßstäben gesehen diese seltsamen "relativistischen Effekte" der speziellen Relativitätstheorie erscheinen. Aber dass wir im alltäglichen Leben diese relativistischen Effekte nicht wahrnehmen, ändert nichts daran, dass auch wir in diesem vierdimensionalen Raum leben, bzw. unsere jeweiligen "Lebenszeitlinien" eigentlich entlang "Linien im vierdimensionalen Raum" verlaufen. Wenn wir Zeit erleben oder abmessen, dann erleben oder messen wir eigentlich diese Linien durch die vierdimensinale Raumzeit, die sich begegnen können, voneinander entfernen können usw. Und wenn wir dies berücksichtigen, dass diese Raumzeit eigentlich der wichtige "Raum" ist, dann gehen wir auch ganz anders an Architektur, Kunst oder Kultur heran. Dann können wir zum Beispiel auch erklären warum "im Internet" der dreidimensionale Raum merkwürdigerweise subjektiv an Bedeutung verliert. Was passiert dort? Der dreidimensionale Raum wird eigentlich "missbraucht", er wird nur dazu gebraucht die Geräte aufzustellen wo die Informationen verarbeitet oder gespeichert werden, aber eigentlich geht es darum dass die Informationen in die jeweiligen Zeitlinien der Betrachter geraten.

Oder Architektur: Wenn man die vierdimensionale Raumzeit berücksichtigt, dann verliert der dreidimensionale Raum einbischen an Bedeutung, und das Nebeneinander von Baustützen bleibt zwar interessant, aber interessanter ist welche Erlebnisse in der Zeit die Bewohner der Gebäude haben, und wie sich ihre "Zeitlinien" kreuzen und begegnen (können).

Und dann wird es auch viel interessante über deine Nacheinander Sequenzen nachzudenken. Beispiel: Zwei Leute erleben gemeinsam in Deutschland Sachen, einer wandert nach Brasilien aus. Beide erleben (durch Fernsehen und Internet) die FußballWM, danach kehrt der eine wieder nach Deutschland zurück. Was haben wir nun? Zwei Zeitlinien (Sequenzen) die total unterschiedlich sind, aber Berührungspunkte haben:
1. D,B,WMinB,B,D
2. D,D,WMinD,D,D
D steht für Deutschland, B für Brasilien, WM für Weltmeisterschaft, aber der eine erlebt sie in B, der andere in D...

Du hast zwei Sequenzen, die eigentlich "zur gleichen Zeit", also zwischen den gleichen Ereignissen stattfanden, die sich aber unterscheiden, wie ist das möglich? Zwei Zeitlinien also, die sich am Anfang und am Ende (D) treffen, die aber zwischendurch sich "entfernen", die Ereignisse unterscheiden sich, aber zwischendurch werden sie durch die modernen Medien "synchronisiert". Das ist nur möglich weil diese Zeitlinien sich durch die vierdimensionale Raumzeit "schlängeln". Das ist eigentlich recht simpel, aber selbst sowas simples wurde nie angesprochen. Die Zeit erforschen indem man sich klar macht, dass diese Linien durch die Raumzeit sind... Das fand meiner Erfahrung nach nirgendwo statt, wahrscheinlich weil es für Menschen wie mich (und andere Individuen) keine Anknüpfungspunkte im Kulturbetrieb gibt. Meine Meinung. Und vielleicht auch bedingt durch unterschiedliche Fähigkeiten. Als ich mit Architekturstudieren angefangen hab, da tat ich dies weil ich "räumlich (3D) denken" konnte. Ich konnte im Kopf Würfel drehen, gedanklich durch Sachen "hindurchschauen", also die Tiefe berücksichtigen, Zeichnungen kopfüber lesen usw. Andere, auch einige ältere Professoren und vor allem viele "mittelalte" Dozenten konnten dies nicht. Für sie war es sicher eine Bereicherung vom zweidimensionalen ins dreidimensionale zu wechseln. Für mich war es eher ein Rückschritt. Mir genügte es wenn jemand sagte "Wir Architekten gestalten den dreidimensionalen Raum". Aber dann so einen Zirkus daraus zu machen... Und die Folge war: Der dreidimensionale Raum wurde als komplex und anspruchsvoll dargestellt, die zweidimensionale Fläche als weniger anspruchsvoll und fatalerweise: Die eindimensionale Zeit völlig vernachlässigt weil nicht erkannt wurde, dass (siehe oben) die Zeitlinien eigentlich das interessante sind, nämlich das einzige was wir sinnlich und körperlich vom vierdimensionalen Raum (Raumzeit) erfahren können. Und wie sich diese Raumzeit verhält, ob sie nun nur eine Beziehung der Ereignisse ist, oder auch ohne Ereignisse existiert (meiner Meinung nach eher zweiteres) ist dann nochmal eine andere Frage. Aber erstmal muss man diesen vierdiemensionalen Raum erkennen, wissen was man von ihm erfahren kann und was nicht. Aber dieser Schritt wurde nicht getan. Denn dazu ist es notwendig, dass man anerkennt, dass auch heute noch neue Sachen entdeckt und erforscht werden. Aber auch da ist ein Problem: Zu meiner Studienzeit, also ungefähr vor 15 Jahren hat schon ein Dozent gesagt "Für euch gibt es nichts neues mehr zu entdecken. Es wurde spätestens in den 70er Jahren alles gedacht, ihr könnt nur noch aus dem vorhandenen Wissen auswählen". Und so wird das natürlich nichts.

Sorry, wurde doch wieder komplex.
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Re: Spatial Turn

Beitragvon schokoschendrezki » Di 21. Aug 2018, 08:55

Maltrino hat geschrieben:(21 Aug 2018, 01:21)

Ich weiß jetzt nicht ob die Darstellungen von der DNA Doppelhelix im Internet die Realität zeigen, aber ich frag mich dann: Hat die räumliche Position irgendwas zur Folge? Ist sie interessant? Oder ist die DNA nur deshalb so "aufgerollt" weil es platzsparend und stabiler ist, aber die Abfolge ändert es nichts?
...
Sorry, wurde doch wieder komplex.

Kann man wohl sagen. Erst mal doch wieder zur Relativitätstheorie: Die Gleichwertigkeit von Raum und Zeit in der RT und speziell im Minkowski-Modell kann nicht unabhängig von physikalischen Ereignissen, insbesondere der Ausbreitung elektromagnetischer Wellen, "Licht" zum Beispiel und deren Eigenschaften betrachtet werden.

Die Vernachlässigung oder Überbetonung einer der Aspekte Raum oder Zeit in der Architektur, ja, das verstehe ich schon. Es gibt stets Wanderungen und Entwicklungen in einem gemeinsamen Zusammenhang. Und interessant wäre hier vor allem nochmal die (angebliche) historische Diskreditierung des Raum-Aspekts durch die Lebensraumideologie der Nazis.

Das, was ausgehend von der Weltsichtdiskrepanz zwischen Newton und Leibniz sich entwickelte, ist möglicherweise nochmal eine andere historische Entwicklung. Es gibt mehrere Artikel und sogar ganze Bücher darüber. Eines heißt bezeichnenderweise "Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit". Ich sehe das heute dialektisch. Es gibt einerseits eine Tendenz zur "Verzeitlichung". Zum Beispiel durch Kodierungen anstelle von Gesamtdarstellungen.Durch Virtualisierung auf der Basis von Digitaltechnologie. Und dann gibt es eine gleichstarke Gegentendenz zur Verräumlichung. Die allgemein wahrgenommene soziale Beschleunigung in allen Bereichen in den entwickelten Ländern ist eine zeitartige Erscheinung. Sie bewirkt aber andererseits in Form von Globalisierung eine Loslösung von eng eingegrenzten Räumen. Die Welt als Ganzes tritt überall in Erscheinung. Oder: Überall wird Visualisierung verlangt oder angeboten: Aber während ein analoges Photo tatsächlich ein völlig zweidimensionales Gebilde ist, ist ein digitales Photo letztendlich eine sequentielle Anreihung von Codes.

Der Soziologe Hartmut Rosa:
Ich will nicht Zeit gegen Raum ausspielen oder umgekehrt – aber ich denke schon, dass die Sozialwissenschaften mehr Aufmerksamkeit auf unsere raum-zeitliche Daseinsweise richten sollten. Raum- und Zeitverhältnisse sind stets eng miteinander verwoben; ändert sich das eine, ändert sich in aller Regel auch das andere, so dass mir der Begriff der Raum-Zeit-Regime als Analysekategorie angemessen erscheint. Was ich allerdings im Beschleunigungsbuch festgestellt habe, scheint mir auch weiterhin richtig zu sein, dass nämlich die Dynamik in der Veränderung unserer raumzeitlichen Lebensweise von der Zeitdimension auszugehen scheint. Das was wir beispielsweise als Globalisierung erfahren, hat zwar viel mit einer Veränderung des Raumbewusstseins, der Raumerfahrung und des Raumhandelns zu tun, aber ausgelöst werden diese Veränderung durch Beschleunigungsprozesse: Beschleunigung in der Datenübertragung, im Transport, in der Kapitalzirkulation etc. In diesem Sinne betrachte ich Zeitverhältnisse als die ‚Antreiber‘, oder als das Einfallstor, für die Veränderung von Raumzeitverhältnissen.


Und noch einmal unabhängig davon bleibt die Frage des Unterschieds der Wahrnehmung eines absoluten Raums mit absoluten Koordinaten oder eines topologischen Raums, in welchen die Dinge einfach nur nebeneinander und übereinander angeordnet sind und nicht als absolut im Raum gesehen werden.
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Re: Spatial Turn

Beitragvon Maltrino » Di 21. Aug 2018, 14:52

schokoschendrezki hat geschrieben:(21 Aug 2018, 09:55)

...
Die Vernachlässigung oder Überbetonung einer der Aspekte Raum oder Zeit in der Architektur, ja, das verstehe ich schon. Es gibt stets Wanderungen und Entwicklungen in einem gemeinsamen Zusammenhang. Und interessant wäre hier vor allem nochmal die (angebliche) historische Diskreditierung des Raum-Aspekts durch die Lebensraumideologie der Nazis.

...


Hitler wollte Lebens-RAUM im Osten schaffen, war begeistert für Architektur, aber wie gesagt, irgendeine kritische Aufarbeitung von dem ganzen habe ich im Studium nicht erlebt. Die Kulturwissenschaftler schwärmten davon, dass es jetzt doch ganz toll ist den RUAUHM zu untersuchen und zu gestalten, und im Architekturbereich wurde die Nazizeit einfach mal übersprungen, da ja klar war, dass Bauhau nicht Nazis waren und deshalb die moderne Architektur per Se unverdächtig ist. Eine Abgrenzung zur Nazizeit sehe ich eher in der Ästhetik. Günther Behnisch oder der junge Albert Sperr Junior bauten ökologisch und/oder kreativ organisch... Und das war dann halt neu und weltoffen. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass solche "Meister" unter jeder Ideologie Karriere gemacht hätten. Kann sein, dass es in anderen Bereichen mehr kritische Aufarbeitung gab. Ich hab nie Geschichte studiert. Vielleicht gab es in einigen Bereichen zu viel Aufarbeitung, vielleicht in anderen zu wenig. Vielleicht wurde die Bauhaus Moderne auch einfach fehlinterpretiert. Vielleicht war es ja schon so, dass die moderne Architektur den dreidimensionalen Raum "degradierte". Er war nicht mehr Selbstzweck sondern sollte einer "Funktion" dienen. Und die Funktion war zum Beispiel, dass man eine Zeit lang an frischer Luft auf dem Dach saß. In der Postmoderne oder im Dekonstruktivismus geriet die zweidimensionale Oberfläche und dann eben der dreidimensionale Raum wieder (als Selbstzweck?) an Bedeutung. War das also eher ein Rückschritt?

Wenn man ganz frech ist kann man sagen: Alle Architektur die den dreidimensionalen Raum betont, ist nahe an den Nazis. Solche Architektur kann, genauso wie die Naziarchitektur, in Modellen gezeigt werden, da die dreidimensionale Skulptur das wesentliche ist. Sobald eine Architektur schwer in Modellen rüberzubringen ist, weil das eigentliche was passiert eher athmosphärischer, sinnlicher, oder halt funktionaler Natur ist, entfernt sie soch auch von der Nazi Architektur. Dilemma: Moderne, funktionale Architektur degradiert die dreidimensionale Gestaltung. Und da fühlen sich viele Architekten unwohl bei. Ich hörte sogar Sätze wie "mehr Dreidimensionalität", wo also von Architektur "mehr Dreidimensionalität" eingefordert wurde, was dann lustige Treppen, die durch Stockwerke reichten zur Folge hatte... Mehr "Linien durch den dreidimensionalen Raum" wurden dann von übereifrigen Dozenten gefordert. Und meiner Meinung nach verpaß man dabei, dass dies eigentich etwas sehr unmodernes ist. Die Skulptur als Selbstzweck. Naja, schon seltsam alles.
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